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SENDETERMIN Di, 9.3.2021 | 21:46 Uhr | Das Erste

Verlorenes Vertrauen Der Asternweg in Kaiserslautern und die Landtagswahl

Immer wieder kommen Politiker in den sozialen Brennpunkt in Kaiserslautern, auch jetzt zur Landtagswahl. Die Menschen hier hoffen seit Jahren auf bessere Wohnungen - doch sie werden immer wieder enttäuscht. In den meisten dieser Schlichtwohnungen gibt es immer noch kein warmes Wasser, keine Dusche und keine Heizung. Dabei hatte die Stadt Kaiserslautern schon 2015 versprochen, alle Wohnungen komplett zu sanieren. Das ist bisher nicht passiert.

Wir sind unterwegs in den Asternweg, den sozialen Brennpunkt in Kaiserslautern. Der Landtagswahlkampf ist auch hier präsent. Und pünktlich zur Wahl entdeckt die Politik auch dieses Viertel wieder.

Christian Baldauf, der CDU-Bewerber um den Ministerpräsidenten-Posten, hat hier sogar einen Wahlspot gedreht.

Wahlwerbespot CDU: "Ich bin heute im Asternweg in Kaiserslautern. Ein Brennpunkt. Uns ist es sehr wichtig, dass wir hier was für die Menschen tun. Es leben viele Kinder hier."

In den Brennpunkt kommen seit Jahren immer wieder Politiker zu Fototerminen - etwa die soziademokratische Landes-Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler.

Politische Unterstützung, auf die sie hier gebaut hatten:

Katharina Welsh-Schied

Katharina Welsh-Schied

Katharina Welsh-Schied, Asternweg e.V: "Wir hatten große Hoffnungen und passiert ist letztendlich wenig bis gar nichts."

Doch was erwarten die Menschen im Brennpunkt von der Politik? Wie leben sie hier?

Wir treffen Steffi Kallenbach wieder. Sie ist schon im Asternweg geboren und lebt hier inzwischen mit ihren sechs Kindern.

Diesmal können wir nicht in ihrer kleinen Wohnung drehen, Corona-Abstand ist kaum möglich.

Doch vor dem Lockdown haben wir die Familie schon mehrfach in ihrer Wohnung besucht. Tochter Alina hatte uns herumgeführt.

Alina Kallenbach: "Hier ist das Kinderzimmer."

Ein Zimmer für sechs Kinder mit vier Betten. Die beiden jüngsten schlafen im Bett der Mutter.

Seit ein paar Monaten lebt auch Steffis schwerkranker Vater mit hier: Im Wohnzimmer steht sein Pflegebett.

Acht Menschen auf 54 Quadratmetern. Die 11jährige Alina hatte damals gehofft, wenigstens digitale Unterstützung fürs Lernen zu bekommen:

Alina Kallenbach: "Ja, ich krieg ein Laptop."

Das war vor fünf Monaten. Ist das Laptop inzwischen angekommen?

Alina Kallenbach: "Die Lehrerin hat gestern angerufen, aber da ist nix gekommen."

Alina ist enttäuscht. Doch ihre alleinerziehende Mutter rechnet ohnehin kaum mit Unterstützung durch die Politik. Wenn sie ein Problem hat, geht sie zu Ilse Menke.

Steffi Kallenbach: "Die hilft beim Einkaufen, die hilft bei allem. Wenn was ist, gehen wir rüber zu ihr."

Ilse Menke ist eine Institution im Asternweg. Sie ist die Wirtin der Kneipe "Zum Ilse" und Anlaufstelle für viele Bewohner. Auch jetzt, wo sie seit Monaten geschlossen hat. Dann kommen sie halt ans Fenster der Kneipe.

Ilse Menke: "Hallo Jockel? Alles klar?"

Wie Joachim Langer, den hier alle Jockel nennen.

Ilse Menke ist hier aufgewachsen, sie weiß, woran es am meisten fehlt.

Ilse Menke: "Viele Wohnungen sind verschimmelt. Es ist kein Gas da, es gibt keine Dusche."

Jockel will uns zeigen, wie er lebt: Ein Zimmer, Küche und Toilette.

Wasser gibt es nur an der Spüle, aber nur Kaltes. Warmes Wasser hat er hier gar nicht.

Im Raum steht seit Jahren eine Duschkabine, die war noch nie angeschlossen.

Reporterin: "Das heißt, Sie können hier gar nicht duschen?"

Jockel: "Nein, ich gehe da drüben in die Gemeinschaftsduschen, wo die Asylanten sind, da gehe ich duschen."

Froh ist er, dass sein Gasofen wieder endlich wieder funktioniert:

Jockel: "Jetzt rauscht er - auf drei - einwandfrei, der Ofen."

Für ihn nicht selbstverständlich. Er hat neun Monate lang in einer kalten Wohnung gelebt. Der Grund: Eine Sperre der Stadtwerke wegen hohen Strom- und Gasschulden. Diese Sperre ist jetzt aufgehoben.

Das hat Katharina Welsh-Schied für Jockel organisiert. Auch sie kümmert sich ehrenamtlich um die Bewohner im Kalkofen, hat mit ihnen den Verein "Asternweg e.V." gegründet. Seit Jahren kämpfen sie für bessere Lebensumstände hier.

In elf Wohnblöcken gibt es rund 260 Wohnungen, erbaut in den 50er Jahren. Sie gehören der Stadt Kaiserslautern. Die bringt hier Menschen unter, die zwangsgeräumt oder obdachlos sind.

Wir waren schon mehrfach hier und haben schlimme Zustände erlebt: verwahrloste Flure, schimmelige Gemeinschaftsduschen und verdreckte Toiletten.

Katharina Welsh-Schied, Asternweg e.V: "Die Zustände in den Schlichtwohnungsblöcken sind halt menschenunwürdig. Kein Mensch hat es verdient, ohne Dusche, Warmwasser und Heizung zu leben. Gerade in einem reichen Land wie Deutschland müsste das wirklich Standard sein. Und es sind ja städtische Unterkünfte. Was wir immer sagen ist, dass zuerst saniert werden muss."

Und genau das hatte der Stadtrat Kaiserlautern schon 2015 beschlossen: Alle Blöcke sollten komplett saniert werden, innen und außen - und zwar innerhalb von 10 Jahren.

Passiert ist das seitdem aber erst bei einem einzigen Block. Wie ein Mahnmal wirkt er in der heruntergekommenen Umgebung.

Doch warum geht es nicht weiter?

Oberbürgermeister Klaus Weichel ist seit zwölf Jahren das sozialdemokratische Stadtoberhaupt und verantwortlich auch für die Lebensbedingungen im Asternweg.

Doch für ein Interview mit uns hat er keine Zeit. Wie jedes Mal antwortet er nur schriftlich, teilt mit, künftig solle die Sanierung schneller vorangehen.

Fototermine zum Brennpunkt nimmt der Bügermeister dagegen wahr.

Und teilt sie auch auf seinem Facebook-Account. Hier präsentiert er sich als sozial engagiertes Stadtoberhaupt - etwa mit Spendenaktionen zugunsten des Asternwegs.

Katharina Welsh-Schied, Asternweg e.V.: "Klar ist das schön, wenn man, sage ich mal, Spenden bringt oder wenn man mithilft, eben Spenden zu verteilen. Aber wird das wirklich was an der Situation der Menschen hier verändern? Kriegen die dann eine Dusche und Warmwasser und Heizung?"

Auch die Landessozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler war schon mehrfach hier. Immer wichtig: familiäre Fotos mit Ilse oder Katharina, zum Teilen auf Facebook.

Katharina Welsh-Schied, Asternweg e.V.: "Wir haben uns wirklich gefreut, als wir gehört haben, dass die Frau Bätzing-Lichtenthäler kommt. Dann haben wir gesagt: 'Hey, jetzt kommt sogar eine Ministerin. Das kann ja eigentlich nur gut werden. Vielleicht haben wir dann endlich die Chance, das jetzt wirklich saniert wird.' Und dann ist wieder gar nichts passiert, gar nichts."

Auch Ilse Menke erinnert sich, dass sie vor zwei Jahren der Sozialministerin hier den teils maroden Spielplatz gezeigt hat. Was hat sie sich erhofft?

Ilse Menke: "Dass sie mal vielleicht ein gutes Wort einlegt, dass vielleicht etwas schneller alles geht."

Reporterin: "Und was ist passiert danach?"

Ilse Menke: "Eigentlich nix."

Der Spielplatz wurde später mit Spenden renoviert - Geld von der Sozialministerin gab es nicht.

Auch die Ministerin gibt uns kein Interview. Schriftlich sagt sie, Armutsbekämpfung im Land sei ein Schwerpunkt ihres Handelns.

Katharina Welsh-Schied, Asternweg e.V.: "Wir fühlen uns benutzt von sehr, sehr vielen Menschen, die in politischen Positionen sind, weil die konnten dann zeigen der Wählerschaft, was für soziale Menschen sie sind. Und diese Kulisse - in dem Sinne war es eigentlich nichts anderes wie nur eine Kulisse - zu haben für ihre schönen Fotos."

Derzeit nutzt CDU-Spitzenkandidat Christian Baldauf die Kulisse hier für Seitenhiebe auf den politischen Gegner.

Wahlwerbespot CDU: "Ich nehme hier wahr, dass die SPD sich nicht drum kümmert. Das ist wirklich ein Politikum hier. Es braucht Wärme, es braucht Heizung, es braucht Toiletten. All das ist nicht da. Manfred, wir machen das gemeinsam."

Doch die meisten Netz-Kommentare merken an, dass gerade Wahlen anstehen und nehmen ihm sein Engagement für den Brennpunkt nicht ab.

Christian Baldauf stellt sich dieser Kritik vor unserer Kamera:

Christian Baldauf

Christian Baldauf

Christian Baldauf, CDU, Spitzenkandidat Landtagswahl Rheinland-Pfalz: "Das kann ich sehr gut verstehen, weil seit Jahren ja nichts passiert ist. Es war alles Fassadenpolitik. Es hat niemandem geholfen. Und ich kann nur sagen: 'Zutrauen zu mir. Ich setze es gerne um.'"

Doch solche Versprechungen haben die Menschen im Asternweg schon zu oft gehört:

Ilse Menke: "Ich glaube es erst, wenn ich es sehe, wenn es fertig ist."

Jockel: "Da lebe ich gar nicht mehr. Da bin ich schon lange tot."

aus der Sendung vom

Di, 9.3.2021 | 21:46 Uhr

Das Erste

Autorin:
Manuela Dursun

Kamera:
Ole Flashaar, Niklas Maurer

Schnitt:
Steffen Steup

Sprecher:
Manuela Dursun