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Text des Beitrags Fukushima auf dem Meeresgrund?

Versunkene russische Atom-U-Boote werden zur tickenden Zeitbombe

Russisches Atom-U-Boot

Russisches Atom-U-Boot (Archiv)

Das ist ein Modell der K–27, ein Atom U-Boot der sowjetischen Marine. In der Atomeuphorie der fünfziger und sechziger Jahre liefen in den USA aber eben auch in der damaligen Sowjetunion etliche dieser Kriegsschiffe vom Stapel.

Was ist aus ihnen geworden? Wurden Sie alle ordnungsgemäß abgewrackt? Mitnichten! Die K–27 beispielsweise wurde, nach etlichen Störfällen, 1982 still und leise im Meer versenkt, mitsamt ihrer zwei Kernreaktoren.

Kann das gut gehen? Welche Gefahren gehen beispielsweise für den Fischfang von Atom U-Booten aus, die einfach verklappt wurden? Thomas Reutter mit einer unheimlichen Spurensuche.

Bericht:

Die Arktische See. Das weltweit wichtigste Fanggebiet für Kabeljau. Von hier kommt auch Fisch nach Deutschland. Doch auf dem Meeresboden lauert Gefahr. Drei alte sowjetische Atom-U-Boote liegen hier auf Grund.

Grafik: Atom-U-Boote in der Barentssee

Atom-U-Boote in der Barentssee

Die K-27, die K-159 und die K-278, Komsomolets genannt.

Die Komsomolets: Zu Sowjetzeiten ein supermodernes Atom-U-Boot. 1989 versank es, in der arktischen Barentssee in 1.700 Meter Tiefe. Im Reaktor: 1.500 Kilo hochangereichertes Uran und im Bug 2 Nukleartorpedos mit Plutonium.

Wie hoch ist das Risiko einer Atomkatastrophe? Laut Kreml sei die Gefahr noch nicht akut. So heißt es offiziell. Stimmt das? Die K-159 2003 in der Barentssee, auf dem Weg zum Verschrotten versunken. Neun Seeleute ertranken.

Diese Aufnahmen machte eine britisch-russischen Expedition 2007. Nie zuvor wurden diese Bilder veröffentlicht. An Bord: Hunderte Kilo hochangereichertes Uran. Messungen zeigen, aus dem Rumpf entweicht bereits Radioaktivität. Im Boot liegt weit mehr radioaktives Material als etwa im Schacht Asse. Eine tickende Zeitbombe.

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Das Schicksal der K-159

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Die K-159 auf dem Weg zur Verschrottung. Gut zu erkennen sind die vier außen angebrachten Ponton-Auftriebshilfen, die sich in der Nacht zum 30. August in einem schweren Sturm lösten und die K-159 zum Sinken brachten.

Die K-159 auf dem Weg zur Verschrottung. Gut zu erkennen sind die vier außen angebrachten Ponton-Auftriebshilfen, die sich in der Nacht zum 30. August in einem schweren Sturm lösten und die K-159 zum Sinken brachten.

Nahaufnahme des Hecks der K-159, die den desolaten Zustand des U-Boots illustriert. Die äußere Hülle ist vollkommen durchlöchert und verrostet.

Die zehnköpfige Besatzung der K-159 kurz vor ihrer Abfahrt. Lediglich ein Besatzungsmitglied überlebte das Unglück.

Admiral Gennady Suchkov (links) und Verteidigungsminister Sergei Ivanov (rechts) im Gespräch. Gennady Suchkov wurde nach dem Vorfall von Vladimir Putin persönlich aus seinem Amt entfernt.

Ein im Rahmen einer Strahlenüberwachung aufgenommenes Foto der gesunkenen K-159 auf dem Boden der Barentssee.

Wie viel Zeit bleibt noch, bis der Reaktor ausläuft?

Wir recherchieren in Russland. In St. Petersburg treffen wir einen Informanten. Von ihm bekommen wir einen internen Bericht aus dem Russischen Umweltministerium. Geschrieben für den Kreml 2011.

Und der liest sich ganz anders als die offiziellen Verlautbarungen: Zwei gesunkene Atom-U-Boote müssten bis spätestens 2014 gehoben werden. In der K-159 besteht die Gefahr einer Umweltkatastrophe.

Wir zeigen den Bericht und die Aufnahmen Wolfgang Renneberg, dem Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium bis Ende 2009.

O-Ton, Wolfgang Renneberg, Atomsicherheitsexperte:

»Das bedeutet, dass jetzt schon eine schleichende Katastrophe ihren Anfang nimmt und je länger diese U-Boote unter Wasser sind, um so größer ist natürlich auch die Gefahr, dass immer mehr dieser Radioaktivität entweicht und damit das Meer drum herum radioaktiv verseucht.«

Wolfgang Renneberg

Wolfgang Renneberg, Atomsicherheitsexperte

Das dritte Atom-U-Boot war niemals in den Schlagzeilen. Die K-27 nach einem Reaktorstörfall heimlich versenkt – illegal - in 33 Meter Tiefe. Dieses Videomaterial zeigt erstmals das Wrack unter Wasser. Die Beamten im Russischen Umweltministerium vermerken: „Hohe Wahrscheinlichkeit einer unkontrollierten Kernreaktion.“

Das heißt: Der K-27 droht eine nukleare Kettenreaktion. Durch den Druck könnte der Rumpf reißen und die Radioaktivität ausströmen.

O-Ton, Wolfgang Renneberg, Atomsicherheitsexperte:

»Das heißt, das radioaktive Material, was im Kern ist, kann im schlimmsten Fall vollständig und zwar sehr kurzfristig freigesetzt werden. Das ist eine Katastrophe.«

Droht ein Fukushima unter Wasser? In Moskau konfrontieren wir das zuständige Staatliche Institut für Strahlenschutz mit dem Bericht.

Dort heißt es, der Bericht sei völlig inkorrekt. Was falsch sei, will man uns aber nicht mitteilen. Dann spielt uns ein Informant ein heimlich aufgenommenes Tonband zu. Darauf hört man Sergej Antipov, den stellvertretenden Direktor des Instituts bei einem Vortrag auf einer Fachtagung im Februar in Moskau:

Die K-27 bereitet ihm größte Sorge:

Staatssekretär Jürgen Becker

Staatssekretär Jürgen Becker, Bundesumweltministerium

O-Ton, Zitat:

»Wenn etwa fünf Liter Wasser in die aktive Zone der K-27 eindringen, kann es prinzipiell zu einer selbsterhaltenden Kettenreaktion kommen.«

Die könnten den Reaktor zerreißen. Antipov drängt auf die sofortige Bergung.

Wie schätzt die Bundesregierung die Gefahr ein?

O-Ton, Staatssekretär Jürgen Becker, Bundesumweltministerium:

»Darüber liegen uns keine gesicherten Erkenntnisse vor. Das müssen die tatsächlich verantwortlichen und zuständigen Behörden beantworten, in Russland selbst.«

Wir zeigen Sylvia Kotting-Uhl, der atompolitischen Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bundestag unsere Recherchen.

Sylvia Kotting-Uhl

Sylvia Kotting-Uhl, Grüne, Bundestagsabgeordnete

O-Ton, Sylvia Kotting-Uhl, Grüne, Bundestagsabgeordnete:

»Ich halte diese Informationen für extrem beunruhigend. Man muss sie ernst nehmen und ich glaube, dass Handlungsdruck besteht, auch für die Europäischen Staaten. Ich erwarte, dass die Bundesregierung hier aktiv wird und wenn sie sich dazu selbst erst noch informieren muss, dann muss sie das schleunigst tun.«

Auch die deutsche Fischindustrie besteht darauf, von der Bundesregierung informiert zu werden.

Matthias Keller

Matthias Keller, Bundesverband Fischindustrie

O-Ton, Matthias Keller, Bundesverband Fischindustrie:

»Wir fordern hier einfach verstärktes Monitoring, verstärkte Kontrollen auch auf hoher See, um sicherstellen zu können, dass keine Gefahr von diesen Fischen ausgeht.«

Das sauberste Meer der Welt ist in Gefahr. Der Arktischen See droht eine Atomkatastrophe.

Abmoderation Fritz Frey:

Nachdem wir unsere Recherchen zu den versenkten U-Booten heute veröffentlicht haben, gab es bereits Reaktionen.

So fordert unter anderem der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels durch, ich zitiere, Kontrollen vor Ort sicherzustellen, dass vom Fisch aus den Regionen keine Gefahr für den Verbraucher ausgeht.

Und auch die Opposition will von der Bundesregierung jetzt wissen, wie es weitergeht mit den verklappten Atom U-Booten. Und wir? Wir bleiben dran am Thema.