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Filmtext & Video

14:53 min | So, 19.1.2020 | 6:00 Uhr | SWR Fernsehen

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Der Grosse Platz von Brüssel, Belgien, Folge 160

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Die Altstadt von Brüssel mit dem Grand' Place, dem Großen Platz wurde zum Kulturdenkmal erklärt. Er ist ein Zeugnis urbaner Demokratie. Als die reichen Brüssler Gilden im 15. Jahrhundert das aristokratische Stadtregiment ablösten, schufen sie sich mit diesem Karee kostbarer Zunfthäuser selbst ein Denkmal. Und als der Sonnenkönig Ludwig XIV. das Prunkstück freier Bürger in Schutt und Asche legte, bauten die Gilden ihn um 1500 kurzerhand als genaue Kopie seiner selbst wieder auf. Darauf sind die Brüsseler noch immer stolz und feiern sich und ihre Geschichte mit dem "Ommegang", einem prächtigen Umzug.

Filmtext

"Der Große Markt von Brüssel ist das schönste Theater der Welt!" meinte Jean Cocteau. Der Große Markt - eine Bühne seit hunderten von Jahren. Ein Zeugnis urbaner Demokratie: als die Gilden im 15. Jahrhundert das aristokratische Stadtregiment ablösten, schufen sie sich mit dem Bau kostbarer Zunfthäuser selbst ein Denkmal. So etwa sah das Schauspiel, das der Große Platz bot, um 1500 aus. Der feierliche Ommegang, der Umzug. Eine Prozession, die seit etwa 700 Jahren mit gleichem Ritual, mit Personen, die teils heute noch dieselben Namen der mittelalterlichen Teilnehmer tragen, begangen wird. Ein Theater vor steinernen Kulissen. Der Große Markt ist eine Bühne, auf der gelebt und gestorben wurde... im Spiel und in Wirklichkeit..

24.August 1665. Der französische König Louis XIV. gibt Befehl, Brüssel, die Hauptstadt der südlichen Niederlande, Teil des verhassten spanischen Großreichs, zu bombardieren. Französische Kanoniere gehen auf einem nahen Hügel in Stellung und visieren den Tarhausturm als Ziel der rotglühenden Kugeln an...

...nach drei Tagen liegt die Innenstadt mit ihrem Großen Platz in Trümmern. Der Grote Markt, der Stolz der Bürger, existiert nicht mehr. Doch wie ein Phönix aus der Asche entstand der gesamte Marktplatz ein zweites Mal. Als stilbereinigte Kopie seiner selbst bauen ihn die Gilden in wenigen Jahren wieder auf. Dabei setzen die Stadtherren strenge Regeln durch: ...eine einheitliche Traufhöhe, Vorschriften bezüglich Giebelform oder Fensterzahl, Sondersteuern auf Balkone - die daher am Grand Place kaum anzutreffen sind.

Obwohl der Große Markt durch Geschlossenheit beeindruckt, erweist er sich jedoch bei genauerem Hinsehen als widersprüchlich und komplex. Die Originalität des Renaissanceplatzes, der von einem gotischen Bau, dem Rathaus beherrscht wird, liegt in seiner mangelnden Einheit, dem ständigen Widerspruch zwischen Mittelalter und Moderne. Besonders an der Westseite triumphiert der mittelalterliche Partikularismus, obwohl er in ein barockes Gewand gekleidet ist. Jedes der schmalen Zunfthäuser versucht, sich um jeden Preis vom Nachbarn abzusetzen, ihn zu übertrumpfen. Gegenüber dem Rathaus steht das neugotische "Haus des Königs" wie ein feinziselierter Fels im Meer der Einzelinteressen. Und nur an einer Seite, im Osten, hat sich die Moderne und ihr Fürsprecher, der spanische Landvogt Maximilian Emanuel II., durchgesetzt: Das "Haus der Herzöge von Brabant" verbirgt hinter seiner weit ausladenden Barockfassade sechs verschiedene Zunfthäuser. So, von identischen, möglichst breiten Fassaden umstellt, würde der ganze Platz nun aussehen, hätten sich die Gildeherren nicht stur gestellt.

Auch die Bäcker gegenüber schmückten sich und ihre Domizile mit fremden Federn, beziehungsweise Kronen. Der König von Spanien verlieh ihrem Haus Prunk und Namen. Zwei Gefangene, ein Türke und ein Indianer, umrahmen dekorativ den Herrscher des Abendlandes, Kaiser Karl II. Das Zeitalter des Kolonialismus hat begonnen.

Beim Ommegang feiern sich Zünfte, Kaufleute und Magistrat selbst. Jahr für Jahr. Hier eine Darstellung von 1650. Seit dem 14. Jahrhundert präsentieren sich so die Gilden und Zünfte, der Magistrat und die Patrizierfamilien der Stadt. Die Stadtanalen vermerken, dass der Magistrat anno 1365 eine Abgabe zur Deckung der Kosten des Umzugs von der Bevölkerung erhob. Die historischen Gestalten werden heute von Puppen dargestellt - oder von Mitgliedern eines Vereines, der sich "Nachkommen der alten Brüsseler Geschlechter" nennt.

Die reich geschmückte Fassade des Rathauses - Vorbild derer von Wien und München - ruft stets die Stadtgeschichte in Erinnerung und gab gleichzeitig den Abgeordneten, die in erster Linie als Richter und Gesetzgeber fungierten, Handlungsweisungen. Hier, an einem Kragstein der Löwentreppe, schneidet der seinerzeit für seine Unbestechlichkeit bekannte Richter Herkebald eigenhändig seinem Neffen, der eine Frau vergewaltigt hat, die Kehle durch. Daneben heile Welt im späten Mittelalter: Eine Frau wiegt ihr Kind und stillt unterdessen ihren Säugling. Der Mann ist just aus fernen Landen heimgekehrt... Hinter seinem Rücken - eine Rückblende: was trieb die Gattin, als er fernab weilte, mit dem Turbanträger? Episoden und Spottgeschichten, die das Leben schrieb... und darüber blicken 137 Brabanter Fürsten und Fürstinnen ungerührt über den Platz. Zum Beispiel auf den "Hirsch" oder "Engel", den "Maulwurf", die "Goldene Schaluppe" oder auf "Die Taube" genau gegenüber. In der "Taube" wohnte 1855 der aus Frankreich verbannte Schriftsteller Victor Hugo. In seinem ersten Brief aus dem Exil schrieb er an seine Frau "Brüssel hat mich sehr begeistert...Das Rathaus ist ein Juwel und der es umgebende Platz ein wahres Wunder. Es entsprang der Phantasie eines Dichters und fiel in den Kopf eines Architekten". Ein Juwel allerdings mit kleinen Fehlern. Nicht ganz lupenrein: der Grundriss. Der rechte Flügel ist deutlich kürzer als der linke. Der Mittelturm, er war anfangs niedriger gedacht, sollte das Rathaus ursprünglich, nach dem Plan von 1402, nach rechts begrenzen. Das ist noch immer klar zu sehen: die rechte Turmmauer fällt als Außenmauer deutlich breiter als die linke aus. Der ursprüngliche Eckturm wurde zum Mittelturm erklärt und rechts von ihm ein weiterer Flügel angebaut. Andernfalls hätte die Konkurrentin Brügge mit ihrem neuen, mächtigen Ratsgebäude Brüssel im wahren Sinn des Wortes überflügelt. Auch bei der Gestaltung der Innenräume gaben sich die Brüsseler selbstbewusst. Im Ambiente Ludwig XIV., dem Zeitgeschmack des ausgehenden 17. Jahrhunderts, versammelten sich die Stände von Brabant. Feudal schritten die Herren zu Rat und Tat. Historische Räume wie dieses sogenannte "Schöffenzimmer", sind auch heute noch Arbeitsplätze der Stadtverwaltung und des Bürgermeisters. Sein Amtssitz zur Verwaltung der zweisprachigen Metropole liegt ganz symbolisch an einem Ort, der wie ein Januskopf zwei Seiten hat. Denn eigentlich besteht der Große Platz aus zwei verschiedenen ineinander verschachtelten Plätzen. Die Unterschiede werden in den Bezeichnungen der beiden Landessprachen klar benannt.

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Europa: Belgien - Der Grosse Platz von Brüssel

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"Der Große Markt von Brüssel ist das schönste Theater der Welt!" meinte Jean Cocteau.

"Der Große Markt von Brüssel ist das schönste Theater der Welt!" meinte Jean Cocteau.

Der Große Markt - eine Bühne seit hunderten von Jahren. Ein Zeugnis urbaner Demokratie: als die Gilden im 15. Jahrhundert das aristokratische Stadtregiment ablösten, schufen sie sich mit dem Bau kostbarer Zunfthäuser selbst ein Denkmal.

24.August 1665. Der französische König Louis XIV. gibt Befehl, Brüssel, die Hauptstadt der südlichen Niederlande, Teil des verhassten spanischen Großreichs, zu bombardieren. Nach drei Tagen liegt die Innenstadt mit ihrem Großen Platz in Trümmern. Der Grote Markt, der Stolz der Bürger, existiert nicht mehr. Doch wie ein Phönix aus der Asche entstand der gesamte Marktplatz ein zweites Mal.

Obwohl der Große Markt durch Geschlossenheit beeindruckt, erweist er sich jedoch bei genauerem Hinsehen als widersprüchlich und komplex.

Die Originalität des Renaissanceplatzes, der von einem gotischen Bau, dem Rathaus beherrscht wird, liegt in seiner mangelnden Einheit, dem ständigen Widerspruch zwischen Mittelalter und Moderne.

Gegenüber dem Rathaus steht das neugotische "Haus des Königs" wie ein feinziselierter Fels im Meer der Einzelinteressen.

Und nur an einer Seite, im Osten, hat sich die Moderne und ihr Fürsprecher, der spanische Landvogt Maximilian Emanuel II., durchgesetzt:

Das "Haus der Herzöge von Brabant" verbirgt hinter seiner weit ausladenden Barockfassade sechs verschiedene Zunfthäuser.

Auch die Bäcker gegenüber schmückten sich und ihre Domizile mit fremden Federn, beziehungsweise Kronen. Der König von Spanien verlieh ihrem Haus Prunk und Namen.

Eigentlich besteht der Große Platz aus zwei verschiedenen ineinander verschachtelten Plätzen. Die Unterschiede werden in den Bezeichnungen der beiden Landessprachen klar benannt. Der ältere, flämische Name "Grote Markt" benennt die Funktion des Platzes als bedeutenden Warenumschlagsort, als Zentrum des Handels am Kreuzweg mittelalterlicher Verkehrswege. Die französische Bezeichnung betont entsprechend dem Geist der anderen Kultur und der späteren Zeit mit dem Namen "Grand Place" dessen äußere Form.

Das "Horn", das "Haus der Schiffer" (im Bild zweites Haus von links) hat den originellsten Giebel des Platzes. In Form eines Hecks eines Handelsschiffes aus dem 17. Jahrhundert. Die Brüsseler wussten, woher der Wind weht.

50 Jahre später, 1793, zog die französische Revolutionsarmee in Brüssel ein.

Der ältere, flämische Name "Grote Markt" benennt die Funktion des Platzes als bedeutenden Warenumschlagsort, als Zentrum des Handels am Kreuzweg mittelalterlicher Verkehrswege. Die französische Bezeichnung betont entsprechend dem Geist der anderen Kultur und der späteren Zeit mit dem Namen "Grand Place" dessen äußere Form. Der Platz wurde zum Ort der Repräsentation. Und so zeigt er sich immer wieder von einer anderen Seite - mal praktisch, mal prunkvoll, merkantil oder offiziell. Heute noch finden hier fast alle Brüsseler Feste und viele Märkte statt. In alten Zeiten gab es sogar einen bekannten Hundemarkt. Daran erinnert nur noch ein Brunnen in einer Seitengasse. "De Vos", "Der Fuchs", war das Haus der Krämerinnung. Die geben sich nach außen jedoch nicht als schlaue Füchse. Als harmlose Putten gehen sie ihrem lohnenden Gewerbe nach. Justitia selbst bürgt für die Ehrlichkeit der Hausherren. Flankiert wird die Göttin der Gerechtigkeit von den damals bekannten vier Erdteilen, aus denen die Handelswaren kamen: Afrika, Europa, Asien, Amerika - ein Erdteil, der in der guten alten Zeit des Großen Marktes vor Bombardement und Restaurierung noch gar nicht entdeckt war, nun aber nicht verschwiegen werden konnte. Und zu allem gibt der Heilige Nikolaus, der weitgereiste Patron der Kaufleute, seinen Segen.

Das "Horn", das "Haus der Schiffer" hat den originellsten Giebel des Platzes. In Form eines Hecks eines Handelsschiffes aus dem 17. Jahrhundert. Die Brüsseler wussten, woher der Wind weht. Das machte die Stadt reich, ihren Marktplatz zum Prunkplatz. Und ausgerechnet hier brachten Karl Marx und Friedrich Engels das Kommunistische Manifest zu Papier? Im Haus "Zum Schwan", das 1698 nicht von einer Zunft, sondern von einem international operierenden Großhändler neu aufgebaut worden war. Danach war es ein Mittelpunkt der erstarkenden Arbeiterbewegung. Heutzutage geht es hier wieder weniger proletarisch zu - im Restaurant "La Maison du Cygne".

Häuser erzählen Geschichten... die Geschichte eines Platzes, die sich auch im wechselhaften Verhältnis der Brüsseler Bierbrauer zu einem gewissen Reitersmann spiegelt: Um dem spanischen König zu schmeicheln, bekrönten die Brauer den Giebel ihres Zunfthauses... mit einer Steinfigur seines Stellvertreters in den Südlichen Niederlanden. Doch sparten sie beim Material, so dass vom Kurfürsten Max Emanuel II. ständig Gesteinsbrocken hinab fielen und der hohe Herr zur Gefahr für die Passanten wurde. Er wurde durch eine Bronzefigur ersetzt, die wiederum, als die Niederlande an Habsburg fielen, gegen Karl von Lothringen ausgetauscht wurde, den Statthalter Maria Theresias in Brüssel. Die kleine Korrektur wurde damals auch auf der entsprechenden Architekturzeichnung im Archiv der Stadt vorgenommen.

50 Jahre später, 1793, zog die französische Revolutionsarmee in Brüssel ein. Die Brauer hoben den österreichischen Feudalherren in vorauseilendem Gehorsam vom Sockel. Erst als Napoleon ins Exil nach Elba musste, war Karl von Lothringen wieder ganz oben. Doch kaum auf dem Dach, kehrten die Franzosen zurück und es ging wieder abwärts mit dem spanischen Statthalter. Heute droht Karl von Lothringen keine Gefahr mehr und von nahem sieht es so aus, als sei der Fürst mit dem Dichter trotz allem einer Meinung: "Der Große Markt von Brüssel ist das schönste Theater der Welt!"

Nur noch ein Wort... über die respektlosen Geschichten, die sich die Brüsseler über ihre Helden und Heiligen erzählen: Da soll der Karl von Lothringen auf sein Gegenüber, den heiligen Bonifacius deuten und rufen: "Der Scheinheilige da drüben hat Unzucht getrieben!" "Lüge!" Ruft der aus und zeigt auf den Nikolaus. "Von dem da sind die unehelichen Kinder!"

Buch und Regie: Thomas Uhlmann

Filmmusik & Stab

Kraft, Oliver
Schätze der Welt II
Schade, Jan Tilmann
Grand Place

Buch und Regie: Thomas Uhlmann
Kamera: Andreas Bergmann

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