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SENDETERMIN Di, 14.9.2021 | 21:49 Uhr | Das Erste

Treten, schlagen, spucken – So attackieren Patienten Pflegekräfte in Kliniken Gewalt gegen Pflegende

Viele medizinische Angestellte erleben in ihrem Berufsalltag körperliche Gewalt durch PatientInnen und Angehörige. Das belegt eine Befragung von mehr als 1.000 Klinikmitarbeitern, die dem ARD-Politikmagazin REPORT MAINZ und ZEIT ONLINE vorliegt. Darin berichteten 81 Prozent der Befragten, sie seien in ihrem Berufsleben bereits angegriffen worden. Auf die Frage, wie sie angegriffen worden seien, nennen die meisten Tritte. Häufig kommt es aber auch zu Faustschlägen, Ohrfeigen oder Angriffen mit Gegenständen.

Chantalle, Pflegekraft:
"Manche werden nur verbal ausfällig. Das sind die angenehmsten quasi. Dann gibt's welche, die spucken, die schlagen, die kratzen. Also man hat alles schon erlebt fast."


Offene Worte. Nicht viele sind bereit, so über Angriffe durch Patienten zu sprechen. Pflegekraft Chantalle möchte das Tabu brechen. Doch das geht nur privat, abseits ihrer Klinik. Sie arbeitet auf einer Intensivstation. Die Übergriffe, die sie dort erlebt, belasten sie:


Chantalle

Chantalle

Chantalle, Pflegekraft:
"Es ist auf jeden Fall demütigend. Gerade, weil wir ihnen ja helfen wollen, ne? Und wenn man dann als Dankeschön ins Gesicht gespuckt wird, ist nicht schön. Es ist kein schönes Gefühl."


Randalierende Patienten, die pöbeln und schlagen. Manche stehen unter Drogen, andere sind einfach nur genervt vom Warten. Das berichten uns auch andere Pflegekräfte. Viele wollen nicht erkannt werden. So wie diese Frau, die Angst vor Repressalien hat. Sie erlebe wöchentlich Übergriffe bis hin zur kompletten Eskalation.


Pflegekraft (Stimme nachgesprochen):
"Als wir bei einem jungen Patienten Blut abnehmen wollten, ist der total ausgerastet und hat das komplette Zimmer verwüstet. Zu dritt haben wir versucht die Tür zuzuhalten und gehofft, dass er nur in dem Zimmer wütet."

Nicht nur Patienten, auch Angehörige können aggressiv werden


Auch Pfleger Torsten erzählt uns von vielen bedrohlichen Situationen – nicht nur mit Patienten, sondern auch mit Angehörigen.


Torsten

Torsten

Torsten, Pflegekraft:
"Ich wurde bedrängt. Also die kamen immer näher. Und das ist natürlich kein schönes Gefühl, wenn da, ich sage mal sechs, sieben Leute massiv auf einen zugehen und versuchen, Einlass zu haben. Da kriegt man natürlich schon Schiss."



Und durch Corona seien die Patienten auch noch aggressiver geworden, erzählt er uns:


Torsten, Pflegekraft:
"Also die Aggression während der Corona-Pandemie, gerade als wir ganz viel Lockdown hatten, mit überhaupt gar keinen Besuchszeiten, hat definitiv zugenommen."

Online-Umfrage: 81 Prozent erleben Gewalt in der Klinik


Über das soziale Netzwerk Twitter teilen Pflegekräfte Fotos von Verletzungen durch Patienten. Das war der Auslöser für diese beiden, sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Kathrin Hüster hat 20 Jahre in der Pflege gearbeitet, kämpft jetzt für die Rechte von Pflegekräften. Ramona Thiem ist Polizistin. Die Berichte über Gewalt in der Pflege alarmierten sie.


Ramona Thiem, Polizistin:
"Das war für mich erschreckend, welche Intensität es gibt – sowohl von der Angriffsqualität her als auch die Verletzungsbilder, die teilweise entstanden sind."


Sie vermuten, dass es noch viel mehr Angriffe gibt und starten deshalb auf Twitter eine Umfrage zu körperlichen Angriffen auf Klinikpersonal: Die wurde innerhalb weniger Wochen mehr als 1000-mal beantwortet: 81 Prozent geben an, sie hätten körperliche Gewalt bei der Arbeit erlebt.


Kathrin Hüster

Kathrin Hüster

Kathrin Hüster, ehemalige Pflegekraft:
"Das Spannendste ist in der Tat tatsächlich einfach, dass es nicht ein Nischen-Phänomen ist, so wie man das gerne mal hört. Das ist der große, große Anteil."


Von Tritten und Schlägen wird am häufigsten berichtet. Und: Als Haupttatort wurde nicht die Psychiatrie genannt, sondern Normalstationen. Keine repräsentative Befragung – aber ein starkes Stimmungsbild.

Pflegende werden krank durch Aggression


Doch gibt es auch wissenschaftliche Belege? Bei unserer Recherche finden wir Studien, vor allem von der Berufsgenossenschaft. Eine Befragung von Beschäftigten in 81 Kliniken bestätigt das Ergebnis der Twitter-Umfrage. 80 Prozent der Pflegekräfte hatten innerhalb des vorangegangenen Jahres Gewalt erlebt, davon waren 94 Prozent verbal und 70 Prozent körperlich. Studien, die auch Claudia Vaupel von der Berufsgenossenschaft mitbetreut hat. Die Psychologin und Traumatherapeutin weiß, dass die alltäglichen Gewalterfahrungen weitreichende Folgen haben können:


Claudia Vaupel

Claudia Vaupel

Claudia Vaupel, Psychologin, Berufsgenossenschaft BGW:
"Und das kann dazu führen, dass auch so eine Pflegekraft irgendwann zu der Entscheidung kommt 'Ich bin hier nicht geeignet für den Job' und den Job aufgibt. Das ist so diese eine Seite. Auf der anderen Seite kann es natürlich aber auch zu Krankheiten führen und Störungen. Und das kann hingehen bis zu einer behandlungsbedürftigen Posttraumatischen Belastungsstörung."


Ein Hauptproblem: Viele Pflegekräfte berichten uns, das Thema werde nicht offen angesprochen, sei ein Tabu.


Torsten, Pflegekraft:
"Man redet halt nicht gerne drüber. Nach dem Motto: Naja, irgendwie gehört das doch zu unserem Beruf dazu. Was ich schon allein tatsächlich eigentlich eine schlimme Aussage finde."

In vielen Kliniken ist das ein Tabu-Thema


Auch Kliniken sprechen nicht gerne über gewalttätige Patienten, das stellen wir in der Recherche fest. Erst nach langer Suche finden wir ein Krankenhaus, in dem wir drehen können.

Die SHG Kliniken Sonnenberg in Saarbrücken. Hier hat man das Thema aus der Tabuzone geholt. Mitarbeiter werden ermutigt, offen darüber zu sprechen. Maik Burgardt ist hier Ansprechpartner nach Gewalterlebnissen.


Maik Burgardt, Deeskalationstrainer:
"Wenn ein Kollege oder eine Kollegin einen Übergriff erlebt, kann sie das Gespräch mit mir suchen."


Zusätzlich bietet er gemeinsam mit seinem Kollegen Marc Schuler regelmäßig Deeskalationskurse an. Sie wollen den Kollegen zeigen, wie sie mit aggressiven Patienten umgehen können - auch in Rollenspielen.


Rollenspiel:
"Ich muss hier raus, ich muss eine rauchen! - Herr Schuler! …"


Marc Schuler, während Deeskalationstraining:
"Wir wollen eine Situation herstellen, in der es, in der es zu einem Dialog kommt, indem es ja eben, indem der Patient wieder kommuniziert."


Es geht darum auf die Patienten zuzugehen, damit es erst gar nicht zu Gewalt kommt. Denn Gewalt am Arbeitsplatz - das müssen auch Pflegekräfte nicht hinnehmen.


Claudia Vaupel, Psychologin, Berufsgenossenschaft BGW:
"Jeder Beschäftigte in Deutschland hat ein Recht auf einen sicheren und gesunden Arbeitsplatz. Und insofern, das steht im Arbeitsschutzgesetz, müssen sich Unternehmen um dieses Thema kümmern."


Das aber tun viele Kliniken nicht, kritisiert die Pflegewissenschaftlerin Prof. Martina Hasseler.


Prof. Martina Hasseler

Prof. Martina Hasseler

Prof. Martina Hasseler, Pflegewissen-schaftlerin, Hochschule Ostfalia:
"Aus meiner Sicht haben viele Arbeitgeber einfach gar nicht das Verständnis dafür, dass sie eine Fürsorgepflicht haben gegenüber den Pflegeberufen. Viele Kliniken behandeln Gewalt gegen Pflege-Fachpersonen als Tabuthema, weil sie nach meiner Auffassung Angst haben um ihren Ruf."


Es gibt Konzepte, die Pflegende schützen


Nicht so in Saarbrücken. Zurück im Deeskalationskurs. Jetzt geht es hier um Abwehr von Angriffen:


Marc Schuler, während Deeskalationstraining:
"Ich hab 'ne Waffe in der Tasche. Habt den Gefahrenradar an. Wenn jemand aggressiv ist, wenn jemand potenziell tätlich sein könnte, scannt den, guckt, ob da irgendwas ist, was gefährlich sein könnte."


Und wie befreit man sich, wenn man von einem Patienten festgehalten wird?


Marc Schuler, während Deeskalationstraining:
"Ich guck in die Hand rein und greife ihr Handgelenk. Jetzt ist der Griff im Grunde genommen gelöst, schaut mal."


Einmal im Jahr macht hier jede Pflegekraft so einen Kurs. Doch so wie hier läuft es in vielen anderen Kliniken nicht.


Marc Schuler

Marc Schuler

Marc Schuler, Deeskalationstrainer:
"Kollegen aus anderen Häusern, die wir schulen, die auch zu uns hier in die Klinik kommen, um diese Fortbildungen zu machen, berichten uns das immer wieder, dass das in anderen Häusern noch nicht angekommen ist."


Wir fragen die Deutsche Krankenausgesellschaft, ob es solche Schutzkonzepte nicht verpflichtend in allen Kliniken geben müsste. Die aber lehnt das ab und erklärt:


Zitat Deutsche Krankenausgesellschaft, vorgelesen:
"Die Gewaltbelastung in den Krankenhäusern ist je nach Standort sehr unterschiedlich. Insofern haben die Kliniken auch jeweils passende Konzepte entwickelt."


Und was sagt die Politik? Das Gesundheitsministerium sieht das Problem, sagt aber, die Kliniken seien für den Schutz ihrer Mitarbeiter selbst zuständig.

Kliniken und Politik tun zu wenig


Die Pflegewissenschaftlerin sieht dennoch auch die Politik in der Pflicht:


Prof. Martina Hasseler, Pflegewissenschaftlerin, Hochschule Ostfalia:
"Da muss der politische Entscheidungsträger endlich dafür sorgen, wenn sie Pflegeberufe erhalten wollen, dass diese pflegerische Berufsgruppe auch geschützt wird. Durch die Arbeitgeber, durch die gesetzlichen Maßnahmen, durch gute Konzepte. Und da sehe ich auch jetzt bei den Bundestagswahlen keine einzige Partei, die dieses Thema überhaupt auf der Agenda hat."


Solange das Thema in der Tabuzone bleibt, sich Pflegekräfte schutzlos fühlen, werden wohl immer mehr die Pflege verlassen.

aus der Sendung vom

Di, 14.9.2021 | 21:49 Uhr

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