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Text des Beitrags Quälerei im Puten-Stall

Wieder gibt es schwere Vorwürfe gegen Wiesenhof.

Als wir vor zwei Jahren aufgedeckt haben, dass der Geflügelproduzent Wiesenhof mit dem Tierschutz so seine Probleme hat, da gelobte Wiesenhof Besserung. Mitarbeiter, die Tiere für die Schlachtung zusammentreiben und diese dabei derart misshandeln, das würde gegen den Tierschutz verstoßen. Dies sei für Wiesenhof absolut inakzeptabel. Und die Mitarbeiter, die so etwas machen, seien sofort zu entlassen.

Markige Worte sind das, die sollen signalisieren: Wir tun was, wir handeln. Worte, die Vertrauen bei uns, Kunden, zurückgewinnen wollten.

Aber: Wie glaubwürdig ist Wiesenhof? Wurden die Tierquälereien wirklich erfolgreich abgestellt? Monika Anthes und Edgar Verheyen mit Antworten.

Bericht:

Spätabends in einem Waldstück in der Nähe von Cloppenburg. Wir sind verabredet mit Aktivisten einer neu gegründeten Tierschutzorganisation.

Frage: Was machen Sie jetzt genau?

O-Ton, Friedrich Mülln, SOKO Tierschutz:

"Wir bereiten uns jetzt gerade vor für einen Einsatz auf einer Putenfarm, wo wir erfahren haben, dass heute ausgestallt wird, und versuchen einfach mal zu dokumentieren, was der Alltag bei der Firma Wiesenhof in Sachen Puten ist."

Sie wollen in dieser Nacht überprüfen, ob Tierschutzgesetze beim sogenannten Ausstallen, also beim Verladen der Puten, eingehalten werden.

Hintergrund: August 2011. REPORT MAINZ berichtet über schwere Tierschutzverletzungen bei Wiesenhof. Zeigt unter anderem Aufnahmen von einer Putenfarm. Männer treiben die Tiere zu einem LKW für den Abtransport zum Schlachthof im Auftrag von Wiesenhof. Szenen voller Gewalt.

Bilder und eine Recherche, die einen bundesweiten Skandal auslösen und das Image von Wiesenhof massiv beschädigen.

Peter Wesjohann, Herrscher über das Geflügelimperium, er verspricht seither Verbesserungen im Tierschutz. Doch hat sich tatsächlich Grundlegendes verbessert?

Die Tierschützer kehren nach mehreren Stunden zurück. Ihr erster Eindruck: Das Unternehmen habe in einen Sicherheitsdienst investiert – beinahe seien sie von einem Wachdienst erwischt worden. Doch das Verhalten der Arbeiter habe sich kaum verändert, erzählen sie uns.

O-Ton, Friedrich Mülln, SOKO Tierschutz:

"Die gehen da vor, als wenn das irgendwie ein Haufen Kartons wäre, die man irgendwie wegtritt oder sonst wie. Also hier sieht man jetzt einen Ausstaller, erkennt man auch an der Nummer. Das ist typisch für Wiesenhof- Auftragsbetriebe, die haben so eine Nummer auf dem Rücken. Wie Fußballspieler – und so treten die auch zu."

Brutale Szenen – nicht nur auf dieser einen Farm. Insgesamt haben sie in den vergangenen Monaten auf mehr als zehn Putenfarmen gefilmt. Die Bilder ähneln sich.

Wir zeigen die Aufnahmen einem ausgewiesenen Geflügelexperten, dem Veterinär Dr. Karl Fikuart. Er war früher Tierschutzbeauftragter bei der Bundestierärztekammer. Er ist regelrecht entsetzt:

O-Ton, Dr. Karl Fikuart, Veterinär:

"Also das ist völlig irrsinnig, was da gemacht wird. Man prügelt hinten auf Tiere ein, die vorne nicht ausweichen können. Was soll das? Das ist nichts weiter als Tierquälerei, die zu nichts führt, außer dass die Tiere leiden. Das ist ganz eindeutig Routine, wenn man das sieht, die Bewegungsabläufe, dieses ständige Treten. Das ist für die ein normaler Handlungsablauf."

Für ihn hat das Treten Methode. Das erinnert stark an die Aufnahmen von vor zwei Jahren. Auch damals treten die Arbeiter immer wieder auf die Puten ein. Das gleiche Verhalten. Und das soll, wie wir erfahren, auch dieselbe Firma sein

Ein Gewerbegebiet bei Cloppenburg. Hier hat die Ausstallfirma ihren Sitz. Wir konfrontieren den Geschäftsführer mit den Bildern.

Frage: Guten Tag, grüße Sie! Edgar Verheyen, vom ARD-Fernsehen… Aber nach der Methode wird ausgestallt?

O-Ton, Geschäftsführer Ausstallfirma:

"Das ist nicht die Regel."

Frage: Nicht die Regel, aber die Ausnahme?

O-Ton, Geschäftsführer Ausstallfirma:

"Das darf nicht passieren und, wie gesagt, ich möchte dazu auch nichts mehr sagen."

Das darf nicht passieren, ist aber passiert. Warum lassen die Farmer das zu? Nachfrage auf Betrieben in der Nähe? 

Frage: Guten Abend, mein Name ist Verheyen, vom ARD-Fernsehen, REPORT MAINZ. Das ist ihre Farm?

O-Ton, Farmer:

"Weg vom Hof! Vom Hof runter! Sofort!"

Frage: Schreien Sie nicht so…

O-Ton, Farmer:

"Sie gehen vom Hof!"

O-Ton, Reporter:

"Ja, ich gehe runter."

Weiter zur nächsten Farm. Immerhin ist hier ein Mitarbeiter bereit, mit uns kurz zu sprechen.

Frage: Sie haben eine Putenzucht, eine Putenmast?

O-Ton, Farmer:

"Ja."

Frage: Und lassen ausstallen von…?

O-Ton, Farmer:

"Ja."

Frage: Wer ist der Eigentümer?

O-Ton, Farmer:

"RWS."

Frage: Und RWS gehört zu Wiesenhof?

O-Ton, Farmer:

"Ja."

Also – massive Tierschutzverletzungen auf Putenfarmen, die für Wiesenhof produzieren. Hatte er nicht Besserung gelobt, Peter Wesjohann? Er ist der RWS-Geschäftsführer und der Chef des Wiesenhof-Geflügelkonzerns.

Auch ihm wollen wir die Aufnahmen zeigen, bitten ihn um ein Interview, doch das lehnt er ab.

Kurz vor der Sendung erhalten wir eine schriftliche Stellungnahme. Darin bekundet Wiesenhof: Bei "Verstößen" gegen das "Tierschutzgesetz" sei man "kompromisslos" und ziehe die notwendigen „Konsequenzen“.

Schon jetzt führe man "unangemeldete Überprüfungen" des "Ausstallungspersonals" durch. Darüber hinaus plane man auf ein "automatisiertes, tierschonenderes Verladen von Puten" umzustellen. 

Wieder einmal große Ankündigungen. Darauf, will sich der Niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer nicht mehr verlassen. Auch ihm zeigen wir die Recherchen.

O-Ton, Christian Meyer, B`90/Die Grünen, Niedersächsischer Landwirtschaftsminister:

"Das ist grausam und nicht so, wie es gemacht werden müsste."

Tierschutz ist für ihn Chefsache. Deshalb will er unter anderem den Verfolgungsdruck erhöhen.  

O-Ton, Christian Meyer, B`90/Die Grünen, Niedersächsischer Landwirtschaftsminister:

"Die Staatsanwaltschaft in Oldenburg wird verdreifacht vom Personal her, vom Justizministerium, weil wir sagen das ist kein Kavaliersdelikt. Wir wollen gerade in diesem Bereich nachgewiesene Verstöße oder Ermittlungen auch deutlich verstärken und nicht mehr wegschauen."

Seit Jahren verspricht Wiesenhof-Chef Peter Wesjohann mehr Tierschutz. Doch diese Bilder zeigen das Gegenteil: Noch immer werden Puten getreten, schwer verletzt. Noch immer gehört Tierquälerei bei Wiesenhof – eine Geschichte ohne Ende.

Abmoderation Fritz Frey:

Die Wahrheit hinter den vollmundig vorgetragenen Versprechen von Wiesenhof ist also nach wie vor düster. Da hilft kein Oliver Kahn als Werbebotschafter und kein Trikot-Sponsoring bei Werder Bremen.