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Text des Beitrags Ausbeutung statt fairer Arbeitsplätze

Wie EU und Bundesregierung die Verlagerung der Textilproduktion von Asien nach Afrika fördern


Moderation Fritz Frey:

Als Kunden sind wir widersprüchlich. Einerseits wollen wir, dass bei der Herstellung einer Ware alles mit rechten Dingen zugeht: Nur ökologisch einwandfreie Produkte sollen verarbeitet und die Arbeiter sollen angemessen bezahlt werden.

Einerseits. Andererseits soll es natürlich auch günstig sein, für uns Schnäppchenjäger. Das gilt vor allem beim Kauf von Klamotten.

Doch vor sechs Jahren eine Katastrophe. Mehr als 1.000 Beschäftigte sterben in der Textilbranche von Bangladesch. Und damit sich das nicht wiederholt, wurde ein deutsches Textilbündnis geschmiedet. Von nun an sollten Textilien nachhaltig produziert werden.

Snetsehay Assefa und Heiner Hoffmann sind diesem schönen Traum in der Wirklichkeit mal nachgegangen.


Bericht:

Wir bekommen einen Hinweis: Bei H&M werde inzwischen häufiger Ware aus Äthiopien verkauft. Die Etiketten verraten: Die überwiegende Mehrheit – immer noch aus Bangladesch. Doch dazwischen tatsächlich Ware „Made in Ethiopia“ – so wie diese Babystrampler und dieses T-Shirt. Für die Kunden ist das noch ein neues Phänomen.


Frage: Wussten Sie, dass immer mehr Modefirmen in Äthiopien produzieren lassen?


O-Ton, Passant:

"Nein."


O-Ton, Passant:

"Äthiopien habe ich jetzt noch viel… Immer nur von Bangladesch, ne."


O-Ton, Passant:

"Nee, das war mir nicht bekannt. Also Asien kennt man ja, aber Afrika eigentlich eher nicht."


O-Ton, Passant:

"Man hört immer von China und Bangladesch. Aber dass man andere Länder ausbeuten kann, ist durchaus vorstellbar."


Ein neuer Standort der Ausbeutung? Nach der Katastrophe von Rana Plaza in Bangladesch wollte die Branche eigentlich alles anders machen. In den Trümmern dieses maroden Gebäudes mit einer Textilfabrik starben vor sechs Jahren mehr als 1.000 Menschen.

Danach gründeten Moderiesen und Bundesregierung ein Textilbündnis, um endlich hohe Standards und faire Löhne zu garantieren. Am neuen Standort Äthiopien sollte alles anders werden.

Arbeiterinnen in einer äthiopischen Kleiderfabrik

Arbeiterinnen in einer äthiopischen Kleiderfabrik

Uns gelingt es, vor Ort zu recherchieren. Hier, nahe der Hauptstadt Addis Abeba, besuchen wir einen Industriepark mit modernen Textilfabriken wie dieser.

Tausende Näherinnen produzieren hier unter anderem für H&M. Uns überrascht, wie modern es hier aussieht – eine Vorzeigefabrik.


O-Ton, K.P. Raju, Manager JayJay Textiles:

"Wir produzieren auch in Sri Lanka und Bangladesch. Der Vorteil hier in Äthiopien ist, dass so viele junge Arbeiterinnen verfügbar sind. Denn darauf sind wir angewiesen."


Am Eingang der Fabrik finden wir Bilder mit bekannten Gesichtern: Entwicklungsminister Gerd Müller und Supermodel Barbara Meier, offizielle Textilbotschafterin des Entwicklungsministeriums.

Gemeinsam haben sie im Jahr 2017 die Hochglanz-Fabrik besucht.


Barbara Meier, Textilbotschafterin Entwicklungsministerium (2017)

Barbara Meier, Textilbotschafterin Entwicklungsministerium (2017)

O-Ton, Barbara Meier, Textilbotschafterin Entwicklungsministerium (2017):

"Ich habe den Eindruck, es geht den Arbeiterinnen einigermaßen gut. Wenn wir zwar gefragt haben: 'Geht es Ihnen gut?', die haben schon gesagt: 'Geht so.' So wirklich euphorisch waren sie nicht. Aber ich glaube, wenn man das teilweise mit Fabriken in Bangladesch oder so vergleicht, wird hier einigermaßen doch der Standard eingehalten."


Doch wir nehmen eine komische Stimmung wahr. Beobachten die Gesichter der Arbeiterinnen – sie sind ernst und angespannt. Wir bekommen auch mit, dass Vorgesetzte und Arbeiter aneinandergeraten, die Luft ist heiß und stickig.

Eine Vorarbeiterin steht am Mikrofon, sie treibt die Arbeiterinnen im Minutentakt zur Eile, um ihre Quoten zu erfüllen. Die Atmosphäre macht uns skeptisch.

Nach Feierabend machen wir uns auf den Weg zu zwei Arbeiterinnen aus dem Industriepark – eine davon aus der Fabrik, in der wir tagsüber gedreht haben. Wir sind gespannt, wie sie wohnen.

Die Verhältnisse werden immer schlechter, je weiter wir uns von der Hochglanz-Fabrik entfernen. Schließlich landen wir in einem Slum. Die Arbeiterinnen nehmen uns mit in ihre winzige Wellblech-Hütte, kaum mehr als ein Verschlag.

Zu zweit schlafen sie auf dem blanken Boden, nur eine Decke schützt sie. Für ein Bett reiche das Geld nicht.


O-Ton, Arbeiterin der Textilfabrik:

"So leben wir. Hier kochen wir, hier waschen wir uns auch. Mehr können wir uns nicht leisten, das ist alles, was wir haben."


In der Regel bekommen die Arbeiterinnen einen Einstiegslohn zwischen und 23 und 35 Euro – pro Monat! Ein Netto-Stundenlohn von weniger als 20 Cent. Ein Hungerlohn, sagen sie.


O-Ton, Arbeiterin der Textilfabrik:

"Ich muss mir Geld von Freunden leihen, weil es nicht reicht. Wenn ich mal einen Tag krank bin, ziehen sie mir zur Strafe Lohn für mehrere Tage ab. Dann komme ich gar nicht mehr zurecht, muss hungern. Ich gehe mit leerem Magen ins Bett."


Dabei war die Näherin einer Fabrik aus dem Industriepark einst voller Hoffnung vom Dorf in die Hauptstadt gekommen.


O-Ton, Arbeiterin der Textilfabrik:

"Als ich nach Addis Abeba kam, war ich frohen Herzens, ich hatte dieses Jobangebot, wollte Geld für die Schule sparen. Aber dann kam ich her und alles war anders, der Job und der Lohn, alles war anders, als erhofft. An Schule ist nicht zu denken. Jetzt hänge ich fest. Ich schäme mich fürchterlich, so zu leben, ich fühle mich nicht mehr als Mensch."


Haben der Minister und die Textilbotschafterin diese menschlichen Schicksale damals nicht auch gespürt? Dass es hinter der Hochglanz-Fassade des Industrieparks eine ganz andere Realität gibt? Wir erreichen Barbara Meier per Videotelefon. Sie spricht heute offener.


Barbara Meier, Textilbotschafterin Entwicklungsministerium

Barbara Meier, Textilbotschafterin Entwicklungsministerium

O-Ton, Barbara Meier, Textilbotschafterin Entwicklungsministerium:

"So eine Frau zum Beispiel, die hat mir erzählt, mit der habe ich gesprochen, dass sie sagt, sie kann von diesem Geld, dass sie verdient, nicht leben. Also es ist nicht wirklich existenzsichernd für diese Mitarbeiter. Oder es waren überall auch Schilder, dass die Frauen Mundschutz tragen sollen. Haben sie aber nicht gemacht. Also es wurde darauf hingewiesen, aber es wurde nicht kontrolliert, ob das wirklich eingehalten wird. Und da merkt man schon, dass es nicht alles so perfekt ist, wie es auf den ersten Blick aussehen würde, selbst in so einer Musterfabrik."


Doch nach der Reise las sich das auf einer Webseite der Bundesregierung irgendwie anders. „Der Stoff, aus dem die Zukunft ist“ – so hieß es über den boomenden Textilsektor in Äthiopien. Es herrschten schon jetzt hohe Sozial- und Umweltstandards. Deutschland unterstütze diese Entwicklung.

So hat die Bundesregierung inzwischen beschlossen, den Industriepark mit seinen Fabriken zu fördern. Auch die EU gibt kräftig Geld: 50 Millionen Euro vor allem für den Aufbau des Textilsektors – Geld aus einem Fonds, der Fluchtursachen bekämpfen soll.

Zurück zu den Arbeiterinnen im Slum. Sie produzieren beide Kleidung für H&M. Wir zeigen ihnen den Nachhaltigkeitsbericht des Textilriesen. Darin ist von fairen Löhnen die Rede, die allen Arbeiterinnen entlang der Produktionskette ein bequemes Auskommen ermöglichen sollten. Damit sollte man sogar eine Familie ernähren können.


O-Ton, Arbeiterin der Textilfabrik:

"Das macht mich wirklich traurig. Es tut weh zu wissen, wie wir hier schuften, und was sie dann in ihren Berichten schreiben."


O-Ton, Arbeiterin der Textilfabrik:

"Ich wünschte, H&M würde nur die Hälfte von dem umsetzen, was hier steht. Selbst das wäre genug. Sie sagen, es soll faire Löhne geben, aber in der Praxis passiert das Gegenteil."


Eine aktuelle Studie der New York University bestätigt ihre Aussagen: Äthiopiens Textilindustrie hat die niedrigsten Löhne weltweit, das Einstiegsgehalt von 26 Dollar pro Monat reiche nicht einmal, um davon Miete und Essen zu bezahlen.

Wir fragen den Chef der Vorzeige-Fabrik, ob man von seinen Löhnen leben kann – sie gelten immerhin noch als die höchsten im Industriepark.


K.P. Raju, Manager JayJay Textiles

K.P. Raju, Manager JayJay Textiles

O-Ton, K.P. Raju, Manager JayJay Textiles:

"Das ist schon ein Problem. Denn die Lebenshaltungskosten hier sind gestiegen, deswegen ist es schon eng. Die einzige Lösung ist, dass wir die Produktivität unserer Arbeiter steigern. Dann kann es auch höhere Löhne geben."


Bemerkenswert: Die äthiopische Regierung lockte ganz offen mit solchen Dumping-Löhnen. In dieser Broschüre heißt es: Hier muss nur die Hälfte der Löhne von Bangladesch gezahlt werden.

Ein fatales Signal. Seit neuestem will die Regierung immerhin mit den Fabriken beraten, ob man irgendwann einen Mindestlohn einführen könne. Ein Ergebnis - bislang nicht in Sicht.

Wir konfrontieren H&M. Sie bestätigen das Grundgehalt von 26 Dollar pro Monat, knapp 12 Cent Stundenlohn. Doch die Näherinnen und Näher seien nicht bei der H&M Group beschäftigt. Man sei sich aber einig, dass die Löhne zu niedrig seien. Man wolle bessere Löhne, doch die sollten nicht von H&M, sondern von den direkten Betroffenen festgelegt werden.

Darüber kann er nur lachen: Der Vorsitzende der Textilgewerkschaft – denn die Arbeitnehmer seien im Grunde machtlos.


Mesfin Adinew, Vorsitzender äthiopische Textilgewerkschaft

Mesfin Adinew, Vorsitzender äthiopische Textilgewerkschaft

O-Ton, Mesfin Adinew, Vorsitzender äthiopische Textilgewerkschaft:

"Die Firmen erlauben es den Arbeitern meist gar nicht, sich richtig zu organisieren. Die Manager aber sind untereinander vernetzt. Sie sprechen sich oft ab und können so die Löhne der Arbeiter gemeinsam niedrig halten."


Keine Gewerkschaft, keine fairen Lohnverhandlungen. Und Arbeiterinnen erzählen uns von weiteren Problemen.


O-Ton, Arbeiterin der Textilfabrik:

"Ständig fallen Arbeiterinnen in Ohnmacht, ich auch schon. Ich habe die Hitze nicht ausgehalten und musste dringend auf Toilette. Doch das ging nicht, weil ich meine Quote erfüllen musste. Ich bin einfach auf dem Nähtisch zusammengebrochen. Es kam eine Krankenschwester, die hat mir Wasser ins Gesicht gespritzt, und dann musste ich einfach weiter arbeiten."


Eine weitere Gruppe Arbeiterinnen aus einer Fabrik im Industriepark empfängt uns zur traditionellen Kaffee-Zeremonie. Auch sie produzieren alle unter anderem für H&M. Und berichten von Zuständen, die sie kaum aushalten würden.


O-Ton, Arbeiterin der Textilfabrik:

"Wir dürfen nicht miteinander sprechen. Sie behandeln uns nicht wie Menschen, sondern wie Sklaven. Sie schreien uns den ganzen Tag an, erniedrigen uns mit Schimpfwörtern, die ich hier nicht aussprechen möchte."


O-Ton, Arbeiterin der Textilfabrik:

"Wir haben nur Pflichten, keine Rechte. Sie gewähren uns viel weniger Urlaub, als uns zusteht. Nur weil ich geweint habe, habe ich einmal frei bekommen. Es ist hoffnungslos, ich sehe nur noch Dunkelheit. Ich verfluche inzwischen den Tag, an dem ich geboren wurde."


Moderne Sklaverei nennen sie es. Die amerikanische Menschenrechtsorganisation Worker Rights Consortium hat gerade das Ergebnis einer jahrelangen Recherche veröffentlicht. Sie bestätigt schwere Verstöße in der äthiopischen Textilbranche: Verpflichtende Überstunden, Erniedrigungen, sexuelle Belästigung und Lohnabzüge seien an der Tagesordnung.

Auch im Fokus des Berichts: eine Fabrik im Norden des Landes. Zitiert wird aus dem Handbuch für Mitarbeiter – ein bis fünf Tage Lohnabzug gebe es für Reden im Flur oder fünf Minuten Verspätung. Wir dürfen in dieser Fabrik drehen, Deutschland ist hier sehr beliebt, hören wir.

Überall finden wir Proben für Kik und H&M. Der Manager weist die Vorwürfe von sich, die Unternehmensleitung habe gewechselt, die Firma habe alle nötigen Zertifikate. Nur beim Thema Lohnabzug sei es aktuell noch zu kleineren Verstößen gekommen. Er schwärmt lieber vom Engagement der Bundesregierung:


Fikreselassie Ambaw, Manager MAA Garment & Textile

Fikreselassie Ambaw, Manager MAA Garment & Textile

O-Ton, Fikreselassie Ambaw, Manager MAA Garment & Textile:

"Die deutsche Regierung hat uns wirklich sehr gut unterstützt. Sie haben uns an deutsche Kunden wie Kik vermittelt, damit die hier produzieren lassen. Sie haben uns viele verschiedene Kunden gebracht. Diese Unterstützung war wirklich wichtig für uns."


Doch nach dem Interview treffen wir eine ehemalige Arbeiterin der Fabrik, die offen mit uns redet. Begleitet wird sie von weiteren Näherinnen, die noch immer in der Fabrik arbeiten.


O-Ton, Arbeiterin der Textilfabrik:

"Ich musste ständig Überstunden machen, wochentags zwei Stunden, samstags drei Stunden, auch an Sonn- und Feiertagen. Wenn man sich geweigert hat, gab es erst eine Warnung, dann eine Geldstrafe."


O-Ton, Arbeiterin der Textilfabrik:

"Das schlimmste ist, dass wir abends bleiben müssen, wenn wir unsere Vorgaben nicht geschafft haben. Deshalb kann ich meine Kinder nicht mehr sehen."


Ein Bündnis aus Bundesregierung und Textilriesen, das Besserung versprach und nun wieder mit Missständen konfrontiert ist. Wir fragen nach bei Kik, H&M und Bundesregierung.

Kik schreibt (Zitat):

»Wir nehmen die von Ihnen geschilderten Vorwürfe (…) sehr ernst und haben daher eine Untersuchung vor Ort eingeleitet.«


H&M antwortet (Zitat):

"Wir nehmen die Hinweise sehr ernst und haben bereits begonnen, diesen nachzugehen."


Das Entwicklungsministerium schreibt (Zitat):

"Wir nehmen die (…) Vorwürfe sehr ernst und gehen ihnen derzeit nach."


Minister Müller setzt derweil schon eine neue Kooperation mit H&M in Äthiopien um - Mitarbeiter von Zulieferfabriken sollen geschult werden. In Sachen Sozialstandards liegt da wohl eine Menge Arbeit vor ihnen.


Moderation Fritz Frey:

Ja, fairkauft. Oder: Das Gegenteil von Gut ist nicht Böse, sondern gut gemeint. Dieses Zitat, dass viele Kurt Tucholsky zugeschreiben, könnte gut als Überschrift für diese traurige Geschichte herhalten.