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Filmtext & Video

14:40 min | So, 25.5.2003 | 21:00 Uhr | 3sat

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Ruinenstadt Butrint, Albanien, Folge 275

SWR

Die historische Ruinenstadt Butrint liegt an der Straße von Corfu im Süden Albaniens. Die Halbinsel in einer Lagune ist so geschützt und exponiert, dass sie seit jeher Eroberer, Reisende und Erholungssuchende anzieht. Butrint ist ein zweites Troja in Kleinformat, schreibt der römische Dichter Vergil. In dem Kulturdenkmal vereinen sich Reste einer griechischen Kolonie, einer römischen Stadt und eines byzantinischen Bistums.

Filmtext

Es war einmal ein Ort an der Adria, der lag so exponiert und geschützt, dass er seit jeher Händler, Krieger und Reisende anzog. Die antike Hafenstadt Butrint im Süden Albaniens liegt in einer Lagune. Verlandungen hatten ihren Küstenlauf über die Jahrhunderte ständig verändert. Als das kommunistische Albanien vierzig Jahre lang hermetisch vom Rest der Welt abgeschnitten war, wäre der Ort Butrint fast in Vergessenheit geraten. Die Hafenstadt an der Straße von Corfu war immer begehrt und umkämpft. Wer sie regierte, hatte die Kontrolle über diesen Seeweg.

Hier kamen sie alle vorbei: die türkischen Invasoren, die venezianischen Seefahrer, die Handelsflotten der Römer und die griechischen Galeeren. In der Antike trafen sich auch Philosophen, Dichter und Erholungssuchende; die Insel Corfu war korinthische Kolonie und Butrint ihr reizvolles Hinterland!
Mit ihren Festungen und Toren präsentiert sich Butrint wie eine Kopie der Stadt Troja in Kleinformat, so beschreibt der römische Dichter Vergil die Stadt.
Ihre Mauerwerke bewahren bis heute einen Mikrokosmos mediterraner Geschichte! Die steinernen Zeugnisse erzählen von längst vergangenen Epochen, deren Blütezeiten zum Teil über zweitausend Jahre zurückliegen. Eine heilige Prachtstraße führte die griechischen Bürger in die Stadt. Es war das dritte Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.

Tempel, Brunnen und Theater bildeten ein religiöses Zentrum und waren gleichzeitig der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens! Wie in einer Zeitung sind die Namen von freigelassenen Sklaven veröffentlicht. Damit hatten sie Zugang zu diesem sakralen Ort, wo man Mythen zelebrierte und den Göttern huldigte. Großzügige Spenden und Gaben an die Götter ermöglichten schließlich den Bau des Theaters. An dem öffentlichen Platz trafen sich Bürger, Priester und Staatsmänner. Hier fanden religiöse Zeremonien statt, Ratsversammlungen und die Darstellung der göttlichen Mythologie.
Als Butrint römische Kolonie wurde, bekam der Platz eine neue Bedeutung. Ein Umbau erlaubte prächtige Inszenierungen. Ein Ort für Aufführungen und Spiele enstand. Es war jene Zeit, als die Römer auch eine ausgeprägte Badekultur einführten.

Es war immer schwer in die Stadt zu kommen. Mit gigantischen Steinen schützten sich schon die Bewohner im 6.Jahrhundert. Das Löwentor ist nur eines von sechs stattlichen Eingängen. Es ist raffiniert versteckt und vom Wasser aus nicht zu sehen. So fanden nur Ortskundige und Eingeweihte den Zugang. Gleich hinter dem Tor ein lieblicher Vorgeschmack auf die angenehmen Seiten der Stadt: Der Mineralwasserbrunnen Junina Rufina ! Gewidmet allen Nymphen und Freunden des Wassers. Butrint lockte mit dem sanften Lebenselixier und war bekannt für seine zahlreichen Quellen. Ihr Wasser hatte besondere Eigenschaften und war viel mehr als nur Trinkwasser für den täglichen Bedarf - man sprach dem Wasser von Butrint heilende Wirkung zu und fasste den natürlichen Reichtum in zahlreiche Brunnen und Tempel. An den Kultstätten opferten Bürger und Pilger ihren Göttern - den Göttern der griechischen Mythologie. Ein Kult war in Butrint besonders populär: Die Huldigung des Äskulaps - die Verehrung des Gottes der Heilkunst.
Sein stattlicher Tempel stand im Mittelpunkt der Verehrung. Asklepios war der erste Gott in der Antike, der den Menschen ausschließlich Gutes brachte. Er war der Sohn des Gottes Apollon und der schönen Koronis aus Thessalien. Nachdem sie ihn mit einem Sterblichen betrogen hatte, tötete Apollon seine Geliebte mit einem Pfeil, zog den kleinen Asklepios aus dem Leib der toten Mutter und brachte ihn zu dem weisen Zentauren Cheiron. Dieser lehrte ihn alles, was er über die Heilkunst wusste. Kranke, die um Heilung flehten, brachten Asklepios Opfergaben. Sie baten ihn, er möge ihnen im Traum erscheinen und Heilmittel gegen ihre Krankheiten verordnen.
Den Göttern zu huldigen war auch Sinn und Zweck des Theaters. In der Antike war Butrint so etwas wie ein Festspielort. Feinsinnige Ästheten, reiche Bürger und Bildungsreisende trafen sich. Es ging um unverschuldetes Leiden, gottgesandten Wahnsinn und zivilen Ungehorsam.
Die selbstverschuldete Verstrickung des Menschen, der ausbricht aus seinem Umfeld, der das Schicksal herausfordert und doch kläglich scheitert am Ratschluß der Götter. Stücke von Sophokles, Ayschylos und Euripides waren populär. Durch Sophokles hatte das Theater eine Revolution erfahren. Er stellte den Chor in den Hintergrund, führte zusätzliche Schauspieler ein und inszenierte komplexe Handlungen - für das Publikum ein völlig neues Erlebnis. Stücke wie Antigone und König Ödipus hatten grandiosen Erfolg und galten bereits zur Römerzeit als Klassiker.

Die römische Herrschaft in Butrint hatte mit dem 2.Jahrhundert vor Christus begonnen und sollte mehr als 500 Jahr dauern. Gymnasien, Luxusvillen und Badehäuser entstanden, Aquädukte lieferten Wasser von den umliegenden Flüssen, Wohlstand und Reichtum prägten den Ort. Julius Cäsar hatte Butrint zur römischen Kolonie ernannt und zum Refugium für Soldatenveteranen erklärt. Das Leben in der Stadt an der Lagune ging nun weit über seine Schutzmauern hinaus. Am Ufer gegenüber hatte ein königlicher Kaufmann mit weltweiten Verbindungen seinen Landsitz errichtet: die Villa des Atticus. Er war wohlhabend und wusste seinen Reichtum klug auszugeben. Mit blauem Edelstein aus Nordafrika war der Salon getäfelt, Wände in Marmor kühlten das Bad. "Wo Du Hallen betrittst war Wildnis. Der Besitzer hat den Ort gebändigt und indem er den Felsen geformt und erobert hat, gibt die Erde ihm den Weg frei" - schreibt Atticus in seinen Briefen an Cicero.

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Europa: Albanien

Butrint

Überreste vom Baptisterium

Zum Unesco-Weltkulturerbe von Butrint gehört auch das umliegende Naturgebiet. Am Ufer der Lagune nutzen heute Fischer die natürlichen Strömungen des Wassers. Mit den uralten Techniken ihrer Vorfahren regeln sie die Flussmündung, legen Reusen und warten Fischfallen. Die Fischer leiten ihre Beute direkt in die Hütte. Die Fische kommen mit dem Bach von den Bergen, die Strömung treibt sie in die Hütte. Die traditionellen Lebensweisen der Bewohner zu erkunden und bewahren bezeichnen Fachleute als "Grüne Archäologie".

Als Troja in Schutt und Asche versinkt, gelingt dem griechischen Held Aeneas die Flucht. Er stellt eine Flotte zusammen und segelt mit den überlebenden Trojanern Richtung Thrakien, Kreta und Epirus. An der Straße von Corfu macht Aeneas Halt. Für die gelungene Einreise will er den Göttern ein Dankesopfer bringen. Aeneas schlachtet einen Stier. Doch der verwundete Stier entkommt. Er stürzt ins Meer, durchschwimmt die Lagune und bricht schließlich an Land tot zusammen. Ein Zeichen der Götter! Seitdem trägt der Ort den Namen - Butrint, was soviel bedeutet, wie verwundeter Stier - so die Legende des römischen Dichters Vergil.

Vielleicht war Butrint eine Art Geheimtip für Erholungssuchende, ein Fitness-, Kur- und Festspielort der Antike! Die Flanierstraßen waren mit bombastischen Brunnen geschmückt, Wasserspiele gehörten zum Statussymbol wohlhabender Villenbesitzer; Butrint präsentierte sich als Hochburg römischer Badekultur.

Für die Taufe der ersten Christen hatten die Bewohner von Butrint noch eine Ecke ihrer Privathäuser eingerichtet. Als die wachsende Gemeinde dann im 6.Jahrhundert einen Bischof gewählt hatte, baute sie für die Zeremonie einen speziellen Bau, ein Baptisterium. Der Eintritt in die Christengemeinde gestaltete sich als luxuriöse Bade-Zeremonie. Ein großes Tauchbecken aus Marmor wurde mit angewärmtem Wasser aus einer Therme gespeist. Nach der reinigenden Prozedur schritt der neue Christ durch eine prächtig gestaltete Säulenhalle. Über glitzernde Mosaiken zu gehen, war nun wie ein Gang durchs Paradies. Motive, die für Vergebung stehen und für die Überwindung aller Konflikte, begrüßten den Getauften.
Eine geordnete Darstellung von den Tieren der Erde, des Wassers und des Himmels präsentiert die Schöpfung des einen und einzigen Gottes, der nun verehrt wurde, und vermittelt das Bild einer lieblichen Natur und einer friedfähigen Welt. Das Baptisterium ist durchdrungen von Symbolen der Erlösung und der Wiederauferstehung - den Verheißungen der neuen Religion. Die frühen Christen hatten über einem öffentlichen römischen Badehaus ihren kunstvollen Luxusbau errichtet!

Einige hundert Jahre später gehörte Butrint zum byzantinischen Herrschaftsbereich. Eine Basilika aus dem 10.Jahrhundert dokumentiert diese Zeit.
Eigentlich war die Gegend um Butrint üppig bewachsen mit Olivenbäumen und Rebstöcken. Doch stolze Bauwerke wie das Imperialgebäude mit Gymnasium, Villa und Brunnen verfielen. Denn der Wein und das Öl, das im reichen Butrint der römischen Gesellschaft floß und genossen wurde, stammten längst nicht mehr aus eigenen Latifundien. Die Scherben der Amphoren zeigen die Handelswege. Öl, Wein und andere Luxusgüter waren aus Spanien, Italien und Ägypten importiert. Und noch eines zeigen die tönernen Fragmente: Der Import von Waren aus fernen Ländern war verbunden mit dem Beginn des Untergangs eines ganzen Weltreiches. Handel und Gewerbe wurde von einem Beamtenapparat beherrscht, der ausbeutete, ohne zu investieren. Grundbesitz und Vermögen hatte sich in den Händen weniger Reicher konzentriert; diese "Großhandelsfirmen" konnten mit der Einfuhr billiger Waren nicht mehr konkurrieren. Das Römische Reich zerfiel.

Butrint war immer ein Zankapfel , wenn es darum ging, die Straße von Korfu zu kontrollieren. Als Napoleon den Venezianern und Briten die ionischen Inseln streitig machte, trat ein türkischer Eroberer auf den Plan. Ali Pasha! Ein Regent der türkischen Ottomanen. Ali Pasha ließ sich in Butrint nieder. Mit seinen opulenten Jagdgesellschaften und Picknicks war er bei den französischen und britischen Diplomaten in Korfu gleichermaßen bekannt. Er baute eine Trutzburg am Vivari Kanal vor Butrint. Die jüngste Ruine. Alle Epochen haben steinerne Zeugen hinterlassen. Von den Venezianern stammt ein lebendiges Erbe : Die Eleganz der Gondoliere.

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