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Filmtext & Video

15:01 min | So, 11.11.2018 | 19:40 Uhr | 3sat

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Vizcaya: Die Schwebefähre in Portugalete, Spanien, Folge 353

3Sat

Bis heute ist die Schwebefähre "Puente Vizcaya", die 1893 in Portugalete bei Bilbao ihren Betrieb aufnahm, eine der größten Attraktionen im Baskenland. Auch weil sie noch immer funktioniert und ihre Gondel rund um die Uhr über den Fluss Nervíon schwebt. Schwebefähre wird sie im Deutschen genannt, obwohl es eindeutig eine Gondel ist, die Menschen und Fahrzeuge hin und her transportiert. Auf jeden Fall hat die schwebende Hängebrückengondel Technikgeschichte geschrieben.


Filmtext:

Es war die verrückteste Idee, die der Architekt Alberto de Palacio je hatte. Ein kühner Einfall, geboren in jener augenblickshaften Stimmung, die die Spanier "un capricho" nennen. Eine Laune, sagen wir. Was nicht ganz so poetisch klingt. Die aus einer Laune stammende Idee verwandelte sich dank der Mithilfe des französischen Konstrukteurs Ferdinand Arnodin allmählich in ein gewaltiges Monument aus Eisen und Stahl. Als die Idee 1893 endgültig Form war und der Öffentlichkeit im Baskenland bei Bilbao präsentiert wurde, war das eine Sensation.

Denn eine solch eigenwillige Konstruktion zur Überquerung eines Flusses hatte die Welt noch nicht gesehen. Was die beiden Konstrukteure da ausgetüftelt hatten, war eine Mischung

aus Brücke, Fähre und Schwebebahn. Sie nannten sie "Puente Vizcaya" oder auch "Puente colgante", also "Hängebrücke". Im Deutschen wurde daraus "Schwebefähre".

Beide Bezeichnungen zeugen von der Hilflosigkeit, eine bis dahin nie da gewesene Brückenkonstruktion sprachlich auf den Punkt zu bringen. Denn es ist weder eine Hängebrücke noch eine Schwebefähre, es ist eher eine schwebende Brückengondel, die das Wasser nicht berührt.

Das nur sprachlich auf wackeligen Beinen stehende Bauwerk von herkulischer Standfestigkeit war ein Unikum, das die ganze Welt faszinierte. Weshalb es Technikgeschichte geschrieben hat. Ein kleines Kapitel nur, denn die zwanzig weiteren Schwebefähren, die nach dem spanischen Vorbild ab Ende des 19. Jahrhunderts weltweit gebaut wurden, blieben Exoten in der Baugeschichte. Mit Einführung des Spannbetons stand die Zukunft der schwebenden Fähren immer mehr in der Schwebe. 1915 wurde die Letzte dieser Art in Brasilien gebaut.

Doch zurück in die Zeit, in der ein Mann, einer Laune folgend, darüber nachdachte, an der Bucht von Biscaya einen, wie er sagte, "eleganten und grandiosen Akzent" zu setzen. Denn Alberto de Palacio war sowohl Architekt als auch ausgeprägter Ästhet. Er hatte neben Formeln immer auch die Form seiner Bauwerke vor Augen. Das Aussehen seines Lieblingskindes, das sich zur Mutter aller Schwebefähren entwickelte, lag ihm besonders am Herzen. Fast scheint es, als sei es ihm ganz zu Anfang nur darum gegangen, dieses Bauwerk um seiner selbst Willen zu errichten. Ein bloßes Kunstwerk zu schaffen, das weit über seinen eigentlichen Zweck der Flussüberquerung hinausweist, ja, ihn lediglich in Kauf zu nehmen scheint.

Zweifellos wollten beide Konstrukteure mit dem Wunderwerk der damaligen Ingenieurskunst ein Symbol für eine ganze Region schaffen. Es sollte eine ästhetische Illustration des industriellen

Booms sein, den die expandierende Eisenindustrie in der Provinz Biscaya mit ihrem Zentrum Bilbao ausgelöst hatte. Die traditionelle Ausbeutung, Verhüttung und Verarbeitung von Eisenerz und der Handel mit diesem Metall florierten zur Zeit des Brückenbaus. Millionen von Tonnen Eisen wurden jährlich auf dem Fluss Nervión in den Golf von Biscaya transportiert, und gelangten von dort in alle Welt. Die große Nachfrage lag in der Entdeckung der nahezu unendlichen Leichtigkeit und gleichzeitigen Standfestigkeit von Stahlfachwerk-Konstruktionen, die Ende des 19. Jahrhunderts einen Höhepunkt in der technischen Baukunst erlebten.

Wer wen damals beeinflusst hat, ist schwer auszumachen. Stahl war zum Zauberwort für all die geworden, die hoch hinaus wollten mit ihren Türmen. Seien es Gustave Eiffel in Paris oder eben

Alberto de Palacio und Ferdinand Arnodin in Spanien. Sie und viele andere griffen gleichzeitig zu diesem Stoff, aus dem sich kostengünstige Träume bauen ließen. Für de Palacio und Arnodin, die

Eisenerz vor der Haustür und solch inspirierende Türme vor Augen hatten, lag eine Stahlfachwerk-Konstruktion für ihren Brückbau geradezu auf der Hand. 750 Tonnen Eisen, 11.000 Nieten, 21.000 Schrauben, 88.000 Kabel sah der Plan für den Bau der Brücke mit ihrem 160 Meter breiten Querträger und den beiden 61 Meter hohen Türmen vor. Es war dann Ferdinand Arnodin, der die Ärmel aufkrempelte und aus dem gewaltigen Haufen Eisen die erste Schwebefähre der Welt baute.

Seine große Leistung war die Erfindung gewickelter Stahlkabel, die die bis dahin verwendeten starren Ketten ersetzten. Neben dem Schwebeprinzip sind es diese Kabel, die zu den großen technischen Inovationen der Schwebefähre gehören. Die nach ihrem Erfinder benannten "Arnodin-Kabel" sind aus exakt 127 Drähten so gewickelt, dass sie eine optimale Festigkeit besitzen und dennoch flexibel sind. Das Wickelprinzip hat sich Arnodin extra patentieren lassen, während sich die Ingenieure das Patent auf die restliche Brücke brüderlich geteilt haben.

Während die Verankerung der Kabel auf der Portugalete-Seite problemlos über die Bühne ging, machte der Besitzer des bis dahin einzigen Hauses am anderen Ufer Schwierigkeiten. Er wollte keine Kabel über seinem Haus, und seien sie noch so schön gewickelt. Zwei Jahre lagen die Kontrahenten im Kabel-Streit, dann wurde der Hausbesitzer kurzerhand enteignet. Nach drei Jahren Bauzeit konnte das Pionier-Projekt an der Biscaya schließlich demonstrieren wie es aussieht, wenn Brücken Gondeln tragen. Eine zumindest. Ihre Aufhängung war die Krönung des Brückenwerkes und die Gondel selbst das zierliche Pünktchen auf dem gewaltigen" i" der Stahlfachwerk-Konstruktion.

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Europa: Spanien

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Nahaufnahme Brückenpfeiler und Querträger

Nahaufnahme Brückenpfeiler und Querträger

Weltkulturerbe: Die Schwebefähre von Portugalete

Weltkulturerbe: Die Schwebefähre von Portugalete

Weltkulturerbe: Die Schwebefähre von Portugalete

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Weltkulturerbe: Schwebefähre in Portogalete

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Die komfortable Art der Flussüberquerung hatte sich schnell herumgesprochen. Nicht nur Damen, die bislang in den schaukelnden Fährbooten um ihre Garderobe fürchten mussten, stiegen jetzt dankbar in die kleiderfreundliche Gondel - auch Heerscharen von Händlern nutzten die neue Form des Waren- und Tiertransportes. So tummelten sich in der Gondel Sardinenverkäufer und Bäuerinnen, Schweine, Schafe und Esel. Wenn sich ein Schiff näherte, musste die Gondel warten. Das konnte dauern, denn damals herrschte reger Schiffsverkehr auf dem Nervion. Großsegler, Schlacht- und Frachtschiffe passierten die Brücke, die deshalb auch so hoch ausgefallen ist. Der Querträger verlief in 45 Meter Höhe, was die Mannschaften selbst der gewaltigsten Schiffe dieser Zeit wohl irgendwie beruhigt hat.

Seit der Hafen immer weiter in Richtung Meer verlagert wird, sieht die Puente Colgante solch betagte Schönheiten immer seltener. Geschichte sind auch die um 1900 so beliebten Attraktionen, die Menschen magisch anzogen. Da turnte ein Herr Tebar, auch der "menschliche Komet" genannt, auf der Brücke herum und sprang von ganz oben, an einem Seil hängend, in den Fluss - das Seil hatte er sich um den Bauch gewickelt. Im gleichen Jahr flog ein kühner Pilot unter der Brücke hindurch- immerhin benutzte er vorsorglich ein Wasserflugzeug. Auch ein Selbstmörder zog die Blicke auf sich, weil er sein Ziel erst beim dritten Sprung von der Brücke erreichte. In der Nacht vom 15. auf den 16. Juni 1936 stand schließlich ihre eigene Existenz auf der Kippe. Es war die Zeit des Spanischen Bürgerkriegs, den der Putsch des Militärs gegen die Zweite Republik ausgelöst hatte. Um das weitere Vordringen der Truppen des späteren Diktators Franco zu verhindern, beschloss die baskische Armee schweren Herzens, den Querträger der Brücke in die Luft zu sprengen. Der inzwischen gebrechliche Alberto de Palacio kam persönlich, um sich die Amputation an seinem Lieblingskind anzuschauen - mit Tränen in den Augen, wie es heißt. Weil die Sprengung gleichsam mit chirurgischer Vorsicht ausgeführt worden war, ging die Rekonstruktion zügig über die Bühne. Man brachte dabei die Schwebefähre insgesamt auf den neuesten Stand der Technik und so schwebte sie 1942 wieder, die Gondel, als sei nichts gewesen.

Ihren zweiten Frühling erlebte die Puente Vizcaya 1998 - 105 Jahre nach ihrer Einweihung. Die modernen Zeiten brachten die inzwischen sechste neue Gondel mit sich. Alle zusammen sollen bis heute 31 Mal um die Welt geschwebt sein und rund 650 Millionen Personen befördert haben. Das Herz der Schwebefähre ist hier und schlägt heute vollautomatisch. Computer öffnen und schließen die Zugänge, heben die Schranke, geben das Signal zur Abfahrt. Unzählige Kameras sehen alles. Auf sie verlässt sich der nach außen unsichtbare Chef der Kabine ausschließlich. Den König wollte er allerdings live sehen. Neuerdings kommt Juan Carlos samt Gattin öfter mal im Baskenland vorbei, weil er als Schirmherr des Weltverbandes der Schwebefähren natürlich ab und an nach dem alten Eisen der Brücke schauen muss.

Die Puente Vizkaya, sie hat die Anerkennung als Weltkulturerbe wahrlich verdient. Gebaut, zerstört, wieder erstanden und jetzt modernisiert - weit über 100 Jahre Technikgeschichte, die von der Dampfmaschine zum Computer, von der industriellen Revolution bis zum technischen Fortschritt in unseren Tagen reicht. Konzentriert in einem Bauwerk, das sich seinen Unterhalt zum größten Teil auch noch selbst verdient. Ein rund um die Uhr arbeitendes Kunstwerk, eine schwebende Ikone jener Zeit, in der weltweit ein paar Brücken Gondeln trugen.

Buch und Regie: Christina Brecht-Benze

Kamera: Gerd Bleichert

Filmmusik & Stab

Musik:

Schätze der Welt II - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft

Soundtrack Portugalete:
Claudius Brüse


Buch und Regie: Christina Brecht-Benze
Kamera: Gerd Bleichert

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