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Europa: Deutschland/Polen Filmtext & Video

Der Fürst Pückler Park in Bad Muskau

14:41 min | So, 10.11.2019 | 5:55 Uhr | SWR Fernsehen

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Fürst Pückler Park: Muskauer Park - Park Muzakowski, Deutschland Polen, Folge 325

SWR

Das Kulturdenkmal gilt dem Landschaftspark Fürst-Pückler-Park (Park Muzakowski) in Bad Muskau. 1945 gab es eine Teilung der Parkanlage,durch die neue deutsch-polnische Grenze. Seit den 1990er Jahren gibt es eine Intensivierung der Zusammenarbeit der deutschen und polnischen Verwaltungen, eine Brücke verbindet den deutschen und polnische Parkteil.

Filmtext

Fürst Pückler Park: Park von oben

Der Muskauer Park aus der Vogelperspektive betrachtet

Es hätte ihm das Herz zerrissen. Zu sehen, dass die Neiße wie eine Säge Waldstücke und Wiesen zerteilt, dass Grenzzäune den Schritt bremsen, den Blick einschränken und aristokratisches Erbe sozialistisch verwaltet wird. Er hatte nur mit ratternden Spinnrädern und rauchenden Schloten gerechnet. Der Muskauer Park war Fürst Pücklers Herz, der Spiegel seiner Seele.

"Man könnte die höhere Gartenkunst mit Musik vergleichen: ebenso passend als man die Architektur eine gefrorene Musik genannt hat, sie eine vegetierende nennen. Sie hat auch ihre Symphonien, Adagios, Allegros."

Hier war man schon immer ein wenig abgelegen. Weit im Osten. Auch als im 18. Jahrhundert ein eher grobschlächtiger Graf Pückler aus Cottbus eine sehr junge von Callenberg und ihr Erbe heiratet.

Die Standesherrschaft Muskau in der Lausitz war reich an Eisenwerken, Glashütten und Untertanen. Aber die Ehe des ungleichen Paares verlief unglücklich und die Kindheit des ältesten Sprosses Hermann auch.

Er war das enfant terrible der feinen Gesellschaft zwischen Berlin und Dresden und der Liebling der Frauen weit über deutsche Grenzen hinaus. Er bereiste die Welt zu Fuß und per Nobelkutsche und schrieb Bücher, die von Goethe geschätzt und von Heine gelobt wurden. Und er schenkte Muskau den englischen Landschaftsgarten. Der Fürst selbst ist Autor, Regisseur und Kulissenschieber in seinem Park.

Parkidylle

Wasser und Bäume harmonieren im Muskauer Park

Schritte lenken, Blicke leiten - in arrangierter Natur, durch inszenierte Landschaft. 1815 brachte Pückler diese Ideale von einer Englandreise mit an die Neiße. Prosaische Spaziergänger der Neuzeit sollten sich Pücklers Schriften zur Landschaftsgärtnerei anvertrauen, um hinter vordergründiger Feld-Wald-und-Wiesen-Natur die große Vision wahrzunehmen.

"Wege sind die stummen Führer des Spazierengehenden und müssen selbst dazu dienen, ihn ohne Zwang jeden Genuss auffinden zu lassen. Biegungen unterliegen gewissen malerischen Geschmacksregeln und es müssen zuweilen erst Hindernisse geschaffen werden, um die günstigste Linie auf natürlich scheinende Weise zu erhalten."

Pückler sorgt in feschen Uniformen für Furore, präsentiert sich mit einem Hirschgespann auf dem Berliner Ku’Damm, lässt kein Duell und keine schöne Frau aus. Als er einmal zu hoch hinaus will - in einem Ballon - wird er in einer brandenburgischen Fichte enden und als Baron Münchhausen in die Literatur eingehen.

"Weit über 2000 Morgen des mir nötigen Terrains (waren) Eigentum einzelner Bürger oder Dorfgemeinden,... Die großen Verluste welche mir Krieg und andere ungünstige Umstände jahrelang zuzogen, erlaubten mir, nur langsam fortzuschreiten.. Der letzte Übelstand war der, dass das dem Schlosse nächste Land nur aus unfruchtbarem Sande und eisenhartem Lehm bestand… Als ich anfing, die Stadtstraße zu demolieren, wurden mehrere wirklich zweifelhaft, ob es mit meinem Verstande noch seine Richtigkeit habe."

Morgenstimmung

Morgenstimmung

Pückler will das Neißetal und seine Bürger nach seinem Bilde formen. 750 Hektar freie Natur für freie Menschen. Ausgehobene Seen, aufgeschüttete Hügel, inszenierter Wildwuchs von Bäumen, ein ausgeklügeltes System von Sichtachsen – die beherrschte Natur, die perfekte Illusion. Es braucht Zeit und einen wahrlich gelenkten Blick, um diesen Wurf zwischen Großartigkeit und Größenwahn zu erkennen. Wege hin- und herwandeln, die Veränderung der Perspektiven wahrnehmen. Es ist nichts Kleinliches um diesen Park, eher eine große Geste...

Der zweite Weltkrieg und seine Folgen zertrennten die Achsen und vertrieben den freien Geist. Erst nach dem Zusammenbruch der DDR fingen Polen und Ostdeutsche an, den geteilten Park gemeinsam zu pflegen. Seit 2004 ist die alte Doppelbrücke über die Neiße passierbar. Hatte Pückler nicht auch schon unter Kleinstaaterei, Grenzziehungen und Herrschaftswechseln gelitten?

Dichter, Sänger, Staatsmänner und Philosophen, aber auch das fahrende Volk zieht Pückler in den für ihn zu abgeschiedenen Erdenwinkel. Die alte Standesordnung diniert hier ebenso wie die preußische Adelsopposition. Reformer und romantische Schwärmer lassen sich gleichermaßen von dem schillernden Fürsten umwerben wie düpieren. Und sie verehren und verspotten ihn. Sicher war an diesem Gastgeber nur eines: seine Extravaganz und seine ewige Geldnot.

Dem soll Lucie abhelfen. Eine noch nicht geschiedene Reichsgräfin von Pappenheim, geborene von Hardenberg. Der Don Juan aus der Lausitz hält mit 32 um die Hand der neun Jahre älteren Frau an.

"Als wir uns heirateten war sie, aufrichtig gestanden, verliebt in mich, ich aber nicht im Geringsten in sie, und sagte ihr unumwunden, dass ich unsere Verbindung nur als Konvenienzheirat ansähe und mir jede Freiheit vorbehielte." Und doch - so will es uns scheinen - war es eine ganz besondere Ehe - festgehalten in einem lebenslangen Briefwechsel: "…liebe Schnucke….meine Pulvertonne... vielgeliebtes Schnuckentier…. Frau Kommissonärin…"

Lucie wird weiterführen, was der unruhige Geist begonnen hat. Sie ist die Konstante in seinem Leben und im Park und kann zusehen, wie beides ihre Mitgift verschlingt. Mit leeren Taschen macht sich Pückler 1826 auf nach England. Nicht der Gärten, sondern der Frauen wegen. Eine reiche - neue - Partie soll ihn aus dem Schuldental holen. In einem herzzerreißenden Brief gibt ihn Lucie frei.

Als Graf Smorltok und fortune hunter bereichert der deutsche Dandy die englische Literatur. Und er sammelt bei Dinnerparties und Reisen quer durchs Land Eindrücke, die er seiner Lucie im fernen Muskau in täglichen Briefen mitteilt. Nach drei Jahren kehrt Pückler zurück. Ohne Frau. Aber als Autor.

Lucie hat die Reiseberichte zu Literatur gemacht. "Briefe eines Verstorbenen" heißt das mehrbändige Werk, in dem ein sehr lebendiger Schürzenjäger über die Misses, den veramten Adel und die parlamentarische Demokratie räsonniert. Pikante Passsagen sind Lucies Zensur zum Opfer gefallen. Im verstaubten Preußen sorgen die Briefe für Rumoren und Belustigung. Und in Pücklers Portefeuille für einen vorübergehenden Finanzerfolg.

"Ich erinnere mich kaum irgendwo eine künstliche Insel gesehen zu haben, die ihre gezwungene Entstehung nicht auf den ersten Blick verriete. So fand ich im königlichen Garten bei Buckingham house... noch kürzlich eine solche, die mehr das Bild eines Puddings in seiner Sauce, als das eines von der Natur gebildeten Eilands abgab."

Eingang zum Fürst Pückler Park

Eingang im deutschen Teil des Muskauer Parks

Aber die Zeit der großen Parkvisionen ist jetzt vorbei. Die Schattenseite unserer Kunst: "Wir sind nämlich nicht imstande, in der landschaftlichen Gartenkunst ein bleibendes, abgeschlossenes Werk zu liefern, wie der Maler und Architekt. Es ist also eine leitende, geschickte Hand Werken dieser Art fortwährend nötig." Die leitende Hand… Sie war glücklicherweise nie ganz verschwunden. Schon zu DDR-Zeiten hat Eckhard Bruksch die Geschicke am deutschen Ufer der Neiße geleitet und zugesehen, wie auf polnischer Seite die Natur den Park zurückholte.

Mittlerweile wächst zusammen, was zusammen gehört und der gerade pensionierte Parkmeister freut sich über jede Sichtachse, die freigelegt werden konnte, über frisch gekieste Wege und die unerhörte Leichtigkeit, die Seiten zu wechseln. Polnische und deutsche Jugendliche harken, holzen und pflanzen miteinander - ein Projekt gegen die Arbeitslosigkeit. Und die Anerkennung als Weltkulturerbe ist auch ein gemeinsamer Erfolg beider Länder. Nach 30 Jahren wucherndem Schweigen muss das für Eckhard Bruksch ein fürstliches Abschiedsgeschenk sein.

Schloss

Das Neue Schloss mit den Luciensee

Ein Traumschloss im lausitz’schen Arkadien - der Entwurf von Schinkel blieb wie so mancher Höhenflug eine Vision auf Papier. Aber den Traum von der Orientreise erfüllte sich Pückler.

1834 verreist er fünf lange Jahre. Auch dieses Abenteuer wird Bücher füllen. Geschichten wie aus 1001 Nacht. Von Giraffenjagd, einer Fahrt auf dem Nil, der Überquerung des Atlas-Gebirges mit 4000 Kriegern und - einer zauberhaften kleinen Sklavin. Aber das ist schon wieder eine neue Geschichte.

Die gute alte Schnucke wird erstmals zürnen, Pückler sich winden und zusehen, wie das exotische Kind im fremden Land unglücklich stirbt. "So nun beschaffen wie Machbuba war, konnte ich dies süße Pflegekind für mich und für mich allein erziehen. Wie ein Maler sein ideales Bild nach Belieben modelt…".

Den republikanisch gesinnten Aristokraten zwischen den Bäumen aufspüren, den eitlen Casanova und selbstkritischen Geist im Fluss aufschimmern sehen, dem großherzigen und verschwendungssüchtigen Patriarchen auf den Bänken begegnen - viele Wege führen in Muskau zu Pückler.

800.000 gepflanzte Bäume und 42.000 Sträucher. Die Neiße umgeleitet, ein Dorf umgesiedelt, Brücken gebaut, ein Vermögen verbuddelt. 1845. Pückler wird Muskau - sehr zum Leidwesen von Lucie - verkaufen. Gemeinsam siedeln sie auf das Pücklersche Erbe, Schloss Branitz bei Cottbus über. Aber auch auf dem Alterssitz findet ein Pückler keine Ruhe.

Er wird wieder die Erde bewegen und einen neuen Park anlegen.

Buch und Regie: Eva Witte

Filmmusik & Stab

Musik:

Schätze der Welt II - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft

Soundtrack Fürst Pückler:
Biber Gullatz, Moritz Freise



Buch und Regie: Eva Witte
Kamera: Burkard Kreisel

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