Bitte warten...

Filmtext & Video

14:10 min | Sa, 6.5.1995 | 18:45 Uhr | 3sat

Mehr Info

Die Megalith-Tempel Maltas, Folge 6

SWR

Vor rund viereinhalb Tausend Jahren wurde auf Malta ein gewaltiger Tempel erbaut. Wer die Erbauer waren, woher sie kamen, weiß niemand. Sicher ist nur, dass es ein Volk von tiefer Frömmigkeit war, denn viele Generationen müssen über 500 Jahre lang an der riesigen Tempelanlage gebaut haben. Unvorstellbare Kraftanstrengung müssen nötig gewesen sein. Denn die Megalithen, aus denen die Anlagen erbaut sind, haben das Maß kleiner Häuser und wiegen an die 50 Tonnen. Im Dienst des Göttlichen entstand die erste freistehende Kultstätte der Menschheit, an der steilen Südküste Maltas.

Filmtext

Sie beten zu einer Fruchtbarkeitsgöttin. Um sie gnädig zu stimmen, opfern sie ihrer Göttin Tiere und Feldfrüchte. Denn sie ist die Mutter allen Lebens. "Große Erdmutter", das ist ihr Name. Opfergaben sollen das Wiederkehren der Jahreszeiten sichern und dafür sorgen, dass die Felder fruchtbar bleiben.

Die Ureinwohner feiern in großen Tempeln ihre Rituale und die Priester - oder sind es Priesterinnen - lassen in den steinernen Bauten ihre Stimmen erschallen und unheimlich hallt das Echo in den Räumen der Tempel, wenn die Kultdiener das Orakel verkünden.

Heute erinnern 5000 Jahre alte Tempel aus Riesensteinen, aus Megalithen an diese frühe Religion. Lange nahm man an, dass die ägyptischen Pyramiden die ersten großen Steinbauten waren. Doch die Megalith-Tempel auf Malta und Gozo sind 1000 Jahre vor den ersten Pyramiden errichtet worden. Die erste freistehende Kultarchitektur der Welt, entstanden in der Jungsteinzeit, im Neolithium.

Ggantija, die "Gigantische".

Das imposanteste der noch erhaltenen Heiligtümern ist zugleich auch eines der ältesten. Der Tempel wurde etwa um 3500 v. C. erbaut. Er steht auf der maltesischen Insel Gozo auf einem Bergplateau.

Der Sage nach soll eine Frau mit einem Säugling an der Brust den Tempel erbaut haben. Ein Bohnengericht gab ihr die Kraft, die kolossalen Steinblöcke in nur einem Tag heranzuschleppen. In der darauffolgenden Nacht setzte sie Stein auf Stein und im Morgengrauen war ihr gigantisches Werk vollbracht.

Die "Venus von Malta". Stellt diese Figur eine menschliche Frau oder eine Göttin dar? Die Handhaltung erinnert an östliche Göttinnen. Vielleicht ist dies ein Hinweis.

Gelassen, in sich ruhend, präsentiert diese Figur, nur 20 cm groß, ihre strotzende Leibesfülle. Mehr Sinnbild der Fruchtbarkeit als menschliches Wesen. Die Figur erscheint geschlechtslos. Doch sie ähnelt weiblichen Steinzeitidolen, wie man sie aus dem östlichen Mittelmeerraum kennt.

Unvorstellbare Kraftleistungen wurden bei der Errichtung der Ggantija von den Inselbewohnern gefordert. Einzelne Megalithen wiegen bis zu 50 Tonnen. Sie wurden auf Steinkugeln heran gerollt, die man heute noch in der Nähe des Tempels finden kann. Fast ein Jahrtausend lang war der Tempelbau Symbol für eine gemeinsame Identität der Menschen auf Malta. Kluge Menschen, voller Überzeugungskraft, müssen ihren Zeitgenossen den Sinn der Bauten nahegebracht haben.

Die Ggantija ähnelt wie fast alle anderen maltesischen Tempel einem fünfblättrigen Kleeblatt. Noch heute rätselt man, was mit diesem seltsamen Grundriss wohl gemeint war. Doch haben wir ähnliche Formen nicht schon einmal gesehen?

Der Grundriss des Tempels könnte die "Große Erdmutter" darstellen. Der Tempel selbst wäre der Leib der Göttin. Man betritt ihn durch einen engen Eingang. Die Vagina der Göttin. Das Tempelinnere steht vielleicht für den Mutterleib. Ein Ort des Gebärens, den der Gläubige als Neugeborener wieder verlässt.

Im Inneren der Ggantija wurde dieser Monolith gefunden. An der schmalen Seite finden wir eine Schlangenfigur. Die Schlange, die durch das Ablegen der Haut ihr altes Leben abstreift, und, frisch gehäutet, das Leben neu beginnt. Auch das könnte ein Symbol für die Wiedergeburt sein.

Ein weiteres Fundstück ist dieses steinzeitliche Modell. 4500 Jahre alt zeigt es uns, wie die Heiligtümer einmal ausgesehen haben könnten.

Archäologen haben auf Grund von Ausgrabungen versucht, die Fassade von Hal Tarxien zu rekonstruieren. Ihre Zeichnungen beschreiben das Innere des Tempels. Ihrer Meinung nach gab es runde hohe Räume, die mit Balken abgedeckt waren. Verschiedene Friese mit unterschiedlichen Zeichen und Altäre standen in den heiligen Räumen.

Lange, mit Spiralen verzierte Monolithen wurden in Hal Tarxien gefunden. Auch sie - wie der Mutterleib, wie die Schlange der Gigantija - häufige Symbole für die Hoffnung auf eine Wiedergeburt.


1/1

Die Megalith-Tempel Maltas

In Detailansicht öffnen

Der Tempel Ggantija auf Gozo: Ca. 5.800 Jahre alt ist die mächtige Tempelruine aus der Megalithzeit, die über 3000 Jahre lang ein kultisches Zentrum auf Malta war. Weshalb die Megalith-Kultur um 2.500 vor Christus zu Ende ging bleibt ein Rätsel.

Der Tempel Ggantija auf Gozo: Ca. 5.800 Jahre alt ist die mächtige Tempelruine aus der Megalithzeit, die über 3000 Jahre lang ein kultisches Zentrum auf Malta war. Weshalb die Megalith-Kultur um 2.500 vor Christus zu Ende ging bleibt ein Rätsel.

Unvorstellbare Kraftanstrengung müssen nötig gewesen sein, um vor fast 6000 Jahren die Tempel zu bauen. Denn die Megalithen, aus denen die Anlagen erbaut sind, haben das Maß kleiner Häuser und wiegen an die 50 Tonnen.

Mnajdra ist der einzige Tempel, der hoch über dem Meer thront. Jeden Morgen bei Tagesanbruch scheint die Sonne durch das nach Osten weisende Tor in das Innere des Tempels.

Die Megalithtempel auf Malta und Gozo sind 1000 Jahre vor den ersten Pyramiden errichtet worden. Die erste freistehende Kultarchitektur der Welt, entstanden in der Jungsteinzeit, im Neolithikum.

Mnaidra ist der einzige Tempel, der hoch über dem Meer thront. Jeden Morgen bei Tagesanbruch scheint die Sonne durch das nach Osten weisende Tor in das Innere des Tempels.

In Hagar Quim wurde dieser ganz besondere Altar gefunden. Auf seinen vier Seiten sind hohe, an Ähren erinnernde Pflanzen dargestellt. Die Löcher könnten als Symbole für den grundlegenden Wandel der Lebensverhältnisse in der Jungsteinzeit stehen.
Sie symbolisieren die Samenkörner aus denen das Getreide wächst.

Der Tempel von Hagar Quim ist ca. um 3000 vor Christus entstanden. Im Inneren gibt es Hinweise darauf, dass der Tempel oft betreten worden ist.

Priesterinnen oder Priester verkündeten im Tempel von Mnajdra das Orakel. Orakellöcher in fast allen Tempeln zeigen, dass die Wahrsagungen eine große Rolle im Leben der Menschen von Malta gespielt haben. Doch die Bedeutung dieser Steinzeitkultur mit ihren archaischen Symbolen und ihren gigantischen Tempeln ist bis heute rätselhaft.

Um das Wohlwollen der Göttin zu erlangen, wurden Tiere geopfert. Tiere, die die Ureinwohner auf verschiedenen Friesen verewigt haben. In einer Höhlung dieses Altars fand man Tierknochen und ein scharf geschliffenes Flintmesser. Hal Tarxien ist voll mit Altären, Opferschalen, Friesen und zwischen allem finden wir die "Fat Lady", eine ursprünglich zwei Meter hohe Statue, von der nur die Reste der unförmig dicken Beine und der mächtigen Hüften erhalten sind. Auch sie könnte die Göttin dargestellt haben.

Der Tempel von Hagar Quim ist ca. um 3000 v. C. entstanden. Am Eingang findet man mehrere Vertiefungen in einem Monolithen. Es waren wohl Verschlusslöcher, um den Eingang mit Balken zu verriegeln.

Im Inneren gibt es Hinweise darauf, dass der Tempel oft betreten worden ist. Hinter dem Eingang steht auf jeder Seite ein Durchgangsstein. Die Schwellen sind stark abgetreten. Dahinter eine runde Kammer. Vielleicht ein Meditationsraum, in dem sich der Besucher auf das Betreten des eigentlichen Innenraums vorbereiten musste.

In Hagar Quim wurde dieser ganz besondere Altar gefunden. Auf seinen vier Seiten sind hohe, an Ähren erinnernde Pflanzen dargestellt. Sie wachsen aus Töpfen. Die Löcher könnten als Symbole für den grundlegenden Wandel der Lebensverhältnisse in der Jungsteinzeit stehen. Die Menschen, die bis dahin als Nomaden umherzogen, machten eine weltverändernde Entdeckung. Sie erkannten, dass man mit einer Ernte rechnen kann, wenn man vorher Samenkörner ausgesät hatte. Die Landwirtschaft war erfunden.

Zu dieser Zeit begann man auf Malta Tempel zu bauen. So könnten die Punktornamente, die man in Hagar Quim findet, Darstellungen der Samenkörnern des Lebens sein. Ein Symbol mehr für den Fruchtbarkeitskult, der in den Heiligtümern betrieben wurde.

Mnaidra ist der einzige Tempel, der hoch über dem Meer thront. Jeden Morgen bei Tagesanbruch scheint die Sonne durch das nach Osten weisende Tor in das Innere des Tempels.

Und auch hier wie in den anderen Heiligtümern - Symbole des Lebens, Symbole der Fruchtbarkeit. Das Trilithenportal ist bedeckt mit Tausenden von eingepickten kleinen Löchern. Die, die in die Tempel kamen, könnten für eine gute Ernte gebetet haben. Oder für ein Leben nach dem Leben.

Andere kamen, um nach der Zukunft zu fragen. Priesterinnen oder Priester verkündeten in Mnaidra das Orakel. Ihre verzehrten Stimmen müssen den Versammelten wie die Stimme der Erdmutter selbst erschienen sein. Orakellöcher in fast allen Tempeln zeigen, dass die Wahrsagungen eine große Rolle im Leben der Menschen von Malta gespielt haben. Doch die Bedeutung dieser Steinzeitkultur mit ihren archaischen Symbolen und ihren gigantischen Tempeln ist bis heute rätselhaft.

Die Beziehung zur See allerdings gehört zu den auffälligen Aspekten des Rätsels der Megalithen.

Megalithbauten entstanden in einem Gebiet, das sich in Europa von Malta über das Zentrum des Mittelmeeres bis nach Spanien über die Bretagne bis zu den Orkney-Inseln erstreckte. Und das Besondere: Diese Großsteinmale waren überwiegend in Küstengebieten und auf Inseln konzentriert.

Das Meer lieferte eine Fülle von Nahrung und diente gleichzeitig als Wasserstraße für den Verkehr. Doch während andere Völker überlebten, verschwand das Inselvolk auf Malta in seiner höchsten Blütezeit. 2500 v. C. brach der Tempelbau abrupt ab. Es gibt keine Zeichen einer Naturkatastrophe. Vielleicht hat eine Seuche die Erbauer hingerafft. Vielleicht wanderten die Ur-Malteser aus, weil das Volk zu schnell wuchs und die Nahrungsmittel knapp wurden.

Das Ende dieser maltesischen Kultur war total. Nicht einmal in Mythen hat sich die Erinnerung bewahrt. Diese frühe Hochkultur umfasst einen Zeitraum von 1000 Jahren. Das allein weiß man.

Buch und Regie: Wolfram Giese

Filmmusik & Stab

Siebert, Büdi
Schätze der Welt I
Eno, Brian
The Secret Place
Eno, Brian
Eno, Brian
1/1
Eno
Brian Eno
2/1
Brian Eno
Micus, Stephan
Till the End of Time
Micus, Stephan

Buch und Regie: Wolfram Giese
Kamera: Pitt Koch
Produktionsjahr: 1995

Zurück zur Startseite von:

Sendezeit

3sat
Sonntags:
19.40 Uhr

SWR Fernsehen
Sonntags:
6.00 Uhr
Torii
Gesamtliste - alle Folgen