Wohnen im alten Freizeitheim

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Oleg Kauz (Redaktion, Kamera, Schnitt), Enno Endlicher (Kamera), Mirjam Michutta (Ton) und Louisa Markert (Assistenz). Produktion: EIKON Media GmbH, im Auftrag des SWR.

Beim Spaziergang mit den Hunden haben sie es ganz zufällig entdeckt: das alte katholische Waldheim für Kinderfreizeiten im Schmellbachtal. Jessica und Julian haben aus dem alten 70er-Jahre-Bau ihr privates und berufliches Zuhause gemacht.

Es war zu Beginn der Corona-Pandemie, als Jessica und Julian mit ihren Hunden einen Ausflug ins Schmellbachtal, südwestlich von Stuttgart, machten. „Es war eine Zeit, in der wir uns allgemein fragten, wie es in unserem Leben weitergehen soll und dann sind wir hier mit den Hunden Gassi gewesen und wunderten uns über das verlassene Gebäude in der wunderschönen Lage”, so Jessica. Eine Recherche der damaligen Wahl-Hamburger ergab, dass das Gebäude gar nicht verlassen, sondern von der katholischen Landeskirche kürzlich zum Verkauf freigegeben wurde. Und so begannen die Gespräche und Verhandlungen, die knapp 18 Monate später dazu führten, dass Jessica und Julian sich heute Besitzer des Waldheims nennen können.

Ehemaliges katholisches Waldheim

Die Stuttgarter Waldheime sollten ursprünglich der Stadtranderholung für Kinder und Senioren dienen. Die aus der Arbeiterbewegung hervorgegangenen Waldheimvereine betrieben in der Umgebung mehrere Waldheime als Erholungs- und Veranstaltungsorte mit Gaststättenbetrieb. Jessica und Julian kauften das Waldheim mitsamt des 2,6 Hektar großen Außengeländes in einer Talaue des Schmellbachs, vollkommen umgeben von Wald.

Alter 70er-Jahre-Betonbau wird saniert

Nach dem Kauf im Oktober 2021 begannen die beiden mit dem Umbau. Freunde und Familie unterstützten sie. Dabei hatten sie lediglich den ganz groben Plan, in dem alten Freizeitheim langfristig eine neue Gastronomie und einen Veranstaltungsort einzurichten. Ein bisschen wollten die beiden sich aber auch von dem Gebäude und ihren spontanen Ideen treiben lassen. So veranstalteten sie im Winter auf der Terrasse eine öffentliche Winterolympiade mit Eisstockschießen oder verwandelten den riesigen Hauptspeisesaal zwischenzeitlich in ein Handballfeld. Aus den schönsten verbliebenen Vintage-Möbelstücken des in die Jahre gekommenen Waldheims haben die beiden sogar ein ganzes Zimmer im 70er-Jahre-Look eingerichtet.

Natur in die Wohnräume holen

Ihre privaten Wohnräume haben Jessica und Julian in der früheren Hausmeisterunterkunft. Das zentrale gestalterische Leitprinzip heißt überall: Wir holen uns den umgebenden Wald in die Räume. Ihre Wohnung haben die beiden daher mit natürlichen Farben und Materialien eingerichtet. Viele Wände haben sie grün gestrichen. Mit dem Kauf des Waldheims haben sie auch diverse Klaviere erworben, eines davon hat seinen Platz nun in ihrer Wohnung gefunden. Dass auch nach sechs Monaten Umbauphase das Badezimmer noch nicht fertig ist, nehmen die beiden mit Humor.

Zuhause für vier Hunde

Auch bei der Modernisierung der anderen Räumlichkeiten versuchen Jessica und Julian, die Grenzen zwischen innen und außen ein wenig aufzubrechen. Viele Fenster des 70er-Jahre-Betonbaus haben sie für einen besseren Blick in den Wald und die Natur vergrößert. Beim Innenausbau kommen auch hier vor allem natürliche Farben und Naturmaterialien zum Einsatz.

Mit Jessica und Julian sind auch ihre vier Hunde ins Schmellbachtal gezogen: Bella, Lenny, Lasse und Maja, die teilweise aus Tierheimen stammen und durch ihr Alter oder ihre körperlichen Beeinträchtigungen besondere häusliche Einbauten und Pflege brauchen. Auch für sie ist das neu gefundene Zuhause mit zahlreichen Liegeflächen, eigenen Treppenaufgängen und viel Platz für den Auslauf in der Natur eine pure Wohltat.

Altes Leben eingetauscht

Jessica kommt zwar ursprünglich aus Plienigen, hat das Schmellbachtal aber nie bewusst wahrgenommen. Für Julian und sie ist der Erwerb des alten Waldheims auch ein beruflicher Neustart. Sie hat zuvor bei der Formel 1 gearbeitet, Julian kommt beruflich eigentlich aus dem Controlling. Der Karrierewandel und Umzug von Hamburg in das Schmellbachtal war ein Sprung ins kalte Wasser, trotz der Nähe zu Jessicas helfender Familie. „Viele unserer Freunde und Bekannte können bis heute nicht richtig verstehen, wieso wir unser altes Leben so plötzlich aufgegeben und uns dieses Teil gekauft haben. Ja, ich trage jetzt Gummistiefel und keine High Heels mehr, aber dieser riesige Spielplatz ist es mir wert.”

Geschichte des Stuttgarter Waldheims

Mit dem Erwerb und dem Umbau des Waldheims wurde das Paar auch mit der langjährigen Geschichte des Gebäudes und der Umgebung konfrontiert. So fanden sie hinter einer vorgezogenen Wand am Ende eines Flures eine „zugemauerte” Kegelbahnanlage. Versteckt unter der Erde soll auch noch das Naturfreibad aus den 1920er Jahren liegen, das sich früher auf den Wiesen vor dem heutigen Waldheim befand. Damals wurde der Schmellbach hier im Sommer gestaut und füllte so zwei große Schwimmbecken, die nach der Schließung des Bades irgendwann einfach zugeschüttet wurden.

Und dann ist da natürlich noch das Waldheim und die Waldheimfreizeit selbst, die unzählige Kinder jedes Jahr in ihren Schulferien besuchten und nun gerne wieder vorbeischauen, um in Erinnerungen zu schwelgen und ihre Geschichten zu teilen. All diese persönlichen und emotionalen Verbindungen zu diesem Ort sind Jessica und Julian sehr wichtig und so bleibt ein Großteil des privaten Areals auch zukünftig für alle Wanderer, Spaziergänger und Besucher frei zugänglich. Sie appellieren aber an einen respektvollen Umgang miteinander und auch mit der Natur.

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