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Text des Beitrags Die neuen Tricks der Fleischmafia

Trotz Selbstverpflichtung geht die Ausbeutung weiter

Na, das ist auch selten. Da präsentieren wir einem Minister, in diesem Fall dem niedersächsischen Wirtschaftsminister, unsere Recherchen und der reagiert so:

Olaf Lies, SPD, Wirtschaftsminister Niedersachsen

Olaf Lies, SPD, Wirtschaftsminister Niedersachsen

O-Ton, Olaf Lies, SPD, Wirtschaftsminister Niedersachsen:

»Es ist grauenvoll und widerlich. Und ich finde, das ist eine Schande für unser Land, dass wir Menschen hierherholen, die hier arbeiten, schon kaum ihr Geld bekommen und dann unter solchen Bedingungen hier leben und wohnen müssen.«

Was den Mann völlig zu Recht so auf die Palme treibt ist folgendes: Trotz großer Anstrengungen ist es noch immer nicht gelungen, die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie halbwegs erträglich zu gestalten.
Swantje Hirsch und Adrian Peter haben für ihre Recherchen eine Frau begleitet, die tapfer versucht, Arbeitern in der Fleischindustrie zu ihrem Recht zu verhelfen.

Bericht

Oldenburg in Niedersachsen. Daniela Reim ist mit ihrem Beratungs-Bus unterwegs. Die gebürtige Rumänin versucht Arbeitern in der Fleischindustrie zu helfen. Finanziert wird ihre Arbeit von der Landesregierung. Trotz der Selbstverpflichtungen der Branche geht die Ausbeutung weiter, sagt sie. Bis zu 30 Hilferufe erhält sie pro Tag.

Daniela Reim, Beratungsstelle für mobile Beschäftigte

Daniela Reim, Beratungsstelle für mobile Beschäftigte

O-Ton, Daniela Reim, Beratungsstelle für mobile Beschäftigte:

»Ich schaffe fast gar nicht mehr mit den ganzen Fällen, die ich habe. Ich muss schon gucken, welcher Fall Priorität hat.«

Erste Station Ahlhorn. Hier warten gleich fünf Arbeiter auf sie. Vergangene Nacht sind sie aus Rumänien gekommen, 2.200 Kilometer gefahren und haben dann im Auto übernachtet. Sie sind verzweifelt, weil ihnen der letzte Lohn nicht überwiesen wurde.

O-Ton, Marian Bornea, Arbeiter:

»Uns wurde gesagt, das Geld wird überwiesen. Aber als wir dann in Rumänien waren, hieß es plötzlich, wir müssten persönlich nach Deutschland kommen und einen Scheck abholen.«

Die Beraterin hat einen Verdacht.

O-Ton, Daniela Reim, Beratungsstelle für mobile Beschäftigte:

»Der Subunternehmer spekuliert, dass sie nicht extra nach Deutschland kommen, weil man braucht auch Geld dafür. Viele haben Geld ausgeliehen, um nach Deutschland zu kommen. Und er denkt, wenn die Fristen ablaufen, dann haben sie keinen Anspruch mehr.«

Marian Bornea, Arbeiter

Marian Bornea, Arbeiter

Und nicht nur der letzte Lohn fehlt. Sie zeigen uns ihre Abrechnungen. Bei manchen wurde Geld für Arbeitskleidung abgezogen.

Außerdem, sagen sie, mussten sie im August den Transport zur Arbeit bar bezahlen und dann wurde er noch einmal vom Lohn abgezogen. Urlaubstage und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall seien nicht korrekt berechnet worden.

O-Ton, Marian Bornea, Arbeiter:

»Ich habe zwei Kinder in Rumänien, dort hat die Schule angefangen, ich brauche das Geld.«

Ingolf Röschmann

Ingolf Röschmann (Archiv 2005)

Für seine Firma haben sie gearbeitet. Ingolf Röschmann ist einer der größten Subunternehmer in der Region. Mehrere Hundert Arbeiter beschäftigt er über diverse Firmen. Er wurde bestraft wegen illegaler Beschäftigung von Rumänen.

Und: 2005 deckte REPORT MAINZ auf: Polen arbeiteten bei ihm mit gefälschten deutschen Staatsbürgerschaftsurkunden.

Die Beraterin und die Arbeiter machen sich auf den Weg zu Röschmann, stellen ihn zur Rede. Nach einer halben Stunde ist das Gespräch beendet.

O-Ton, Daniela Reim, Beratungsstelle für mobile Beschäftigte:

»Ja, ich wurde rausgeschmissen sozusagen und ich habe Hausverbot jetzt.«

Immerhin haben sie erreicht: Der letzte Lohn ist mittlerweile überwiesen worden. Das doppelt abgezogene Transportgeld, Urlaubs- und Krankheitstage werden jetzt korrekt bezahlt. Die korrigierten Abrechnungen beweisen: Es geht jeweils um mehrere Hundert Euro.

Unterwegs mit der Beraterin nach Quakenbrück. In diesen Häusern sind auch Arbeiter untergebracht. Die Briefkästen zeigen, wie viele Menschen hier leben. Der Keller steht unter Wasser und auch in den Wohnungen gibt es offensichtlich Probleme.

O-Ton, Daniela Reim, Beratungsstelle für mobile Beschäftigte:

»Hier wohnen tatsächlich Werkvertragsarbeiter unter diesen Bedingungen. Hier ist die Küche. Ja, was ist das denn hier?«

Ein paar Wohnungen weiter zeigen uns Arbeiter ihren Schlafraum.
Die Lohnabrechnung beweist: Sie arbeiten für eine Firma, die Röschmanns Frau gehört. Sie zieht 220 Euro im Monat vom Lohn ab. Pro Person.

Hier leben vier Personen, 880 Euro also nur für diese Wohnung.

Wir versuchen vor Ort mit den Röschmanns zu sprechen. Aber vergeblich. Sie machen nicht auf. Und auch schriftliche Fragen beantworten sie nicht.

Und hier arbeiten Röschmanns Leute. Bei Danish Crown, einem der größten Fleischfabrikanten in Deutschland.

Wir zeigen dem Pressesprecher die Bilder aus den Unterkünften und die Lohnabrechnungen.

Frage: Röschmann macht falsche Abrechnungen und vermietet verschimmelte Wohnungen. Wieso arbeiten Sie mit einem solchen Subunternehmer zusammen?

Jens Hansen, Pressesprecher Danish Crown

Jens Hansen, Pressesprecher Danish Crown

O-Ton, Jens Hansen, Pressesprecher Danish Crown:

»Die Bilder, die ich gesehen habe, das ist nicht OK, das geht nicht. Es ist das erste Mal, das wir klare Fakten gesehen haben oder ich klare Fakten gesehen habe. Und ich will mit Herrn Röschmann darüber sprechen, das ist ganz klar. Nun müssen wir das alles überprüfen und dann sehen wir.«

Vor wenigen Wochen: Der Bundeswirtschaftsminister lädt zum Fleischgipfel und die Branche verspricht wieder einmal die Arbeitsbedingungen zu verbessern – per Selbstverpflichtung.

Bis 2016 sollen alle Arbeiter in Deutschland sozialversichert, also direkt bei deutschen Subunternehmern angestellt werden. Und nicht wie bisher bei osteuropäischen Dienstleistern.

Doch löst das das Problem wirklich? Deutsche Subunternehmer wie Röschmann haben sich längst auf die neue Regelung eingestellt und ihre Arbeiter bereits heute angestellt.

Doch wie das Beispiel der Rumänen zeigt, gehen dubiose Machenschaften trotzdem weiter.

Wir treffen Detlef Kolde. Der Polizist und SPD-Kreistagsabgeordnete beobachtet seit Jahren die Missstände. In diesem Haus leben Arbeiter eines anderen Subunternehmers von Danish Crown. Ein polnischer Arbeiter will uns seine Wohnung zeigen.

Frage: Hier schlafen zwei Menschen?

O-Ton, polnischer Arbeiter:

»Zwei.«

Eng, klein, 150 Euro haben Sie gesagt?

O-Ton, polnischer Arbeiter:

»150 eine Leute. Zwei Leute 300 Euro dieses hier.«

Auch der Rest der Wohnung ist nicht gerade einladend.

Detlef Kolde

Detlef Kolde

O-Ton, Detlef Kolde:

»Hier haben wir deutlich Schimmel am Fensterrahmen. Fenster ist undicht. Deswegen sind diese Klebestreifen drauf gemacht worden.«

Was sagt der Subunternehmer selbst zu den Zuständen? Er schreibt, es wäre renoviert worden. Zu den 150 Euro pro Person komme es, weil er die Gesamtmiete auf die Mieter umlegen würde. Er selbst würde die Nebenkosten übernehmen.

Auch diese Unterkunft will Danish Crown nun noch einmal inspizieren.

Seit Jahren steht die deutsche Fleischbranche in der Kritik, seit Jahren gelobt sie Besserung. Und seit Jahren ermittelt Oberstaatsanwalt Bernard Südbeck in der Fleischbranche und kommt zu einem klaren Fazit:

Bernard Südbeck, Leiter Staatsanwaltschaft Osnabrück

Bernard Südbeck, Leiter Staatsanwaltschaft Osnabrück

O-Ton, Bernard Südbeck, Leiter Staatsanwaltschaft Osnabrück:

»Solange man in der Fleischwirtschaft Subunternehmer beschäftigt, wird es auch zu kriminellen Machenschaften kommen. Mit Selbstverpflichtungen, glaube ich, kommt man da nicht weiter.«

Diese Erfahrung hat auch Beraterin Daniela Reim gemacht. Von den besseren Bedingungen, wie sie die Fleischbranche seit Jahren verspricht, hat sie jedenfalls noch nichts bemerkt.