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14:38 min | Mo, 28.10.2019 | 12:45 Uhr | 3sat

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Avila, Spanien, Folge 142

SWR

Die spanische Nation, die auf der Treue zum katholischen Glauben beruht, hat viele Wurzeln in Avila. Als ein außergewöhnliches Beispiel mittelalterlicher Stadtarchitektur wurden die Altstadt von Avila und die Kirchen außerhalb der Stadtmauer von der UNESCO zum Welterbe ernannt.

Filmtext

Steine, immer wieder Steine. Meterdicke Mauern, die den Blick fangen. Avila - ein steinernes Denkmal der Reconquista. Denkmal eines Christentums, das weder Juden noch Mauren duldet. Umgeben von karger Natur erscheint die Stadt noch immer uneinnehmbar.

Wehrhaft und kämpferisch - und doch sind es zwei Frauen, die mit ihrer Persönlichkeit Avila prägen. Königin Isabella von Kastilien, die Katholische, die von Avila aus die Feuer der Inquisition entzündet und die Mystikerin Teresa, die Toleranz und Liebe lehrt.

Die spanische Nation, erbaut auf die unerschütterliche Treue zum katholischen Glauben - viele ihrer Wurzeln liegen in Avila.

"Antes quebra que doblar" - lieber brechen als sich beugen. Ungebrochen erhebt sich - seit fast 1000 Jahren - Avilas Stadtmauer aus der kastilischen Hochebene.

Von Avila aus wird das maurische Spanien für das Christentum zurückgewonnen. Die besiegten Mudejaren schuften wie die Sklaven, 10 Jahre lang, dann steht die Mauer, ein Schutzwall, der mit 88 Türmen und 9 Toren die gesamte Stadt umschließt. Einst die mächtigste Befestigungsanlage des mittelalterlichen Europa.

Als Symbol des Sieges über die Ungläubigen wird die Kathedrale errichtet. Eines Sieges, dem die Sieger noch nicht trauen: der Ostteil der Kathedrale und die Stadtmauer sind eins. Eine trotzige Festung aus grauem Granit.

San Salvador ist die älteste gotische Kirche Spaniens. Auch Renaissance und Barock haben ihre Spuren hinterlassen. Französische Baumeister und flämische Künstler arbeiten an San Salvador.

Noch immer scheint die Kathedrale den Geist Teresas zu atmen. Jenseits aller Grenzen menschlichen Verstandes erlebt die Mystikerin die Vereinigung mit Gott.

Im Mittelalter gehört es zu den Pflichten eines jeden spanischen Christenmenschen, mindestens vier Gebete und die 10 Gebote auswendig zu können, aber die Bibel zu lesen ist verboten. Deren Auslegung ist den Priestern vorbehalten.

Im Sommer, wenn die Sonne in Toledo unerträglich wird, zieht der Hofstaat nach Avila. In die kühlen Gärten des Klosters San Tomas. Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon, die die heißen Monate so gerne hier verbringen, werden vom Papst mit dem Ehrentitel reyos catholicos - katholische Könige ausgezeichnet. Das Dominikanerkloster San Tomas haben sie mit dem Geld vertriebener Juden erbauen lassen.

Nach außen abweisend, schmücken Gärten die Innenhöfe und Kreuzgänge, deren Säulen mit Granitkugeln verziert sind. Königin Isabella liebt die Verbindung aus hartem Stein und weicher Form.

Bisher hat Spanien nur am Rande der Christenheit angehört, nun bemühen sich die katholischen Herrscher um eine Vormachtstellung ihres Landes in Europa. Nach der Eroberung Granadas feiert sich die entstehende Nation, spanisch und katholisch sind eins. Ferdinand und Isabella festigen die entstehende Großmacht politisch und religiös mit dem Gesetz "zur Reinheit des Blutes", das alle "Ungläubigen" ausschließt.

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Europa: Spanien

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Avila : Blick auf das Kloster

Avila : Blick auf das Kloster

Avila: Blick auf den Kirchenturm

Kloster San Thomas, Kreuzgang, Detail

Avila : Kloster San Thomas

Avila : Blick auf die Stadtmauer Avila von oben

Avila : Blick auf die Stadtmauer Avila von außen

Erst müssen die Mauren, dann die Juden das Land verlassen. Wer die Heimat nicht aufgeben will, lässt sich taufen. Doch als Conversos sind die Neu-Christen Misstrauen und Ablehnung ausgesetzt. Wer keinen arischen Stammbaum nachweisen kann, wird aus öffentlichen Ämtern ausgeschlossen. Und es kommt noch schlimmer: In der Abgeschiedenheit klösterlicher Mauern ersinnen die katholischen Könige ein furchtbares Instrument, um ihre weltliche und kirchliche Macht zu sichern: die Inquisition. Isabella ernennt ihren Beichtvater, den finsteren Fanatiker Tomas de Torquemada, zum ersten Großinquisitor. Er residiert im Kloster San Tomas. Mitleid hält Torquemada für eine Versuchung, die der "Christ zu überwinden habe". Conversos, die man der heimlichen Ausübung jüdischer Riten beschuldigt, sind seine ersten Opfer. Bald nimmt die Verfolgung wahnhafte Züge an. Einmal verdächtigt, gibt es kein Entrinnen. "Niemand sage,dass er auf diese Weise ungerecht verurteilt werde. Und sollte er etwa durch falsche Zeugen überführt worden sein, so trage er mit Gleichmut und freue sich, für die Wahrheit den Tod erdulden zu dürfen".

Die Schreie der Sterbenden klingen Torquemada wie "Fanfaren zur Ehre Gottes". A muerte - Zum Tod, ruft das Volk, als in Avila die ersten Scheiterhaufen lodern.

Dass Spanien so viele Steine und sowenig Wälder hat, liege daran, dass die Krone alles Holz für die Scheiterhaufen brauchte. Doch die Kritik wird erst Hunderte Jahre später laut. Nicht nur Avila, ganz Spanien, wird um vieles ärmer, - ohne jüdische Kaufleute, ohne arabische Ärzte und Wissenschaftler. Ohne die kunstvollen Bewässerungssysteme der Moriscos versteppt das Land. Und doch ist man stolz darauf Gottes ausgewähltes Volk zu sein.

Verbunden mit der Stadtmauer - die alten Adelspaläste des siglo d'oro, des goldenen Zeitalters. Ihre Schönheit lässt sich hinter abweisenden Mauern nur erahnen. Längst gilt es nicht mehr nur Avila zu verteidigen. Im Zeichen des Kreuzes erobern die kastilischen Ritter mit Feuer und Schwert Südamerika. Dort gibt es soviel Gold und Silber, dass man die Straßen damit hätte pflastern können. Den Reichtum der Eroberer spiegeln deren prächtige Renaissance-Paläste. Mit Treppen aus Granit, zweistöckigen Innenhöfen und schlanken Säulen, die die Fenster schmücken.

Blasco Nunez de Vela, der Erbauer dieses Palastes, hatte wenig von all dem Luxus, als Vize-König von Peru wird er von Pizzaro in Quito hingerichtet.

Ein Garten wie der von San Segundo mag die heilige Teresa zu ihrem wohl bekanntesten Gleichnis angeregt haben. Vier Arten des Gebets gibt es, die den vier Arten einen Garten zu bewässern entsprechen. Die erste besteht darin, mühsam das Wasser aus einem Brunnen zu schöpfen, so wie es mühsam ist, sich dem Drängen der Welt zu entziehen. Mit einem Schöpfrad geht es leichter, so wie die Seele, die innere Sammlung gefunden, leichter zu Gott findet. Die dritte Bewässerungsart ist fließendes Wasser aus einem Fluss, hier hilft Gott dem Gärtner unermesslich. Die vierte Art aber ist der Regen, der ohne jedes Zutun im Überfluss vom Himmel fällt. Das entspricht der Vereinigung mit Gott, der mystischen Verzückung.

Teresas Großvater ist Converso, die Familie zieht von Toledo nach Avila, um der gesellschaftlichen Ächtung zu entkommen. Die junge Teresa lernt schon früh, was es heißt, jüdischer Herkunft und Frau zu sein. Ihr Eintritt in das Kloster zur Menschwerdung geschieht aus eher weltlichem Grund: "Vor einer Heirat aber schreckte ich zurück. Das Klosterleben bewahrte davor, einem Manne unterworfen zu sein, einem Manne, der oftmals das Leben der Frau ruiniert."

Teresa ist gebildet und gelesen. Und sie tut etwas, was Frauen damals verboten ist: sie schreibt. Schreibt über ihre Visionen und Gebete, ihren Weg zu Gott. Ihre Mystik kennt keine Standesunterschiede, vor Gott sind ihr alle Menschen gleich. Sie lehrt Toleranz und hingebungsvolle Liebe. "Solo dios basta". - Gott allein genügt. Ihre Beichtväter kritisieren ihre Veröffentlichungen. Warnen sie vor der drohenden Inquisition, die schreibende Frauen als Teufelswerk brandmarkt. "Das fand ich komisch, denn ich war in dieser Hinsicht niemals ängstlich gewesen, da ich meinen Glauben kannte und wusste, dass ich für jede Wahrheit der heiligen Schrift gern tausend Tode gestorben wäre."

Mit 45 verlässt sie die schützenden Klostermauern, nimmt die Strapazen auf sich, in einem einfachen Fuhrwerk durch ganz Spanien zu reisen. Denn seine "Majestät", wie sie Gott nennt, "sprach zu mir in einer Weise, dass ich keiner Täuschung erliegen konnte.". Mir kam in den Sinn, dass seine Majestät mich in den Orden geschickt hatte, um dessen Regeln mit größter Vollkommenheit zu befolgen. In meinem Kloster war ich unbeliebt, weil ich eine strengere Klausur einführen wollte. Eines Tages kam das Gespräch darauf, ob wir nicht nach Art der Barfüßer-Nonnen leben und ein Kloster gründen sollten. Ich trug mich mit diesem Gedanken schon eine Weile."

Von Avila aus gründet sie in den folgenden Jahren 18 Klöster der unbeschuhten Karmeliterinnen in ganz Spanien. Nur wenige Jahre nach ihrem Tod wird Teresa von Avila heilig gesprochen.

Avila, die ernste, herbe Stadt, versinkt nach dem Siglo d'oro in Dornröschenschlaf. Ein Schlaf, der Avilas Schönheit bewahrt hat, innerhalb der Mauern und Zinnen, die ihn bewachen.

Buch und Regie: Patricia Möckel

Filmmusik & Stab

Kraft, Oliver
Schätze der Welt II
Büchele, Armin
Avila

Buch und Regie: Patricia Möckel
Kamera: Gerd Bleichert

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