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SENDETERMIN Di, 9.2.2021 | 21:46 Uhr | Das Erste

Wissenschaft unter Druck Corona-Forscher werden bedroht

Seit Corona stehen die Virologen im Dauerfeuer der Öffentlichkeit: Welche Folgen hat das für sie privat und beruflich? Die Virologen sind massiv mit Hass, Hetze und Häme konfrontiert, darunter sogar handfeste Morddrohungen.

Prof. Alexander S. Kekulé, Virologe, Universität Halle: "Ja, ich habe selbstverständlich Drohungen bekommen. Es ist so, dass wie bei meinen Kollegen auch, da gehen handfeste Morddrohungen ein."

Prof. Hendrik Streeck, Virologe, Universität Bonn: "Ich habe sie ernst genommen, aber ich bin nicht in Panik verfallen. Die kamen im Übrigen nicht nur von den Corona-Leugnern, sondern auch die, die einen härteren Lockdown noch wollten. Also man sieht, dass beide Seiten extrem werden können."

Ein Jahr wie kein anderes

Zwei Virologen berichten, wie es ihnen im Jahr der Pandemie ergangen ist. Was haben sie erlebt?

Professor Hendrik Streeck ist Chef der Virologie an der Uni Bonn. Er sagt, wir müssen mit dem Virus leben lernen. Im Hotspot Heinsberg hat Streeck die erste empirische Untersuchung zur Corona-Pandemie in Deutschland gemacht. Die Folge - eine abstruse Strafanzeige, 100 Seiten lang, unter anderem wegen Betruges.

Prof. Hendrik Streeck

Prof. Hendrik Streeck

Prof. Hendrik Streeck, Virologe, Universität Bonn: "Wenn plötzlich eine Strafanzeige, die ich noch nie in meinem Leben gehabt habe, gegen einen gestellt wird und dann auch noch gesagt wird, es wäre Gefahr in Verzug, dann denkt man ja schon, dass man im nächsten Moment von der Polizei abgeholt wird. Oder wenn öffentliche Aufrufe sind, dass ich exekutiert werden sollte, dann fragt man sich schon, was jetzt als Nächstes passiert."

Prof. Alexander Kekulé ist Chef der Virologie an der Uni Halle, beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Seuchenbekämpfung. In Deutschland war er mit als erster für die Maskenpflicht. Seit Monaten begegnen auch ihm - Hass, Hetze und Häme.

Prof. Alexander S. Kekulé, Virologe, Universität Halle: "Das kommt massenweise, das ist nicht nur in geschlossenen Gruppen. Die schreiben ja auch wirklich an mein Büro und solche Dinge. Da sind die Menschen relativ enthemmt an der Stelle. Und das ist eigentlich für mich der gefährliche Effekt, die gefährliche Tendenz, dass man hier dann irgendwann regelrecht organisierte Strukturen hat, die eigentlich entstanden sind - ich darf das mal so sagen - aus einzelnen Spinnern."

Wenn Drohungen zur Normalität werden

Vor einem Jahr kannten sie nur Insider, jetzt stehen sie in der Öffentlichkeit mit weitreichenden Folgen bis in die Privatsphäre:

Prof. Hendrik Streeck, Virologe, Universität Bonn: "Da ging es von Strafanzeige zu Diffamierung, Diskreditierung. Das sind Wechselbäder der Gefühle, die da entstanden sind von wirklich einer spannenden Zeit und auch irgendwie extrem neuen Zeit für einen bis hin zu, ja, wo man anfing, Existenzängste zu kriegen."

Prof. Alexander S. Kekulé

Prof. Alexander S. Kekulé

Prof. Alexander S. Kekulé, Virologe, Universität Halle: "Ich habe tatsächlich bei meiner Tür, bei meiner privaten Wohnung das Türschild ausgewechselt, weil mir klar war, jetzt kommt eine Krisenzeit auf uns zu, wo die, die da exponiert sind, möglicherweise auch emotionale Ziele, Ziele von Emotionen sein können, auch von negativen."

Blick in die Vergangenheit - wer lag falsch?

Freimütig räumen beide Wissenschaftler ein, dass ihnen im Jahr der Pandemie auch Fehleinschätzungen unterlaufen sind.

Prof. Hendrik Streeck, Virologe, Universität Bonn: "Natürlich habe ich Fehler gemacht, auch Irrtümer begangen. Das fängt am Anfang der Pandemie an, dass ich gesagt habe oder auch geglaubt habe, dass die einfachen Masken nicht helfen. Und dann haben Studien gezeigt, dass das anders ist. Ich habe auch andere Fehler und Fehleinschätzungen gemacht oder vor allem auch mich falsch ausgedrückt."

Prof. Alexander S. Kekulé, Virologe, Universität Halle: "Ich habe bei der Pandemie am Anfang muss ich sagen, das Problem insofern unterschätzt, obwohl ich ja wahrscheinlich der lauteste Warner damals war, als ich nicht gedacht habe, dass dieses Virus so stark infektiös werden würde."

Medien als Brandstifter?

Die Corona-Berichterstattung sehen beide Wissenschaftler kritisch.

Prof. Hendrik Streeck, Virologe, Universität Bonn: "Was mir am meisten fehlt, ist eigentlich wirklich eine objektive Berichterstattung dabei. Man merkt, dass bei vielen sehr viel Emotionen dabei sind, wo es darum geht herauszustellen, dass ein Wissenschaftler mehr recht hat als der andere und die dadurch eigentlich den wissenschaftlichen Diskurs kaputt machen."

Prof. Alexander S. Kekulé, Virologe, Universität Halle: "Also schon dieses Interesse an der Dramatisierung von Auseinandersetzungen, was man ja sonst auch hat, wenn sich zwei Fußballer beim FC Bayern München streiten, gibt es ja auch gleich eine Schlagzeile. Und diese Tendenz ist natürlich für Wissenschaftler Gift. Ja, weil das ist gar nicht ihr Metier, wenn die da so reingezogen werden."

Krise erfordere Umdenken

Beide haben in diesem Jahr die Politiker sehr aufgeschlossen, nicht beratungsresistent erlebt. Trotzdem kritisieren sie, dass eine umfassende und langfristige Strategie im Umgang mit dem Virus bislang fehle.

Prof. Alexander S. Kekulé, Virologe, Universität Halle: "Ich bin eigentlich dafür, dass wir das machen, was übrigens in den Pandemieplänen steht, nämlich, dass wir große Gremien brauchen. Wir brauchen nicht einzelne Berater, die sozusagen der Kanzlerin oder den Ministerpräsidenten einzeln etwas einflüstern, sondern wir brauchen eigentlich ein Forum von Fachleuten, wo unterschiedliche Meinungen repräsentiert sind."

Prof. Hendrik Streeck, Virologe, Universität Bonn: "Daher wäre es umso wichtiger, dass zentral diese Stimmen wieder zusammengeführt werden. So was aber kann nicht geschehen über einzelne Wissenschaftler, einzelne Institute, weil man dann wieder mit Partikularinteressen und auch einzelnen Freundschaften arbeitet."

Prof. Alexander S. Kekulé, Virologe, Universität Halle: "Darum, das ist meine Befürchtung, dass wir, wenn es dann wieder stattfindet, statistisch ungefähr dreimal pro Jahrhundert, das wir dann auch nicht viel klüger sein werden, als wir es jetzt am Anfang waren."