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Filmtext & Video


Filmtext

Die cinque terre erinnern an ein längst von der Zeit überholt geglaubtes Italien. Sie eignen sich zur romantischen Verklärung, wie ein schönes Gemälde einer vergangenen Epoche, die vom Gedächtnis gern als heile Welt erinnert wird. Ein trügerischer Eindruck. Das Leben in den fünf Orten ist nicht heil und war es nie. Eingeengt zwischen Felsen und Meer zeugen die cinque terre von der Entschlossenheit menschlichen Überlebenswillens an dem wildesten und unzugänglichsten Teil der ligurischen Riviera. Riomaggiore, Manarola, Corniglia, Vernazza und Monterosso waren jahrhundertelang von der Außenwelt abgeschlossen. An die Steilküste geklebt, waren diese fünf "Heimaten" nur zu Fuß oder über das Meer erreichbar. In der Isolation haben sie ihre Schönheit bewahrt. Die Trockenmauern, die die Weinterrassen stützen, sind - aneinandergereiht - länger als die chinesische Mauer. Insgesamt 11 000 Kilometer Kunst in der Landschaft, entstanden aus Not. Stein für Stein aufeinander gefügt, um dem steilen Küstenstreifen Land abzuringen.

Generationen um Generationen haben seit fast 1000 Jahren diese einzigartige Kulturlandschaft geschaffen. Die Bewohner der cinque terre waren von Anfang an Winzer. Für Getreide, Obst oder Gemüse war ihnen die Erde zu wertvoll. Sie haben sich den Bedingungen der Natur angepasst und Rebsorten gezüchtet, die dem kalten salzigen Südwestwind standhalten. Albarolla, Uva di Bosco und Vermentino Trauben wachsen hier. Um von ihren Dörfern zu den Weinterrassen zu kommen, mussten sie weite Wege zurücklegen. Die schmalen Strassen, die dann in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts gebaut wurden, waren eine große Arbeitserleichterung, genau wie der trenino, die kleine Rebenbahn, die die waghalsige Kletterei im Gelände erleichtert.

Die Arbeit im Weinberg war vor allem Frauensache. Die meisten Männer zogen als Saisonarbeiter nach Toulon oder Genua oder verdingten sich im Arsenal von La Spezia. Die wehrhafte Architektur der Dörfer erinnert daran, dass sich die Bewohner der cinque terre oft gegen Angriffe vom Meer her verteidigen mussten. Aber von dort kamen auch die Händler, die den Wein kauften. Das Meer war lange Zeit ihre einzige Verbindung zur Außenwelt.

Manchmal gab es nichts zu verkaufen. Wenn Schädlinge oder Hagel die Ernte vernichtet hatten, verdienten sie nichts und mussten auf das nächste Jahr warten. Aus der Not heraus fuhren die Männer zur See. Sie hatten Angst vor dem Meer und die Angst war nur zu oft begründet. Die Votivtafeln in den Kirchen der cinque terre erzählen von Schiffsuntergängen und wundersamen Errettungen. "Die Dinge, die damals am seltensten zu finden waren, waren folgende: Saubere Gesichter und Hände, vierfüßige Tiere, Fisch oder Fleisch, eine Hebamme, ein Arzt" schreibt Telemaco Signorini, ein Florentiner Maler, als er 1860 Riomaggiore besuchte. Bei seinem ersten Besuch zogen sich die Einwohner erschreckt zurück beim Anblick des Fremden, der fortan ein Chronist ihres Lebens wird. Er erzählt vom ihrem Fleiß und ihrer Freude an jeder Art von Festen, die den kargen, harten Alltag unterbrechen, von der uneingeschränkten Herrschaft der Priester, und von einem Leben, wie es noch heute über den Gassen zu liegen scheint: einer Enge, die 100 Hundert Augen hat. Signorini schwärmt vom smaragdfarbenen Meer, an dem "der Blick, befreit von Düsternis die blaue Unendlichkeit durchmaß".

Für die Bewohner der cinque terre kam vom Meer nur Unheil. Das Schlimmste waren die Piraten. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts suchten sie diesen abgelegenen Küstenfleck wieder und wieder heim. In all der Armut hatten es die Piraten auf einen Reichtum besonderer Art abgesehen: Menschen. Sie raubten Frauen und Kinder und verkauften sie als Sklaven. Die Häuser der cinque terre sind steingewordene Abwehr. Das Meer haben sie nie wirklich zu lieben gelernt, man hat sich arrangiert. Nur in Vernazza und Monterosso gibt es einen kleinen natürlichen Hafen und einige Fischer. In den anderen Orten parken die Boote auf der Piazza und der Weg der Feierabendfischer zum Wasser ist weit. 1870 veränderte sich vieles. Eine Eisenbahnlinie wurde gebaut, Tunnel wurden in die Felsen gesprengt, Gleise mitten durch die Orte verlegt und die cinque terre mit Genua und La Spezia verbunden.

Der Bau der Bahn schaffte Arbeitsplätze. Die Eisenbahn bringt die Welt ein Stück näher. Die ersten Reisenden entdeckten die kleine bis dahin isolierte Welt der fünf Dörfer und deren Bewohner entdeckten die weite Welt außerhalb. Zuerst war dieser Weg einfach nur die kürzeste Verbindung zwischen Riomaggiore und Manarola, und irgendwann wurde er zur Via dell Amore, einem Ort, an dem man sich treffen konnte jenseits der Enge und der unsichtbaren Augen. Und auch heute noch bekritzeln Paare aus aller Welt, in der Hoffnung auf Unsterblichkeit ihrer Liebe, die Wände dieses wohl berühmtesten Weges in Italien.

Alle Friedhöfe Liguriens sind dem Meer zugewandt. Die Weite und der Blick auf die Unendlichkeit des Meeres scheint den Toten vorbehalten. "Denjenigen, die vom Meer her kommen, erscheint an der Küste der Hafen der Venus. Und hier, auf den mit Olivenbäumen bedeckten Hügeln, heißt es, dass auch Minerva der sanften Pracht wegen, ihre Heimat, Athen vergaß..." So besang Petrarca 1338 Porto Venere.

Der ehemalige Venushafen gehört zu den cinque terre - und auch wieder nicht. Porto Venere war bei aller Wehrhaftigkeit weltoffen, dem Meer zugewandt. Schon früh erkannte die Seerepublik Genua die strategische Lage des kleinen Ortes und baute ihn zu einer militärischen Festung, zu einem Stützpunkt gegen das benachbarte Pisa aus. Auch die bunte Hafenfassade erinnert an die militärische Vergangenheit. Im Mittelalter bildeten die "pallazate" eine uneinnehmbare Front gegen feindliche Angriffe. Die siebenstöckigen Wehrtürme waren gleichzeitig Stadtmauer und Wohnhäuser. Soldaten wohnten hier und Fischer. Und bei Gefahr wurden Menschen und Boote durch schmale Durchgänge "Capitolo" in Sicherheit gebracht. Das gemeinsame Erbe von Portovenere und den anderen cinque terre Orten ist die einzigartige Kulturlandschaft seiner Weinterrassen. Doch die werden nach und nach von der macchia zurückerobert. Es gibt immer weniger Winzer und so wird es schwierig sein, sie zu erhalten. Die Bedingungen, unter denen diese Landschaft entstand, passen nicht mehr in unsere Zeit.

Ein Bewohner der cinque terre hat es so beschrieben: "Der abstrakte Reichtum der cinque terre heute, ist das Kind der konkreten Armut der Vergangenheit, die die Bevölkerung zu Recht vergessen will. Ein Reichtum, der aus dem Elend des Landes und seiner Jahrhunderte langen Isolierung entstanden ist. Die Atmosphäre der cinque terre wuchs immer aus Mühsal und großen Opfern."

Buch und Regie: Patricia Möckel

Filmmusik & Stab

Kraft, Oliver
Schätze der Welt II
Burger, Klaus
Cinque Terre

Buch und Regie: Patricia Möckel
Kamera: Gerd Bleichert

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