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SENDETERMIN Di, 3.8.2021 | 21:48 Uhr | Das Erste

Traumatisierte Kinder Wer hilft den jüngsten Opfern der Flut?

Wie haben die Kinder die Flutkatastrophe erlebt und wer hilft ihnen, das Erlebte zu verarbeiten? REPORT MAINZ hat die Kinder gesucht und sie unter anderem auf einem Ponyhof in Rheinhessen gefunden. Kinder und Jugendliche berichten uns von ihren Todesängsten und zerstörten Schulen. Psychologen fordern nachhaltige Hilfe für die nächsten Jahre.

Idylle im Sommer. Ferienfreizeit auf einem Ponyhof. Die Kinder wirken glücklich. Tatsächlich sind sie aber schwer belastet, haben in den vergangenen Tagen Schlimmes erlebt. Als die Flutwelle kam, war Melissa im Keller.

Melissa, Betroffene der Flutkatastrophe

Melissa

Melissa, Betroffene der Flutkatastrophe: "Die Erwachsenen waren oben und ich und meine Freundin waren im Keller. Und dann ist das ganze Wasser rein gelaufen. Ich konnte noch raus rennen, aber sie auf sie sind fast Schränke gefallen. Und dann ist mein Stiefvater da rein gerannt und hat sie da raus geholt. Also ihr ist aber nichts passiert."



Eva, Betroffene der Flutkatastrophe:
"Wir konnten halt nicht so schnell gerettet werden, weil bei uns war halt die Strömung richtig stark gewesen. Da waren auch Strudel. Und deswegen konnten die Boote dort nicht hin."

Reporter:
"Was hast du gesehen?"

Mia, Betroffene der Flutkatastrophe:
"Sehr traurige Sachen. - Zwei Stück, das war sehr schlimm. - Einfach nur zwei Wasserleichen, die im Wasser geschwommen sind."

Daniela Lempertz, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin

Daniela Lempertz

Daniela Lempertz, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin:
"Die Kinder erleben eine absolut unnormale Situation. Und manchmal ist es so, wenn eine Situation vorbei ist und zwei, drei Tage später man denkt 'Ach ist ja alles gut, Kind redet ja gar nicht mehr von dieser Leiche oder von dem schlimmen, was es gesehen hat', dann kann es sein, dass mit Verzögerung entweder zum Beispiel Albträume einsetzen oder Schlaflosigkeit."

Private Initiativen leisten "Erste Hilfe"

Ein Gespräch könnte die Kinder entlasten, so die Psychologin. Sie bietet seit Tagen kostenlose Sprechstunden vor Ort an. Offen für alle.

So wie die Sonnenschein-Montessori-Grundschule in Mendig auch. Betroffene Kinder kommen hier in einer Ganztagsbetreuung unter. Sie reden wenig über das, was sie erlebt haben, malen es lieber auf.

Betroffenes Kind der Flutkatastrophe: "Das sind zwei Helfer und da ist ein Haus eingestürzt. Die buddeln das gerade aus."

Betroffenes Kind der Flutkatastrophe: "Und da drin ist jemand, der hat überlebt."

Das Erlebte hinterlässt Spuren, stellt die Betreuerinnen vor neue Herausforderungen.

Charlotte Dolff, Schulleiterin Sonnenschein-Montessori-Grundschule

Charlotte Dolff

Charlotte Dolff, Schulleiterin Sonnenschein-Montessori-Grundschule: "Ich habe einige Kinder erlebt, die sehr viel verdrängen. Eine Mutter erzählte mir zum Beispiel, dass das Kind, was nach außen hin tatsächlich total unbeschwert wirkt, die kommt hier her zum Spielen, redet aber kein bisschen über die Katastrophe. Die sind auch direkt betroffen, das Haus liegt in Trümmern sozusagen. Und das Kind möchte nur mit den Eltern darüber sprechen."

Expertin fordert Traumata-Zentrum

31 Schulen sind im Kreis Ahrweiler beschädigt, davon mehr als die Hälfte zerstört. 7.000 Schüler müssen nach den Ferien untergebracht werden. Rheinland-Pfalz hat die psychosozialen Hilfen für Betroffene ausgebaut.

Daniela Lempertz, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin: "Wir sind der Meinung, es müsste im Ahrtal ein Trauma-Zentrum entstehen, damit man über Jahre Ansprechpartner hat, damit man über Jahre Interventionen anbieten kann. Was ich damit betonen möchte, ist, Behandeln statt Abwarten ist immer günstiger."

In den Zeichnungen wird die Zerrissenheit der Kinder sichtbar. Aber sie zeigen auch Hoffnung:

Charlotte Dolff, Schulleiterin Sonnenschein-Montessori-Grundschule: "Einerseits haben wir hier ein wirklich katastrophales Bild: 'Mein Sohn.', 'Hilfe!'
Und dann haben wir aber wiederum so hoffnungsvolle Bilder von lächelnden Menschen in Gummistiefeln, mit Schaufeln. Und das ist natürlich auch ein Bild, was Ahrweiler gerade zu bieten hat. Es sind unglaublich viele Helfer da. Und das ist natürlich auch etwas Tolles, was die Kinder da mitnehmen können. Solidarität und Zusammenhalt."