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Pressemitteilung, 17.8.2021 Bis zu 3,2 Millionen Dosen auf den Müll? Drohende Vernichtung von Impfstoff aus Arztpraxen

Erstmals exklusive Zahlen zu Impfstoff-Beständen in Praxen bundesweit

Laut einer Umfrage des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland, die dem ARD-Politikmagazin REPORT MAINZ exklusiv vorliegt, könnten bis zu 3,2 Millionen COVID-19-Impfstoffdosen allein aus Arztpraxen im Herbst verfallen.

Mehrere Ampullen des COVID-19-Impfstoffs von Johnson & Johnson

Ampullen des COVID-19-Impfstoffs von Johnson & Johnson

Das betrifft insbesondere 1,5 Millionen Dosen von AstraZeneca und Jonsohn&Johnson. Aber auch bei 1,7 Millionen Dosen BioNTech, die momentan in den Praxen lagern, ist nicht sicher, ob sie noch verimpft werden. Denn Arztpraxen können im Gegensatz zu Impfzentren keine unverbrauchten, noch haltbaren Impfdosen direkt an den Bund zurückgeben.

Bislang wurden die unverbrauchten Dosen bei Ärzten nicht zentral erfasst. 

"Unfassbar und unverantwortlich", empört sich Hausarzt Dr. Björn Parey im Interview mit dem ARD-Politikmagazin. Vor allem vor dem Hintergrund, dass in anderen Ländern der Welt händeringend Impfstoff gesucht werde, sei das eine Katastrophe, so das Vorstandsmitglied des Hausärzteverbandes Hamburg. Nicht nur aus solidarischer Sicht sei die Vernichtung von bis zu 3,2 Millionen Impfdosen unvorstellbar. "Auch für uns in Deutschland ist es wichtig, die Pandemie weltweit zu bekämpfen, weil das Virus sonst immer wieder ins Land getragen wird." Allein in seiner Praxis bleiben mehr als 50 Impfdosen AstraZeneca, die Ende Oktober ablaufen, liegen. Dabei hat er versucht, die Dosen zur weiteren Verwendung abzugeben. Aber das Hamburger Impfzentrum lehnte ab. Nach den bestehenden Vorschriften muss das Impfzentrum die Dosen auch nicht annehmen. "Dieser Impfstoff kommt dann in den Müll", kritisiert Dr. Björn Parey.  

Auch das Gesundheitsministerium NRW bestätigt gegenüber REPORT MAINZ: "Keine Annahme kann in den Impfzentren für den Impfstoff AstraZeneca erfolgen, da dieser momentan hier kaum zur Anwendung kommt."

Bürokratische Hürden verhindern Rückführung

Selbst Dosen, die noch über Monate haltbar sind, bleiben aufgrund bürokratischer Hürden ungenutzt. Und das, obwohl sie händeringend in Entwicklungsländern gebraucht würden und es dafür auch Abnehmer geben würde. Bereits nach der Änderung der Impfempfehlungen durch die STIKO am 1. Juli hatten sich die Hausärzte in Hamburg laut Aussage von Dr. Björn Parey mehrfach ans Land gewandt und auf den drohenden Verfall des AstraZeneca-Impfstoffs hingewiesen. Er kritisiert im REPORT MAINZ-Interview: "Hier hätte früher gehandelt werden müssen."

Eine Reaktion des Hamburger Gesundheitsministeriums steht dazu noch aus.

Impfstoff aus Impfzentren können über die Länder zurück an den Bund gegeben werden, aber für Arztpraxen gibt es so eine Regelung bisher nicht. Das Bundesgesundheitsministerium schreibt REPORT MAINZ dazu: "Es ist derzeit nicht geplant, überschüssige COVID-19-Impfstoffe aus Arztpraxen in das zentrale Lager des Bundes zurückzuführen." Auf die konkreten Umfrageergebnisse gibt es bislang noch keine Reaktion aus dem Bundesgesundheitsministerium.

Die Ergebnisse basieren auf den von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung erhobenen bundesweiten Lieferzahlen für alle Arztpraxen vom 10. August 2021 und den bundesweiten Impfzahlen aus den Arztpraxen vom 15. August 2021, sowie auf den Antworten der Zi-Befragung bei Arztpraxen.