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Text des Beitrags Welt ohne Geld

Schleichend verschwindet das Bargeld – Wer profitiert davon?


Moderation Fritz Frey:

Guten Abend zu REPORT MAINZ! Was war das für eine Aufregung im letzten Jahr: Die Politiker wollen uns das Bargeld wegnehmen!

Ein Sturm der Entrüstung setzte ein. Die Freiheit des Bürgers sei in Gefahr, wenn Banken und der Staat jetzt auch noch jeden Einkauf kontrollieren können. Instinktsicher hat da die Politik erkannt: Ne, Deutschland bargeldlos – kein Gewinnerthema, schon gar nicht in Wahlkampfzeiten.

Seitdem ist das Thema zwar aus den Schlagzeilen verschwunden, aber hat es sich damit erledigt?

Claudia Butter und Oliver Heinsch mit einer Recherchereise, die sie überraschenderweise nach Schweden geführt hat. Denn dort, da ist sie schon fast Wirklichkeit: eine Welt ohne Münzen und Scheine.


Bericht:

Eine Welt ohne Bargeld – in Stockholm ist es schon so weit. Wenn man hier etwas nicht mehr braucht, sind es Geldscheine und Münzen.

Die Staatsbibliothek: Sogar den Besuch der Toilette zahlen die Schweden hier mit Kreditkarte.

Pierre verkauft die Obdachlosenzeitung. Und zwar bargeldlos. Seine Kunden bezahlen nämlich viel lieber elektronisch – mit dem Handy.


O-Ton, Passantin:

"Ich habe nie Bargeld dabei, äußerst selten."


O-Ton, Passant:

"Man hat seine Karte dabei und das reicht."


Ein einzelnes Brötchen mit Kreditkarte? In der Bäckerei von Johannes Eder ganz normal. Der gebürtige Österreicher erzählt uns, er habe sich längst angepasst. Bargeld sei auch aus seiner Familie verschwunden.


O-Ton, Johannes Eder:

"Wir haben auch in der Familie kein Bargeld mehr. Ganz, ganz wenig. Und auch die Kinder, wenn sie Taschengeld bekommen, bezahlen wir das elektronisch."


Eine Handy-App macht es möglich.


Johannes Eder, Bäcker

Johannes Eder, Bäcker

O-Ton, Johannes Eder:

"Dann kann ich das Geld schicken zwischen den zwei Telefonen und die haben dann innerhalb einer Sekunde das Geld auf dem Bankkonto."


Eine Welt ohne Bargeld. In Deutschland undenkbar? Nicht ganz. Dieses Bürgeramt in Berlin hat das Bargeld abgeschafft – und zwar vollständig. Pässe und Führerscheine gibt es hier nur, wenn man mit Karte zahlt.


O-Ton, Angestellte im Bürgeramt:

"Barzahlung ist bei uns nicht mehr möglich, Sie können nur noch mit EC-Karte bezahlen, ja?"


Viele Kunden sind darüber alles andere als begeistert.


O-Ton, Bürgeramt-Kundin:

"Das finde ich ärgerlich. Vielleicht hat man die gerade nicht dabei. Oder die ist gerade abgelaufen. Geld hat man immer dabei."


O-Ton, Bürgeramt-Kundin:

"Das ist für mich unmenschlich. Weil es ganz viele Menschen ausschließt von dieser Gesellschaft.«


Nach der Umstellung gab es mehr als 5.000 Beschwerden. Aber die übergeordneten Behörden finden ihre Idee prima, erzählt der Amtsleiter. Bargeld müsse gezählt, bewacht und transportiert werden. Und das sei teuer.


Ronald Schäfer, Leiter Bürgerämter Berlin Mitte

Ronald Schäfer, Leiter Bürgerämter Berlin Mitte

O-Ton, Ronald Schäfer, Leiter Bürgerämter Berlin Mitte:

"Der bargeldlose Zahlungsverkehr ist für das Bezirksamt einfach kostengünstiger."


Eine Behörde, die nur elektronische Zahlung akzeptiert. Kommt auch bei uns die bargeldlose Welt?

Im vergangenen Jahr hat die europäische Zentralbank beschlossen, den 500-Euro-Schein abzuschaffen. Eine Obergrenze für Bargeldkäufe wurde diskutiert. Damals brach ein Sturm der Entrüstung aus. Doch Finanzminister Schäuble beruhigte: „Niemand will das Bargeld abschaffen!“.

Wirklich nicht? Der ehemalige bayerische Finanzminister Erwin Huber ist einer der wenigen Politiker, der bis heute offen ausspricht, was andere sich seitdem nicht mehr zu sagen trauen:


Erwin Huber, CSU, ehem. bayerischer Finanzminister

Erwin Huber, CSU, ehem. bayerischer Finanzminister

O-Ton, Erwin Huber, CSU, ehem. bayerischer Finanzminister:

"Es wird, wie im Laufe der Geschichte das Salz und das Gold durch das Papiergeld abgelöst worden ist, das elektronische Geld sehr viel deutlicher auf dem Vormarsch sein. Ich möchte nur, dass Deutschland auch in dieser Entwicklung vorne mit dabei ist. Und das wir nicht – mehr oder weniger – in dieser Frage ein Entwicklungsland sind."


Mit solchen Äußerungen hat er sich bei anderen Politikern nicht gerade beliebt gemacht.


O-Ton, Erwin Huber, ehem. bayerischer Finanzminister:

"Ja, ich habe wenige gefunden, die mir auf die Schulter geklopft haben und ich habe von vielen gutgemeinte Ratschläge bekommen: 'Sei da vorsichtig, in der Bevölkerung wird das nicht gut angenommen'."


Deswegen werde an der Bargeldabschaffung schleichend und unbemerkt gearbeitet, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Professor Gerald Mann.


Prof. Gerald Mann, FOM Hochschule München

Prof. Gerald Mann, FOM Hochschule München

O-Ton, Prof. Gerald Mann, FOM Hochschule München:

"Es wird weiter gegen das Bargeld gearbeitet. Im Englischen spricht man ja von einem ‚war on cash‘, von einem Krieg gegen das Bargeld. Im Moment wird der allerdings mit Schalldämpfern geführt. Es soll kein großer Schlachtenlärm entstehen, damit sich nicht vermehrt Widerstand gegen die Zurückdrängung des Bargeldes formiert."


Die Verkehrsbetriebe in Schwäbisch Hall: Sie setzen voll auf das elektronische Ticket. Mit dieser Karte können die Kunden im Bus ein und auschecken. Der Fahrpreis wird dann direkt vom Konto abgebucht, erklärt uns die Leiterin der Verkehrsbetriebe:


Ingrid Kühnel, Geschäftsführerin Kreisverkehr Schwäbisch Hall

Ingrid Kühnel, Geschäftsführerin Kreisverkehr Schwäbisch Hall

O-Ton, Ingrid Kühnel, Geschäftsführerin Kreisverkehr Schwäbisch Hall:

"Der große Vorteil ist, im Grunde genommen, das bargeldlose Zahlen. Wir haben hier eine ganze Menge weniger Bargeld im Umlauf. Der Busfahrer hat weniger mit dem Bargeld zu tun."


Und weil das so schön praktisch ist, fördert der Bundesverkehrsminister bundesweit die Einführung solcher elektronischer Tickets.

An vorderster Front im Kampf gegen das Bargeld stünden vor allem die Banken, sagt Professor Mann.


O-Ton, Prof. Gerald Mann, FOM Hochschule München:

"Banken und Zahlungsverkehrsdienstleister haben ein Interesse an der Zurückdrängung des Bargelds, denn wenn der Konkurrent Bargeld erledigt oder weitgehend erledigt ist, dann bin ich ja auf elektronisches Zahlen angewiesen und dann gibt es für Banken und Zahlungsverkehrsdienstleister die Möglichkeit dort an der Gebührenschraube zu drehen."


Und tatsächlich. Die ersten Banken nehmen keine Münzen mehr an, andere beschränken die kostenlose Bargeld-Ausgabe. Das bargeldlose Zahlen hingegen wird immer bequemer gemacht. Demnächst kann man auch Kleinstbeträge mit der Girokarte kontaktlos und ohne Pin bezahlen.

Verbraucherschützer sind alarmiert. Ohne Bargeld können wir nichts mehr kaufen, ohne Daten zu hinterlassen. Und das könnte Folgen haben.


Klaus Müller, Vorstand Verbraucherzentrale Bundesverband

Klaus Müller, Vorstand Verbraucherzentrale Bundesverband

O-Ton, Klaus Müller, Vorstand Verbraucherzentrale Bundesverband:

"Es ist eine sehr große Gefahr, dass ich diskriminiert werde, wenn Banken und Unternehmen, vielleicht auch der Staat, alles über mich wissen, wenn ich eben nicht mehr mit Bargeld anonym zahlen kann, nur noch mit Datenspuren im Internet, dann kann jemand anders über mich entscheiden, welche Produkte mir angeboten werden, bis hin sogar dazu, welcher Preis von mir verlangt wird."


Alle unsere Einkäufe auszuwerten. Davon träumen viele. Und arbeiten bereits daran.

Ein Beispiel: Der Kreditkartenanbieter Mastercard hat vor kurzem ein Patent angemeldet, wie man aus Kreditkartendaten Größe und Gewicht der Kunden errechnen kann. Ein Interview bekommen wir dazu nicht. Schriftlich teilt Mastercard uns zu dem Patent mit, man sei „ständig auf der Suche nach neuen Ideen und Innovationen“, habe sich jedoch „nicht weiter auf seine Anwendung konzentriert“.


O-Ton, Prof. Gerald Mann, FOM Hochschule München:

"Tatsächlich kann man sich heute schon sehr viel mehr vorstellen, durch Digitalisierung, durch Big Data, als das, was angewendet wird, als das, was angewendet werden darf. Ich würde aber damit rechnen, dass früher oder später das, was möglich ist, dann auch praktiziert wird."


Und eine Welt ohne Bargeld ist technisch längst möglich. Nicht nur in Schweden. Sie kommt auch bei uns schleichend und getrieben vom Interesse von Banken und Wirtschaft. Denn Bargeld stört das Geschäft.


Abmoderation Fritz Frey:

Ob sich die Kanzlerin bei ihrem heutigen Kurzbesuch in Schweden auch über Vor- und Nachteile eines bargeldlosen Lebens informiert hat, wir wissen es nicht. Ich habe über das Thema gesprochen – mit einem der Autoren, zu sehen unter www.reportmainz.de.