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SENDETERMIN Di, 25.10.2022 | 21:49 Uhr | Das Erste

Zeitzeugen und Betroffene berichten Erneute Verzögerung des Freiburger Missbrauchsgutachtens

Ein Bericht zu Missbrauch in der Erzdiözese Freiburg wird wegen rechtlicher Bedenken um sechs Monate verschoben. Nach Recherchen von REPORT MAINZ steckt die Diözese tiefer im Missbrauchssumpf als bisher bekannt. Neue Enthüllungen zum Missbrauchsskandal in Oberharmersbach ergeben jetzt ein sehr umfassendes Bild, wie dort vertuscht wurde. Das ARD-Politikmagazin sprach bei monatelangen Recherchen auch mit Opfern und Priestern, die der Arbeitsgruppe für den Missbrauchsbericht Rede und Antwort standen.

Tränen beim Abschied. Franz B. war 24 Jahre Pfarrer im baden-württembergischen Oberharmersbach. 1991 wurde ihm die Ehrenbürgerwürde verliehen.

Robert Maier

Robert Maier

Robert Maier, Missbrauchsopfer:
"Man wird wütend, weil man so was nicht verstehen kann. Wie kann man einem die Ehrenbürgerschaft verleihen, wenn man weiß, dass er Missbrauch betrieben hat an Ministranten?"

Raphael Hildebrandt, Missbrauchsopfer:
"Da läuft es einem kalt den Rücken runter. Es kocht in einem."

Heute sind die ehemaligen Ministranten über 50 Jahre alt. Die jahrelangen sexuellen Übergriffe durch den Priester haben sie bis heute nicht verarbeitet.

Was wusste die katholische Kirche davon? Antworten darauf sollte der Freiburger Missbrauchsbericht geben. Doch die für heute geplante Veröffentlichung wurde erneut verschoben. Ein Schlag ins Gesicht von Opfern, wie Raphael Hildebrandt.

Raphael Hildebrandt, Missbrauchsopfer:
"Seit mehreren Jahren läuft die Studie und ich weiß nicht, was man da noch alles klären muss, um den zu veröffentlichen."

Wir fragen nach beim Generalvikar der Erzdiözese Freiburg, Christoph Neubrand. Er sagt, rechtliche Gründe seien für die Verschiebung verantwortlich gewesen.

Christoph Neubrand

Christoph Neubrand

Christoph Neubrand, Generalvikar Erzbistum Freiburg:
"Wichtig ist für uns, dass der Bericht vollständig ans Licht kommt, dass die systemischen Komponenten, die im Hintergrund einfach auch vermutlich ja da waren, dass das alles genau benannt wird, dass Verantwortliche benannt werden, Verantwortlichkeiten benannt sind. Und da muss die Zeit in diesem Fall einfach zweitrangig sein."

Für Raphael Hildebrandt und Robert Maier dagegen hat die Zeit oberste Priorität.

Robert Maier, Missbrauchsopfer:
"Man hat das Gefühl, dass sie um jede Minute, um jede Stunde, um jeden Tag kämpfen, dass es nicht ans Licht kommt."

REPORT MAINZ berichtet seit 2010 über die Missbrauchsfälle in Oberharmersbach. Viele unserer damaligen Gesprächspartner wurden auch für den Freiburger Missbrauchsbericht interviewt. Sie und weitere neue Recherchen zeigen: Die Erzdiözese Freiburg und ihr damaliger Erzbischof, Robert Zollitsch, stecken viel tiefer im Missbrauchssumpf als bisher bekannt war. Doch der Reihe nach.

"Dieser Mann hat Leben zerstört"

Täter und Opfer auf einem Bild: Franz B. zusammen mit Raphael Hildebrandt. 1995 zeigte der ehemalige Messdiener seinen Peiniger wegen sexuellen Missbrauchs an.

Raphael Hildebrandt, Missbrauchsopfer:
"Dieser Mann hat Leben zerstört, er hat Familien zerstört, er hat Kinder zerstört und das bis heute. Und da bin ich bis heute noch froh, dass ich diesen Weg damals gegangen bin."

Kurz darauf nimmt sich Pfarrer B. das Leben. Und so wurde Raphael Hildebrandt erneut zum Opfer. Das erzählte er auch der Arbeitsgruppe, die den Freiburger Missbrauchsbericht erstellt.

Raphael Hildebrandt

Raphael Hildebrandt

Raphael Hildebrandt, Missbrauchsopfer:
"Ich habe bei der Kommission ausgesagt, dass ich Gegenwind bekommen habe und dass es auch zu mir gehießen hat, ich habe den Pfarrer umgebracht. Und dann war es so, dass ich in manchen Geschäften nicht mehr bedient worden bin, gerade in den Geschäften, die pro Pfarrer ausgerichtet waren."

Er wusste damals schon über die Taten des Missbrauchspfarrers Bescheid: Erzbischof Robert Zollitsch. Kurz nach dem Suizid von Franz B. erklärt er in einem REPORT MAINZ vorliegenden Schreiben:

Robert Zollitsch, Erzbischof em.:
"Nach unserer Auffassung geht es nun darum, den Schaden möglichst zu begrenzen (…) Herr Pfarrer B. ist tot und hat keine Möglichkeit mehr, Stellung zu nehmen oder sich zu wehren. Man sollte ihn in Ruhe lassen."

Und genau so geschah es. Die Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen gegen Franz B. ein. Die Gemeinde wurde nicht über den sexuellen Missbrauch informiert.

Priester-Kollege spricht von Vertuschung

Auch er wurde für den Missbrauchsbericht interviewt: der inzwischen pensionierte Pfarrer Alfred Haas. Schon 1991 habe ihm Franz B. bei einem privaten Gespräch den Missbrauch an Messdienern angedeutet. Vier Jahre bevor Raphael Hildebrandt Strafanzeige stellte.

Alfred Haas, pensionierter Pfarrer:
"Ich war sehr betroffen, war sehr betroffen. Und meine erste Reaktion war so schnell wie möglich die Platte putzen beziehungsweise den Ort wechseln, damit hier nichts mehr geschieht. Das war naiv meinerseits, aber…"

Gottlob Schober, Autor:
"Also vertuschen quasi?"

Alfred Haas, pensionierter Pfarrer:
"Vertuschen im Grunde genommen auch meinerseits. Ich wollte keinen Skandal."

Dass er damit einen großen Fehler begangen hat, wurde ihm wenige Monate später klar. Denn auch sein Neffe wurde ein Missbrauchsopfer von Pfarrer Franz B. Auf vier Seiten hat dieser sein Martyrium aufgeschrieben. Darüber berichtete REPORT MAINZ 2010.

Von diesem Missbrauchsfall hat der damalige Domkapitular und Personalreferent des Erzbistums Freiburg, Robert Zollitsch, Anfang 1992 erfahren. Der Seelsorger hat ihn damals persönlich informiert. Zollitsch bat ihn und das Opfer daraufhin zu einem persönlichen Gespräch.

Gottlob Schober, Autor:
"Ist Freiburg, ist Herr Zollitsch, mit dem sie ja persönlich gesprochen haben, diesen Vorwürfen intensiv nachgegangen?"

Alfred Haas, pensionierter Pfarrer:
"Zum damaligen Zeitpunkt und aus heutiger Sicht würde ich sagen: Nein. Man wollte das Image wahren, damals."

Mit strengen Auflagen ins Pflegeheim geschickt

Pfarrer Franz B. wird 1991 in den Ruhestand versetzt, kommt in ein Pflegeheim in Titisee-Neustadt, als "Hausgeistlicher". 1995 schreibt Zollitsch:

Robert Zollitsch, Erzbischof em.:
"Von Anfang an machten wir es Herrn Pfarrer i.R. B. zur Auflage, von sich aus jeglichen Kontakt zu früheren Gemeindemitgliedern zu meiden, unter keinen Umständen aber Kinder oder Jugendliche zu empfangen oder gar einzuladen. Nach allem, was wir feststellen können, waren auch nie Kinder oder Jugendliche dieses Alters allein ohne Begleitung von Erwachsenen bei ihm."

Stimmt das?

Robert Maier, Missbrauchsopfer:
"Das stimmt nicht. Weil ich ja selber einmal meinen Bruder hochgefahren habe, zum Franz B."

Gottlob Schober, Autor:
"Nach Titisee-Neustadt? Ins Pflegeheim?"

Robert Maier, Missbrauchsopfer:
"Nach Titisee-Neustadt. Ins Pflegeheim. Und nach gewisser, was soll ich sagen, zwei, drei Stunden wieder abgeholt habe."

Und der Vater eines weiteren Missbrauchsopfers habe sich Pfarrer Haas bei einem Spaziergang anvertraut.

Alfred Haas

Alfred Haas

Alfred Haas, pensionierter Pfarrer:
"Er hat seinen Sohn mitgenommen nach Neustadt. Und der Pfarrer B. hat viele Dinge mit ihm unternommen in den Ferien, in den Tagen. Wie lange er da war, hat er nicht gesagt. Und dass er dabei erfahren hat, dass er auch missbraucht worden ist."

Gottlob Schober, Autor:
"Also er hat letztendlich seinen eigenen Sohn einem pädophilen Priester zugeführt, ohne es damals zu wissen?"

Alfred Haas, pensionierter Pfarrer:
"Er wusste nicht, dass er pädophil ist, sondern war als ein fürsorglicher Pfarrer bekannt, wie auch in der Gemeinde hier. Und deswegen hat er auch gar nichts dabei gedacht."

Für sein Fehlverhalten hat Pfarrer Haas die Gemeinde mittlerweile um Verzeihung gebeten.

Und was sagt Robert Zollitsch zu diesen Fällen? Mit uns will er darüber nicht sprechen. Anfang Oktober aber hat er sich in einem Videostatement bei den Opfern entschuldigt.

Robert Zollitsch

Robert Zollitsch

Robert Zollitsch, Erzbischof em. (6.10.2022):
"Ich habe mit meinem damaligen Verhalten und Handeln, Dokumentieren und Entscheiden gravierende Fehler gemacht und die Gefahr, auch von erneutem Missbrauch, verkannt. Das bereue ich von ganzem Herzen. Es tut mir aufrichtig leid."

Ein erster Schritt. Das ganze Ausmaß des Missbrauchs kann wohl erst der Freiburger Missbrauchsberichts zeigen - in sechs Monaten. Und da wäre Robert Zollitsch fast 85 Jahre alt.

Robert Maier, Missbrauchsopfer:
"Was mir halt auch noch einfallen würde, wäre: Wenn Zollitsch stirbt, ist vielleicht wieder eine Person weniger da, wo eigentlich praktisch weiß, was passiert ist."