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Filmtext & Video

15:01 min | So, 16.2.2020 | 6:00 Uhr | SWR Fernsehen

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Zentrum von Angra do Heroismo auf der Azoren-Insel Terceira, Portugal, Folge 278

SWR

Angra do Heroismo auf der Azoren-Insel Terceira hält über 300 Jahre eine Schlüsselrolle als Knotenpunkt zwischen drei Kontinenten, als Versorgungshafen für die Entdecker, als Zwischenstation für Schätze beladene Karavellen, als hochmoderne Stadt des 16. Jahrhunderts. Angra, der Anker. Breite Straßen, wie mit dem Lineal gezogen. Eine für das Vieh, eine für edle Herren zu Pferde, eine andere für Getreide und Ochsengespanne. Direkt am Hafen ein Schlachthof, ein Krankenhaus, eine Kirche. Viele berühmte Seefahrer wird Angra an Land und an Bord gehen sehen, und viele Schätze sinken hier nach blutigen Seeschlachten auf den Meeresgrund.

Filmtext

Gibt es diesen Ort überhaupt? - Angra do Heroismo...Oder ist er nur eine Vorstellung, ein Schönwetter-Traum? - Azoren...Ein Schatz auf dem Meeresgrund? - Atlantis...Es war im 15.Jahrhundert. Prinz Heinrichs Seeleute waren unermüdlich unterwegs auf dem stürmischen Atlantik, auf der Suche nach gefahrlosen Passagen, günstigen Winden und neuen Ufern. Immer weiter an der afrikanischen Küste entlang nach Süden. Auf den Seekarten entstanden immer neue Punkte und in den Köpfen der Menschen ein neues Weltbild. Gezeichnet vom kleinen Portugal am Südwestrand Europas.

Auf einer der Entdeckungsfahrten - weit westlich vor Lissabon - sichten Seefahrer plötzlich Buckel im endlosen Meer. Erst einen, dann zwei... - und nennen sie nach denen, die ihnen heilig sind: Santa Maria, Sao Miguel. Später kommt eine dritte Insel dazu Jesus Christo heute Terceira, die dritte genannt. Am Ende werden es neun sein.

A Graciosa....E:...mar chao

Und weil sich die mutigen Männer zwar zu Wasser auskannten, aber nicht in den Lüften - und Habichte "acores" nicht von Bussarden unterscheiden konnten, die über ihnen kreisten, tauften sie das neue Archipel "Azoren". Ein Name so rau wie Wasser, das gegen Felsen klatscht, wie Wind der um Vulkane fegt. 1000 Meilen vom europäischen Festland entfernt und zweimal weiter von der Neuen Welt. Aber die kannten die Entdecker von damals noch nicht. Freiwillige Siedler findet der portugiesische Kronprinz bei den Untertanen seiner Schwester - im kriegsgebeutelten Flandern. Jacome von Brügge heißt der erste Lehensherr von Terceira. Aus einem windgezausten Eiland soll er Kornkammern und Viehweiden machen, denn dem kleinen Portugal - im Rücken die feindlichen Spanier und vor sich nur Wasser - fehlt es an Nachschub für seine Eroberungen.

Adlige und arme Bauern, Flamen und Portugiesen kommen um 1450. Mit Pflanzensamen und Vieh, mit Waffen und Heiligenbildern. Ihre Nachkommen:

Gottesfürchtige Menschen mit einem Blick, der weit übers Meer reicht. Os homens.

Mit einem Bein leben wir an Land , mit dem anderen auf See, sagen sie. Unsere Vorväter haben vielleicht mit Corte Real Neufundland entdeckt oder mit Vasco da Gama Indien ...

Nicht Weltstadt, aber Stadt von Welt - das war Angra einst und lange Hauptstadt der Azoren. Versorgungshafen für Entdeckungsreisen, Zwischenstation für schätzebeladene Galeonen, Knotenpunkt zwischen drei Kontinenten. Angra - der Anker - gebaut, besiedelt, um dem Meer zu dienen.

Als andernorts in Europa noch muffiges Mittelalter durch winklige Gassen wehte, bauten die Azoreaner eine luftige, lichte Renaissancestadt. Um 1530. Breite Straßen wie mit dem Lineal gezogen, eine für Ochsengespanne, eine für edle Herren zu Pferde, eine für Getreidefuhren - alles Richtung Hafen.

Dort gab es einen Schlachthof, ein Krankenhaus, eine Kirche. Frischfleisch für die Aufbrechenden, Medizin für die ausgezehrten Heimkehrer. Letzte Beichte, letzter Segen, manchmal auch letzte Ölung.

"Man schoss mit Pickelkugeln. Von den Mastkörben regnete es Feuertöpfe, alle Schiffe standen in Brand, Ströme von Blut flossen ins Meer...." Zahllose Seeschlachten erzählen, wie strategisch wichtig die Azoren einst waren, besonders nachdem 1500 die neu entdeckte Amerika-Route den Indien- Seeweg hier trifft. Das kleine Volk von Terceira baute 35 Befestigungen in nur zwei Jahren. Engländer, Franzosen, Holländer und natürlich Piraten kreuzten vor seinen Küsten, um am großen Gewinn der Portugiesen teilzuhaben. Auch ein gewisser Francisco Draque - Francis Drake.

1499 geht Vasco da Gama hier vor Anker. Gerade hat er den Seeweg nach Indien entdeckt und seinem König den Weg zu ungeheuren Reichtümern eröffnet, hat billige Glasperlen und Mützen getauscht und die Schiffe mit Tonnen von Pfeffer, Zimt und Nelken voll geladen. Aber nur ein Teil erreicht den Heimathafen. Katastrophen, Krankheiten reduzieren die Mannschaften auf kleine Häuflein. In Angra bringt Vasco da Gama seinen todkranken Bruder Paulo an Land. Und kehrt allein nach Lissabon zurück.

Silber aus Südamerika, Kruzifixe aus Elfenbein, orientalische Ornamente, brasilianisches Holz, Madonnen von den Malwinen - auf den Azoren, wird gehandelt und getauscht. Zucker gegen flämische Gemälde und kirchlicher Segen gegen Gold. Auch wenn der König erlassen hat, dass auf alles, was sich den Schiffen mehr als 20 Meter nähert, das Feuer eröffnet werde. Und die Franziskaner weist er an, ihre Gier im Zaume zu halten...

Die Vielzahl der Klöster lässt ahnen, wie die katholische Kirche von den Eroberungszügen profitierte. Hier lassen Seefahrer in Angst vor dem Ungeheuer Atlantik und den Heiden Versprechen und Opfergaben. Das prägte Kunst und Kultur auf den Azoren, wo selbst die Kamine betenden Händen gleichen. Ein Schätze- und Stil -Gemisch, das den Geist des eines glorreichen Zeitalters widerspiegelt. Missionseifer und Drang zu neuen Ufern, Habgier und Neugier.

Große, dramatische und armselige Kapitel von Weltgeschichte. Die Azoren liefern dazu einige Fußnoten. Metaphern für Vergänglichkeit. Denn in dieser Welt zwischen den Welten waren schon immer höhere Mächte am Werk. Das Meer tost, als wolle es Ungeheuer gebären. Es verschluckt Felsen und spuckt neue aus. Die Berge im Inselinneren dampfen und zischen und unter der Erde brodelt es. Seebeben, Vulkanausbrüche, Erdbeben. Und so viele hatten gehofft, hier Atlantis zu finden.

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Europa: Portugal

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Angra de Heroismo

Angra de Heroismo

Landschaft auf Insel Terceira

In diesen Breiten sind selbst die Mutter Gottes und alle Heiligen überfordert. Deshalb wird auf Terceira der "Espirito Santo" , der Heilige Geist, angerufen. In einer fröhlichen Mischung aus heidnischen und christlichen Bräuchen. Sechs Wochen lang wird der Espirito Santo gefeiert. Und danach - wie ein Geist in der Flasche in bunten Kapellchen verwahrt. Die katholische Kirche gibt stirnrunzelnd ihren Segen.

Terceira bebte am Neujahrsmorgen 1980. Bilder wie nach Bombenangriffen. Als hätte der liebe Gott mit der Faust dreingeschlagen. Was sind schon zwei Jahrzehnte, um glanzvolle Jahrhunderte wieder erstehen zu lassen? Die Restauratoren vollbringen in Angras Kirchen Wunder. Geflickte Erinnerungen. Steckt nicht die wahre Geschichte in den Rumpelkammern?

1983 erklärte die UNESCO Angra zum Weltkulturerbe. Eine Stadt in neuen Kleidern, die aber auch ihre Blessuren zeigt. So bunt wie ihre Vergangenheit, denn alle haben etwas dagelassen .- die frühen flämischen Siedler und die italienischen Händler, die spanischen Besatzer, die Engländer, die mit Orangen handelten und die amerikanischen Walfänger. Haben etwas dagelassen und etwas mitgenommen. Geschichten stehen hier nicht auf Fassaden, sondern dahinter. Oder auf liegen dem Meeresgrund in Hunderten von Wracks. Und die Menschen kennen sie.

Aquela água....... e magnética

Stolz sind sie, die Menschen von Terceira. Und freiheitsliebend. Hier war einmal Portugal, als der spanische Erbfeind Portugal geschluckt hatte. 1580. Auf Terceira gewährte man unterdessen dem portugiesischen Thronfolger Asyl. Die anstürmenden Spanier wurden mit weiblicher List zurückgeschlagen und - Ironie des Schicksals - einer Horde wilder Stiere.

Zwei Jahre später kamen die Spanier doch, des Silbers wegen und blieben 60 Jahre.

"Gott gab uns Portugiesen ein kleines Land als Wiege und die ganze Welt als Grab", schrieb der Jesuit Antonio Vieira.

"Angra do Heroismo" - Anker des Heldentums. Dieses Attribut bekamen die Terceiraner von Königin Maria. Eine Adelung wie ein letztes Aufbegehren gegen den Untergang des Weltreichs. 1828 bildet sich hier die liberale Gegenbewegung zur absolutistischen Herrschaft im Mutterland. Der Duque von Terceira hisst die Segel und verhilft im Bruderkrieg der konstitutionellen Monarchie zum Sieg. Aber da hatten schon längst andere Herren die Welt unter sich aufgeteilt.. Ein Land zieht sich wieder zurück an den Rand Europas.

Auf den Azoren haben Wind und Regen, Lava und ewiges Grün die Herrschaft übernommen. Mildes Klima des Vergessens. Naturgewalten und Armut trieben die Menschen westwärts. Über eine Million leben in Kanada und den USA. 300.000 auf den Inseln. Aber viele sind zurückgekommen. Heute ist der Himmel der Herr über Angra. Er lässt die Stadt lachen, um sie kurz drauf zu verschlingen. Er umwabert sie mit Nebelschleiern wie Trauerflor und gießt später Farbeimer über ihr aus. Es gibt sie doch, die Azoren - verloren und schön.

Buch und Regie: Eva Witte

Filmmusik & Stab

Kraft, Oliver
Schätze der Welt II
Gullatz, Biber, Freise, Moritz
Angra

Buch und Regie: Eva Witte
Kamera: Gerd Bleichert

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