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Armutsrisiko Berufsunfähigkeit Seit sich die Politik zurückgezogen hat, fallen viele durchs Raster

Eigentlich kann dieser Landschaftsbauer aus Essen nicht mehr arbeiten. Hendrik Tenhaven leidet unter schweren Schmerzen. Doch seine Berufsunfähigkeitsversicherung, sie will nicht zahlen.

O-Ton, Hendrik Tenhaven:

"Ich habe13 Jahre lang immer meine Beiträge bezahlt. Jetzt wo ich sie eigentlich bräuchte, lassen die mich hängen, und ich verstehe es nicht. Ich weiß nicht, ob ich da mit dem Rollstuhl vorfahren muss..." 

Moderation Fritz Frey:

Guten Abend zu REPORT live aus Mainz! Kein Zweifel, der Mann fühlt sich im Stich gelassen. Dabei hatte er genau das getan, was stets empfohlen wird: Er hatte vorgesorgt, unter anderem mit einer Berufsunfähigkeitsversicherung. Er wollte sich und seine Familie absichern, falls er beispielsweise wegen einer Krankheit seinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Was bei ihm schief gegangen ist und warum er eben nicht der bedauerliche Einzelfall ist, das haben Oliver Heinsch und Ulrich Neumann recherchiert.


Bericht:

Arbeiten heißt für Hendrik Tenhaven meist nur noch Quälerei. Tenhaven ist Landschaftsbauer. Landschaftsbauer sein heißt schwere körperliche Arbeit. Seit 13 Jahren leidet er unter Morbus Bechterew, einer unheilbaren immer weiter fortscheitenden Verkrümmung der Wirbelsäule.

Hendrik Tenhaven

Hendrik Tenhaven

O-Ton, Hendrik Tenhaven:

"Gerade wenn ich mich bücken muss, schwere Sachen heben muss, spüre ich eigentlich immer diese Steifigkeit und die Schmerzen im Rücken. Ich muss da eigentlich immer auch zwischendurch Schmerztabletten nehmen, damit ich halbwegs den Arbeitsalltag schaffe." 

Tenhavens Ärzte sagen, er müsse dringend kürzer treten. Genau für den Fall hatte er eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen. Doch die weigert sich zu zahlen. So schlimm sei es nun auch nicht. Er solle im Betrieb eben leichtere Arbeiten machen.

O-Ton, Hendrik Tenhaven:

"Ich habe 13 Jahre lang immer meine Beiträge bezahlt und habe mir nie etwas zu Schulden kommen lassen, und jetzt wo ich sie eigentlich bräuchte, lassen die mich hängen, und ich verstehe es nicht. Ich weiß nicht, ob ich da mit dem Rollstuhl vorfahren muss."

Wenn die Versicherung nicht zahlt und Tenhaven nicht mehr richtig arbeiten kann, dann wird es irgendwann ganz eng für die junge Familie.

Verena Tenhaven

Verena Tenhaven

O-Ton, Verena Tenhaven:

"Das bringt Angst, Sorgen, Unsicherheit mit sich, wo man nicht weiß, wie man dem gewachsen sein wird." 

Der Anwalt der Familie hält Berufsunfähigkeitsversicherungen mittlerweile für eine einzige menschliche und rechtliche Katastrophe.

Frank Vorbaum

Frank Vorbaum

O-Ton, Frank Vormbaum, Rechtsanwalt:

"Was typisch ist, an diesen Fällen ist, ist dass der Versicherer versucht im eigenen wirtschaftlichen Interesse, die Leute um ihre Ansprüche zu bringen. Die bekommen dann nichts und haben genau das nicht, was sie eigentlich wollten, was sie brauchen, eine soziale Absicherung."

Ursprünglich war die Absicherung gegen Berufsunfähigkeit eine Sozialleistung für jeden Arbeitnehmer, bezahlt von der Rentenversicherung. Doch das wurde 2001 vom damaligen SPD-Arbeitsminister Riester zur Entlastung der Rentenkasse gestrichen. Absicherung gegen Berufsunfähigkeit ist seitdem reine Privatsache.

Für Wolfgang Schuldzinski, Chef der Verbraucherzentrale NRW, war die Privatisierung ein entscheidender politischer Fehler, der dringend rückgängig gemacht werden müsste.

Wolfgang Schuldzinski

Wolfgang Schuldzinski

O-Ton, Wolfgang Schuldzinski, Vorstand Verbraucherzentale NRW:

"Das jetzt gewählte Modell, das diese Verantwortung komplett auf die Arbeitnehmerinnen und auf die private Versicherungswirtschaft überträgt, das ist gescheitert."

Denn die Politik habe den Versicherungen nicht mal verbindliche Vorgaben gemacht. Die Verbraucherzentrale hat alle ihre Beratungsgespräche ausgewertet. Erschreckendes Ergebnis: Für 40 Prozent der Ratsuchenden ist ein vernünftiger Versicherungsschutz schon von vornherein nicht zu haben. Denn Menschen mit höherem Risiko werden systematisch aussortiert: Dachdecker, Krankenschwestern oder Gerüstbauer werden zum Beispiel nur zu unbezahlbaren Prämien ausreichend versichert. Wer gar eine Vorerkrankung hat, wird häufig ganz ausgeschlossen. Zum Beispiel bei Rücken- oder Kniebeschwerden. Häufig reicht schon eine Allergie oder eine Behandlung wegen Prüfungsangst. Und die Versicherer lehnen auch ganz junge Menschen dankend ab.

O-Ton, Wolfgang Schuldzinski, Vorstand Verbraucherzentale NRW:

"Die Verlierer sind ganz klar die Menschen, die eine solche Versicherung bzw. die Absicherung im Schadensfall am nötigsten brauchen."

Besonders betroffen: Menschen mit psychischen Erkrankungen. Kai Schlummer war selbst Versicherungsmakler, hat an Versicherungen geglaubt. Doch irgendwann hielt er den Verkaufsdruck nicht mehr aus. Diagnose: schwere Depressionen. Doch seine Versicherung weigert sich zu zahlen.

Kai Schlummer

Kai Schlummer

O-Ton, Kai Schlummer:

"Eigentlich missachtet sie mich, also indem sie mir einfach sagt, dass ich ein Lügner bin, und mich einfach darstellt, dass ich mir Leistungen erschleichen möchte."

Zahlt die Versicherung – trotz klarer Diagnose – weiter nicht, dann steht die Familie vor dem wirtschaftlichen Ruin. Die Reserven sind schon aufgebraucht.


Wir treffen Stefan Albers. Er ist freier Versicherungsberater. Er lebt also davon, Kunden auch über Berufsunfähigkeitsversicherungen zu informieren. Doch selbst er sagt: Die Absicherung gegen Berufsunfähigkeit muss zurück in die gesetzliche Rentenversicherung.

O-Ton, Stefan Albers, Präsident Berufsverband der Versicherungsberater:

"Jeder vierte Arbeitnehmer wird im Laufe seines Lebens berufsunfähig und wenn diese Personen keine entsprechende Absicherung haben, fallen sie dem Steuerzahler, also der Sozialkasse, zur Last. Das wird dazu führen, das die Altersarmut in Zukunft noch größer wird, als sie sowieso schon wird."

Was hält die jetzige SPD-Arbeitsministerin davon? Andrea Nahles verweist auf SPD-Verbraucherschutzmister Heiko Maas. Der räumt REPORT gegenüber zwar Probleme ein, aber verweist schließlich wieder zurück auf Andrea Nahles. Die am Ende erklären lässt: Eine Änderung sei nicht beabsichtig.

Für den Wirtschaftsrechtler Hans-Peter Schwintowski ist diese Haltung der Bundesregierung völlig unbegreiflich.

Prof Hans-Peter Schwintowski

Prof Hans-Peter Schwintowski

O-Ton,Professor Hans-Peter Schwintowski, Wirtschaftsrechtler, Humboldt-Universität Berlin:

"Nach meiner Meinung hat der Gesetzgeber damals einen Verfassungsbruch begangen. Berufsunfähigkeit ist ein Risiko, dass uns allen droht. Das darf der Gesetzgeber nach meiner Überzeugung nicht einfach aus dem Leistungskatalog herausnehmen, er hat’s dennoch getan und nach meiner Meinung muss er das rückgängig machen."

Solange die Politik nicht mal über eine Veränderung nachdenken will bleibt es dabei: Gerade schwer arbeitende und schwer kranke Menschen wie Hendrik Tenhaven sind die Verlierer. Sie bekommen entweder gar keine soziale Absicherung. Oder sie gehen in größter Not leer aus.


Abmoderation Fritz Frey:

Was also tun, solange die Politik untätig ist? Auf jeden Fall vor Abschluss eines Vertrages eine unabhängige Beratung einholen. Darüber und was man sonst noch tun kann – ein Gespräch mit unserem Autor unter www.reportmainz.de.