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14:43 min | So, 23.6.2019 | 6:00 Uhr | SWR Fernsehen

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Drottningholm, Schweden, Folge 147

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Auf der "Insel der Königinnen" wurde im 17. Jahrhundert das Schloss von einer Königin, Hedwig Eleonora, erbaut. Eine halbe Stunde von Stockholm entfernt, ist es heute der Wohnsitz von Königin Silvia und König Carl XVI Gustav.

Filmtext

Der Mälarsee westlich von Stockholm:

Hundert Kilometer Einsamkeit, Seenlandschaft, Landschaft des Übergangs - zwischen Land und Meer, zwischen Erde und Himmel, zwischen Isolation und Weltläufigkeit.

Der Dreißigjährige Krieg, der Westfälische Frieden machten Schweden zur Großmacht. Gustav Adolf, seine Generäle, Reichskanzler Oxenstierna...Männersache.

Aber zwei Frauen waren es, die hier den Wandel von den rauen Sitten der Vasa zur europäischen Kulturwelt inszenierten: Ein Schloss, ein Park, ein Pavillon, ein Theater. Drottningholm, Insel der Königinnen. Hedwig Eleonora, Witwe Karls X. und Regentin ab 1660, baute sich ihr Schloss im großen Stil. Hofarchitekten waren Nicodemus Tessin, der Ältere, dann der Jüngere.

Beide hatten ihr Handwerk in Frankreich und Italien gelernt, und das sieht man. Hedwig Eleonoras Prunkschlafzimmer - Höhepunkt schwedischen Frühbarocks und französischer Etikette nach Sonnenkönig-Art - Audienz und Prachtentfaltung an der Bettkante. Drottningholm war als Lustschloss geplant, aber zu dieser Lust gehörte offenbar auch die Inszenierung des Königtums und das Gedenken an die Heldentaten der schwedischen Könige. Schon die Bauherrin, Hedwig Eleonora, richtete ihrem Mann und ihrem Sohn Gedenkgalerien ein.

Johann Philip Lemke, auf Schlachtenmalerei spezialisiert, dokumentierte um 1790 den Krieg gegen Dänemark - eine frische Erinnerung, damals kaum mehr als zehn Jahre alt. Die Bilder und Texte waren mehr als private Erinnerung, sie dokumentierten den Anspruch der Regentin und ihrer Familie auf den Thron. Auch die Sinnbilder des Hofmalers inszenierten den Machtanspruch - visuelles Pflichtprogramm für jeden Besucher in Hedwig Eleonoras Audienzzimmer. Was auch jeder sehen konnte: Die Regentin hatte in David Klöcker Ehrenstrahl einen Hofmaler von europäischem Rang: Fünfzig Jahre später, 1744, hatte die Insel der Königinnen wieder eine aktive Herrin: Luise Ulrike, Schwester Friedrichs des Großen. Für Drottningholm verausgabte sie sich fast bis zum Ruin. Sie erweiterte und veränderte im Geist des Rokoko.

Sie baute eine Bibliothek und sammelte Kunst. Und: Sie begründete das Schlosstheater - eine neue Zeit für Drottningholm und für Schweden. Im Zeitalter von Versailles Pflicht: Der große Lustgarten. In seiner Hoch-Zeit hatte der Barockgarten sinnliche Qualitäten von Farbe und Form, von Struktur, Bild und Perspektive. Aber schon 70 Jahre später hatte man keine Lust mehr, diese förmliche und arbeitsintensive Gartenkunst zu pflegen.

Es begann mit einem Provisorium: Einem vorgefertigten Pavillon, zum 34. Geburtstag der Königin 1753 heimlich aufgebaut: Das China-Schlösschen eine Kulisse des Zeitgeists und eine exotische Vision in europäischen Augen. Im zweiten Anlauf wurde etwas Bleibendes daraus: Ein französisches Rokokoschlösschen, zu dem man sich, nach deutschem Vorbild, von schwedischen Architekten aus englischen Büchern über chinesisches Bauen hatte inspirieren lassen. Das Ziel der neuen Zeit - im Schloss, im Garten und hier im chinesischen Pavillon - war überall das gleiche: Der steifen Etikette zu entkommen, heiterer, leichter, natürlicher zu bauen, zu wohnen, zu leben.

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Europa: Schweden

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Das Innere des Schlosses ist hauptsächlich im Stil des schwedischen Frühbarocks und Barocks gebaut und wurde später im Geiste des Rokoko erweitert.

Das Innere des Schlosses ist hauptsächlich im Stil des schwedischen Frühbarocks und Barocks gebaut und wurde später im Geiste des Rokoko erweitert.

Das Besondere an Drottningholm: Der barocke Garten wurde zwar vernachlässigt, aber nicht durch den neuen Park ersetzt. Formaler und englischer Garten führen bis heute eine friedliche Koexistenz.

Impressionen aus dem Schloss

Die dekorativen Kästchen und Vasen, die bunten Lackarbeiten, die pittoresken Landschaftsdarstellungen, Chinoiserien im Inneren des China-Schlösschens, weisen den Wunsch der steifen Etikette zu entkommen, heiterer, leichter, natürlicher zu bauen, zu wohnen, auf.

Das China-Schlösschen war zu damaliger Zeit eine Kulisse des Zeitgeists und eine exotische Vision in europäischen Augen. Eine Mischung aus französischem Rokokoschlösschen und chinesisches Baustil.

Hedwig Eleonora, Witwe Karls X. und Regentin ab 1660, baute sich ihr Schloss im großen Stil. Hofarchitekten waren Nicodemus Tessin, der Ältere, dann der Jüngere.

Deutlich zu erkennen an dem Stil des Gemäldes ist, dass die Regentin mit David Klöcker einen Hofmaler von europäischem Rang hatte.

Der große Lustgarten. In seiner Hoch-Zeit hatte der Garten die typischen Elemente des Barocks wie sinnliche Qualitäten von Farbe und Form, von Struktur, Bild und Perspektive.

Diese Sinnbilder des Hofmalers inszenierten den Machtanspruch des Königtums - visuelles Pflichtprogramm für jeden Besucher in Hedwig Eleonoras Audienzzimmer.

Drottningholm war als Lustschloss geplant, aber auch als Gedenken an das Königtum und an die Heldentaten der schwedischen Könige. Hedwig Eleonora, richtete ihrem Mann und ihrem Sohn Gedenkgalerien ein.

Hedwig Eleonoras Prunkschlafzimmer ist der Höhepunkt des schwedischen Frühbarocks und französischer Etikette nach Sonnenkönig-Art.

Der Mälarsee westlich von Stockholm

Die dekorativen Kästchen und Vasen, die bunten Lackarbeiten, die pittoresken Landschaftsdarstellungen, Chinoiserien: Das kam gerade für diese neue Inszenierung. Hier im China-Schlösschen verbrachte die Königsfamilie Sommertage frei von steifer Etikette. Hier trank die Königin mit ihren Hofdamen Tee, spielte und stickte, plauderte und musizierte. In einem der Pavillons hatte der König seine Schreinerwerkstatt. Rund um das China-Schlösschen und um das verspielte Wachzelt aus gestreiftem Blech hatten sich die barocken Formen des Lustgartens schon in kleine Baumgrüppchen aufgelöst. Jenseits von Schloss und Garten begann 1777 die neue Zeit.

Gustav der III. folgte den Spuren seiner Mutter, auf seine Weise. Kaum hatte er Drottningholm übernommen, da stellte auch er schon wieder vieles auf den Kopf. Aus Rokoko wurde Klassizismus und das barocke Gartenideal war nun vollends démodé. Ein romantischer englischer Park wurde angelegt, zunächst vom König selbst geplant, mit Seen und Kanälen, frei angelegten Wegen, Winkeln und Durchblicken, mit Baumgrüppchen und Statuen. Das Besondere an Drottningholm: Der barocke Garten wurde zwar vernachlässigt, aber nicht durch den neuen Park ersetzt. Formaler und englischer Garten führen bis heute eine friedliche Koexistenz. Den Höhepunkt Drottningholms schufen nicht die Architekten und Stuckateure. Nicht die Gärtner. Nicht die Generäle. Der Höhepunkt: Ein Theater.

Nach vielen improvisierten Auftritten reisender Ensemble ließ Königin Louise Ulrike den Architekten des China-Schlösschens, Carl Frederick Adelcrantz, ein richtiges Theater erbauen.1766 wurde es eröffnet, außen schmucklos, nüchtern, ein Vorläufer des Klassizismus, innen verspielt, aus Holz und Pappmaché. Das Drama spielt auf der Bühne, und darunter. Die Bühnenmaschinerie Donato Stopanis war damals eine Sensation und ist es noch immer. Bei einem Szenenwechsel werden - der Vorhang offen - die seitlich gestaffelten Kulissen von der Unterbühne aus über einen komplizierten Holzmechanismus mit Rädern, Wagen und Seilzügen ausgetauscht.

Auch die Dekoration der Decke (die Soffitten) und der Hintergrundprospekt schweben in Sekunden herein. Dreißig Dekorationen sind erhalten; gespielt wird aber mit Kopien. Für Ingmar Bergmans legendäre "Zauberflöte" wurde sogar der ganze Bühnenraum nachgebaut.

Nicht nur den Garten, auch die Bühne löste Gustav III. aus der formalen Tradition Frankreichs. Er förderte die Entwicklung eines schwedischsprachigen Theaters. Drottningholm war um 1780 der kulturelle Mittelpunkt Schwedens und Schweden war durchaus nicht die Hinterbühne Europas Gustav der III. war ein Theatermensch, Schauspieler und Stückeschreiber mit - tragische Pointe - bühnenreifem Abgang: Ermordert beim "Maskenball", vertont von Verdi.

Der Mord nahm Drottningholm seinen Prinzipal. Das Theater hatte ausgespielt. Mehr als hundert Jahre später, 1922, wurde das Schlosstheater wieder wachgeküsst. Die Festspiele, die daraus entstanden, sind legendär.

Von der politischen Landkarte ist Drottningholm längst verschwunden, auch wenn im Schloss aufs neue eine Königin residiert. Aber im europäischen Kulturkalender ist es rot angestrichen: Drottningholm, Insel der Königin, Theater des lebendigen Barock.

Buch und Regie: Hartmut Schwenk

Filmmusik & Stab

Musik:
Schätze der Welt - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft

Soundtrack Drottningholm:
Roman, Johann Heinrich
Rameau
Suite aus Hippolyte et Aricide
Orchester: Les Musicien du Louvre
Lully, Passacaille
Armide: Gradus ad Parnassum
Orchester, ORF


Buch und Regie: Hartmut Schwenk
Kamera: Georg Steinweh BVK

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