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SENDETERMIN Mo, 28.6.2010 | 21:45 Uhr | Das Erste

Weiblich - geschieden - arm Warum Alleinerziehende kaum Chancen auf Wohlstand haben

Wie war das mit den Hartz-IV-Empfängern: Da braucht es einen Klaps auf den Hintern, damit es ein bisschen zwickt. Wir waren bei einer Hartz-IV-Empfängerin, einer Frau, die hart arbeitet, aber das verdiente Geld trotzdem nicht reicht.

Da zwickt es gewaltig aber sicher ganz anders als der Poolbesitzer aus Mallorca es gemeint hat. Monika Anthes und Corinna Ballweg stellen uns Silvia Schwab und ihre Töchter vor. Sie ist alleinerziehend und gehört damit zu denen, über die die Statistiker wissen: 40 Prozent beziehen Hartz IV.

Bericht:

Silvia Schwab, 41 Jahre, Mutter von vier Töchtern, alleinerziehend und berufstätig.

Es ist kurz nach sechs. Bei den Schwabs in Kornwestheim bei Stuttgart sind schon alle auf den Beinen. Die Mädchen müssen zur Schule. Silvia Schwab auf die Arbeit.

Doch bevor alle gehen, muss der Tag noch geplant werden.
Es ist Monatsende, das Geld wird knapp. Deshalb müssen sie heute zur Tafel. Essen besorgen.


O-Ton:

"Dann geht ihr zwei heute noch mit, dann in die Tafel, ihr zwei, dann seid ihr nicht allein."

Seit mehr als zehn Jahren leben die Kinder mit ihrer Mutter jetzt schon allein – es war nicht immer leicht:


O-Ton, Silvia Schwab, Alleinerziehende:

"Und dann musst du schnell in die Arbeit hetzen und dann musst du wieder in die Tagesstätte fahren, musst die Kinder holen, musst sie heimfahren. Und dann musst du noch diesen ganz normalen Alltag eigentlich bewältigen, wo man sonst doch den ganzen Tag Zeit hat, wie zum Arzt fahren, lernen, die Sorgen der Kinder und das alles. Und das ist dann schon sehr viel."


O-Ton, Jasmin Schwab, Tochter, 17 Jahre:

"Jetzt wo ich immer älter werde und älter werde sehe ich das ja auch mehr. Also früher da habe ich gedacht, ja Mama ist weg, okay, bla, bla und so. Aber jetzt ist es eigentlich so, wo ich drüber nachdenke, es ist eigentlich echt hart, also wirklich hier und da und überall sein."

In immer mehr Familien gibt es nur einen Elternteil. 1,6 Millionen Menschen in Deutschland sind alleinerziehend. Das sind 20 Prozent aller Familien. 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen.
Kurz nach sieben, die Töchter müssen los.

Bevor auch Silvia Schwab geht, muss sie noch schnell ihren aktuellen Hartz-IV-Antrag durchsehen.
Das Amt will Bescheinigungen, Nachweise. Seit Jahren versucht die Bürokauffrau genügend Geld zu verdienen, um Ihre Familie aus eigener Kraft zu ernähren. Bisher vergeblich.


O-Ton, Silvia Schwab, Alleinerziehende:

"Der Einstieg wieder in ein normales Arbeitsleben ist eigentlich sehr schwer. Also eigentlich so gut wie gar nicht, außer über eine Zeitarbeitsfirma, und da muss man wirklich auch arg kämpfen."

Doch kämpfen hat sie gelernt. Auf eigene Faust schrieb sie Bewerbungen und es hat geklappt. Seit zwei Monaten arbeitet sie über eine Zeitarbeitsfirma als Sekretärin und das in Vollzeit. Der Job macht ihr Spaß. Der Lohn ist allerdings gering: rund 1000 Euro netto pro Monat. Zum Leben reicht das nicht.


O-Ton Silvia Schwab, Alleinerziehende:

"Wo ich mich dann vorgestellt habe bei der Zeitarbeitsfirma, habe ich gehofft, dass ich aus Hartz IV raus komme mit dem Lohn, weil wenn man den ganzen Tag arbeitet, ist es für mich eigentlich selbstverständlich gewesen, dass ich raus komme da. Und dann hat sie zu mir gesagt, es tut ihr Leid, aber sie kann mir nur 9 Euro auf die Stunde zahlen, und somit war ich immer wieder im Hartz IV noch drin."

Berufstätig und dennoch Hartz IV-Empfängerin. Ein Schicksal vieler Alleinerziehender.

Rund 650.000 Alleinerziehende bekommen Hartz IV. Das sind 40 Prozent der Alleinerziehenden. Davon sind 230.000 sogenannte Aufstocker. Das heißt, sie arbeiten, können aber von ihrem Lohn nicht leben.

Arm trotz Arbeit. Dass bekommen Silvia Schwab und ihre Töchter besonders zu spüren, wenn sie zur Tafel gehen.


O-Ton:
"Sie sind aber heute spät dran."


O-Ton:
"Ja, mir hat es leider nicht vorher gelangt."


O-Ton:
"Aber Sie wissen ja wann es die Nummern gibt immer... Ja, wenn Sie nicht da sind um 14.15 Uhr können wir leider nichts machen."

Nummer 32. Das bedeutet noch gut 30 sind vorher an der Reihe.
Jetzt heißt es erst einmal warten.

Frage: Wie ist das für euch so hierher zu kommen, wie findet Ihr das?


O-Ton, Nadine Schwab, Tochter, 14 Jahre:

"Also, ich gehe hier eigentlich nicht so gerne hin."


O-Ton, Stefanie Schwab, Tochter, 15 Jahre:

"Ja, das ist halt so ein komisches Gefühl, wenn dann zum Beispiel auch andere, die wo dich kennen oder so dann sehen, dass Du hierher kommst. Dass die dann irgendwas sagen über einen."

In keiner anderen Gruppe der Gesellschaft ist das Risiko zu verarmen so hoch. 46 % der Kinder von Alleinerziehenden sind von Armut bedroht. Konkret heißt das: 1 Million Kinder von Alleinerziehenden leben an der Armutsgrenze.


O-Ton:
"Die 32!"

Nach zwei Stunden ist es endlich soweit, sie dürfen rein. Zum Glück ist das Angebot an diesem Tag noch reichhaltig. Großeinkauf für rund 10 Euro. Damit müssen Sie bis zum Monatsende klar kommen.

Doch auch im nächsten Monat wird es wieder knapp werden.


Abmoderation Fritz Frey:

Gerade bei alleinerziehenden Müttern kommt es oft vor, dass sich die Väter gerne verkrümeln, wenn es um den Unterhalt geht. Ein heikles Thema auch bei Silvia Schwab.

Und wenn die Väter nicht zahlen, dann springt der Staat ein mit einem sogenannten Unterhaltvorschuss: 846 Millionen Euro jährlich. Nur einen geringen Teil davon treiben die Behörden bei den Vätern wieder ein. Ergebnis: Die Alimente zahlt der Steuerzahler – auch das ist alles andere als gerecht. Zum Thema auch ein Gespräch mit unserer Fachautorin unter reportmainz.de.

aus der Sendung vom

Mo, 28.6.2010 | 21:45 Uhr

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