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SENDETERMIN Di, 15.11.2022 | 21:53 Uhr | Das Erste

WM-Lobbyarbeit Katar will Menschenrechtsverletzungen ausblenden

Kurz vor der WM präsentiert sich Katar mit einer Spende für das flutgeschädigte Ahrtal als Wohltäter. Im Zuge dieser Spende an die Stiftung des Fußballverbandes Rheinland habe Katar versucht, Kritik vom ehemaligen DFB-Präsidenten Zwanziger zu verhindern. REPORT MAINZ liegt die Gesprächsnotiz eines Treffens zwischen katarischen Diplomaten und dem Fußballverband Rheinland vor. Darin heißt es u.a., eine kritische Äußerung Zwanzigers wäre "für das Engagement Qatars absolut kontraproduktiv".


Der vergangene Sonntag. Ein katarischer Diplomat zu Gast bei Freunden. Eine Million Euro hat das Emirat gespendet. Dafür sollen hier im Ahrtal Minifußballfelder entstehen. Das erste wird heute eingeweiht.

Und der Vertreter des Landes, dem Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, bekommt dafür ein Wohlfühlprogramm - inklusive einer flammenden Verteidigungsrede.

Kurz vor der WM präsentiert sich Katar als Wohltäter


Walter Desch: "Ich habe mitbekommen und mich informiert, dass auch Frauen inzwischen sehr wohl Rechte haben. Und zwar auch in Führungspositionen, wie ich gesehen habe. Also insofern, glaube ich, bevor man Katar zu sehr kritisiert, sollte man sich schlau machen."

Ein dankbarer PR-Termin. Glückliche Kinder, Katar als Wohltäter. Er hat die Veranstaltung mitgeplant: Walter Desch, Chef der ehemaligen Theo-Zwanziger-Stiftung, heute heißt sie „Fußball hilft!“. An sie hat Katar die Million bezahlt. Wir treffen ihn ein paar Tage zuvor. Desch erzählt uns: Der Termin im Ahrtal sei ein besonderer Wunsch der Katarer gewesen - mit klaren Vorstellungen, so sei das jedenfalls bei ihm angekommen. 

Walter Desch

Walter Desch

Walter Desch: "Sie wollten natürlich auch, das war ein wichtiger Punkt, dass wir Katar dann sehr positiv darstellen für die Weltmeisterschaft."


Er habe sich darauf eingelassen, eben das Geld haben wollen - fürs flutgeschädigte Ahrtal.

David Meiländer, Autor: "Sehen Sie denn das nicht, dass Sie jetzt auch ein bisschen zum Instrument einer katarischen PR werden?"

Walter Desch: “Ja."

David Meiländer, Autor: "Das sehen Sie?"

Walter Desch: "Das sehe ich. Das sehe ich."

David Meiländer, Autor: "Haben Sie kein damit Problem?"

Walter Desch: "Nein, es ist für mich… Ich akzeptiere das."

Lobbyisten im Auftrag von Katar in Deutschland


Desch will ehrlich sein. Und deshalb erzählt er uns auch noch etwas anderes. Bei den Verhandlungen waren nicht nur die Katarer, sondern auch ein anderer Mann dabei: der Chef einer bekannten Lobbyagentur. Auch zur Eröffnung am Sonntag kommt er - hier an der Seite des katarischen Diplomaten. Der Lobbyist erklärt auf Anfrage, sich zu Mandanten nicht äußern zu wollen. Nicht der einzige mit katarischem Auftrag - später mehr dazu. 

Katar hat ein Image-Problem. Menschenrechtsorganisationen sprechen von schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen, Schwule und Lesben, die in dem reichen Wüstenstaat um ihre Freiheit fürchten müssen. Das Land investiere viel Geld in PR und Lobbyarbeit, um das alles vergessen zu lassen, sagt Ahmad Mansour, Extremismusexperte und Buchautor. Noch immer sei das Land ein Zentrum für den politischen Islam. 

Ahmad Mansour

Ahmad Mansour



Ahmad Mansour, Extremismusexperte: "Es gibt immer noch Strukturen in Europa, und zwar nicht wenige, die genau von diesem kleinen Regime im Golfregion finanziert werden. Und das dürfen wir nicht vergessen: Ein politischer Islam ist Islamismus und der hat das Ziel in Europa auch unsere Gesellschaft zu unterwandern."

Ahmad Mansour warnt vor Katar und der PR-Arbeit des Landes


Wie mächtig ist Katar wirklich? Wir wollen es genau wissen und schreiben allen Abgeordneten des Deutschen Bundestages: Hatten sie mit katarischen Lobbyisten Kontakt?

Tatsächlich. Wir bekommen Einladungen weitergeleitet, zu Abendempfängen, exklusiven Treffen mit hochrangigen katarischen Regierungsvertretern - organisiert von Lobbyagenturen. Doch die Einladungen habe man natürlich ausgeschlagen, lesen wir immer wieder. 

Dann, nur drei Stunden nach unserer Anfrage an die Abgeordneten, eine E-Mail. Eine weitere Lobbyagentur. Man habe von unserem Interesse gehört, will reden und betont die eigene "Offenheit und Transparenz".  Mitten in Berlin hat die Firma ihren Sitz. Wir führen ein Hintergrundgespräch am Telefon - man gibt sich freundlich, verspricht sogar schriftliche Fragen zu beantworten. Doch eine Antwort bekommen wir bis heute nicht.

Fakt ist: Katar setzt im Kampf ums eigene Image auch auf prominente WM-Botschafter. Lothar Matthäus. David Beckham…

David Beckham (Werbevideo): "It's another beautiful day here in Qatar."

…der sogar als Werbefigur vor der Kamera steht. Aufwendig produziert. Beckham lobt die Vorzüge des Landes, die katarische Kultur. Alles Hochglanz. Luxus Pur.

Und auch ausgesuchte Fans sind Teil der PR-Strategie. Einige von ihnen dürfen kostenlos zur WM fahren, müssen dabei aber Verhaltensregeln beachten, sollen auf Social Media nicht zu kritisch sein. Das zeigen die Richtlinien, die REPORT MAINZ vorliegen. 

Fan Leaders: Agreed Code of Conduct (nachgesprochen): "Wir wollen nicht, dass Du Katar nach dem Mund redest, aber es wäre eindeutig nicht angemessen, Katar, das WM-Komitee (…) oder die Fifa-Weltmeisterschaft zu verunglimpfen."


Kritische Aussagen wären für das Engagement Katars "absolut kontraproduktiv".


Und wie war das bei der Millionenspende im Ahrtal an eine Stiftung? Deren Gründer ist immerhin der ehemalige DFB-Präsident Zwanziger - einer der größten Kritiker Katars.

Theo Zwanziger, ehemaliger DFB-Präsident (03.03.2022): "Für mich bleibt Katar ein Krebsgeschwür des Weltfußballs."

Zwanziger war auch Thema bei der Anbahnung des Spendendeals, belegt eine Gesprächsnotiz aus dem März. Mit dabei unter anderem: die Katarer, Walter Desch und Gregor Eibes, heute Präsident des Fußballverbands Rheinland, FVR. Und sie halten schriftlich fest: 

Gesprächsnotiz eines Treffens zwischen katarischen Diplomaten und dem Fußballverband Rheinland (nachgesprochen):

"Die Gefahr kommunikativen Störfeuers durch den FVR-Ehrenpräsidenten Dr. Zwanziger wird als realistisch eingeschätzt. Für das Engagement Qatars wäre dies absolut kontraproduktiv."

Laut Gesprächsnotiz wird beschlossen, auszuloten, ob Zwanziger auf kritische Statements zum Spendendeal verzichten würde. Eibes, der auch Landrat des Kreises Bernkastel-Wittlich ist, soll das übernehmen. Der sagt uns, er habe sich mit Zwanziger getroffen, wenige Tage später - im Auftrag des Präsidiums des Fußballverbands Rheinland.

Gregor Eibes

Gregor Eibes



Gregor Eibes: "Ich habe keinerlei Einfluss genommen auf Herrn Zwanziger, habe ihm lediglich die Frage gestellt, wie er sich dazu verhält, wenn die Stiftung das Geld annimmt. Und er hat daraufhin geantwortet, dass er, da er mit der Stiftung nichts mehr zu tun habe, sich dazu auch nicht äußern würde."

Zwanziger lässt eine Nachfrage von REPORT MAINZ unbeantwortet. Zur Spende im Ahrtal hat er sich vereinzelt kritisch geäußert.


Was sagt Katar dazu? Auf unsere schriftlichen Fragen gibt es keine Antwort. Doch dann, am Sonntag, gibt der Botschaftssekretär zwei anderen Journalisten freimütig ein Interview. Also probieren wir es auch nochmal, konfrontieren ihn mit unseren Vorwürfen.

David Meiländer, Autor: "Wie äußern Sie sich dazu?"

Ahmad Hassan Al-Hay, katarische Botschaft: "Also es tut mir leid, für die Medien gebe ich wirklich kein Interview mehr. Es tut mir leid."


Kritische Fragen passen eben nicht in das PR-Konzept - wenige Tage vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft.