Bitte warten...

Filmtext & Video

14:22 min | So, 10.11.1996 | 21:00 Uhr | 3sat

Mehr Info

Der islamische Stadtkern von Kairo, Ägypten, Folge 54

SWR

Die Stadt ist so alt wie ihre Geschichten. Von den über 500 Moscheen stammen einige noch aus dem 9. und 10. Jahrhundert. Zum Kulturdenkmal erklärt wurde die Altstadt von Kairo, u. a. mit der Zitadelle, der Mohammed-Ali-Moschee, der El-Nasir-Moschee, der 5-eckigen Sultan-Hassan-Moschee, der Rifai-Moschee mit den Gräbern König Faruks und Schah Mohammed Resas, der Ibn-Tulun-Moschee, dem Mausoleum der Shagarat el-Du und der Blauen Moschee (Aksunkur-Moschee).

Filmtext

"Wer Kairo nicht gesehen hat, hat die Welt nicht gesehen. Ihre Erde ist aus Gold, ihr Nil ist ein Wunder, ihre Frauen sind wie die schwarzäugigen Jungfrauen des Paradieses, ihre Häuser sind Paläste, ihre Luft ist weich und süß duftend wie Aloeholz. Und wie könnte Kairo anders sein, ist es doch die Mutter der Welt".

So steht es in den Geschichten vor 1001 Nacht.

Kairo hat schon immer die Phantasien der Geschichtenerzähler beflügelt. Ein Zauber entstand durch die unzähligen Legenden, die mit der Hauptstadt Ägyptens verbunden sind.

Der Markt Chan-el-Chalili erfüllt diese romantischen Erwartungen nur zum Teil. Die Händler haben sich schon lange auf den Tourismus eingestellt. Trotzdem herrscht hier immer noch eine typisch arabische Handels-Atmosphäre, fast wie vor 600 Jahren als der Markt, als einer von über 30 Märkten in Kairo, entstand.

In der Nähe des Stadttores Bab-el-Futuh hatten die Schlachter und Samenhändler ihre Stände. Auch die Gemüsehändler entluden schon damals ihre Pferdewagen am Tor der Eroberungen.

Das Stadttor ist berühmt wegen der Knoblauchhändler. In ganz Kairo gibt es wahrscheinlich keine Knoblauchknolle, die nicht durch die Händler der Händler am Bab-el-futuh gegangen ist.

Der Gewürzhandel hat Kairo reich gemacht. Eine Legende führt das auf die göttliche Herkunft der Gewürze zurück. Sie sollen vom Paradies hinab auf die Bäume gefallen sein, welche vom Nil mitgerissen und in Ägypten angeschwemmt wurden. So kommen die Geschmacksveredler direkt aus der Hand Allahs, irdisch verwaltet auf dem Gewürzbasar Kairos. Vor der Ibn Tulun-Moschee, so will es eine weitere Legende, versammelte sich jede Nacht die Familie des Propheten. Hier besprachen sie die Staatsgeschäfte Ägyptens und hier trafen sie Entscheidungen, die sie den Regierenden des Landes als deren eigene einflüsterten. Vielleicht geht die rege Bautätigkeit des Kalifen Ibn Tulun im 9. Jahrhundert auf dieses heilige Flüstern zurück. Ibn Tulun, der türkische Statthalter Ägyptens, baute eine Moschee, die einer Festungsanlage mehr ähnelt als einem Gotteshaus. Die Moschee, die er bauen ließ, war so groß, dass sie alle Bewohner der umliegenden Stadt in sich aufnehmen konnte, um das rituelle Gebet zu verrichten. Den Baustil der Hofmoschee hatte Ibn Tulun aus seiner Heimatstadt Sâmarrâ in Mesopotamien, im heutigen Irak, übernommen.

Menschen und Tiere sind nirgendwo in der Moschee abgebildet. Das Gestalten von Lebewesen ist das Vorrecht Allahs und so begnügen sich die Künstler mit der phantasievollen Ausgestaltung von Pflanzenmotiven und sie gestalteten die Arkaden mit in den Putz geschnittenen Ornamenten oder mit kalligrafischen Schriftzeichen aus dem Koran.

Die Zinnen über der Außenmauer der Moschee wirke wie eine lange Menschenkette, miteinander verbunden im Glauben. Eine Armee von gläubigen Muslimen, die sich wie eine Wand den Ungläubigen entgegenstellt.

Und dahinter irgendwo im Osten, das ferne Babdad. Von dort kam Ibn Tulun 870 nach Kairo. Von dort aus wurde Ägypten regiert, von den direkten Nachfahren Mohammeds, den Abbasiden, streng nach den Regeln des Korans. Und der Koran fordert, dass die Frauen ihr Gesicht und ihren Körper auf der Straße vor den Männern verbergen, um diese nicht in Versuchung zu führen.

In den Häusern verbergen sich die reichen Frauen hinter den Maschrabijas, den vorspringenden Gitterfenstern eines Hauses oder Palastes. Von diesen handwerklich kunstvoll gedrechselten Erkern aus, konnten sie die Straße beobachten und blieben dabei selbst unbemerkt.

Das Bab-el-Futuh ist eines von sechzig Stadttoren, die 100 Jahre nach der Gründung Kairos, um 1080 gebaut wurden. Die Stadt sollte befestigt werden, um den Sultan gegen befürchtete Aufstände zu beschützen.

'Die bewachte Stadt' wurde Kairo damals genannt. Ohne Erlaubnis durfte kein Pferdewagen das Tor passieren. Gewöhnliche Bürger konnten Kairo nur mit Passierschein betreten.

Oben auf dem Tor findet man Zeichen einer noch älteren Vergangenheit. Beim Bau der massiven Türme und dicken Mauern, plünderte man sogar die heiligen Stätten der 'Alten Ägypter'. Im 14. Jahrhundert erlebte Kairo ein Goldenes Zeitalter. Zur Zeit der regierenden Mamlûken waren die Händler reich und die Sultane hatten hohe Einnahmen.

Die Märkte waren überschwemmt von Erzeugnissen aller Art. Aber dann hielt die Stadt in ihrer Entwicklung inne. Anarchie und Rechtlosigkeit machten sich breit. Es war die Zeit, in der die regierenden Mamlûken-Sultane reihenweise gemeuchelt wurden. Jeder der ermordeten Sultane hinterließ eine Moschee, so daß in den Jahren 1320 bis 1360 vierzig Gebetsstätten gebaut wurden. Und jeder wollte sich damit ein eigenes Denkmal setzen. Die Sultan Hassan-Moschee ist das größte Bauwerk, das die Architektur der Mamlûken-Zeit hervorbrachte. 1391 wurde sie von einer rebellierenden Partei der Mamlûken in eine Festung umgewandelt, damit man von dort aus die Zitadelle angreifen konnte.

1/1

Der islamische Stadtkern von Kairo

In Detailansicht öffnen

Blick auf die große Moschee, die im Areal der Zitadelle liegt.

Blick auf die große Moschee, die im Areal der Zitadelle liegt.

Mauern der Ibn-Tulun-Moschee

Die große Moschee auf dem Zitadellenhügel von Kairo wurde von Ali Muhammad im 19. Jahrhundert im türkischen Stil erbaut.

Sultan-Hassan-Moschee

Das Stadttor Bab-al-Futuh

Die Sultan-Hassan-Moschee aus dem 14. Jahrhundert war zu ihrer Zeit die größte Moschee der Welt.

Blick auf das Brunnenhaus und das berühmte Minarett mit der Außentreppe

Die Ibn-Tulun-Moschee aus dem 9. Jahrhundert ist einmalig in ihrer Art. Sie ist auch die flächenmäßig größte Moschee Kairos.

Eine Legende erzählt, der Sultan habe nach Vollendung des Baus dem Architekten die Hand abgeschlagen, damit er nicht eine weitere, ähnliche zeichnen könne. In der Mitte des Hofes steht der Brunnen für die Waschungen. Die meisten Gotteshäuser in der Mamlûken-Zeit wurden als sogenannte 4-Iwan-Moscheen entworfen. Um einen quadratischen Innenhof liegen kreuzförmig vier nach vorne offene Hallen. Der Moschee war eine Schule angegliedert, die sogenannte Madrasa. In den Iwanen und um das Brunnenhaus herum saßen oft Studenten der vier orthodoxen Rechtsschulen mit ihren Lehrern und diskutierten über den Koran und seine Auslegung. Heute dienen die riesigen Hallen nur noch als Gebetsräume. Hunderte von Ketten hängen von der Decke.

An ihnen befestigt sind kunstvoll gefertigte emaillierte Öllampen. In dem 40 Meter hohen Haupt-Iwan ist noch die ungewöhnlich große, marmorne Gebetstribüne erhalten. Oberhalb der Gebetsnische sind Suren aus dem Koran verewigt. Die kufischen Lettern auf dem kunstvoll gearbeiteten Arabeskengrund sind direkt in Gips geschnitten. Sultan Hassan selbst bekam seine Moschee und ihre meisterhafte Ausstattung nie vor Augen. Er wurde noch vor der Vollendung des Baus 1361 ermordet.

Wie er haben sich eine Vielzahl der verstorbenen Mamelûken-Herrscher schon vor ihrem Tod prachtvolle Grabmoscheen in den Totenstädten der Mamelken errichtet.

Der Hôsch al-Pascha, die Grabstätte der Familie des Paschas Mohammed Ali, gehört zu den prachtvollsten. Hier sollen, einem Gerücht zufolge, die Opfer eines gemeinen politischen Mordes liegen.

Mohammed Ali hatte die edelsten Feudalherren Kairos zu einem Gastmahl eingeladen. Und um die missliebigen Edelleute aus dem Weg zu räumen, ließ er sie nach dem Essen kaltblütig ermorden und sie später hier in seiner eigenen Familiengruft begraben.

Die Totenstädte von Kairo mit ihren Kuppeln und Minaretten sind einzigartig in den islamischen Ländern. Sie sind typisch ägyptisch und ihre Entstehung geht auf altägyptische Totenbräuche zurück, die sich bis heute erhalten haben. Große und kleine, einige jüngere, aber viele alte Moscheen gibt es im islamischen Kairo. Sie füllen sich fünfmal am Tag, zu den Gebetszeiten.

Als der weitgereiste arabische Gelehrte Ibn Chaldun die ägyptische Hauptstadt im 14. Jahrhundert besucht, erscheint sie ihm anders als alle anderen Städte. Er nennt Kairo die "Heilige Stadt des Islam, den Garten des Universums, die Metropole der Welt."

Oder wie steht es in den Geschichten von 1001 Nacht: "Wer Kairo nicht gesehen hat, hat die Welt nicht gesehen."

Buch und Regie: Wolfram Giese

Filmmusik & Stab

Siebert, Büdi
Schätze der Welt I
Hamza El Din
The Water Weel
Hamza El Din
I remember
Foday Musa Jusa
Tilliboys
Kronos Quartet
Westerrath, Gerhard
Das islamische Kairo
Hamza El Din
Buch und Regie:
Wolfram Giese
Kamera:
Eberhard Scheu

Zurück zur Startseite von:

Sendezeit

3sat
Sonntags:
19.40 Uhr

SWR Fernsehen
Sonntags:
6.00 Uhr
Torii
Gesamtliste - alle Folgen