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SENDETERMIN Di, 13.7.2021 | 21:42 Uhr | Das Erste

Unbezahlbare Eigenheime Viele Familien können sich Häuser nicht mehr leisten

Immer weniger Menschen und insbesondere junge Familien finden noch ein bezahlbares Eigenheim. Nicht nur in den Metropolen, sondern auch in vielen kleineren Städten steigen die Preise rasant. Die Politik hatte Unterstützung insbesondere für Familien versprochen, doch passiert ist wenig.

Familie Marquardt

Familie Marquardt auf dem Weg zu einer Hausbesichtigung

Familie Marquardt ist unterwegs zur Besichtigung eines Einfamilienhauses: Wieder einmal. Seit einem Dreivierteljahr sucht die Familie intensiv nach einem Haus im Umkreis von Heilbronn, hat im Schnitt zwei Besichtigungen jede Woche. Bisher ohne Erfolg.

Jasmin Marquardt: "Momentan sind meine beiden Töchter, die sind 3 und 5, teilen sie sich ein Zimmer. Aber wenn die größere Tochter in die Schule kommt, dann ist natürlich auch ein zweites Zimmer sinnvoll. Aber natürlich wäre natürlich auch ein Garten schön. Gerade in der Corona-Zeit haben wir es gemerkt, dass man doch sehr eingesperrt ist in der Stadtwohnung."

Die Marquardts sind eine typische Mittelstandsfamilie. Beide Eltern arbeiten, sie ist Lehrerin, er ist Lackierer-Meister. 470.000 Euro darf ihr Haus maximal kosten. Doch geklappt hat es bisher nicht.

Jasmin Marquardt

Jasmin Marquardt sucht seit einem Dreivierteljahr intensiv nach einer bezahlbaren Immobilie

Jasmin Marquardt: "Die Haussuche ist absolut ein emotionales Thema, ja. Sind auch schon Tränen geflossen, als es mal nicht geklappt hat, ja, auf jeden Fall.

Reporter: "Aus Enttäuschung?"

Jasmin Marquardt: "Ja, ja - oder auch Wut. Weil eigentlich… uns wurden auch schon Häuser zugesagt und dann im Nachhinein wurden einfach, wurde das Haus einfach anderweitig verkauft an Leute, die mehr geboten haben."

Der Traum vom Eigenheim ist in Gefahr


Wie kann das sein? Wegen der dauerhaften Niedrigzinsen drängen viele zahlungskräftige Kapitalanleger auf den Markt, treiben mit hohen Geboten die Preise in die Höhe.Damit gerät ein jahrzehntealtes Versprechen in Gefahr: Wer fleißig ist, soll sich den Traum vom Eigenheim erfüllen können, auch als Baustein für die Altersvorsorge. Doch heute sind die hohen Preise in manchen Regionen für viele unbezahlbar - nicht nur in den Metropolen, sondern auch in mittelgroßen Städten und deren Umland.
Laut statistischem Bundesamt sind die Preise in den letzten zehn Jahren im Durchschnitt sogar um 64% gestiegen.

Ein Beispiel: Ein Haus, das vor zehn Jahren noch 300.000 Euro gekostet hat, liegt nun bei fast einer halben Million. Wirtschaftswissenschaftler und Immobilienexperte Reiner Braun berechnet uns an diesem Beispiel die Problematik für junge Familien.

Reiner Braun

Reiner Braun, Immobilienexperte vom Empirica Institut

Reiner Braun, Empirica Institut: "Wir waren mal vor zehn, fünfzehn Jahren in einer Situation, da hat man 40, 50.000 Eigenkapital gebraucht. Heutzutage braucht man 150.000 Eigenkapital. Das sind vielleicht zwei oder drei Prozent der jungen Mieterhaushalte, die überhaupt so viel Vermögen angespart haben. Der typische Mieterhaushalt unter 40 Jahren - womöglich ein, zwei Kinder - der hat vielleicht 20 oder 30.000 Euro angespart."

Marquardts haben rund 10.000 Euro Eigenkapital – einen Kredit müssten sie 37 Jahre lang abbezahlen. Für das besichtigte Haus könnte es reichen – wenn sie nicht wieder überboten werden.

Jasmin Marquardt: "Es gibt schon wieder einige Interessenten. Wir sollen uns melden, und dann erfahren wir weiteres."

800.000 Euro für ein Haus mit Garten sind vielerorts Standard


Und die nächste Besichtigung steht schon an. Ein Makler will den beiden ein Haus zeigen, rund 10 Kilometer vom Stadtkern entfernt. Ruhig gelegen und - für die Kinder besonders schön - mit Garten.

Jasmin Marquardt: "Ich bin gerade so geflashed, das ist schon cool."

Christian Wohlfeil

Christian Wohlfeil, Makler

Allerdings müsste noch einiges renoviert werden, zum Beispiel das Dach.

Makler Christian Wohlfeil: "Je nachdem, wie viel Sie am Ende auch in das Gebäude mit rein investieren, müssen Sie da schon im Bereich von 800.000 rechnen."

800.000 Euro - kein ungewöhnlicher Preis für die Region – aber deutlich über dem Limit der Marquardts. Die finanzielle Belastung wäre für die Familie enorm.

Hat die Bundesregierung umgesetzt, was sie versprochen hat?


Dabei hatte die Bundesregierung angekündigt, gerade Familien beim Immobilienkauf zu unterstützen. Im Koalitionsvertrag stehen hierzu drei konkrete Maßnahmen. Das Baukindergeld - eine Förderung für Familien mit Kindern – lief Ende März aus und wurde nicht erneuert. Ein Bürgschaftsprogramm - um günstigere Kreditkonditionen zu ermöglichen - wurde gar nicht erst umgesetzt. Ebenso wenig der Freibetrag bei der Grunderwerbsteuer – dadurch würden die Kaufnebenkosten deutlich gesenkt. Eine zentrale Forderung sowohl von Grünen als auch der FDP.

Daniel Föst

Daniel Föst, FDP

Daniel Föst, FDP: "Man hat es nicht mal geprüft, man hat sich nicht mal damit beschäftigt. A Was würde es kosten? B Wie ist juristische Lage? C Wie können wir das möglichst schnell umsetzen? Die Große Koalition hat jetzt wieder die ganze Legislaturperiode einfach verschlafen."

Chris Kühn

Chris Kühn, Bündnis 90/Die Grünen

Chris Kühn, Bündnis 90/Die Grünen: "Wenn natürlich jemand 30 bis 40 Prozent seines Einkommens schon für die Miete ausgeben muss, dann kann er auch nichts mehr ansparen. Und da hat eigentlich die große Koalition, allen voran die Union, die Wohnungsmärkte und die Menschen darauf zu lange im Stich gelassen."

Auf Nachfrage von REPORT MAINZ schreibt uns das zuständige Innenministerium, für das Baukindergeld seien keine weiteren Mittel verfügbar. Das Bürgschaftsmodell umzusetzen sei in der laufenden Legislaturperiode nicht mehr möglich. Und für die Einführung von Freibeträgen bei der Grunderwerbsteuer sei die Zustimmung der Länder notwendig, “die bislang nicht absehbar ist."

Manche Kommunen sind mit Lösungen schon weiter


Dabei gibt es Lösungen für junge Familien – zumindest auf kommunaler Ebene. Zum Beispiel in Münster. Hier kauft die Stadt seit einigen Jahren gezielt Bauland, um es dann nach einem Punktesystem zu niedrigen Preisen an Familien weiterzuverkaufen.

Matthias Peck, Baudezernent, Stadt Münster:
"Ein ganz wichtiges Kriterium ist das Einkommen. Familien mit geringerem Einkommen werden bevorzugt. Familien mit vielen Kindern werden bevorzugt. Familien, die betreuungsbedürftige Angehörige in ihrem Haushalt haben, kommen auch auf die Liste nach oben. Bis hin zur Frage des freiwilligen Engagements bei der Feuerwehr oder im Sportverein."

Adnan u Tanja Carkadzic

Adnan und Tanja Carkadzic vor ihrem erworbenen Grundstück

Adnan und Tanja Carkadzic hatten großes Glück - der KFZ-Meister und die Rechtsanwaltsfachangestellte haben vor kurzem einen der begehrten Bauplätze von der Stadt Münster bekommen und können endlich bauen.

Tanja Carkadzic: "Ganz ehrlich, also das ist wirklich unbezahlbar teilweise. Für sag ich mal Normalverdiener ist es echt nicht zu schaffen. Also deswegen sind wir ja froh. Also das ist wirklich wie ein Sechser im Lotto.

Eine Riesenerleichterung. Ganze zehn Jahre hatte das Paar nach einem Haus für sich und seine beiden Töchter gesucht. Der Wirtschaftsforscher Reiner Braun sieht im zunehmenden Frust junger Familien sogar einen möglichen Generationenkonflikt.

Reiner Braun, Wirtschaftsforscher Empirica Institut: "Der Traum, den vielleicht unsere Eltern und Großeltern hatten und verwirklichen konnten, der wird diesen jungen Menschen genommen. Insofern darf man sich eben halt auch nicht wundern, wenn diese jungen Haushalte früher oder später die Systemfrage stellen und unser Wirtschaftssystem eben dafür verantwortlich machen, dass es nicht funktioniert."

Zurück nach Heilbronn. Nach zwei Hausbesichtigungen heute hoffen die Marquardts nun, dass es endlich klappt. Von der Politik fühlen sie sich vergessen – wie eine ganze Generation junger Familien.

Jasmin Marquardt: "Eigentlich habe ich eher das Gefühl, dass wir da unter den Tisch fallen, dass wir suchen und suchen und die Preise explodieren."


aus der Sendung vom

Di, 13.7.2021 | 21:42 Uhr

Das Erste

Autor*innen:
Mona Botros, Christian Saathof

Kamera:
Ralf Huppke, Florian Kössl, Rüdiger Kortz, André Schmidtke

Schnitt:
Michael Schwarz