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SENDETERMIN Di, 5.10.2021 | 21:48 Uhr | Das Erste

Traumatisiert und allein gelassen Ältere Menschen im Hochwassergebiet

Die Erinnerungen an die Flutnacht sitzen tief: Viele Bewohner im Kreis Ahrweiler haben Schreckliches erlebt und mit der Zeit kommen vermehrt Erinnerungen wieder hoch. Experten warnen vor den Spätfolgen dieser Traumata. Was unternimmt die Politik im Hochwassergebiet?

Nur noch selten kehrt Finchen Weber in ihre zerstörte Wohnung zurück. Zu schlimm sind die Erinnerungen. Rund 30 Jahre wohnte sie hier in Bad Neuenahr-Ahrweiler, bis sie in der Flutnacht alles verlor. Sogar fast ihr Leben. Hier im Schlafzimmer war die 90-Jährige über Stunden von den Wassermassen eingesperrt - klammerte sich am Fenster fest:

Finchen Weber, Anwohnerin:
"Ich habe sieben Stunden im Wasser gestanden."

Reporter:
"Wie hoch war das Wasser hier?"

Finchen Weber, Anwohnerin:
"Bis hier hin ging das mir."

Reporter:
"Das heißt, wie haben Sie das überstanden?"

Finchen Weber, Anwohnerin:
"Ich habe Hilfe gerufen, dann habe ich gebetet. Ich wusste ja nicht, was ich machen sollte. Bis meine Enkelin dann die Retter geschickt hat."

Hilfsgelder der Bundesregierung fehlen weiter


Ohne Versicherung reicht die Rente nicht für die Renovierung. Und die Hilfen aus dem Bundestag sind bei ihr noch nicht angekommen. Aktuell wohnt sie in einer Ferienwohnung, die ihr Anwohner kostenlos zur Verfügung gestellt haben. Ihr Sohn kann momentan nicht helfen.


Finchen Weber

Finchen Weber

Finchen Weber, Anwohnerin:
"Er könnte das machen, hat aber keine Zeit, mein Sohn. Er hat in Dernau zwei Häuser, die er machen muss. Ich habe gesagt, der Herrgott hat uns das hier geschickt, er wird uns auch weiterhelfen - hoffe ich. Und sonst, ich denke über gar nix nach."



Jeden Tag ist sie hier bei Christiane Thul-Steinheuer, die eine spendenfinanzierte Essensausgabe betreibt. Finchen Weber ist oft die Erste vor Ort und packt bei den Vorbereitungen mit an. Die 90-Jährige ist kaum zu bremsen:

Christiane Thul-Steinheuer, Anwohnerin:
"Bist du… Finchen, Menschenskinder!"


Die Arbeit hilft ihr, wie sie sagt, gegen das Gedankenkarussell im Kopf.


Christiane Thul-Steinheuer

Christiane Thul-Steinheuer

Christiane Thul-Steinheuer, Anwohnerin:
"In dieser Situation braucht man Regelmäßigkeit, man braucht Aufgaben. Einfach, um mit dem Ganzen klarzukommen, weil es ist ja doch wirklich Belastendes passiert. Und ich denke, da ist gerade diese Regelmäßigkeit, auch mit dem Mittagessen, dass die Leute wissen, sie müssen zu einer Zeit X aufstehen und hier hinkommen, das ist ganz wichtig für die Psyche. Die Leute sprechen immer von unserem kleinen Paradies."


Christiane Thul-Steinheuer zu einer anderen Anwohnerin:
"Hallo. Einmal ein schöner Leberkäse und Kartoffelsalat."

Anwohner haben Angst vor dem Winter


Neben dem Mittagessen gibt es hier bei Christiane Thul-Steinheuer eine feste, ganztägige Anlaufstelle für viele ältere Menschen. Und noch wichtiger: ein offenes Ohr für die Erinnerungen.


Finchen Weber, Anwohnerin:
"Dann überkommt es schon mal wieder einen. Dann sehe ich mich wieder im Wasser. Naja, was kann man da machen? Ich denke, es kommen auch wieder bessere Zeiten."


Christiane Thul-Steinheuer, Anwohnerin:
"Wenn wir denen jetzt nicht irgendwie eine Gemeinschaft bieten, fallen sie uns hinten runter, weil jetzt ist die Zeit da, zu überlegen: Wie war das? Was ist passiert in der Nacht? Wen habe ich alles verloren? Welche Freunde, welche Bekannten gibt es nicht mehr? Und wie eng war mein eigenes Leben bedroht?"


Und die Sorgen hören nicht auf. Die dunkle, kalte Jahreszeit steht vor der Tür. Auch Inge Rickert hat Angst, was noch auf sie zukommt.

Rückblick: Vor sechs Wochen haben wir Inge Rickert schon einmal getroffen. Damals musste sie sich noch ihren Weg durch Schutt und Müll zu ihrem Haus durchkämpfen. Kochen konnte sie nur auf einem kleinen Gaskocher auf dem Balkon.

Mittlerweile habe sie wieder Strom. Aber heizen könne sie noch immer nicht. So geht es vielen hier im Kreis Ahrweiler.


Inge Rickert

Inge Rickert

Inge Rickert, Anwohnerin:
"Es ist alles noch, für ältere Leute noch, schwierig hier. Viele sagen ‚Wir wollen hier nicht mehr leben. Wir mögen hier nicht mehr leben.‘ Aber wir können nicht alle weggehen. Das geht ja auch nicht. Gewiss, in meinem Alter, ich werde das wahrscheinlich nicht mehr erleben, dass es hier wieder so schön wird. Aber ich kannte das ja, wie schön das hier war."

Nachts kommen die Erinnerungen


Die Erinnerungen an das schöne Ahrtal sind immer da. Einfach weiter machen, gar nicht so einfach. So gehe es auch vielen hier in Sinzig, berichten diese Notfallseelsorger.


Notfallseelsorger:
"Hallo? Ist noch jemand hier?"


Manche hier haben immer noch kein Wasser oder Strom. Und auch die Psychologen merken, dass jetzt mit der Zeit immer mehr Verdrängtes aus der Flutnacht wieder hochkommt. Wie bei Nawal Abumuher. Sie wohnt aktuell mit sieben Familienmitgliedern in zwei Zimmern. Nachts kommen die Bilder:


Nawal Abumuher

Nawal Abumuher

Nawal Abumuher, Anwohnerin:
"Ja, so schnell geht das nicht weg. Nein, nein. Ich sehe nur Wasser. Wasser und… Steh‘ ich nachts auf und… Schlimm, schlimm!"


Angesichts der Scham sei es wichtig, aktiv auf die Menschen zuzugehen. Viele hätten noch kein Internet, da müsse man die Menschen persönlich auf Gesprächsangebote aufmerksam machen.


Christoph Schomer

Christoph Schomer

Christoph Schomer, Notfallseelsorger:
"Ich finde es unsäglich, dass hier ein so großer Wohnblock hier in diesem Bereich praktisch alleine gelassen wird. Und die Menschen tatsächlich damit alleine sind. Mit diesen ganzen Problemen, nicht zu wissen, 'Wie kriegen wir tatsächlich unser Leben, vom Wohnen her, tatsächlich in der kalten Jahreszeit organisiert?'"

Psychologe: Mehr als 15.000 Menschen brauchen Hilfe


Auch Diplom-Psychologe Markus Schmitt fürchtet, dass im Winter noch vieles hoch kommt. Er leitet die psychologische Abteilung einer Klinik im Ahrtal und die Seelsorge-Hotline. Die Zahl der Menschen, denen sie Akuthilfe geben müssen, sei zuletzt geradezu explodiert.

Mehr als 15.000 Menschen im Ahrtal, schätzt er, brauchen psychologische Hilfe. Es bestehe die Gefahr, dass sich jetzt Traumata verfestigten. Die großen stationären und ambulanten Anlaufstellen habe es schwer getroffen.


Markus Schmitt

Markus Schmitt

Markus Schmitt, Dipl. Psychologe, Eichenberg-Institut:
"Wir hatten hier eine sehr gute psychiatrische Infrastruktur. Und die ist ja, wie Sie sehen, allein durch die Zerstörung von Gebäuden, Energiemanagement, Strom, Wärme zusammengebrochen."


Gerade die aufsuchende, seelsorgerische Arbeit werde laut Schmitt derzeit von den Kassen kaum honoriert.

Gesundheitsminister: Fehlendes Personal erschwert Angebot


Was tut die Politik? Der rheinland-pfälzische Gesundheitsminister Clemens Hoch auf Besuch im Kreis Ahrweiler. Ein Traumazentrum sei in Planung. Und man wolle die aufsuchende psychologische Arbeit ausbauen.


Clemens Hoch

Clemens Hoch

Clemens Hoch, SPD, Gesundheitsminister Rheinland-Pfalz (20.9.2021):
"Uns fehlt zum Teil einfach das Personal, um diese therapeutischen Angebote zu machen. Da arbeiten wir im Moment alle miteinander dran, mehr Menschen zu befähigen auch solche Traumagespräche zu führen."


Das klingt, als könnte das alles noch dauern.

Wenigstens hier bei Christiane Thul-Steinheuer finden schon Gespräche statt. Keine Therapie - aber manchmal bewirkt schon ein Friseurtermin im Hinterhof kleine Wunder.


Anwohnerin:
"Das ist ein Stück Normalität, so beim Friseur: Ach, schön normal, hier beim Friseur, kriegst du jetzt mal die Haare geschnitten. Das ist Normalität, ein Stück Normalität. Hinterhof, gucke ich nicht hin. Man darf in der jetzigen Zeit nicht zu genau hingucken. Nur das beste dann sehen in dem Moment."

aus der Sendung vom

Di, 5.10.2021 | 21:48 Uhr

Das Erste

Autor:
Niklas Maurer

Redaktionelle Mitarbeit:
Christian Giese-Kessler

Kamera:
Eugen Michailov, Felix Rottländer, Katrin Oemig

Schnitt:
Michael Farquharson