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SENDETERMIN Di, 30.3.2021 | 22:02 Uhr | Das Erste

Wie groß ist das Regelchaos in Deutschland? Wieder Corona-Frust zu Ostern

Seit einem Jahr bestimmt die Corona-Pandemie unser Leben. Vor Ostern sind viele Deutsche gefrustet. REPORT MAINZ trifft eine Einzelhändlerin, einen Landrat, eine Familie und einen Arzt. Wie empfinden sie das Regelchaos?

Es ist Mitte März in Speyer. Cosimina Heilig ist glücklich. Sie darf ihre "Schatztruhe", ein Spiel- und Dekogeschäft, seit dieser Woche wieder öffnen.

Cosimina Heilig

Cosimina Heilig

Cosimina Heilig, Einzelhändlerin: "Ein schönes Gefühl, ja. Dass es mal vorangeht."

Monatelang war ihr kleines Geschäft in Rheinland-Pfalz dicht. Nach einem Jahr Corona steht sie am Rande ihrer Existenz.

Reporter: "Wie fühlen Sie sich?"

Cosimina Heilig, Einzelhändlerin: "Auf Deutsch gesagt beschissen. Furchtbar. Schlaflose Nächste, viel geheult, was soll ich Ihnen sagen?"

Seit der Pandemie haben sich die Regeln für sie ständig geändert. Vor zwei Wochen verbietet ihr plötzlich die Stadt, ihre Kartenständer rauszustellen. Auslöser für diesen Wutausbruch, gedreht von ihrer Kollegin.

Einzelhändler leiden unter sich ständig ändernden Corona-Regelungen 

Ausschnitt Video, Cosimina Heilig, Einzelhändlerin: "Und ich sehe es nicht ein. Verdammt nochmal, lassen Sie uns doch wenigstens ein paar Ständer rausstellen. Warum machen Sie uns so fertig?"

Das Video wurde bereits über eine Million Mal geklickt. Fast jeden Tag bekommt sie Zuspruch.

Kundin: "Ich fand das total ergreifend und ich fand es gut, dass das einer mal laut ausgesprochen hat."

Kundin: "Hut ab. Sehr mutig, ja."

Auch die Oberbürgermeisterin wird auf das Video aufmerksam, besucht noch am selben Tag die Schatztruhe. Im Interview zeigt sie Verständnis für die Aufregung um die Ständer und die immer neuen Regeln. Sie gibt eine Zusage.

Stefanie Seiler

Stefanie Seiler

Stefanie Seiler, SPD, Oberbürgermeisterin Speyer: "Also ich glaube, es war zu dem Zeitpunkt einfach schlecht gewählt. Auch wir sind Menschen und auch uns passieren in diesen herausfordernden Zeiten der eine oder andere Fehler oder Kommunikation, die wir optimieren können."

Reporter: "Würden Sie die Ständer jetzt wieder verbieten oder würden Sie sagen, die bleiben?"

Stefanie Seiler, SPD, Oberbürgermeisterin: "Die bleiben."

Die Infektionszahlen in Speyer steigen wieder. Cosimina Heilig muss bangen: Wie lange darf sie ihr Geschäft noch auflassen?

Familien mit Kindern belastet durch Lockdown und Homeschooling

Wir fahren nach Frankfurt.

Angela Wolf, ihr Sohn Justus und Hund Paulinchen machen sich auf dem Weg, Tochter Julika von der Schule abzuholen. Während Justus diese Woche zuhause lernen muss, darf seine kleine Schwester in die Schule gehen.

Rückblick: Besuch bei den Wolfs vor zehn Monaten. Die Schule ist komplett geschlossen, die Familie auf sich allein gestellt.

Angela Wolf: "Komm Justus, auf…"

Justus Wolf: "Ne, ne."

Angela Wolf: "Zieh es durch, komm. Bitte, bitte."

Angela Wolf

Angela Wolf

Angela Wolf: "Jetzt bin ich in einer Phase, wo ich total wütend bin, weil wir einfach alleine gelassen werden. Niemand interessiert das, was machen eigentlich die Eltern zuhause mit ihren Kindern, die aber vielleicht auch noch arbeiten gehen müssen."

Das hat sich bis heute nicht geändert. Alle vier verbringen viel Zeit in der Wohnung, jeder an seinem Arbeitsplatz. Vor allem den Kindern fällt das schwer.

Justus Wolf

Justus Wolf

Justus Wolf: "Hier zuhause ist es sehr voll. Alle sind hier, keiner ist irgendwie auf der Arbeit oder so. Und man kann sich nicht konzentrieren. Alle ärgern sich. Und man hat keinen Rückzugsort."

Auch den Eltern fällt die Decke auf den Kopf. Seit einem Jahr müssen sie alles unter einen Hut bringen: Schule, Kinder, Arbeit.

Angela Wolf: "Ich finde, Homeoffice ist auch Fluch und Segen zugleich. Sicher, ich kann hier zuhause arbeiten, bin dadurch flexibler. Aber ich habe dadurch auch keinen Feierabend und ich sitze manchmal bis in die Nacht. Ich bin sehr, sehr müde. Ich bin geschafft. Ich brauche dringend Urlaub und ich glaube, das würden auch meine Kinder unterstreichen. Wir sind sehr, sehr gestresst."

Doch wegen Corona ist an Urlaub nicht zu denken. Besserung ist erstmal nicht in Sicht.

Stimmung in Hildburghausen nach hohen Inzidenzzahlen im November 

Hildburghausen in Thüringen.

Hier war die 7-Tage-Inzidenz zeitweilig bei über 600 bundesweit am höchsten.
Mitten in der akuten Phase ziehen hier einige hundert Demonstranten, darunter Corona-Leugner, durch die Innenstadt - ohne Masken, ohne Abstand. Provozieren.

Demonstrant*innen (singen): "Oh, wie ist das schön…"

Landrat Thomas Müller hatte die Demo kritisiert und war anschließend mit dem Tode bedroht worden.

Thomas Müller

Thomas Müller

Thomas Müller, CDU, Landrat Hildburghausen: "Wenn einem selbst dann etwas dieser Art dann entgegengebracht wird, dann wird man schon sehr nachdenklich, das ist wahr. Und das trifft nicht nur einen persönlich, sondern auch das Umfeld. Das ist schon eine Hausnummer, die ich keinem andern wünsch'."

Ende März ist die 7-Tage-Inzidenz in Hildburghausen bei etwa 140. Immer noch hoch, aber im Vergleich zum November deutlich gesunken. Die Menschen sind dem Lockdown aber langsam überdrüssig, erzählt uns der Landrat.

Thomas Müller, CDU, Landrat Hildburghausen: "Das wird dann chaotisch, weil das für viele nicht mehr aushaltbar ist. Selbst bei denen, die dafür Verständnis haben, ist irgendwann der Punkt erreicht, wo das Aushalten schwer wird."

In der Tat. Ein Jahr Pandemie zehrt an den Gemütern.

Bürgerin: "Ich hoffe, dass sich bald mal was ändert. Dass wieder was aufgemacht wird, gerade, wo das Wetter schön wird oder so. Langsam reichts' eigentlich."

Bürgerin: "Die sind immer noch so egoistisch, die Leute, glaube ich. Jeder denkt nur noch an sich und, weil so richtig runter gehen die Zahlen hier ja trotzdem nicht. Ich hab' gedacht, die Leute rücken mehr zusammen, aber es wird schlimmer."

Arbeit an vorderster Pandemiefront: Hausarztpraxis gewinnt an Sicherheit und Routine

Wir sind in Mannheim bei Hausarzt Rainer Bolkart. Seit einem Jahr ist seine Praxis Corona-Schwerpunktpraxis. Patienten mit Verdacht auf eine Infektion kommen aus ganz Mannheim zu ihm. Inzwischen haben er und sein Team viel Erfahrung im Umgang mit dem Virus.

Rainer Bolkart

Dr. Rainer Bolkart

Dr. Rainer Bolkart, Facharzt für Allgemeinmedizin: "Also, ich will es nicht untertreiben, natürlich ist das gefährlich, aber durch die Maßnahmen, die wir ergreifen, hier sorgfältige Reinigung, Abstand, so gut's halt geht. Also hat man da eine gewisse Sicherheit gewonnen."

Diese Sicherheit haben sich er und sein Team selbst erarbeitet. Klare Vorgaben für den Umgang mit dem Virus gab es für Arztpraxen nicht als wir Rainer Bolkart vor sechs Monaten besuchten. Das Wartezimmer hatte er nach draußen verlegt.

Auch jetzt noch steht er vor Herausforderungen. Gerne hätte er zum Beispiel seine Patienten längst gegen das Virus geimpft. Doch der Impfstart für die Praxen wurde immer wieder verschoben.

Dr. Rainer Bolkart, Facharzt für Allgemeinmedizin: "Das war jetzt schon eine zähe Zeit, die letzten Monate, die letzten drei, vier Monate. Jetzt zu hören, dass es eben noch mal länger dauert, noch mal länger, weil es immer noch nicht genügend Impfstoff gibt. Also da hätten wir uns schon gewünscht, dass es schneller von statten geht."

Für viele seiner Patienten bedeutet dies, weiter warten.

Neuer Lockdown in Speyer vermiest Ostergeschäft

Zurück nach Speyer zum Laden von Cosimina Heilig, eine Woche später.

Die Inzidenzzahl ist gestiegen. Ende März liegt sie bei knapp 200. Kunden dürfen nur noch mit Voranmeldung in den Laden. Für Cosimina Heilig ein Schock.

Cosimina Heilig, Einzelhändlerin: "Das ist wie ein Albtraum. Wo wir kurz aufhatten, haben wir gedacht: 'Ja, jetzt läuft’s wieder. Wenigstens das Ostergeschäft nehmen wir mit.' Und wir wurden eine Woche vor Ostern wieder vollkommen abgebremst."