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14:50 min | So, 10.11.2019 | 5:55 Uhr | SWR Fernsehen

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Dessau-Wörlitz: Gartenreich Dessau-Wörlitz, Deutschland, Folge 279

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Das Gartenreich von Dessau-Wörlitz liegt eingebettet in der Auenlandschaft der Elbe und umfasst sieben Schloss- und Parkanlagen auf einer Gesamtfläche von 145 qkm. Herzstück des Gartenreichs sind die Parkanlagen von Wörlitz, die als erster Landschaftsgarten nach englischem Vorbild auf dem Kontinent entstanden sind. Seen und Kanäle, Brücken und Grotten, Wiesen und Bäume, Tempel und Monumente: gestaltete Natur, die in jeder Wegbiegung neue malerische Bilder bereithält. Die Wörlitzer Anlagen sind um das klassizistische Landhaus entstanden, das der Architekt Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorf für den Landesherrn, Fürst Leopold III Friedrich Franz von Anhalt-Dessau, baute. Beide hatten sich dem Bildungsideal der Aufklärung verschrieben.

Filmtext

Wasser und Himmel, weite Aussichten, schmale Durchblicke: wie ein Gemälde wirkt diese Landschaft, entrückt und gegenwärtig zugleich, ein vollendetes Ensemble von Gartenkunst, Architektur und Natur aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.

Die Parkanlagen von Wörlitz sind das Herzstück eines Gartenreichs, das sieben Schloss- und Gartenanlagen umfasst. Es liegt eingebettet in der Auenlandschaft der Elbe und dehnt sich über eine Strecke von 20 Kilometer bei Dessau aus.

Das Gartenreich ist Teil des ehemaligen Fürstentums Anhalt- Dessau, das, zwischen den mächtigen Nachbarn Preußen und Sachsen gelegen, jahrhunderte lang Durchmarschgebiet aller möglichen Armeen war. Trotzdem wurde dieses kleine, verarmte Land, dank eines Fürsten, zum bewunderten Musterstaat der Aufklärung. Leopold der Dritte Friedrich Franz von Anhalt- Dessau war keine Soldatennatur, wie Vater und Großvater, sondern ein umfassend gebildeter Schöngeist, der sich der Philosophie der Aufklärung verschrieben hatte. Als 18-Jähriger wollte er mit seiner bürgerlichen Geliebten nach England ziehen und sich dort eine Existenz aufbauen. Das ließ der Preußenkönig Friedrich aber nicht zu. Franz musste Luise von Brandenburg- Schwedt heiraten und den Pflichten eines Fürsten nachkommen. Wenn er schon nicht in England leben durfte, so wollte sich Fürst Franz wenigstens in seinem Land mit dem Geist der Freiheit und Toleranz umgeben - Voraussetzung für soziale Reformen nach englischem Vorbild.

Besonders angetan war er von den englischen Landsitzen im Stil des italienischen Baumeisters Andrea Palladio. Die klaren Linien und Proportionen erschienen ihm als Sinnbilder einer aufgeklärten Geisteshaltung. So entstand 1773 in Wörlitz das erste klassizistische Gebäude auf dem Kontinent. Das Landhaus ist Ausdruck der Männerfreundschaft zwischen Fürst Franz und dem Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff und Erinnerung an die gemeinsamen Bildungsreisen nach England und Italien.

In Rom konnten sie die Kunstschätze der Antike wie den Apollo Belvedere im Original betrachten. Ihre Vision einer schöneren, edleren Welt brachten sie in die Elbauen mit. Diese Vision wollte Fürst Franz aber nicht für sich allein behalten. Möglichst viele seiner Untertanen sollten sich von der antiken Kunst inspirieren lassen. Wer wahre Schönheit erlebt, kann Gutes bewirken, war seine Überzeugung. Und so konnte jeder von Anfang an das Landhaus besuchen und die Kunstschätze bestaunen.

Dekoration und Ausstattung waren bis ins Detail aufeinander abgestimmt; genau für diesen Standort wurden die Vasen des Engländers Josiah Wedgwood angeschafft, Kopien antiker griechischer Fundstücke. Um das Landhaus herum legte Fürst Franz im Laufe von 35 Jahren eine große Parkanlage an. Auch sie stand allen Besuchern offen und vermittelte ein völlig neues Gartenerlebnis außerhalb Englands. Vorbei die formale Strenge französischer Anlagen; hier gab nicht der Mensch, sondern die Natur den Ton an. Eine Natur freilich, die nach den Prinzipien der Landschaftsmalerei sorgsam inszeniert wurde. Schönheit allein, befand Fürst Franz, reichte nicht aus, sie sollte auch nützlich sein. Und so umfassten die Wörlitzer Anlagen auch Äcker und Wiesen, Weiden und Obstgärten. Fürst Franz betrieb die Modernisierung der Landwirtschaft im ganzen Land. Er führte die Fruchtwechselwirtschaft ein und viele neue Obstsorten. Seine Baumschulen nannte er "Rüstkammern des Gartenreichs". Die Rückkehr zur Natur, die Besinnung auf Ursprünglichkeit waren auch Leitgedanken des Philosophen Jean-Jacques Rousseau, den Fürst Franz verehrte. Seine Grabstätte bildete er in Wörlitz nach. Die Wörlitzer Anlagen erlebt man im Gehen, in den ständig wechselnden Blicken und Perspektiven, in den Kontrasten zwischen den weiten Elbauen jenseits des Deichs und den gestalteten Gartenbildern. Bei Fürst Franz und seinen empfindsamen Zeitgenossen löste das ein wahres Wechselbad der Gefühle aus.

Da taucht man aus dem dunklen, kühlen Schatten der Eiben auf und erblickt vor sich im hellen warmen Sonnenlicht das Pantheon, den Tempel der Götter in Rom. Das bange Frösteln weicht dem freudigen Blick auf das Erhabene. Vom Lieblichen bis zum Schaurigen, vom Geistigen bis zum Erotischen reicht die Bandbreite der Stimmungen. Meistens hatten die gebauten Reiseandenken auch einen praktischen Nutzwert. Dieses Wachhaus am Deich dient dem Hochwasserschutz, es hat die Form eines antiken Grabmals in Tivoli. Das Relief ist einer etruskischen Vasenmalerei nachempfunden. Blickpunkt vieler Sichtachsen im Park ist der Venustempel, ein Nachbau des Sibyllentempels in Tivoli. Das Motiv wurde in Kupfer gestochen, vervielfältigt und verbreitet - mit der Folge, dass es bald kaum einen europäischen Landschaftsgarten ohne Rundtempel gab. Fürst Franz fand nichts dabei, in Sichtweite klassischer Tempel ein Gotisches Haus zu bauen. Das kannte er aus England, wo das Gotische als Ausdruck natürlicher Sinnlichkeit und Leidenschaft galt. Hier lebte der Fürst in späteren Jahren mit seiner Geliebten, der Gärtnerstochter Luise Schoch. Die Anlagen von Wörlitz wurden zum Inbegriff zeitgemäßer Gartengestaltung, sie waren der erste "Englische Garten" auf dem Festland. Sie waren aber nicht Selbstzweck, sondern Herzstück eines Programms zur Verschönerung des ganzen Landes, eine Art Bildungsoffensive. Genauso wie die gestaltete Landschaft in die kultivierten Felder übergeht, sollte der Geist der Aufklärung alle Lebensbereiche der Menschen durchdringen.

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1773 entstand in Wörlitz das erste klassizistische Gebäude auf dem Kontinent

1773 entstand in Wörlitz das erste klassizistische Gebäude auf dem Kontinent

Das Rokokoschlösschen, das sich die Tante des Fürsten als Sommerresidenz bauen ließ. Anna Wilhelmine war die Lieblingstochter des Fürsten Leopold, bekannt als der Alte Dessauer; sie blieb unverheiratet.

Da taucht man aus dem dunklen, kühlen Schatten der Eiben auf und erblickt vor sich im hellen warmen Sonnenlicht das Pantheon, den Tempel der Götter in Rom.

Vor den Toren Dessaus, eingebettet in einem Landschaftspark, liegt das Luisium, das Fürst Franz seiner Frau Luise zu ihrem dreißigsten Geburtstag 1780 schenkte.

Erdmannsdorff entwarf die Wachhäuser, die in regelmäßigen Abständen an den Elbdeichen stehen.

Wasser und Himmel, weite Aussichten, schmale Durchblicke: wie ein Gemälde wirkt diese Landschaft, entrückt und gegenwärtig zugleich, ein vollendetes Ensemble von Gartenkunst, Architektur und Natur aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.

Blickpunkt vieler Sichtachsen im Park ist der Venustempel, ein Nachbau des Sibyllentempels in Tivoli. Das Motiv wurde in Kupfer gestochen, vervielfältigt und verbreitet - mit der Folge, dass es bald kaum einen europäischen Landschaftsgarten ohne Rundtempel gab.

Die Anlagen von Wörlitz wurden zum Inbegriff zeitgemäßer Gartengestaltung, sie waren der erste "Englische Garten" auf dem Festland. Sie waren aber nicht Selbstzweck, sondern Herzstück eines Programms zur Verschönerung des ganzen Landes, eine Art Bildungsoffensive.

In Oranienbaum, im Schlossgarten, den seine Urgrossmutter noch im barocken Stil angelegt hatte, richtete Fürst Franz eine chinesische Partie ein. Den Mittelpunkt bildet eine genaue Kopie der Pagode, die der Chinareisende Sir William Chambers im Garten von Kew in England errichtet hatte.

So entwarf Erdmannsdorff auch die Wachhäuser, die in regelmäßigen Abständen an den Elbdeichen stehen. Der Hochwasserschutz war lebensnotwendig, denn die Elbe brachte mit ihren Überschwemmungen immer wieder Unheil übers flache Land. Fürst Franz ließ die Deiche verstärken und die Steilhänge mit Obstbäumen bepflanzen, somit hatten sie einen zweifachen Nutzen. In der unberührten Natur auf halber Strecke zwischen Wörlitz und Dessau richtete sich Fürst Franz ein Refugium ein. Der Sieglitzer Park, eine "geordnete Wildnis", sollte ihm als Jagdrevier dienen. In den Wäldern baute er sich eine "Solitude", eine Villa, in der er warme Bäder zur Linderung seines Rheumatismus nehmen konnte.

Das romantische Motiv existiert nur noch als Kupferstich. Die Militärmanöver der Nachkriegszeit haben von der "Solitude" nur Ruinen übriggelassen. Auch wieder ein romantisches Motiv. Der Hang zur Gartengestaltung hat in der fürstlichen Familie eine gewisse Tradition. Davon zeugt das Labyrinth in Mosigkau, das alle Wechselfälle der Gartenmoden unbeschadet überdauert hat.

Es gehört zum Rokokoschlösschen, das sich die Tante des Fürsten als Sommerresidenz bauen ließ. Anna Wilhelmine war die Lieblingstochter des Fürsten Leopold, bekannt als der Alte Dessauer; sie blieb unverheiratet. Mit ihrer großzügigen Apanage konnte sie die verstreute Gemäldesammlung ihrer Großmutter zusammenkaufen. In der Gemäldegalerie in Mosigkau sind die flämischen und holländischen Meister des 17. Jahrhunderts noch heute In der ursprünglichen barocken Hängung ausgestellt, darunter das Van Dyck-Porträt eines jungen Prinzen von Oranien und ein Gemeinschaftswerk von Rubens und dem älteren Brueghel. In Oranienbaum, im Schlossgarten, den seine Urgrossmutter noch im barocken Stil angelegt hatte, richtete Fürst Franz eine chinesische Partie ein.

Den Mittelpunkt bildet eine genaue Kopie der Pagode, die der Chinareisende Sir William Chambers im Garten von Kew in England errichtet hatte. Nicht nur das Exotische reizte Fürst Franz. Die Pagode ist auch als Sinnbild für die freie Entfaltung der Natur in den chinesischen Gärten zu verstehen. Vor den Toren Dessaus, eingebettet in einem Landschaftspark, liegt das Luisium, das Fürst Franz seiner Frau Luise zu ihrem dreißigsten Geburtstag 1780 schenkte.

Erdmannsdorff baute der Fürstin ein exquisites Gesamtkunstwerk; es war ihr Refugium vor dem umtriebigen Wörlitz, das allen Besuchern immer offen stand. Wie in einer Laube konnte sie sich hier fühlen, die Natur selbst war es, die ihr in den Spiegeln die Bilder an die Wand malte. Das Wechselspiel zwischen Innen und Außen sprach das empfindsame Wesen der Fürstin an. Sie litt unter ihrer unglücklichen Ehe, war oft krank und suchte Ablenkung in ausgedehnten Korrespondenzen, in der Kunst und in Reisen.

Im Pompejanischen Kabinett im Luisium hatte ihr Erdmannsdorff lauter Vulkanausbrüche an die Wand gemalt. Kunst und Natur, die Verschmelzung des Schönen mit dem Nützlichen zum Wohl der Menschen, das war der Traum des Fürsten Franz. Im Laufe seiner langen Regierungszeit konnte er viele Reformen verwirklichen: in der Bildung, der Landwirtschaft und der Gesundheitsvorsorge. Sein karges Land verwandelte er in ein Gartenreich, das zum Vorbild der Aufklärung wurde. Noch heute ist die Unbedingtheit seiner Vision spürbar.

Buch und Regie: Sarah Palmer

Filmmusik & Stab

Buch und Regie: Sarah Palmer
Kamera: Rüdiger Kortz

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