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14:22 min | Di, 17.1.2017 | 7:35 Uhr | SWR Fernsehen

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Blaenavon, Großbritannien, Folge 202

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Feuer, Eisen, Kohle und Gips: Ende des 18. Jahrhunderts begann die Nutzung der Bodenschätze, die die raue Landschaft Südwales hervorbrachte. Während 1789 Frankreich von der Revolution erschüttert wurde, begann in Blaenavon die industrielle Revolution und aus einer vergessenen Landschaft wurde eines der größten Industriezentren der Welt. Das Industriedenkmal von Blaenavon in Süd-Wales umfasst Kohle- und Eisenproduktionsstätten aus dem 19. Jahrhundert.

Filmtext

Rau, hart, gezeichnet, verletzt - das Land im Süden von Wales, nahe der Küste von Cardiff. Rau, mutig, hart und erfindungsreich ist die Geschichte der Menschen. Blaenavon ein heute vom Weltgeschehen entrückter Ort, an dem die Erde, kohlenschwarz, von ihrer Industrievergangenheit erzählt.

Feuer, Eisen, Kohle und Gips - auf engstem Raum. Naturgeschenke, die das brachliegende Gebiet aus seiner landwirtschaftlichen Idylle rissen.

Ende des 18. Jahrhunderts war der jahrtausendlange Schlaf vorüber. Blaenavon in Südwales wurde eines der größten Industriezentren der Welt.

Gras ist über die Ausbeutung der Natur gewachsen. Versöhnlich wuchert die Heidelandschaft über die Wunden im Terrain, das im 18. und 19. Jahrhundert ein Hexenkessel der Arbeit war. Für Mensch und Tier schwere Zeiten.

Das Gelände durchzogen von einem bis dahin nicht gekannten Transportsystem: Schienen, Wagen, Tunnel, Brücken. Es wurde gegraben, gesprengt, gerodet. Die Erde wurde ausgehöhlt und in ein Labyrinth von unterirdischen Wegeadern verwandelt, bis zu 2500 Metern. Hunderttausende Tonnen Kohle wurden gefördert, Eisenerz und Gipserde. Wo vormals nur der Wind pfiff, dröhnt über die Hochebene das Rattern und Donnern einer neuen Zeit. Die `Industrielle Revolution`, wie man sie später einmal nennen wird, überrollt das Land.

1789, als in Frankreich eine andere Revolution die Welt zu verändern begann, wurden in Blaenavon die Eisenwerke gegründet. Sie wuchsen in nur 20 Jahren zum größten Produktionsort seiner Art. Hochöfen wurden gebaut, nach den neusten Erkenntnissen der damaligen Technik, vieles wurde hier entwickelt. Zunächst drei, später sechs Anlagen nebeneinander machten den Standort zum führenden Eisenhersteller und Exporteur Europas. 1812, sagen die Berichte, werden 14.000 Tonnen Eisen produziert. Für damalige Vorstellungen eine ungeheure Menge.

Auf dem Gelände werden Unterkünfte für die neuen Arbeitskräfte gebaut, die zunächst aus Wales und bald schon aus ganz Europa nach Blaenavon kommen: aus Schottland und Irland, Spanien und Italien. Die Menschen erlernen Tätigkeiten, die ihnen vollkommen fremd sind. Industriearbeit, verzehrend, in einer 16 Stunden Schicht. Für die meisten aber ist diese neue Welt der einzige Weg zu überleben, Arbeit, Essen und Unterkunft zu sichern.

Familien verließen ihre Bauernhöfe, begannen im Bergbau oder in der Verhüttung von Eisen zu arbeiten und lebten in engen Reihenhäusern in Sichtweite der Produktion. Das industrielle Zeitalter verschob alle Perspektiven. Aus der menschenleeren Heide von Blaenavon wurde damals ein brodelndes Stück Land. Kein Quadratmeter blieb unberührt - über und unter der Erde. Tausende Menschen fanden hier eine neue Heimat - nicht in Wald und Wiesen, sondern in Kohlehalden und Fördertürmen, Rauch und Gestank, Glut und Radau, Eintönigkeit und Abhängigkeit. Um 1930 war es vorbei mit diesen Symbolen und der Sicherheit. Wie die Menschen gekommen waren, mussten sie auch wieder gehen, suchend, nach neuen Existenzquellen. Die Energie von Blaenavon war aufgezehrt.

Das laute, quietschende Schreien der Förderräder hatte keinen optimistischen Klang mehr. Ganz anders als 1860, als der erste große Schacht in den Berg von Blaenavon geschlagen und mit Kilometern bereits bestehender Minen verbunden wird. Die Grube 'Big Pit' ist eine Legende in Britannien. Die Erde ist so reich an Rohmaterial, dass nicht nur die Hochöfen damit großzügig gespeist werden können. Die Kohle wird auch in großen Mengen exportiert.

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Europa: Großbritannien - Blaenavon

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Rau, hart, gezeichnet, verletzt - das Land im Süden von Wales, nahe der Küste von Cardiff. Rau, mutig, hart und erfindungsreich ist die Geschichte der Menschen. Blaenavon ein heute vom Weltgeschehen entrückter Ort, an dem die Erde, kohlenschwarz, von ihrer Industrievergangenheit erzählt.

Rau, hart, gezeichnet, verletzt - das Land im Süden von Wales, nahe der Küste von Cardiff. Rau, mutig, hart und erfindungsreich ist die Geschichte der Menschen. Blaenavon ein heute vom Weltgeschehen entrückter Ort, an dem die Erde, kohlenschwarz, von ihrer Industrievergangenheit erzählt.

Das Gelände durchzogen von einem bis dahin nicht gekannten Transportsystem: Schienen, Wagen, Tunnel, Brücken. Es wurde gegraben, gesprengt, gerodet.

Wo vormals nur der Wind pfiff, dröhnt über die Hochebene das Rattern und Donnern einer neuen Zeit. Die `Industrielle Revolution`, wie man sie später einmal nennen wird, überrollt das Land.

1789, als in Frankreich eine andere Revolution die Welt zu verändern begann, wurden in Blaenavon die Eisenwerke gegründet. Sie wuchsen in nur 20 Jahren zum größten Produktionsort seiner Art.

Auf dem Gelände werden Unterkünfte für die neuen Arbeitskräfte gebaut, die zunächst aus Wales und bald schon aus ganz Europa nach Blaenavon kommen: aus Schottland und Irland, Spanien und Italien.

Die Menschen erlernen Tätigkeiten, die ihnen vollkommen fremd sind. Industriearbeit, verzehrend, in einer 16 Stunden Schicht. Für die meisten aber ist diese neue Welt der einzige Weg zu überleben, Arbeit, Essen und Unterkunft zu sichern.

Familien verließen ihre Bauernhöfe, begannen im Bergbau oder in der Verhüttung von Eisen zu arbeiten und lebten in engen Reihenhäusern in Sichtweite der Produktion.

Unter Tage schuften Hunderte von Bergleuten im Akkord und Kinder als Hilfskräfte. Sie sind für den Abraum zuständig, kriechen in kaum meterhohen Löchern, 14 Stunden am Tag. 10 - 12 Jährige. Die Unfallquote ist hoch, lebensgefährlicher Alltag ohne Ausbildung, ohne Versicherung, ohne Schutz, ohne Gnade.

In nur einer Generation wird aus dem entlegenen Heideland von Südwales ein von Abraumhalden und Industriearchitektur durchdrungenes Areal.

Kanalsysteme durchziehen die Eichenwälder entlang der Berghänge. Auf den Wasserstraßen betreiben trainierte Menschen und Tiere ein fließbandartiges Transportsystem, das von Blaenavon bis ans Meer von Cardiff reicht.

Mitte des 19. Jahrhunderts, am Höhepunkt der Produktivität in der Region von Erz und Kohle, sprechen von den mehr als 12.000 Einwohnern nur 600 walisisch.

Die Menschen leben Tür an Tür in bis dahin ungewohnten Lebensverhältnissen. Sie sind Industriearbeiter. Sie brachten Kulturen aus verschiedensten Ländern mit und glauben an unterschiedliche Dinge. Aber zusammen leben heißt neu definiert, zusammen arbeiten.

Der Förderturm steht heute wieder allein in der fast menschenleeren Gegend. Er bezeugt derart auch, wie sich der Arbeitsnomade Mensch, vom Beginn der Industrialisierung an, von Strukturen abhängig machte. Blaenavon - eisenhart und kohlenschwarz. Ein Ort, der, für eine abgezählte Zeit, die Welt bewegte. Jetzt biegt der Wind nur noch das Heidekraut.

Die Räder stehen nie still, die Transportsysteme werden immer umfangreicher. Unter Tage schuften Hunderte von Bergleuten im Akkord und Kinder als Hilfskräfte. Sie sind für den Abraum zuständig, kriechen in kaum meterhohen Löchern, 14 Stunden am Tag. 10 - 12 Jährige. Die Unfallquote ist hoch, lebensgefährlicher Alltag ohne Ausbildung, ohne Versicherung, ohne Schutz, ohne Gnade.

Das Risiko der Bergarbeit ist dennoch für Tausende nicht höher als 'über Tag' an Hunger zu sterben oder das Abenteuer der Auswanderung in die Neue Welt Amerika zu überleben. Die Existenz in der Grube ist schwarz wie die Kohle und in den Wintermonaten sehen die Menschen kaum die Sonne.

Dennoch gilt das Industriemodell Blaenavon bis weit in das 19. Jahrhundert als wegweisend und fortschrittlich. Die hier entwickelten Technologien im Bergbau, die Abraum- Transport- oder Belüftungssysteme werden als Patente in die ganze Welt verkauft - als Hoffnungsträger der industriellen Revolution, als Hoffnungsträger für ein besseres Leben.

Für viele Arbeiter, die aus entlegenen Winkeln von Wales, aus dem schottischen Hochland oder der spanischen Sierra Nevada kommen, mag die neue Umgebung wie ein Vorplatz zur Hölle erscheinen.

Die feuerspeienden Hochöfen, die an den Hang gebaut, von oben gefüttert werden und unten, fortlaufend, glühende Eisenlava ausspucken, sind tatsächlich Höllenmaschinen. Mit Dampfenergie angetrieben, füllen sie die Hochebene von Blaenavon Tag und Nacht mit Donnerhall und Funkenregen. Eine nimmermüde, ächzende Maschinerie. Ein Moloch.

Berge, Tonnen von Eisen werden auf die Wagons vor den Hochöfen geladen und auf dem Schienenweg und dann per Schiff verschickt. Als Eisenbahnen, Schiffe, Brücken und Kanonen wird das Material in vielen Ländern weiterverarbeitet und trägt dazu bei, das Gesicht der Welt in wenigen Jahrzehnten grundlegend zu verändern. Die Erde wird umgerüstet und macht sich mit nicht unerheblicher Hilfe aus Blaenavon auf den Weg in die Moderne.

In nur einer Generation wird aus dem entlegenen Heideland von Südwales ein von Abraumhalden und Industriearchitektur durchdrungenes Areal.

Tausende von Menschen leben nun in der Region, wo vorher nur die Schafe grasten. Kanalsysteme durchziehen die Eichenwälder entlang der Berghänge. Auf den Wasserstraßen betreiben trainierte Menschen und Tiere ein fließbandartiges Transportsystem, das von Blaenavon bis ans Meer von Cardiff reicht. Rohmaterial wird angeliefert - fertige Produkte weggeschafft. Die Infrastruktur ist hoch entwickelt und funktional. Ein entlegener Winkel, der sich durch die Bodenschätze seiner Natur an die turbulenten Plätze der Erde Anschluss geschaffen hat. Eine strukturelle Meisterleistung.

Bizarre Berge von Schlacke und Eisenerz sind heute sichtbare Relikte einer industriell gewandelten Landschaft. Unsichtbar, aber nachhaltiger, hat sich das Schicksal der Menschen als Spur in die Geschichte eingeschrieben.

Mitte des 19. Jahrhunderts, am Höhepunkt der Produktivität in der Region von Erz und Kohle, sprechen von den mehr als 12.000 Einwohnern nur 600 walisisch. Die Menschen leben Tür an Tür in bis dahin ungewohnten Lebensverhältnissen. Sie sind Industriearbeiter. Sie brachten Kulturen aus verschiedensten Ländern mit und glauben an unterschiedliche Dinge. Aber zusammen leben heißt neu definiert, zusammen arbeiten. Für keinen König, für kein Land, sondern für einen neuartigen Herren. Der trägt keine Krone, sondern einen Kopf mit einem großen Förderrad. 'Big Pit' heißt er zwar, aber er ist kein Mensch, sondern eine Aktiengesellschaft. Blaenavon ist ein frühindustrielles Denkmal, für das, was Menschen leisten können.

Der Förderturm steht heute wieder allein in der fast menschenleeren Gegend. Er bezeugt derart auch, wie sich der Arbeitsnomade Mensch, vom Beginn der Industrialisierung an, von Strukturen abhängig machte. Blaenavon - eisenhart und kohlenschwarz. Ein Ort, der, für eine abgezählte Zeit, die Welt bewegte. Jetzt biegt der Wind nur noch das Heidekraut.

Buch und Regie: Horst Brandenburg

Filmmusik & Stab

Kraft, Oliver
Schätze der Welt II
Droll, Frank, Schmidt, Axel
Blaenavon
Wakanoa
Kraft, Oliver
Schätze der Welt II

Buch und Regie: Horst Brandenburg
Kamera: Thomas Ch. Weber

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