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Text des Beitrags Unabhängige Dieselforschung?

Wie die Automobilindustrie die Wissenschaft steuert


Moderation Fritz Frey:

Es klingt vielleicht ein bisschen pathetisch, wenn man sagt, es muss, damit unsere Demokratie funktionieren kann, Bereiche geben, die unabhängig und frei arbeiten können. Die Justiz, die Presse, die Universitäten und Hochschulen und andere mehr. Aber wie steht es zum Beispiel um die Unabhängigkeit unserer Hochschulen, wenn aufwändige Forschung nur noch dann möglich ist, wenn potente Geldgeber diese ermöglichen?

Nehmen wir mal, gerade vor dem Hintergrund des heutigen Urteils zu Dieselfahrverboten, die Frage: Wie gefährlich sind Stickoxid-Emissionen für unsere Gesundheit wirklich? Claudia Kaffanke und Nick Schader mit Recherchen, die zweifeln lassen, ob universitäre Forschung noch unabhängig ist. Aber der Reihe nach.


Bericht:

Saskia Thun und ihre Großmutter bei einem Spaziergang in ihrer Siedlung. Nur 150 Meter liegen zwischen ihrem Haus und einem der vielbefahrensten Punkte in Deutschland: dem Autobahnkreuz Leverkusen.


Saskia Thun

Saskia Thun

O-Ton, Saskia Thun:

"Und dann sind so vor drei, vier Jahren diese Symptome aufgetreten. Es ist Belastungsasthma, es ist nicht durch irgendwelche Allergien ausgelöst, also wir vermuten, dass es durch die Autobahn beziehungsweise durch die Autoabgase ist, weil ich bin Nichtraucher, ich habe noch nie in meinem Leben geraucht, und sonst gibt es auch keinen anderen Grund, warum ich Asthma haben sollte."


16 Jahre ist Saskia alt und praktisch neben der Autobahn aufgewachsen. Einen Zusammenhang zwischen ihrer Erkrankung und den Stickoxid-Abgasen zu beweisen, ist aber schwierig.

Für den Umweltmediziner Prof. David Groneberg, der sich lange mit Diesel-Forschung beschäftigt hat, ist eine Verbindung dennoch unumstritten.


Prof. David A. Groneberg

Prof. David A. Groneberg, Umweltmediziner

O-Ton, Prof. David A. Groneberg, Umweltmediziner:

"Stickoxide sind grundsätzlich ein Giftgas. Wenn Sie eine sehr hohe Konzentration davon haben, können sie Lungenschädigungen bewirken, die so ähnlich sind, wie jahrelanges Tabakrauchen. Schwere Lungenschäden."


Dieses Problem war auch Thema im Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Diesel-Skandal. Die Autoindustrie habe das bereits im Griff, suggerieren hier manche Wissenschaftler. Zum Beispiel der Institutsleiter der Universität Karlsruhe, Thomas Koch:


Prof. Dr. Koch

Prof. Thomas Koch, Institutsleiter der Universität Karlsruhe

O-Ton, Prof. Thomas Koch, Institutsleiter der Universität Karlsruhe:

"Ich denke, ich habe vorhin ausgeführt, dass sowohl das Partikelthema als auch das Stickoxidthema wirklich als gelöst betrachtet werden kann."




Wer ist der Mann, der den Bundestag hier berät? Thomas Koch war zehn Jahre lang Motorenentwickler bei der Daimler AG. Jetzt ist er Institutsleiter an einer Universität, der Uni Karlsruhe, kurz KIT. Knapp vier Millionen Euro Drittmittel, also Forschungsgelder, hat das KIT 2016 allein von der Autoindustrie eingestrichen. Trotz seiner langjährigen Verbindung zur Industrie sieht er selbst keinen Interessenkonflikt:


Zitat, Quelle: Prof. Thomas Koch, Institutsleiter der Universität Karlsruhe:

"Unsere Forschungsschlussfolgerungen sind unabhängig. (…) Beispielsweise nimmt Daimler auch keinen Einfluss auf meine finalen Schlussfolgerungen und Analysen als Sachverständiger. Ich würde mir dies auch verbitten."


Auch der grüne Verkehrsexperte Oliver Krischer saß im Diesel-Untersuchungsausschuss. Seine Meinung zu Gutachter Thomas Koch ist eindeutig:


Oliver Krischer

Oliver Krischer, B’90/Grüne, Verkehrspolitiker

O-Ton, Oliver Krischer, B’90/Grüne, Verkehrspolitiker:

"Herr Koch ist von der Großen Koalition als Sachverständiger eingeladen worden. Und alles, was wir über ihn wussten, ist, dass es jemand ist, der immer in Diensten der Industrie gestanden hat. Wenn ich hier entsprechende Forschung für Automobilkonzerne betreibe, mich von denen bezahlen lasse, dann darf ich an dem objektiven Urteil eines solchen Menschen zweifeln."


Diese ganz offene Verbindung von universitärer Forschung und Automobilindustrie ist kein Einzelfall. Es ist ein dichtes Netzwerk von Industrie-Freunden an zahlreiche Universitäten und Hochschulen in ganz Deutschland.

Zum Beispiel Anke Kleinschmit, hochrangige Daimler-Managerin. Aber auch im Senat der Uni Stuttgart.

Prof. Christine Ahrend, Ex-VW-Managerin und Daimler-Mitarbeiterin. Heute im Hochschulrat der TU Braunschweig und der TU Berlin.

Oder Prof. Lutz Eckstein. Arbeitete erst bei Daimler, dann bei BMW. Jetzt Institutsleiter an der Hochschule Aachen.


O-Ton, Oliver Krischer, B’90/Grüne, Verkehrspolitiker:

"Wir müssen feststellen, dass es in Deutschland offensichtlich eine ganze Reihe von Forschungseinrichtungen gibt, die sich von der Automobilindustrie bezahlen lassen, die ihre Forschung von der Automobilindustrie finanziert bekommen. Und dann kann man natürlich ganz eindeutig fragen: Wie unabhängig ist diese Forschung? Das ist mehr politisches Lobbying mit wissenschaftlichem Anstrich."


Schwere Vorwürfe.

Mehr als 25 Millionen Euro haben allein neun große ingenieurwissenschaftliche Unis und Hochschulen 2016 an Drittmitteln erhalten, direkt von der Automobilindustrie. Was machen die Unis mit dem vielen Geld? Untersuchen sie auch die für die Bevölkerung wichtige Fragen wie die gesundheitlichen Auswirkungen der Diesel-Abgase?

Wir haben nachgefragt. Die Antwort: keine einzige wissenschaftliche Untersuchung dazu in den vergangenen fünf Jahren.


Axel Friedrich

Axel Friedrich, Chemiker und Verkehrsberater

O-Ton, Axel Friedrich, Chemiker und Verkehrsberater:

"Die Unis werden fremdbestimmt. Durch die Gelder wird bestimmt, was die Unis forschen sollen. Und die Ergebnisse werden nicht veröffentlicht, weil die gehören ja der Autoindustrie, die hat es finanziert. Und das ist der Skandal."


Das kritisiert Axel Friedrich, denn er war früher Abteilungsleiter beim Umweltbundesamt und hat den Diesel-Skandal mit aufgedeckt. Seit vielen Jahren misst er den Schadstoffausstoß von Autos – unter realen Bedingungen, im Straßenverkehr. Er stellt immer wieder Grenzwert-Überschreitungen fest, auch bei aktuellen Fahrzeugen verschiedener Hersteller:


O-Ton, Axel Friedrich, Chemiker und Verkehrsberater:

"Das ist ein Euro-6-Fahrzeug, ein neues Fahrzeug. Und der Grenzwert ist 80 Milligramm. Und das Fahrzeug hat 470 Milligramm. Also deutlich über dem Grenzwert."


Axel Friedrich macht Messungen für Gerichte und die Deutsche Umwelthilfe. Dass Universitäten vom Geld der Autoindustrie abhängig sind, ist nicht nur deren Schuld, findet er.


O-Ton, Axel Friedrich, Chemiker und Verkehrsberater:

"Der Staat hat sich immer mehr zurückgezogen aus der Finanzierung der Forschungseinrichtungen und Hochschulen. Das heißt, wenn die ihre Studenten ausbilden wollen, brauchen sie Geld und das kriegen sie nur von der Autoindustrie."


Was sagt das Bildungs- und Forschungsministerium zu diesem Vorwurf? Ein Interview lehnt das Ministerium ab, schriftlich teilt man uns mit:


Zitat:

"Grundsätzlich weise ich auf die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre hin. (…) Hochschulen und Wissenschaftler sind daher grundsätzlich auch frei, Kooperationen einzugehen."


Umweltmediziner David Groneberg sieht das kritischer. Er selbst fühlte sich nach dem Diesel-Skandal betrogen und hat seine Kooperationen mit der Autoindustrie beendet. Jetzt fordert er ein Ende der autofinanzierten Forschung.


O-Ton, Prof. David A. Groneberg, Umweltmediziner:

"Ich erhoffe mir, dass der Staat der Automobilindustrie, den Zulieferern, zum Beispiel für jedes neue Auto 100 Euro nimmt, in einen Umweltfonds hineinbringt, aus dem dann ganz gezielt Forschung gefördert wird."


Eine unabhängige Diesel-Forschung – das wollen im Diesel-Land Deutschland offenbar aber nur die wenigsten.