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SENDETERMIN Mo, 7.5.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Abrechnungstricks Wie Ärzte und Apotheker abzocken

Eines vorweg, nach wie vor ist davon auszugehen, dass es in der Mehrheit anständige Ärzte und rechtschaffene Apotheker gibt. Wenn man sich aber speziell mit dem Thema Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen befasst, kann man schon ins Zweifeln kommen. Beate Klein mit den Details.

Bericht:

Der Tatort: Eine Arztpraxis. Eine besonders dreiste Betrugsmasche, der Arzt soll jahrelang Leistungen für Patienten abgerechnet haben, obwohl er sie gar nicht behandelte. Der Schaden: 710.000 Euro.

Saarbrücken 2005. Der Mediziner, der hier ins Gerichtsgebäude gebracht wird, soll so die Krankenkassen geschröpft haben. Doch damit nicht genug. Masche zwei: Der Arzt soll laut Ermittlungen Hunderte Rezepte über teure Medikamente geschrieben haben. Luftrezepte.
Die soll ein Apotheker zu Bargeld gemacht haben. Er habe keine Arzneimittel abgegeben, aber trotzdem Geld von der Krankenkasse erhalten. Der Schaden: mindestens 184.000 Euro.

Die Ermittlungen in dem Fall dauerten zwei Jahre. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben.

O-Ton, Raimund Weyand, Oberstaatsanwalt Saarbrücken:

»Wir werfen Herrn Dr. ... mehrere Straftaten vor. Zum einen Untreue im großen Stil, er soll zusammen mit einem Apotheker Rezepte ausgestellt und abgerechnet haben, die keinen realen Hintergrund haben. Zum anderen soll er über Jahre hinweg falsche Abrechnungen bei der Kassenärztlichen Vereinigung vorgelegt haben.«

Die Staatsanwälte ermitteln aber nicht nur gegen den einen Mediziner, sondern im ganzen Saarland. Sie finden immer wieder die selben Betrugsmuster. Kaum zu glauben, 90 Ärzte sind im Visier der Behörden. Und 47 Apotheker, jeder siebte im Saarland.

O-Ton, Raimund Weyand, Oberstaatsanwalt Saarbrücken:

»Wir alle waren am Anfang der ganzen Ermittlungen überzeugt, dass es sich um wirklich Einzelfälle handelt. Wir waren über die Dimensionen, die dieses Verfahren erreicht hat völlig überrascht.«

Kaiserstraße Saarbrücken. Über einem Chinarestaurant haben die Fahnder ihr Büro. Aus der befristet eingerichteten Ermittlergruppe ist ein festes Fachkommissariat geworden.

Ein Ende ihrer Arbeit - nicht in Sicht. Wo die 24 Mitarbeiter suchen, finden sie neue Hinweise auf Betrug berichtet uns Kriminaloberrat Peter Steffes.

O-Ton, Peter Steffes, Leiter Kriminalpolizeiinspektion Saarland:

»Ja, Sie sehen hier anhand der angesteckten Nadeln, das sind alles Verfahren, die wir gegen Ärzte, Apotheker und sonstige Dienstleister im Gesundheitswesen führen. Und Sie sehen, ich habe jetzt wiederum zwei Nadeln dabei, heute Morgen sind noch mal zwei Verfahren hinzugekommen. Gegen einen Apotheker im Bereich Völklingen, das ist hier an der unteren Saar, und dann wiederum gegen einen Arzt im Bereich von Schwalbach, das ist hier bei Saarlouis. Diese Karte ist vom Grundsatz her nie aktuell, weil täglich neue Verfahren hinzukommen.«

Dieses Regal ist gefüllt mit den Ermittlungsergebnissen aus einer verdächtigen Apotheke. Und das ist nur eines der fast 150 Großverfahren.

Weitere Erkenntnis der Ermittler: Sogar Patienten sind oft Teil des Betrugssystems. Mit ihrem Wissen rechnen Ärzte, so die Ermittler, Leistungen ab, die es gar nicht gab. Der Lohn für die Patienten seien Luftrezepte. Die tausche der Patient in eingeweihten Apotheken gegen etwas ganz anderes ein. Kosmetik, Vitaminpräparate oder, zum Beispiel, Potenzmittel.

O-Ton, Peter Steffes, Leiter Kriminalpolizeiinspektion Saarland:

»Es gibt auch sehr viele Patienten, die sind gleichzeitig bei mehreren Ärzten. Und so haben wir uns ganz einfach von einem Arzt zum anderen entwickelt, und wir sind mittlerweile eigentlich gar nicht mehr darauf angewiesen, noch selbst offensiv zu suchen, sondern wir haben quasi einen Selbstläufer produziert. So dass wir mit jedem Verfahren wiederum weitere Folgeverfahren haben.«

Mittlerweile durchsuchen die Ermittler fast wöchentlich immer neue Apotheken und Arztpraxen. Sie suchen nach Auffälligkeiten. Beispiel: Mehrere Patienten haben an einem Tag das gleiche Rezept über die gleiche Summe bekommen, für die Ermittler verdächtig.

O-Ton, Raimund Weyand, Oberstaatsanwalt Saarbrücken:

»Offensichtlich war es auch so, dass man, je länger man solche Machenschaften vornimmt, immer weiter das Unrechtsbewusstsein verliert. Am Schluss war es eine Selbstverständlichkeit, dass man sich den Kosmetikbesuch, zum Beispiel über ein Luftrezept bezahlen und finanzieren lässt. Die Beteiligten haben sich darüber keine Gedanken mehr gemacht.«

Aber warum fielen die falschen Abrechnungen nicht früher auf? Hier in der Kassenärztlichen Vereinigung sollen Arztabrechnungen eigentlich auf Betrug kontrolliert werden. Der Chef der saarländischen KV, Gunter Hauptmann, argumentiert: Wegen riesiger Datenmengen sei das bisher nur selten passiert.
Und er räumt ein, seit der massiven Polizeiarbeit kontrolliere man nun stärker.

O-Ton, Gunter Hauptmann, Kassenärztliche Vereinigung Saarland:

»Wir lernen ständig dazu. Es ist natürlich übel, dass wir das nicht schon vor 20 Jahren so gemacht haben, das gebe ich durchaus zu. Aber ich meine, mehr wie jetzt reagieren und alles einbauen und die Ohren aufstellen, können wir ja auch nicht leisten.«

Der Druck bleibt hoch. Bis Ende dieses Jahres will die Staatsanwaltschaft noch in einer größeren Anzahl von Fällen Anklage erheben. Die Ermittlungen richten sich gegen 90 Ärzte, 47 Apotheker und mehr als 2.000 Patienten. Im Gesundheitswesen gibt es offenbar mehr unverfrorene Betrüger als erwartet. Bleibt die Frage: nur im Saarland?

O-Ton, Raimund Weyand, Oberstaatsanwalt Saarbrücken:

»Aus meiner Sicht ist das saarländische Publikum nicht krimineller als die Beteiligten, die möglichen Beteiligten, in anderen Bundesländern. Wir sehen eben genau hin, das heißt, wir machen aus dem Dunkelfeld ein Hellfeld.«

Frage: Was prophezeien Sie, wenn man das, was hier im Saarland gemacht wurde, auf die anderen Bundesländer auch überträgt?

O-Ton, Gunter Hauptmann, Kassenärztliche Vereinigung Saarland:

»Ich prophezeie, dass dann genau das gleiche herauskommen wird wie hier bei uns auch.«

Abmoderation Fritz Frey:

Die Verhinderung von Abrechnungsbetrug könnte eine wahre Geldquelle sein für unser krankes Gesundheitssystem. Dabei sind sich die Experten einig, dreistellige Millionenbeträge gehen pro Jahr verloren. Wann endlich, so fragen wir, packt die Politik das Thema an.

aus der Sendung vom

Mo, 7.5.2007 | 21:45 Uhr

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