Bitte warten...

28.05.2019: Lieferengpässe bei lokalen Betäubungsmitteln Anästhesisten: "Hunderte unnötige Vollnarkosen"

Nach Angaben des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten verzeichnen Krankenhäuser in Deutschland seit Beginn des Jahres massive Lieferengpässe bei Lokalanästhetika.

Nach Recherchen des ARD Politikmagazins REPORT MAINZ führen diese Lieferprobleme zu hunderten unnötigen Vollnarkosen, da lokale Betäubungsmittel fehlen. An Kliniken in Baden-Württemberg wurden aus diesem Grund mehrere hundert Patienten unter Vollnarkose operiert, obwohl eine lokale Betäubung völlig ausreichend gewesen wäre. Selbst kleine Eingriffe und ambulante Operationen konnten nur unter Vollnarkose oder mit einem Medikament der zweiten Wahl vorgenommen werden, erklärt Dr. Thomas Iber, Chefarzt der Anästhesie am Klinikum Mittelbaden. Im Interview mit REPORT MAINZ sagt er: "In unserer Klinik war es sicherlich eine dreistellige Anzahl an Patienten. Bundesweit geschätzt einige tausend Patienten, die anstatt einer Teilnarkose eine Vollnarkose erhalten haben."

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte erklärt auf Nachfrage, das aktuell nur zwei lokale Betäubungsmittel von den Herstellern als nicht lieferbar gemeldet worden seien. REPORT MAINZ liegen Listen vor, die zeigen, dass deutlich mehr Präparate nicht lieferbar waren oder sind. Die meisten stammen vom südafrikanischen Pharmakonzern Aspen. Gegenüber REPORT MAINZ bestätigt Aspen die Lieferschwierigkeiten und teilt mit, die Ursache seien "produktionstechnische Probleme und limitierte Produktionskapazitäten". Der Berufsverband Deutscher Anästhesisten fordert nun im Interview mit REPORT MAINZ, die knappen Lokalanästhetika auf die Liste der versorgungsrelevanten Medikamente zu setzen. Arzneimittel dieser Liste müssen immer vorrätig beziehungsweise lieferbar sein, damit eine dauerhafte Versorgung in Deutschland garantiert ist. Das Bundesgesundheitsministerium habe auf diese Forderung bisher nicht reagiert. Gegenüber REPORT MAINZ erklärt das Ministerium schriftlich: "Bisher liegen uns keine Informationen dazu vor, dass es aufgrund der oben genannten Lieferengpässe zu gravierenden Einschränkungen in der Patientenversorgung gekommen ist."  

Hintergrund zur Firma Aspen

Wettbewerbsbehörden in Italien haben gegen Aspen wegen unzulässiger Preiserhöhungen und Missbrauch der Marktdominanz 2016 eine Strafzahlung von 5,2 Millionen Euro verhängt. Aspen hatte bei überlebenswichtigen Krebsmedikamenten die Preise um bis zu 1.500 Prozent angehoben. Der Pharmakonzern hat Berufung eingelegt. Ein Urteil wird Ende des Jahres erwartet. Aktuell ermittelt auch die EU Kommission gegen Aspen wegen unzulässiger Preiserhöhungen.