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Europa: Schweden Filmtext & Video

Die Radiostation Grimeton

14:52 min | So, 23.6.2019 | 6:00 Uhr | SWR Fernsehen

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Grimeton: Radiostation Grimeton bei Varberg, Schweden, Folge 327

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Die Radiostation in Grimeton bei Varberg an der schwedischen Südwestküste war einmal ein Meilenstein auf dem Weg zur weltumspannenden Kommunikation. Zusammen mit zwanzig weiteren Anlagen dieser Art bildete sie ab 1925 ein globales Funknetzwerk. Heute ist Grimeton der einzige, noch erhaltene und funktionierende Längstwellensender, dessen gesamtes Ambiente aus den 1920er Jahren komplett vorhanden ist. Weshalb die Station 2004 in die Welterbe-Liste der UNESCO aufgenommen wurde.


Filmtext


Weltwunder: Telegrafenmast

Detail Alexanderson Antenne

Die bombastische Ouvertüre zu diesem Technikkonzert, dessen Höhepunkt die Übertragung menschlicher Kommunikation ist, klingt immer so. Da dirigiert ein Radiotechniker erst einmal ein Heer von Hilfsmaschinen, damit danach der Sender, das Herz der Anlage, gewissermaßen die erste Geige spielen kann. Dazu braucht er Wellen, die dann vereinfacht ausgedrückt, mit Botschaften wie Morsezeichen, Sprache oder Musik bestückt werden können.

Der Ort dieses Wellen erzeugenden Technikkonzerts ist die Radiostation Grimeton an der schwedischen Südwestküste. Sie spielte einmal eine Schlüsselrolle in der weltumspannenden Kommunikation. Zusammen mit zwanzig weiteren Anlagen dieser Art bildete die Station ab den 1920er Jahren ein globales Funknetzwerk. Heute ist Grimeton der einzige noch erhaltene und funktionierende Längstwellensender, weshalb er unter dem Schutz der UNESCO steht.

Hier thront das betagte Kernstück der Station, der Maschinensender, dessen Funktionstüchtigkeit bis heute zelebriert wird. Noch immer surrt hier ein Motor, der einen Wechselstromgenerator antreibt und dadurch hochfrequenten Strom erzeugt.

Konstruiert hat dieses Kraftwerk des Längstwellenfunks ab 1904 ein Mann, der zu den Pionieren der Funktechnik zählt: Es ist Ernst Frederik Werner Alexanderson, Ingenieur und unermüdlicher Erfinder. Bis zu seinem Lebensende hat er es zu stolzen 340 Patenten gebracht.

Zu den Herausragenden zählt zweifellos der nach ihm benannte Alexanderson-Sender, denn er hat das neutrale Schweden vor allem nach dem ersten und während des zweiten Weltkriegs zu einem bedeutenden Kommunikationsstützpunkt im Dialog mit der Welt gemacht. Ohne die drahtlose Nachrichtenübermittlung hätte aufgrund der häufig unterbrochenen Überseekabel wohl weltweite Funkstille geherrscht.

Vor den unsichtbaren Nachrichtenbrücken kämpften sich Mannschaften mit tonnenschweren Kabeltrommeln durch den Atlantik und versuchten, ganz konkrete Unterwasserbrücken für den immer dichter werdenden Nachrichtenverkehr zwischen Europa und Nordamerika zu bauen. Das Verlegen der dicken, hunderttausende von Kilometer langen Verbindungskabel zwischen alter und neuer Welt glich dem Kampf mit einer gigantischen Meeresschlange. Ein Kampf, den die Männer oft verloren haben. Denn die Kabel waren glitschig und entglitten oft auf Nimmerwiedersehen auf den Meeresgrund. Und mit ihnen Millionensummen der Investoren.

Weltwunder: Telegrafenmast, Detail

Industriedenkmal Grimeton - Detail eines Telegraphenmasten

Die Entdeckung der elektromagnetischen Wellen und ihrer magisch anmutenden, drahtlosen Ausbreitung im Raum, leitete eine neue Sternstunde der Nachrichtentechnik ein. Denn diese Wellen veränderten die Welt innerhalb eines Jahrhunderts so dramatisch wie einst die Erfindung der Dampfmaschine.

Zahllose Pioniere der Elektrodynamik haben diese Revolution in Gang gesetzt. Alessandro Graf Volta verdanken wir die grundlegende Theorie des elektrischen Stroms. Christian Oersted die Erkenntnis, dass Strom von einem Magnetfeld begleitet wird. Michael Faraday die Entwicklung von Elektrogenen Ratoren zur Stromerzeugung. Samuel Morse die erste Morsenachricht, die lautete: "Was Gott vollbracht hat!" James Maxwell und Heinrich Hertz die epochale Erkenntnis, dass Schwingungen der Elektrizität magnetische Felder erzeugen, die durch rasante Beschleunigung zu Wellen werden und dann Raum und Zeit blitzschnell überwinden können. Guglielmo Marconi die erste drahtlose Funkverbindung über den Atlantik. Schließlich Ernst Alexanderson die Konstruktion einer Maschine, die den Längstwellen jenen gewaltigen Schwung verlieh, der sie zum lichtschnellen Lauf um den Erdball beflügelte.

Den Anstoß zum Bau des Längstwellensenders in Grimeton gab neben den Erfahrungen mit leicht zerstörbaren Land-und Seekabeln im Ersten Weltkrieg eine Emigrationsswelle gigantischen Ausmaßes. Abertausende von Schweden suchten ihr Glück im Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten. Da es oft ein Abschied auf Nimmerwiedersehen war, wurde die drahtlose Kommunikation mit den Daheimgebliebenen für die meisten zu einem Rettungsanker in der Fremde.

Damit der steigende Telegrammverkehr nach Amerika reibungslos über die Erde gehen konnte, beschloss der schwedische Reichstag 1920 die dafür nötige Sende-und Empfangsstation zu bauen. Der Standort in Grimeton, rund 80 Kilometer von Göteborg entfernt, war dafür ideal. Die flache Landschaft ließ den Funkwellen freien Lauf in Richtung Westen. Sie überquerten den Meeresarm von Skagarrak und gelangten an Schottland vorbei über die offene See zur Empfangsstation bei New York. Der Name Grimeton war im übrigen auch ganz praktisch, denn er ging auch Amerikanern locker über die Lippen, ohne dass sie sich die Zunge brechen mussten.

Abenteuerliche Balance-Akte in 127 Meter Höhe und echte Knochenarbeit am Boden waren dann für zwei Jahre Alltag für die, die ab 1922 die Ärmel für den Bau der Station hochkrempelten.

Die größte Herausforderung war das Errichten der sechs Antennentürme, die in einem Abstand von jeweils 380 Meter auseinander stehen. Wie penibel ausgerichtete Startrampen für Weltraumraketen sehen sie aus, die Antennentürme mit ihren gewaltigen Querarmen. Auch wenn sie heute nur noch als Riesenwegweiser den Standort Grimeton markieren, erinnern sie mit der ihr eigentümlichen, technischen Ästhetik an jene Zeit, in der dieses Antennensystem eine der wichtigsten Start- und Steuerrampen für Längstwellen war.

In der Radiostation wurde aber nicht nur gefunkt, sondern auch gefahren. Ziemlich oft sogar, da das Antennensystem regelmäßig inspiziert werden musste. Dafür hätte wahrscheinlich auch ein Fahrrad oder Moped genügt. Weil der Stationsbau aber 500.000 Kronen billiger ausfiel als berechnet, leistete man sich wohl den Luxus dieses auf Hochglanz polierten Flitzers, mit dem der Fahrer allerdings nur Kühe beeindrucken konnte.

Dieses Auto hingegen beeindruckte ganze Menschenmassen, weil der König geruhte, in ihm Platz zu nehmen. Seine Majestät König Gustaf V. lässt sich am 2. Juli 1925 nach Grimeton kutschieren, um die schwedische Funkstation für drahtlose Telegraphie nach Amerika hoch offiziell einzuweihen. Dabei sonnt er sich auch im Glanze des Funkpioniers Ernst Alexanderson, der sich bescheiden im Hintergrund hält und nicht weiter auffällt.

Dabei gebührt ihm die eigentliche Ehre dieses Tages, denn schließlich hat sein Generator und nicht Gustaf, der König, den drahtlosen Draht nach Amerika möglich gemacht. Dass der König höchst persönlich die Radiostation einweihte, unterstreicht die Bedeutung dieser neuen Kommunikationsmöglichkeit für Schweden. Die sollte für die nächsten Jahrzehnte den Äther erobern.

Weltwunder: Funktelegraphenmast

Funktelegraphenmast

In der Telegraphenstelle hier in Göteborg wurden die Informationen gesammelt. Die Telegramme trafen wie am Fließband ein, wurden sortiert und mit einem Zeitstempel versehen. Dann begann die wundersame Verwandlung von Sprache in Morsezeichen. Die gingen dann von einem Lochstreifen-Sender des Telegraphenamtes per Kabel nach Grimeton und von dort dank Längstwellen in Lichtgeschwindigkeit nach Amerika.

Hier, auf Long Island, empfing man die Morsezeichen und übersetzte sie sofort wieder in Sprache zurück. Damit die kurz zuvor in Schweden aufgegebenen Telegramme auch umgehend bei ihren Empfängern landen konnten, standen fesch gekleidete Telegramm-Jungs ganztägig in den Startlöchern.

Die Funktelegraphie war nicht nur ein Meilenstein in der Geschichte der Kummunikation, sie half auch Leben retten. Zum Beispiel beim Sinken der Titanic. Aber die Längstwellensender wurden auch schon bald als Transportmittel für Schwachsinn missbraucht, der bisweilen Bordzeitungen von Atlantikdampfern füllte.

So gingen Thomas Mann auf einer Reise nach Amerika die ständig wiederholten Nachrichten über einen alkoholisierten Zoo-Tiger auf die Nerven. In "Meerfahrt mit Don Quijote" schreibt er: "Ein technisches Wunder wie die Radiotelegraphie muß dienen, um solche Neuigkeiten über Land und Wogen zu befördern. Ach, die Menschheit! Ihr geistig moralischer Fortschritt hat mit dem technischen nicht Schritt gehalten, er ist weit dahinter zurückgeblieben."

Wenn schon in Zeiten der Funktelegraphie der geistig-moralische Fortschritt gemessen am Technischen auf der Strecke blieb, dann fragen wir lieber nicht, wie es heute um Geist und Moral in der drahtlosen Kommunikation steht. Seit jeder den technischen Fortschritt einfach in die Tasche stecken kann, die kleinen Privatsender jederzeit und überall verfügbar sind, verlocken sie dazu, permanent Botschaften zu verbreiten. Auch die, die keiner hören will. Wie viele dieser Nachrichten, die heute tagtäglich um die Welt gehen, denen über alkoholisierte Zoo-Tiger in Nichts nachstehen, danach fragen wir, wie gesagt, lieber nicht.

Buch und Regie: Christina Brecht-Benze

Filmmusik & Stab

Musik:

Schätze der Welt II - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft

Soundtrack Grimeton:
Claudius Brüse


Buch und Regie: Christina Brecht-Benze
Kamera: Gerd Bleichert

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