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SENDETERMIN Di, 26.4.2022 | 21:58 Uhr | Das Erste

Überforderte Kommunen Probleme bei der Unterbringung von Ukraine-Flüchtlingen

Verdreckte Küchenschränke, tote Insekten, und Badezimmer voll mit Müll. In vielen Flüchtlingsunterkünften bundesweit sind die hygienischen Zustände bedrückend. Eine Umfrage von REPORT MAINZ ergibt, dass die Unterbringung für viele Kommunen als große Herausforderung betrachtet wird, auch weil die Wohnungsnot gerade in Großstädten enorm ist. Private Helfer organisieren bundesweit Wohnraum in Hotels oder Privatunterkünften. Doch damit kann nicht allen Flüchtlingen geholfen werden.

Alena Yevdokova, Geflüchtete:
"Um 3 Uhr mitten in der Nacht kamen sie, boom, boom, boom. Wir haben nicht verstanden, was ist los? Geht der Krieg weiter? Mein Sohn hatte solche Angst, wir hatten schon geschlafen. Fast jede Nacht: 'Wer seid ihr? Wie viele? Aus welchem Land?'"


Was Alena Yevdokova hier meint, ist kein Erlebnis aus dem Ukraine-Krieg. Es seien Erfahrungen, die sie in einer deutschen Flüchtlingsunterkunft gemacht habe, erzählt sie uns. Und auch von überraschenden Zimmerkontrollen, um weitere Flüchtlinge unterzubringen - mitten in der Nacht.
   
Die Witwe ist seit Anfang März in Nordrhein-Westfalen. Ihre Unterkunft, abgelegen in einem Wald. Eine ehemalige britische Kaserne. Zäune, ein Schlagbaum. Deutschland hat sich Alena anders vorgestellt.


Zustände teilweise bedrückend


Alena Yevdokova

Alena Yevdokova

Alena Yevdokova, Geflüchtete:
"Wir haben alles geputzt, fast eine Woche lang. Die Türen, die Toiletten, alles. Es war sehr, sehr, sehr schmutzig.  Und wir konnten unsere Zimmer-Tür nicht abschließen, es gab kein Schloss."


Die Bezirksregierung Köln sagt dazu:


"Es ist zutreffend, dass [...] wenige Türen bislang nicht verschließbar sind. Hintergrund sind Brandschutzaspekte." Man arbeite an "einer schnellen Lösung." "Die Räumlichkeiten" seien von einem "beauftragten Reinigungsdienst gereinigt" worden. Dass Bewohner nachts durch das Personal geweckt worden seien, sei "nicht korrekt".


Wir recherchieren über mehrere Wochen in sozialen Netzwerken, finden diese Bilder aus Flüchtlingsheimen bundesweit: verdreckte Schränke, verendete Insekten, Schimmel, und Schmutz. Diese Bilder stammen aus der Flüchtlingsunterkunft in Gießen.


Fall von Rotavirus in Massenunterkunft in Hessen


Wir kommen in Kontakt mit Jana, sie war mit ihren drei Kindern hier untergebracht. Vor die Kamera traut sie sich nicht. Wir kommunizieren über Textnachrichten. Sie berichtet von inakzeptablen Zuständen und meint, dass sich ihr eineinhalbjähriger Sohn hier sogar mit dem Rotavirus infiziert haben soll.


Jana, Geflüchtete:
"Er hat sich zwei Tage lang übergeben, hatte Durchfall, hohes Fieber. Am nächsten Tag wurden auch die anderen krank."


  
Stimmt das? Das Rotavirus ist ein hochansteckender Brechdurchfall, der besonders für Kleinkinder gefährlich werden kann. Auch andere berichten uns davon, schicken diese Bilder.

Wir wollen uns selbst einen Eindruck verschaffen, fahren in die Erstaufnahme-Einrichtung, die schon vor Kriegsbeginn stark ausgelastet gewesen sein soll. Jetzt kommen binnen weniger Wochen Tausende Ukrainer in kurzer Zeit hinzu. Sie werden hier registriert und zum Teil für ein paar Tage aufgenommen, bevor sie an die Kommunen weiterverteilt werden. Wir konfrontieren Einrichtungsleiter Manfred Becker mit unseren Recherchen.


Manfred Becker, Leiter Erstaufnahmeeinrichtung Gießen:
"Da kann ich also bestätigen, dass die Ukrainer dieses Virus schon mitgebracht haben und unsere Ärzte dann die Diagnose gestellt haben."


Manfred Becker weiß also vom hier grassierenden Virus. Jana berichtet uns, dass ihre Familie trotz der Erkrankung ihres Sohnes verlegt wurde - mit einem Sammelbus in diese Massenunterkunft nach Marburg.


Reporterin:
"Und trotzdem wird eine Person mit Rotavirus weitergeschickt?"


Manfred Becker

Manfred Becker

Manfred Becker, Leiter Erstaufnahmeeinrichtung Gießen:
"Wir können sie ja nicht auf der Straße stehen lassen. Sie muss natürlich untergebracht werden, auch mit Virus. Aber da wird drauf hingewiesen und normal ist der Transport dann auch so, dass sie entsprechend von anderen getrennt transportiert wird."


Reporterin:
"Und das kann ich bestätigen, das war nicht der Fall."


Manfred Becker, Leiter Erstaufnahmeeinrichtung Gießen:
"Okay. Okay. Ja."


Kann hier etwa auf das Schicksal der Bewohner und deren Gesundheit nicht ausreichend Rücksicht genommen werden? Und was ist mit dem Schmutz und dem Schimmel in den Zimmern?

Das Sozialministerium Hessen begründet die Zustände mit dem hohen Flüchtlingsaufkommen in kurzer Zeit. Sind Bundesländer und Kommunen mit der Unterbringung überfordert?

Eine REPORT MAINZ-Anfrage bei allen Bundesländern ergab: Mindestens 55.000 Ukrainerinnen und Ukrainer leben derzeit in Massenunterkünften für Flüchtlinge. Von hier aus sollen sie gerecht auf die Kommunen verteilt werden.  

Eine weitere Umfrage bei den 100 größten deutschen Städten ergab: 41 Prozent der antwortenden Kommunen seien jetzt schon belastet oder überlastet. Die Stadt Stuttgart schreibt, sie hätte "[…] keine ausreichenden Platzkapazitäten z.B. in den regulären Flüchtlingsunterkünften." Es müsse "auf Notunterkünfte ausgewichen werden."

Trier leide unter einem "ohnehin sehr angespannten Wohnungsmarkt" und sei  "personell nicht entsprechend aufgestellt." Wiesbaden sei "[…] am Limit. Ohne die vielen privaten Unterbringungen" wäre die Stadt "schon längst über [der] Kapazitätsgrenze."


Private Initiativen helfen gegen Überlastung


Ohne private Hilfe wäre alles noch viel schlimmer. Jens Ponke und sein Team haben Spenden gesammelt, um hier in der Kölner "Wohngemeinschaft" ukrainischen Familien ein Zuhause geben zu können - bislang alles in Eigenregie und mit viel persönlichem Engagement.

Jens Ponke

Jens Ponke

Jens Ponke, Leiter Hostel:
"Tatsächlich war uns das schon von Anfang an klar, dass es mit einem Bett nicht getan ist. Die Leute kommen hier hin und kommen aus einer sehr schwierigen Situation und haben auch einen hohen Bedarf, sich schnell hier ein neues Leben oder sich auf jeden Fall sich wieder zu verselbständigen. Und dafür braucht es dann eben auch Hilfe bei Behördengängen, Sachen, die wir übersetzen."


Dass die Stadt Köln ganz aktuell die Kostenübernahme der Unterbringung zugesagt hat, ist ein Lichtblick für die privaten Helfer. Mit den Spendengeldern kann die Initiative jetzt die Geflüchteten direkt unterstützen.

Jana und ihre drei Kinder hingegen sind in einer Notunterkunft gelandet - einer Sporthalle in Marburg. Das Rotavirus habe sich auch hier ausgebreitet, schreibt sie, nachdem die Familie aus Gießen hierher verlegt wurde.


Jana, Geflüchtete:
"Nachts haben mein zweiter Sohn und ich uns übergeben. Ich habe gehört, wie sich ein Junge nebenan auf der Toilette übergeben hat, und jetzt ein Mann. Hier sind viele krank. Genau das ist das Rotavirus aus Gießen."


Das Gesundheitsamt Marburg schreibt uns, dass zwei Kleinkinder aus Marburger Notunterkünften "stationär behandelt wurden". Dem Gesundheitsamt Gießen wurde "eine Person mit einer Rotavirusinfektion in der Erstaufnahmeeinrichtung" gemeldet. Das Land Hessen äußert sich dazu nicht.
  
Die Lage für Flüchtlinge in Deutschland ist bedrückend. Jetzt will der Bund mehr Geld für die Unterbringung der ukrainischen Flüchtlinge bereitstellen. Das ist auch dringend nötig angesichts der Zustände in vielen Flüchtlingseinrichtungen.