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SENDETERMIN Mo, 16.4.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Betreuung ohne Qualität Wie Kindergärten kaputtgespart werden

Moderation Fritz Frey:

Wenn der Nachwuchs heute schon einen Kindergartenplatz brauchen würde, könnte es Probleme geben. Zwar sind sich unsere Politiker einig, dass mehr Kindergartenplätze für Kinder unter drei Jahren her müssten, aber damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf.

Gestritten wird ums liebe Geld. Auch heute fehlt es schon überall. Jana Gührer und Beate Klein haben sich in deutschen Kindergärten umgesehen, auch bei der Betreuung sind wir allenfalls Mittelmaß. Nicht aber wenn es um vollmundige Forderungen geht.


Bericht:

Die wichtigen Leute sind sich ja zum Glück mal wieder einig. Für Kinder muss mehr getan werden.

O-Ton:

»Eine Ausweitung der Betreuungsmöglichkeiten für Kinder unter drei Jahren.«

O-Ton:

»Einen besseren Betreuungsschlüssel.«

O-Ton:

»Aber auch die Qualität zu verbessern.«

O-Ton:

»Mehr Möglichkeiten der Unterstützung schaffen.«

O-Ton:

»Mindestens europäisches Niveau.«

Europäisches Niveau: Laut Empfehlung: Eine Erzieherin für acht Kinder ab drei. In Deutschland alles nur Wunschdenken:

Beispiel Thüringen. Von den EU-Empfehlungen kann Carola Pfannschmidt nur träumen. Wir sind im Kindergarten Fuchsgrund in Erfurt.

Hier rechnen die Politiker so: Auf eine Erzieherin kommen ganze 18 Kinder ab drei. Anziehen, trösten und nach den kleinen und großen Geschäften sehen. Alles in Akkord.

O-Ton:

»So ihr zwei Hübschen, wie weit seit ihr? Popo her.«

Sie hat heute sogar noch mehr Kinder zu betreuen, Kolleginnen sind ausgefallen oder im Urlaub.


O-Ton, Carola Pfannschmidt, Leiterin Kindergarten Am Fuchsgrund :

»Mit zwanzig Kindern habe ich keine Chance, das Kind, das sehr langsam ist, wirklich dem Kind dann auch Zeit zu lassen, das dann auch alles zu schaffen, was es schaffen müsste. Oder mir die Zeit zu nehmen, so lange zu üben, bis es die Schere richtig halten kann, oder das Besteck, oder, oder, oder.«

Das Land Thüringen hat im Vergleich zum Vorjahr bei den Kindergärten 20 Millionen Euro gestrichen. Die Eltern wehren sich dagegen, haben 23.000 Unterschriften für ein Volksbegehren gesammelt.

O-Ton, Peter Häusler, Sprecher Volksbegehren:

»Wenn ich Kitas besuche, höre ich überall dass es enger wird. Personalmäßig enger wird, dass das Personal seine Freizeit opfert, um die Qualität einigermaßen aufrecht zu erhalten.«




Im Kultusministerium sieht man das nicht als Problem an.

O-Ton, Jens Goebel, CDU, Kultusminister Thüringen:

»Wir haben nämlich Strukturen finanziert, die sicherlich angenehm waren, die aber dauerhaft in dieser Größenordnung nicht finanzierbar waren.«





Frage: Also es gibt einen Abbau in der Qualität?

O-Ton, Jens Goebel, CDU, Kultusminister Thüringen:

»Es gibt mit Sicherheit keinen Abbau in der Qualität, es gibt da und dort einen Rückgang verfügbaren Personals.«

Gleiche Qualität mit weniger Personal? Pustekuchen.

Nächstes Beispiel: Bremen. Malen und mit Farben experimentieren, das hat Christine Grother heute vorgeschlagen. Mitmachen wollen aber nur acht Kinder im Schwedenhaus, die restlichen zwölf beschäftigen sich jetzt selbst.


Dabei soll die Erzieherin nach dem neuen Bremer Bildungsplan alle Kinder individuell fördern.

O-Ton, Christine Grother, Erzieherin Schwedenhaus Bremen:

»Unsere Sorge ist einfach, dass die Motivation der Kinder immer geringer wird. Sie sagen vieles einfach in die Luft, man kann nicht dranbleiben, man ist immer abgelenkt, man geht weg, und dann haben auch die Kinder natürlich irgendwann keine Lust mehr und stehen auch auf und gehen. Aber hoffentlich ist keiner raus gelaufen. Eins, zwei, drei...«

O-Ton, Christine Grother, Erzieherin Schwedenhaus Bremen:

»Aber hoffentlich ist keiner raus gelaufen. Eins, zwei, drei...«

Frühkindliche Bildung mit einer Erzieherin für zwanzig Kinder. So will es der Betreuungsschlüssel in Bremen.

O-Ton, Christine Grother, Erzieherin Schwedenhaus Bremen:

»….. siebzehn, achtzehn. Alle da, zum Glück.«

Im Bremer Wahlkampf überbieten sich derzeit die Parteien mit Versprechungen beim Thema Kinderbetreuung. Natürlich auch die Regierungspartei.

O-Ton, Joachim Schuster, SPD, Staatsrat für Jugend und Soziales Bremen:

»Wünschenswert ist, dass es mehr Personal da gibt. Dieses Personal werden wir versuchen Schritt für Schritt zu finanzieren. Damit wir die Situation bald erreicht haben, die wir uns wünschen.«




Ilse Wehrmann glaubt daran nicht mehr. Sie ist Expertin für Frühpädagogik und leitet in Bremen die sechzig Kindergärten der Evangelischen Landeskirche.


O-Ton, Ilse Wehrmann, Abteilungsleiterin Bremische Evangelische Landeskirche:

»Wir hatten vor vier Jahren einen Wahnsinnswahlkampf zu dem Thema Zweitkraft gehabt. Es ist nicht eine einzige Stunde Personalverstärkung in die Häuser gekommen. Statt dessen sind die Bedingungen eher schlechter geworden. Und die Elternbeiträge sind hoch gegangen. Also das ist ja meine Kritik an Deutschland, so oder so, dass wir nach PISA zwar viel reden, wir haben kein Erkenntnisproblem, aber wir haben ein Umsetzungsproblem.«

Für ihr neues Buch hat Ilse Wehrmann das Thema Kinderbetreuung international untersucht. Ihre Forderung:

O-Ton, Ilse Wehrmann, Abteilungsleiterin Bremische Evangelische Landeskirche:

»Alle anderen Länder haben sich sehr viel früher auf den Weg gemacht mit einer anderen Entschlossenheit als Deutschland. Und ich glaube, wenn wir diese Entschlossenheit aufbringen würden, wie beispielsweise Neuseeland oder Schweden, einen Teil unserer Mehrwertsteuererhöhung konsequent in diesen Reformbedarf zu stecken, dann könnten wir die Nummer eins sein.«

Auch in Rheinland-Pfalz sind die Politiker stolz auf ihr neues Kindergartenmodell.

O-Ton, Doris Ahnen, SPD, Kultusministerin Rheinland-Pfalz:

»Wir ziehen eine sehr positive Bilanz. Die Zahl der Plätze für unter Dreijährige und insbesondere für Zweijährige ist drastisch angestiegen in dem Jahr. Wir ziehen aber auch pädagogisch eine gute Bilanz.«



Der Kern des Modells: Die Kleinen werden einfach zu den größeren Kindern dazu gesteckt. Auch im St. Elisabeth-Kindergarten bei Mainz haben sie das probiert. Wenn in einer Gruppe mit 25 Kindern zum Beispiel vier Zweijährige sind gibt es zwei Erzieherinnen. Wovon sich eine nur um die Kleinsten kümmern muss. Weil die Zweijährigen kaum etwas allein können, ist eine Erzieherin immer gebunden. Derweil kann ihre Kollegin die 24 anderen kaum bändigen.

O-Ton, Cornelia Straka, Leiterin St. Elisabeth Kindergarten Ober-Olm:

»Das war also unser Hauptproblem, eigentlich, dass wir immer so das Gefühl hatten: Kommen die anderen auch nicht zu kurz? Es darf ja nicht so sein, dass nur die Zweijährigen sich wohlfühlen und dementsprechend halt gefördert und betreut werden. Und die Großen dann mehr oder weniger ein Stückchen vom Kuchen weggenommen bekommen.«

Hier haben sie erkannt, so funktioniert es nicht. Im Herbst probieren sie es mit einem neuen Konzept. Fazit: Chaos im Kindergarten, zu große Gruppen, zu wenig pädagogische Arbeit. Und auch in der aktuellen Diskussion geht es mal wieder mehr ums Geld, als um die Qualität, beklagen Experten.

O-Ton, Ilse Wehrmann, Abteilungsleiterin Bremische Evangelische Landeskirche:

»Wenn wir sozusagen nur quantitativ diskutieren und nicht qualitativ, werden wir immer weiter eigentlich die Verlierer sein bei dieser Bildungsdiskussion. Es ist genug geredet, es ist nicht fünf vor zwölf, sondern es ist halb eins für dieses Land.«