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Filmtext & Video

13:57 min | Fr, 9.10.2015 | 7:35 Uhr | SWR Fernsehen

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Brasilia, Brasilien, Folge 33

SWR

Brasília ist eine künstliche Stadt, die in 4 Jahren aus dem Boden des brasilianischen Hinterlandes gestampft wurde. Das Stadtbild ist geprägt von der Funktionalität seiner Gebäude. Doch Brasília hat nicht nur Spannbeton zu bieten die moderne Architektur besitzt ihre eigene Ästhetik. Die Monumentalität der Stadtanlage von Lucio Costa und die Leichtigkeit einzelner Bauwerke von Oskar Niemeyer verbinden sich zu einer einzigartigen Bau- und Gestaltungsidee.

Filmtext

COSTA (Zitator):

"Eine Stadt, zu geordneter und erfolgreicher Arbeit geplant, aber gleichzeitig voll Leben und Anmut, wie geschaffen zu Träumerei und intellektueller Spekulation, dazu befähigt, nicht nur Regierungssitz zu sein, sondern mit der Zeit zu einem der aufgeklärtesten und feinfühligsten Kulturzentren des Landes zu werden."

COSTA:

"Die Idee entstand aus der elementaren Geste der Besitzergreifung, der Markierung eines Ortes: Zwei Achsen, die sich rechtwinklig überschneiden - das Zeichen des Kreuzes."

ERZÄHLER:

Als Lucio Costa 1957 seinen Pilotplan für die neue Hauptstadt Brasiliens beschreibt, ist nicht einmal die Straße zu ihrem Bauplatz fertig, und alle Staatsbeamten sitzen noch ganz bequem in Rio de Janeiro am Strand. Aber ihr oberster Dienstherr, der neugewählte Präsident Juscelino Kubitschek hat die Errichtung Brasilias 1000 Kilometer nordwestlich zur Hauptaufgabe seiner Amtszeit erklärt. Der Bau einer ganzen Hauptstadt aus dem Nichts des Hinterlandes. Eine Riesenspielwiese für Planer und Architekten und eine Riesenanstrengung für Konstrukteure und Bauarbeiter.

1961, am Ende der Amtszeit, ist die Retortenstadt tatsächlich fertig, aber Brasilien ist pleite und Kubitschek wird nicht wiedergewählt.

Die wichtigsten Bauten Brasilias hat Oscar Niemeyer entworfen. Das Justizministerium mit seinem Wasservorhang, das Außenministerium, dessen Meteor genannte Frontplastik vielleicht auf künftige Außenkontakte hindeuten soll. Und den Kongress mit der Kuppel für den Sitzungssaal des Senats, der Salatschüssel für den Plenarsaal der Abgeordnetenkammer und den Zwillingstürmen für ihre Büros. Dabei hat Niemeyer sich nicht nur um die sichtbare Form gekümmert, sondern auch um den Klang seiner Schöpfung, hat Halleffekte miteingebaut.

Manchmal scheint dieser "Sound von Brasilia" dem Rationalismus der Architektur völlig zu widersprechen, und doch gibt er das Lebensgefühl von Brasilia ziemlich gut wieder.

Präsidentenpalast und oberster Gerichtshof umschließen zusammen mit dem Kongress den "Platz der drei Gewalten".

COSTA:

"Dann galt es, dieses Kreuz innerhalb des gleichseitigen Dreiecks des künftigen Stadtgeländes unterzubringen, wozu eine der Achsen gebogen werden musste."

ERZÄHLER:

Der Stadtplaner Lucio Costa kam nach Einsendeschluss mit einer eilig hingehauenen Skizze zum Wettbewerb für die neue Hauptstadt und siegte mit dieser nächtlichen Eingebung quasi außer Konkurrenz. Das wenig elegante Blatt Papier ist heute Reliquie und hängt in einem Costa gewidmeten Raum unter dem Platz der drei Gewalten, in dem auch ein Modell der Stadt steht.

Brasilia wurde unter so großem Zeitdruck gebaut, dass Niemeyer für viele Entwürfe nur wenige Tage Zeit hatte, der Kathedrale merkt man das aber ebenso wenig an wie der Pyramide des Nationaltheaters.

COSTA:

"Der Zyklus der täglichen Funktionen: wohnen, arbeiten, sich erholen, wird durch den Städtebau unter dem Gesichtspunkt der größten Zeitersparnis geregelt." Charta von Athen, 1925.

ERZÄHLER:

Zu diesem Konzept gehört auch, dass die Bewohner sich in den Tiefgaragen ihres Wohnsektors in ihr Auto setzen und erst auf dem Parkplatz von Arbeits-, Einkaufs- oder Freizeitsektor wieder aussteigen. Fußgänger sind in Brasilia nicht vorgesehen. Allerdings war der ursprünglich ampelfreie Straßenplan nicht für die Mengen von Autos ausgelegt, die heute von außerhalb auf die Hauptachsen Brasilias drängen. Der Verwaltungsdistrikt Brasilia ist (trotz weniger industrieller Arbeitsplätze) zu einem Magneten für die Menschen aus den armen Agrargebieten geworden.

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Südamerika: Brasilien

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Brasilia: Skizze (was erkennen Sie?)

Brasilia: Skizze (was erkennen Sie?)

Brasilia: Luftaufnahme

Brasilia: Gebäudefassade

Brasilia: Präsidentenpalast

Brasilia: Gebäude

Brasilia: Kathedrale

Innenansicht der Kathedrale

Brasilia: Reliquie

Brasilia: Gebäude

Brasilia: Gebäude

Brasilia: Gebäude mit Statuen

Brasilia: Gebäudefassade

Die Wohnblöcke auf der geschwungenen Querachse können schon lange keine Zuwanderer mehr aufnehmen, und so entsteht um den weitgehend unangetasteten Plano Piloto ein Ring von Satellitenstädten und Favelas. Die brasilianische Normalität hat die Retortenhauptstadt eingeholt.

Jenseits der Monumentalachse verbreitet die Stadt mitunter den Charme einer blaugekachelten Kfz-Werkstatt - und ist doch ein New-Age-Zentrum geworden. Hunderte religiöser Gruppen haben hier ihre Kirchen gebaut, an den Rändern sind esoterische Kolonien entstanden. Brasilia wird mystifiziert. Die Bauhaus-inspirierte Architektur des Plano Piloto wird mit der Zahlenmystik der Kabbala in Beziehung gesetzt, Juscelino Kubitschek zur Reinkarnation des Pharao Echnaton erklärt und das Nationaltheater zur Kopie der Cheops-Pyramide.

Vielleicht die Gegenreaktion auf das eigentliche Konzept von Brasilia als steingewordene Vernunft. Vielleicht zu sehr vom Kopf aus dem tropischen Boden gestampft, fehlt ihr die Atmosphäre, die andere brasilianische Städte ausmacht - trotz der sentimental blauen Don-Bosco-Kirche und obwohl Kubitschek in seinem Mausoleum wie ein altkatholischer Stadtheiliger über seine Gründung wacht.

Und auch wenn einige Meisterwerke der Moderne emotional ansprechen, wie die Kathedrale des Atheisten Oscar Niemeyer.

In alten Städten wirkt eine Atmosphäre aus Geruch und Körperlichkeit, in Brasilia überwiegt das Visuelle. Alles ist weit entfernt, gewaltig, sauber, unpersönlich. Aber auch die grafische Klarheit und Rationalität der Architektur überträgt sich auf das Stadtgefühl. Und es ist beeindruckend, wie leicht eine monumentale Architektur wirken kann. Sogar der Militärsektor verliert dadurch seine Bedrohlichkeit. Sein Wahrzeichen ist einem umgekehrten Degen-Griff nachempfunden, in den Niemeyer das vielfache Echo eingebaut hat.

Die Stadt hat eine überdurchschnittliche Scheidungsrate, in ihren Mauern wird akzentfreie Hochsprache gesprochen, die Diktatur hat hier endlich genug Platz für Militärparaden gefunden, und die Einwohner, besonders die hier geborenen, lieben ihre faszinierende neue Metropole.

Und ihre Hauptaufgabe, die Erschließung des unendlichen brasilianischen Hinterlandes, hat sie erfüllt.

Buch und Regie: Jens Dücker

Filmmusik & Stab

Siebert, Büdi
Schätze der Welt I
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The four sections, Track 3
Reich, Steve
The four sections, Track 4
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Die Versuchung Jesu Christi, CD: "Stimmen, Stimmen - der riesige Ruf"
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Bollmann, Christian
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Obertonchor, Düsseldorf
Stockhaus, Detlef
Das Schöpfwerk
Stockhaus, Detlef
Charon streikt
Dücker, Jens
Sound of Brasilia

Buch und Regie: Jens Dücker
Kamera: Peter Wendt
Produktionsjahr: 1995

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