Bitte warten...

Filmtext & Video

14:51 min | So, 18.8.2019 | 6:00 Uhr | SWR Fernsehen

Mehr Info

Der Aletsch Gletscher, Schweiz, Folge 287

SWR

Er ist der gewaltigste Gletscher der Schweizer Alpen: Der Aletsch, ein eisiger Gigant. 22 Kilometer beträgt die Länge dieser gewaltigen und gewalttätigen Eismasse, die in der Abgeschiedenheit des Alpenmassivs ein bizzarres Eigenleben führt. Jeden Augenblick wandelt sich das Erscheinungsbild des beweglich - festen - Eises. Seit Jahrzehntausenden. Die 27 Milliarden Tonnen des Aletsch Gletschers bewegen sich mit einer Geschwindigkeit von 200 Metern im Jahr talwärts und tragen riesige Gesteinsbrocken mit sich.

Filmtext

Der Strom der Zeit - ein Bruchteil der Ewigkeit.

Und es wird Morgen über den Schluchten des Alpenmassivs. Ein neuer Tag - ein neuer Atemzug der Schöpfungsgeschichte. Als ob er sich dem neugierigen Auge entziehen will, liegt der Aletschgletscher unter der Wolkendecke verborgen. Zögernd gibt der abziehende Nebelstrom den Blick auf den mächtigsten Gletscher der Schweizer Alpen frei.

Man kann seine wahre Dimension nicht erfassen, wenn man ihn vom Gipfel des Eggishorn unter sich erblickt und dem Trugbild der Augen Glauben schenkt. Unser Augenmaß versagt bei dem gigantischen Eisstrom. Über 22 Kilometer zieht sich der Aletsch Gletscher vom Jungfraujoch zum Rhonetal hinab.

Das Eisfeld: Ein Irrgarten kaum überwindbarer Schluchten, ständig umgeformt im Schmelzofen der Zeit. Das Alter des Riesen, der eine Fläche von 86 Quadratkilometern bedeckt, wird nach Jahrtausenden gemessen. Wenn er an Gewicht und Länge auch abnimmt, altert er kaum, da sich der Eiskörper ständig erneuert. Auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit, vor 18.000 Jahren, reichte er im Süden noch bis an die Bergketten jenseits des Rhonetals.

Dort ragen die Viertausender Gipfel auf, ziehen Weishorn, die Matterhornspitze und Monte Rosa die Bergsteiger in ihren Bann. Vor der fast unwirklichen Kulisse des Alpenmassivs übt auch der Eiszeitriese, schwerzugänglich im abgelegenen Hochgebirgstal, eine magische Anziehungskraft aus. Wie verloren wirken die Wanderer, die ihn zu besteigen wagen, vor der gigantischen Eisarchitektur.

Auf der Oberfläche hat sich am Gletscherrand bräunlicher Staub abgelagert, Abrieb von umliegenden Felswänden, den die Eismasse auf ihrer Wanderung mitträgt. Die poröse Haut des Riesen ist von Narben gezeichnet. Unter dem Druck ungeheurerer Bewegungskräfte entstehen im Eis tiefe Risse, gefährliche Abgründe: Die Gletscherspalten.

Gletschertische... der Schatten des Felsblocks selbst schützt seinen Eissockel vor der Sonne. Aus gepresstem Schnee, nicht aus gefrorenem Wasser, besteht das Gletschereis. Es bildet sich hoch oben in den Zonen ewig fallender Niederschläge. Zehn Jahre vergehen, ehe schwerelose Schneeflocken sich in die schwere, formbare Eismasse verwandeln. Das Gewicht der Zeit.

Eis und Stein. Gewaltige Felsbrocken trägt der Eisstrom spielend mit sich. Die dunklen Rückenlinien des Aletsch sind seine Wegspuren. In fast 4000 Meter Höhe liegt das Nährgebiet des großen Aletsch Gletschers, der sich aus drei Firnfeldern speist, die am Jungfraujoch zusammenlaufen. Auf diesen Steilhängen verdichtet sich der Schnee allmählich zu Firn, schweren, porösen Eiskristallen, die unter dem eigenen Gewicht in Bewegung geraten. 27 Milliarden Tonnen Gletschereis gleiten unaufhaltsam talwärts, 60 Zentimeter täglich.

Die gewaltige und gewalttätige Eismasse versetzte die Bewohner des Wallis seit je in Schrecken - und in Geistergeschichten suchten die Menschen eine Erklärung für unheimliche Naturerscheinungen. Dort, wo durch Spannung klaffende Wunden in der Eismasse aufgerissen wurden, glaubten sie, Klagelaute zu hören. Dringt nicht aus jenen Gletscherspalten das Wimmern und Stöhnen armer Seelen, die der Erlösung harren?

In der Sage wird überliefert, dass, wer den besonderen Blick hatte, die Seelen sehen konnte, die, festgefroren im Eis, für ihre Sünden büßten: die blau leuchtenden Gletscherspalten waren der Eingang zum eisigen Fegefeuer.

1/1

Europa: Schweiz

In Detailansicht öffnen

Aletschgletscher

Aletschgletscher

Teilansicht Gletscher mit Gebirge

Aletschgletscher

Gletscherzunge mit Gletscherwanderern

Gletscherzunge mit Gletscherwanderern

Gletscherzunge mit Gletscherwanderern

Aletschgletscher

Aletschgletscher

Aletschgletscher

Aletschgletscher

Aletschgletscher

Das Märjelental am Rande des Gletscherbetts: hier bildet die Eismasse eine Barriere für das Quell- und Schmelzwasser und staut es zum grünschimmernden Märjelensee auf. Doch wer den See im Spätsommer sucht, findet meist nur riesige Eisschollen, die er, wie Kunstwerke auf dem Gletscherrand aufgestellt, zurückließ, als er sich einen Weg durch die Eismasse bahnte. Vergängliche Plastiken, dem Wärmetod geweiht.

Kreislauf des Wassers.

Unter der Abbruchkante des Gletscherrückens öffnen sich magisch durchleuchtete Nischen und geheimnisvolle Höhlen, deren Wände die ganze Skala der Blautöne durchlaufen. Doch nur die unterschiedliche Lichtbrechung lässt die farblose Eismasse blau leuchten.

Ständig werden die Grotten zu neuen Räumen umgeschmolzen, oder brechen in sich zusammen. Es sind Zeiträume, im wahrsten Sinne.

Es ist, als ob dem Eisriesen in der warmen Jahreszeit der kalte Schweiß ausbricht. "Das Feste und das Flüssige ist ein und dasselbe", hatte der Philosoph Heraklit behauptet, "denn was in einander übergeht, muss von gleichem Stoff sein."

Geheimnisvolle Linien im Eis, - die rätselhafte Zeichensprache der Natur gleicht einem Kunstwerk, das der Mensch zu entschlüsseln sucht, indem er Zuflucht zur Wissenschaft nimmt.

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts werden die Gletscher vermessen und kartographiert. Das Gewicht und die Fließgeschwindigkeit des Aletsch wurde festgestellt, seine größte Eisstärke mit 900 Metern berechnet, doch unberechenbar bleibt, wann dieser Schatz der Menschheit unter dem Druck der Zeit zerrinnt, wie lange die Eismasse der ständigen Erwärmung standhält.

Ist nicht der Glaube an wissenschaftliche Daten auch nur ein hilfloser Versuch, sich des übermächtigen Eindrucks der Naturgewalt zu erwehren, wie es die mythische Betrachtungsweise vergangener Generationen war? Nicht die beeindruckenden Daten sind es, die uns in den Bann ziehen, sondern die überwältigende Erfahrung der eigenen, verschwindenden Größe.

Buch und Regie: Christian Romanowski

Filmmusik & Stab

Kraft, Oliver
Schätze der Welt II
Gullatz, Biber; Freise, Moritz
Aletsch Gletscher

Buch und Regie: Christian Romanowski
Kamera: Gerd Bleichert

Zurück zur Startseite von:

Sendezeit

3sat
Sonntags:
19.40 Uhr

SWR Fernsehen
Sonntags:
6.00 Uhr
Torii
Gesamtliste - alle Folgen