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Text des Beitrags Vollnarkose statt örtlicher Betäubung

Wie Ärzte und Patienten unter Lieferengpässen leiden


Vorspann:

Über Monate hinweg leidet Ehrentraud Pecher unter großen Schmerzen in der rechten Hand. Bei der 79-Jährigen ist der Hauptnerv in der Handwurzel geschädigt, die Bewegung von Hand und Fingern stark eingeschränkt. Die Ärzte raten zu einer OP. Ein Routineeingriff mit örtlicher Betäubung, doch plötzlich heißt es: Vollnarkose!


Ehrentraud Pecher, Patientin

Ehrentraud Pecher

O-Ton, Ehrentraud Pecher:

"Dann kam ich zum Anästhesisten und er hat dann zunächst gesagt, wie das gemacht wird und dass es unter Vollnarkose gemacht wird. Und da war ich im Moment erstaunt und sagte: 'Eine Vollnarkose?' Bei einer Vollnarkose fühlt man sich immer ausgeliefert. Man denkt schon: Hoffentlich erwischt es mich nicht."


Moderation Fritz Frey:

Die gute Nachricht zuerst: Frau Pecher hat die Vollnarkose gut überstanden. Guten Abend zu REPORT live aus Mainz.

Aber die Frage bleibt: Warum Vollnarkose, mit allen Risiken, wenn eine örtliche Betäubung gereicht hätte?

Mona Botros und Kirsten Tromnau sind bei ihren Recherchen auf Fakten gestoßen, da fasst man sich an den Kopf. Lieferengpässe bei Narkosemitteln, nicht in irgendeinem fernen Entwicklungsland, sondern hier bei uns, mitten in Deutschland? Kann das sein? Aber der Reihe nach.


Bericht:

Vor der Operation wird Ehrentraud Pecher über die Risiken aufgeklärt. Bei der Vollnarkose – anders als bei der örtlichen Betäubung – bliebe sie nicht bei Bewusstsein und müsse spezielle Risiken in Kauf nehmen, darunter – Ersticken, Lungenversagen, Atemnot. Bei dem Gespräch mit dem Anästhesisten erfährt sie Erstaunliches.

O-Ton, Ehrentraud Pecher:

"Dann sagt er: 'Ja, die Pharmaindustrie liefert schon seit längerer Zeit nicht die notwendigen Medikamente für eine Teilnarkose und darum wird öfters in Vollnarkose operiert.'"


Wir fragen den Chefanästhesisten des Klinikums Mittelbaden, wo Ehrentraud Pecher operiert wurde. Thomas Iber bestätigt ihre Schilderung.


Dr. Thomas Iber

Dr. Thomas Iber, Ärztlicher Direktor Klinikum Mittelbaden

O-Ton, Dr. Thomas Iber, Ärztlicher Direktor Klinikum Mittelbaden:

"Es bestand das erhöhte Risiko, weil es eine ältere Dame war, dass sie eben nach der Operation im Verwirrtheitszustand sich befindet für einige Stunden oder auch ein-zwei Tage. Uns hat das in unseren Operationssälen über drei Monate betroffen und vor allem in der Wirkstoffgruppe der Lokalanästhetika, der örtlichen Betäubungsmittel."

O-Ton, Ehrentraud Pecher:

"Und dann habe ich erst überlegt, lass ich es überhaupt machen? Da habe ich gesagt: 'Vielleicht verschiebe ich es nochmal.' Dann hat er gemeint: 'Ja, gut, aber wir wissen dann nicht, wann wir unter Teilnarkose operieren können.'"


Ehrentraud Pecher willigt schließlich ein. Und so wie sie viele andere.

O-Ton, Dr. Thomas Iber, Ärztlicher Direktor Klinikum Mittelbaden:

"Für uns war es ein Zeitraum von zehn Wochen und hat sicherlich eine knapp dreistellige Anzahl an Patienten betroffen. Bundesweit ist es schwieriger im Detail zu sagen. Geschätzt sicherlich einige Tausend Patienten, die anstatt einer Teilnarkose eine Vollnarkose erhalten haben."


Schätzungsweise einige Tausend Patienten, die unnötigerweise einer Vollnarkose unterzogen wurden? Ein schwerer Vorwurf. Dem wollen wir nachgehen. Im Zuge der Recherche erhalten wir interne E-Mails, die Ärzte über die Lieferengpässe bei den Lokalanästhetika ausgetauscht haben.

So schreibt ein Arzt:

Zitat:

"Nicht lieferbar seit 3 Monaten. (…) Die Reserven gehen in 2 Wochen zu Ende.
Wie weiter?"


Ein anderer schlägt Alarm:

Zitat:

"Wir haben von 80% Regionalanästhesie auf 90% Vollnarkose umstellen müssen, kämpfen mit den OP-Kapazitäten."


In einer weiteren E-Mail ist von einer "Zuspitzung der Problematik" die Rede. Immer wieder wird der Name eines Unternehmens erwähnt: Aspen.

Aspen? Auf der Homepage des Konzerns lesen wir, es handelt sich um eine Firma mit Sitz in Durban, Südafrika. Ein "Global Player" im Geschäft mit Medikamenten. Im Firmenrepertoire: auch Mittel gegen Krebs und Thrombose. Einer ihrer wichtigsten Sparten: die Anästhetika.

Schon 2014 war die Firma wegen Engpässen aufgefallen. Damals ging es um Krebsmedikamente von Aspen. In Italien beschwerten sich Patienten bei der nationalen Arzneimittelbehörde in Rom, weil sie ihre Medikamente nicht erhielten. Stattdessen stiegen die Preise. Die Behörden dokumentierten Steigerungen von mehr als 1.500%. 2016 verhängten sie eine Strafzahlung von 5,2 Millionen Euro. Im Urteil heißt es, Aspen habe seine Marktdominanz missbraucht. Der Pharmakonzern hat Berufung gegen die Entscheidung der italienischen Behörden eingelegt. Ein Urteil wird gegen Ende des Jahres erwartet.

Auch in Deutschland gab es damals Lieferstopps bei den Krebsmedikamenten von Aspen. Doch hier passierte nichts. Nach Recherchen von REPORT MAINZ kommt es seit Anfang 2019 auch bei einer ganzen Reihe von Lokalanästhetika zu Lieferunterbrechungen. Auf Nachfrage bestätigt der Konzern die Engpässe. Zu den Ursachen erklärt er:

Zitat, Quelle: Aspen:

"Die Lieferschwierigkeiten sind bedingt durch produktionstechnische Probleme und limitierte Produktionskapazitäten."


Für Kliniken wie hier in Markgröningen erschwert das die Planung. Gerade in der Orthopädie ist man auf diese Lokalanästhetika für ambulante Operationen angewiesen. Und die fehlen.

Dr. Reimund Stögbauer

Dr. Reimund Stögbauer, Ärztlicher Direktor Orthopädische Klinik Markgröningen

O-Ton, Dr. Reimund Stögbauer, Ärztlicher Direktor Orthopädische Klinik Markgröningen:

"Es gab mal einen Zeitpunkt, da hatten wir eigentlich keins von denen, die wir sonst routinemäßig einsetzen, mehr zur Verfügung."


Frage: Und das bedeutete?


O-Ton, Dr. Reimund Stögbauer, Ärztlicher Direktor Orthopädische Klinik Markgröningen:

"Ja, improvisieren."


Frage: Am Patienten?

O-Ton, Dr. Reimund Stögbauer, Ärztlicher Direktor Orthopädische Klinik Markgröningen:

"Ja, das sagen Sie so. Am Patienten, natürlich, klar."


Wir fassen zusammen: Schätzungsweise Hunderte bis Tausende von Patienten in Deutschland erhielten in den vergangenen Monaten unnötigerweise Vollnarkosen. Eine noch größere Zahl erhielt nicht das bevorzugte Lokalanästhetikum.

Wir bitten das Bundesministerium für Gesundheit um eine Stellungnahme. Sie schreiben uns:

Zitat, Quelle: Bundesministerium für Gesundheit:

"Bisher liegen uns keine Informationen dazu vor, dass es aufgrund der oben genannten Lieferengpässe zu gravierenden Einschränkungen in der Patientenversorgung gekommen ist."


Professor Götz Geldner vom Berufsverband Deutscher Anästhesisten sieht das anders. Seit eineinhalb Jahren fordere sein Verband eine bessere Versorgung der Patienten.

Prof. Götz Geldner

Prof. Götz Geldner, Präsident Berufsverband Deutscher Anästhesisten

O-Ton, Prof. Götz Geldner, Präsident Berufsverband Deutscher Anästhesisten:

"Das fühlt sich natürlich so ein bisschen an wie in einem Entwicklungsland. Wir müssen wirklich eine gewisse Basis auch in der Anästhesie haben, wo es immerhin zehn Millionen Eingriffe im Jahr gibt, dass wir sagen, das müssen wir auf jeden Fall sichern."


Nach Recherchen von REPORT MAINZ sehen sich deutsche Kliniken nun gezwungen, neue Lieferquellen aufzubauen.


Abmoderation Fritz Frey:

Dass wir bei der Versorgung mit wichtigen Medikamenten einzelnen großen Firmen der Pharmabranche ausgeliefert sind – na, da müssten doch in der Politik die Alarmglocken läuten.