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SENDETERMIN Mo, 19.3.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Zwangsprostitution Opferschutz unterentwickelt?

Es ist eines der widerlichsten Verbrechen. Menschenhandel. Betroffen in erster Linie Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden. Doch wenn deutsche Behörden auf diese Verbrechensopfer aufmerksam werden, ist deren Leid damit nicht automatisch zu Ende. Nein, selbst wenn sie den Mut haben, in einem Prozess gegen Menschenhändler auszusagen, droht ihnen dennoch die Abschiebung.

Andere Länder, wie beispielsweise Italien, haben längst erkannt, dass man so den Menschenhandel nicht in den Griff bekommt. Es muss also etwas geschehen. Beate Klein zeigt, was.

Bericht:

Noch immer verfolgt sie die Angst. Elvira war vor sechs Jahren von Litauen nach Deutschland verschleppt worden. Für ein paar tausend Mark von Menschenhändlern an einen brutalen Zuhälter verkauft.

O-Ton:

»Er hat mich vergewaltigt. Und hat zu mir gesagt „Und, war das gut?“ Er hat mir 50 Kondome aufs Gesicht geschmissen und gesagt: „Jetzt weißt Du, was Du tun sollst.“«

Der Zuhälter sperrte sie im Bordell ein. Nacht für Nacht musste sie Freier bedienen. Nach Monaten konnte sie fliehen, ging trotz Angst von sich aus zur Polizei. Aber wie geht es anderen Opfern?

Frauenhaftanstalt Neudeck in München. Hier landen weibliche Untersuchungshäftlinge und Frauen, die abgeschoben werden sollen. Und so unglaublich es klingt, immer wieder werden Frauen in die Zellen gesteckt, die als Zwangsprostituierten ausgebeutet wurden. Eine von ihnen war Maria. Ihr einziges Vergehen: Sie wurde auf der Straße ohne Pass angetroffen. Die Polizei sah in ihr nur eine Illegale, steckte sie in Haft.

O-Ton:

»Ich habe bei der Polizei gar nichts erzählt, weil ich große Angst gehabt habe.«

Von den Menschenhändlern war sie gezwungen worden, bei der Polizei zu lügen.

Zwei schlimme Schicksale, die zeigen, Opfer von Zwangsprostitution brauchen Hilfe, doch immer wieder erweist sich der Opferschutz als lückenhaft.

Wir wollen von den Länderinnenministern wissen, wie ernst nehmen sie den Kampf gegen den Menschenhandel. Tenor der Antworten an REPORT MAINZ: Die Länder messen dem Thema einen hohen Stellenwert bei, gerade die Zusammenarbeit mit den Beratungsstellen habe eine deutliche Verbesserung gebracht.

Doch nach unseren Recherchen gibt es noch immer viele Probleme. Hier versucht eine Kriminalbeamtin mit einem Opfer ins Gespräch zu kommen. Die Ermittler wissen, neben den Aussagen der Opfer finden sie kaum andere Beweise.

O-Ton, Erwin Owtscharenko, Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz:

»Wir sind also auf diese Zeugenaussagen von Opfern angewiesen. Und die befinden sich ja gerade in einer Zwangssituation, so dass es da schwierig ist, Beweise zu gewinnen.«

Ein Problem der Ermittler: Opfer werden nicht als Opfer erkannt, sondern, wie Maria, als Täterinnen behandelt. Wegen des Verstoßes gegen das Ausländerrecht. Die Innenminister bestätigen das Dilemma. Auch eine Studie des Bundeskriminalamtes aus dem Jahr 2006 kritisiert, Opfer würden im Rahmen von Kontrollmaßnahmen verfrüht abgeschoben.

Letzte Woche. Razzia im Rotlichtmilieu in Rheinland-Pfalz. Eine Frau wird aufgegriffen, sie stammt wohl aus Westafrika, hat keinen Pass, spricht fast kein Deutsch. Alles Anzeichen für die Ermittler, dass die Frau ein Opfer von Menschenhandel ist.

Gesetzlich festgelegt ist, dass sie eine vierwöchige Bedenkzeit bekommt, um zu überlegen, ob sie mit der Polizei zusammenarbeiten will. Die Ermittler in Mainz wollen ihr die Zeit geben. Eine Seltenheit in Deutschland.

Zwar erklären auf unsere Anfrage die meisten Länder, sie würden ebenso verfahren. Baden-Württemberg etwa antwortet:

Zitat:

»Die (...) vorgesehene Duldung von vier Wochen wird (...) in Baden-Württemberg angewandt.«

Beate Meinzolt von der Fachberatungsstelle FIZ hat im Raum Stuttgart jedoch ganz andere Erfahrungen gemacht. Sie betreut Opfer von Menschenhandel, wenn sie von der Polizei verständigt wird.

O-Ton, Beate Meinzolt, FrauenInformationsZentrum FIZ, Stuttgart:

»Also ich habe das noch nie erlebt, dass eine Ausländerbehörde oder eine Polizei oder Staatsanwaltschaft gesagt hat: ‚Aha, da besteht jetzt nur Verdacht auf Menschenhandel, sie hat jetzt mal vier Wochen Zeit, wir bringen die unter, es wird bezahlt, sie bekommt eine medizinische Versorgung.’ Da gibt es überhaupt nichts Geregeltes. Das habe ich noch gar nie erlebt, dass es so läuft. Noch gar nie.«

Auch andere Fachberaterinnen schildern uns solche Widersprüche. Und nicht nur bei der Vier-Wochen-Frist gibt es Defizite.

Ein weiteres Problem: Was passiert nach dem Prozessende mit den Frauen? Durch Elviras Aussagen vor Gericht wurden ihre Peiniger zu langen Haftstrafen verurteilt. Ihr Aufenthaltrecht endete. Sie kehrte in ihre Heimat zurück. Doch ein Komplize der Menschenhändler hat sie dort brutal misshandelt.

O-Ton:

»Hat er mich geschlagen, hat mir in den Fuß geschossen. Er hat gesagt: ‚Du Schlampe, du hast alles der Polizei erzählt.’«

Uta Ludwig und ihre Kolleginnen betreuen ehemalige Zwangsprostituierte in Brandenburg. Sie halten es für unverantwortlich, dass die Frauen nach dem Prozess ohne Hilfe abgeschoben werden.

O-Ton, Uta Ludwig, Fachberatungsstelle Belladonna, Frankfurt/Oder:

»Es ist jeweils ein Schicksal. Und das wird nicht gesehen. Das wird im großen Verfahren nicht gesehen. Es wird in der Befragung gesehen, um den Täter zu verurteilen, aber das Ziel ist der Täter. Es ist niemals der Schutz einer Opferzeugin.«

Trotz dieser Kritik: Die Länderinnenminister wollen am nur befristeten Aufenthaltsrecht für die Menschenhandelsopfer festhalten. Einzig der Innenminister von Rheinland-Pfalz macht sich jetzt für ein dauerhaftes Bleiberecht für diese Frauen stark.

O-Ton, Karl Peter Bruch, SPD, Innenminister Rheinland-Pfalz:

»Wir brauchen im Bleiberecht eine Regelung, dass die Frauen eine gesicherte Zusage kriegen können, dass sie hier bleiben. Deswegen müssen wir im Bleiberecht eine Passage aufnehmen. «

Opfer wie Maria und Elvira brauchen eine dauerhafte Perspektive in Deutschland. Nur dann haben die Ermittler eine Chance im Kampf gegen die Menschenhändler.

aus der Sendung vom

Mo, 19.3.2007 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autorin:Beate Klein
Kamera:Alexander Böhle,
Oliver Lück,
Klaus Tomaschewski
Schnitt:Holger Höbermann