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Filmtext

Hirschstein im Orchon-Tal

Hirschstein im Orchon-Tal

Inmitten der weiten mongolischen Bergsteppe: gesetzte Steine - Gräber der Ahnen. Namenlose Zeugnisse einer vergangenen Zivilisation. Asiatische Hunnen, Uiguren und andere frühe Turkvölker siedelten hier, bestatteten ihre Krieger. An den fruchtbaren Ufern des Orchon lagen die Zentren großer, vergangener Steppenreiche. Und mitten im Kernland der Nomaden gab es eine legendäre Stadt, die für einen Wimpernschlag der Geschichte die mächtigste der Welt war.

Orchon-Flusslauf

Orchon-Flusslauf

Das Wasser des Orchon gibt der Bergsteppe Leben. Ein heiliger Fluss, mythenumwoben. Rund 1.000 Kilometer durchquert er das Herz der Mongolei, bevor er in den Baikalsee mündet. Seit Jahrtausenden weiden Tiere an seinen Ufern, geben den Menschen ein Auskommen. Wer hier lebt, muss sich an die Natur anpassen: an riesige Entfernungen und wegelose Wildnis. An harte Winter bis zu 50 Grad minus, scharfe Winde und staubige Sommer.

Nomaden im Orchon-Tal

Nomaden im Orchon-Tal

Das Orchon-Tal - Kernland der Steppenvölker. Die Vorfahren der heutigen Nomaden waren es, die im 13. Jahrhundert ein Weltreich gründeten, das vom Pazifik bis zum Mittelmeer reichte.

Sesshafte Kulturen könnten in diesen Regionen nur schwer bestehen. Leben heißt hier immer noch: Umherziehen mit mobilen Jurten.

Wie seit Jahrhunderten leben die Menschen von der Viehzucht und wandern von Weidestelle zu Weidestelle. Dennoch schufen diese ständig Umherziehenden feste Bauwerke.12 Meter hohe Lehmmauern aus ungebrannten Ziegeln. Sie schützten schon im 8. Jahrhundert eine Stadt mit vermutlich über 10 000 Bewohnern: Karabalgas - die Hauptstadt der Uiguren.

Von weitem schon kündete die Zitadelle von Macht und Reichtum - Karabalgas war ein frühes Handelszentrum an der Seidenstrasse. Aber man weiß nur wenig von der Architektur der Steppenreiche, die Bauwerke hinterließen, die man von Nomadenvölkern nicht erwartet.

Eine mobile Lebensweise, Pferde und die Kunst des Reitens waren die Basis der Steppenkultur. Sie gründet auf genügsamer Selbstversorgung. Von Stutenmilch und Pferdeblut konnten sich die Krieger ernähren, die im Mittelalter ganz Europa in Angst und Schrecken versetzten. Gebannt war der Blick auf die Mongolen gerichtet, die im 13. Jahrhundert zu Pferd das größte Landreich der Weltgeschichte erstürmten. "Man kann zwar ein Reich vom Rücken der Pferde erobern, aber es nicht vom Rücken der Pferde verwalten", warnte damals ein Berater seinen Herrn Dschingis Khan.

Wo heute Archäologen Ruinen bergen, wurde einst die Welt regiert. Lange war sie unter Steppengras begraben, die ehemals mächtigste Stadt der Erde: Karakorum - die Hauptstadt Dschingis Khans und seiner Söhne. 1220, im Jahr des Drachens, wurde sie als Zentrum des Weltreiches gegründet.

Die Nomaden hatten wenig Erfahrung im Bau von Städten. Waren sie doch fast immer zu Pferde unterwegs, auf Kriegszügen. Aber es gab ja genügend Spezialisten aus den eroberten Gebieten. Vor allem chinesische Einflüsse haben die Archäologen nachgewiesen.

In der weitläufigen Stadt fanden sie Händler- und Handwerkerviertel. Aber in Karakorum wurde nicht nur gehandelt und verwaltet. Es war auch ein religiöses Zentrum. Es gab eine Moschee und eine christliche Kirche, vorherrschend war der frühe Buddhismus. Hunderte von kleinen, verzierten Stupas aus Lehm hat man unter dem Flugsand in einem Tempel gefunden.

Über 10 000 Menschen sollen in Karakorum ganzjährig gewohnt haben - großflächig hat man in der Stadt der Reiternomaden gebaut, wissen die Archäologen heute. Eine steinerne Schildkröte, Symbol für Ewigkeit und langes Leben. Sie trug eine Inschrift der Palaststadt. Aber noch ist es ein Rätsel, wo der Palast der mongolischen Großkhane stand. Und wo die ungeheueren Reichtümer geblieben sind, die die Reiterhorden auf ihren ausgedehnten Kriegszügen erbeuteten.

Kloster Erdene Zuu, Orchon-Tal

Kloster Erdene Zuu, Orchon-Tal

Neben dem Ruinenfeld des Tempels steht heute eine Klostermauer. Stand hier früher der Palast der Großkhane? Detailreich schildert ein Zeitzeuge des 13. Jahrhunderts einen auf Säulen gebauten Palast, in dem Milch, Schnaps und Honig aus einem silbernen Baum flossen. Grabungen unter den Klostermauern stießen auf ein älteres Mauerwerk. Alles deutet darauf hin, dass diese Entdeckung nur der lange gesuchte Palast Dschingis Khan sein kann. Die prachtvoll geschilderte Palaststadt also genau dort lag, wo heute das Kloster steht.

Kloster Erdene Zuu

Kloster Erdene Zuu

Es war das erste buddhistische Kloster der Mongolei, 1586 gebaut. Es heißt Erdene Zu, "Kostbarer Herr". Einst standen hier 62 Tempel für mehr als 10 000 Mönche, in einem großen Geviert mit stupageschmückten Mauern. Heute ist Erdene Zu wieder ein Ort der Meditation - vor nicht allzu langer Zeit war das Kloster menschenleer und verlassen.

Lama Tempel im Kloster Erdene Zuu

Lama Tempel im Kloster Erdene Zuu

Der zentrale Klostertempel im Orchon-Tal ist nach tibetischen Vorbildern gebaut. Dreigeschossig mit Holz-Ornamenten. Uralt sind die Beziehungen zu Tibet und es war ein mongolischer Fürst, der im 16. Jahrhundert zum ersten Mal den Titel "Dalai Lama" verlieh.

Seit dieser Zeit bekennen sich die meisten Mongolen zum Gelbmützen-Buddhismus der tibetischen Schule. Klöster und Lama-Mönche prägten für Jahrhunderte das religiöse und soziale Leben. Sie ersetzten Schulen, Universitäten, Krankenhäuser. Und jede Familie schickte mindestens einen Sohn zur Ausbildung ins Kloster.

Nach alter Nomadentradition versammeln sich die Mönche auch in Jurten zum Gebet. Zwei Stunden täglich konzentrieren sie sich, durch Wiederholung von Mantren und Lobesformeln, durch Meditation und Rhythmus, um sich vom weltlichen Dasein zu lösen. Im Herzen der Mongolei herrscht ein weicher, volkstümlicher Buddhismus, der die alte Naturreligion und Geisterverehrung einbezieht.

Es ist noch nicht lange her, dass die Mönche wieder zu Buddhas Ehren in die Muschel blasen dürfen. Über 50 Jahre lang war Religion in der Mongolei verboten. In den Jahren der sowjetischen Vorherrschaft wurden fast alle Klöster zerstört, so auch Erdene Zu, das prachtvollste in der Mongolei.

Heute gibt es wieder junge Mönche, aber ein Großteil der Kultgegenstände und kostbare heilige Bücher in Sanskrit gingen verloren. Nicht einmal das Wort "Buddha" durfte damals ausgesprochen werden. Mönche wurden bedroht, ins Gefängnis gesteckt oder in die Armee. Erst allmählich lernen die Jungen wieder, sich in den Ritualen zurechtzufinden.

Seit dem Zusammenbruch des Sowjetreiches und der Unabhängigkeit der Mongolei hat die Religion wieder ihren Platz gefunden. Der Buddhismus erlebt eine Renaissance. Klostergebäude werden im ganzen Land renoviert. Nach alter Tradition umrunden Gläubige wieder die 100 Stupas der Mauern von Erdene Zu. Auf ihren Armen die Bücher der Klosterbibliothek vollziehen sie symbolisch den Leidensweg Buddhas. Und hoffen nebenbei auf die Erfüllung ihrer kleinen und großen Wünsche.

Für die heutigen Mongolen ist Erdene Zu ein heiliger Ort, aber auch ein Ort nationaler Identität. Die Urururenkel in der Stadt Dschingis Khans leben heute bescheiden. Vergangene Großreiche haben mit ihrem Leben wenig zu tun. Ihr Feind heißt Arbeitslosigkeit und Langeweile. Ihre Kämpfe sind leicht gewonnen.

Buch und Regie: Elke Werry

Filmmusik & Stab

Musik:

Schätze der Welt II - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft

Soundtrack Orchon-Tal:
Stefan Eichinger, Steffen Neuert


Buch und Regie: Elke Werry
Kamera: Donald Saischowa

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