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SENDETERMIN Di, 23.11.2021 | 21:46 Uhr | Das Erste

Tödliche Waffen Jedermann-Schießtrainings boomen

In Deutschland darf jeder Volljährige unter Aufsicht auf den Schießstand. So konnte sich ein Markt für Schießevents entwickeln: Bundesweit werden so genannte "Schießtrainings für jedermann" angeboten. Nach Informationen von REPORT MAINZ konnten auf dieser Gesetzesgrundlage auch Extremisten an Waffen trainieren.

Wir sind auf einem Schießstand. Einem Schießtraining für jedermann, wie es im Internet genannt wird. Machen kann das jeder. Denn das Angebot solcher Trainings ist riesig, angepriesen als Erlebnis, als Event für jedermann - so aufregend wie ein Bungee- oder Fallschirmsprung. Doch sind solche Schießevents wirklich so harmlos? Mit welchen Waffen wird geschossen? Wie ist der Umgang mit Munition? Welche Kontrollen gibt es?

Wir fahren zu einem Schießevent irgendwo in Deutschland, um das herauszufinden. Deshalb drehen wir mit versteckter Kamera und da, wo es erlaubt ist, auch mit unseren Handys. Der Andrang hier ist groß. Um die 20 Leute sind gekommen. Was sie zum Schießen motiviert, können wir nicht einschätzen. Gleich zu Beginn präsentiert uns der Veranstalter stolz die Waffen.

Veranstalter des Schießevents, Gedächtnisprotokoll:
"Hier haben wir einen Original-Karabiner aus dem zweiten Weltkrieg. Und hier das berühmte Sturmgewehr, das böse AR-15, das macht sehr viel Spaß. Und hier ein astreines Scharfschützengewehr. Das gibt ein echtes Gefühl, wie die Scharfschützen das haben."


Sich fühlen wie ein Soldat, mit militärischer Kleidung und mit militärähnlichen Waffen, wie sie vielfach auch bei Amokläufen und Attentaten eingesetzt wurden - von Orlando bis Christchurch.

Als wir später im Internet recherchieren, finden wir martialische Fotos anderer Schießevents. Und solche schweren Waffen halten auch wir nach wenigen Minuten in der Hand, dürfen selbst damit schießen. Die Kraft der Gewehre überrascht, schockiert uns. Vier Stunden lang testen wir uns durch die Waffensammlung des Veranstalters.

Wir zeigen unsere Aufnahmen Michael Mertens von der Gewerkschaft der Polizei. Viele Jahre war er im Polizeidienst, ist ein erfahrener Schütze. Seine Einschätzung:


Michael Mertens

Michael Mertens

Michael Mertens, Stellv. Vorsitzender Gewerkschaft der Polizei:
"Der einfache Zugang zu so einem Schießen mit solchen Waffen macht mir Sorge, macht mir auch Angst."

Reporter:
"Sind das Waffen, die in die Hände von Laien gehören?"

Michael Mertens, Stellv. Vorsitzender Gewerkschaft der Polizei:
"Nein, nein. Solche Waffen gehören überhaupt nicht in die Hände von Laien. Die gehören in die Hände von Profis, die gehören in Panzerschränke weggesperrt und müssen nicht für jedermann zugänglich gemacht werden."

Schießen ohne Erlaubnis

Doch die Gesetzeslage in Deutschland ist eine andere: Zwar braucht es für den Kauf und Besitz solcher Waffen eine Erlaubnis und die Käufer müssen überprüft werden. Doch für das Schießen auf einem Schießstand ist all das nicht nötig - solange eine Aufsicht dabei ist.

Zurück zu unserem Event, auf dem wir mit den Waffen detailliert vertraut gemacht werden. Wir kriegen Tipps zur richtigen Munition, wie man eine Ladehemmung verhindert, mit der Waffe zielt und, dank richtiger Körperhaltung, auch trifft.

Und nicht nur das: Während des Events wird uns Munition für verschiedenste Waffen anvertraut - auch für Gewehre, mit denen man über hunderte Meter präzise schießen kann. Es gelingt uns damit mehrfach den Schießstand zu verlassen. Mit insgesamt vier Packungen, rund 40 Patronen, hätten wir problemlos wegfahren können.
Wir brechen das Experiment ab, gehen zurück zum Schießstand.

Einige Tage später: Wir konfrontieren den Veranstalter mit unserem Versuch. Ein Interview will er uns nicht geben. Schriftlich weist er die Vorwürfe zurück:


Veranstalter des Schießevents, per E-Mail:
"Es wäre aus unserer Sicht nicht problemlos möglich gewesen, die Munition zu entwenden. (…) Sie wurden bemerkt, weil Sie auf dem Gelände herumgelaufen sind. Da Sie wieder zurückgekommen sind, wurde auch nichts unternommen."


Wir haben das anders empfunden. Auch diese Bilder zeigen wir dem Experten Michael Mertens. Was sagt er zu unserem Versuch?


Michael Mertens, Stellv. Vorsitzender Gewerkschaft der Polizei:
"Wenn Ihnen das gelungen ist, brauche ich nicht viel Fantasie, und Sie auch nicht, um zu überlegen, wem das auch gelingen kann. Das schockiert mich jetzt wirklich, dass das so möglich ist, weil Munition und Waffen in falscher Hand sind tödlich. Und das geht gar nicht."


Zumindest gibt es bei diesen Events für jedermann viele Tipps für den Umgang mit Pistolen und militärähnlichen Gewehren. Auch dazu antwortet uns der Veranstalter:


Veranstalter des Schießevents, per E-Mail:
"Bei meinen Events (…) steht das Erlebnis und nicht das Erlernen der Waffen oder der Waffendrill im Fokus." Außerdem seien alle Waffen "zum zivilen Gebrauch zugelassen".


Laut ihm also alles harmlos und legal bei seinen Veranstaltungen für Gastschützen.

Extremisten als Gastschützen


Wir recherchieren weiter: Nicht nur auf solchen Events kann jeder Volljährige laut Gesetz mit allen Waffen schießen, die als Sportwaffen erlaubt sind. Auch die vielen Schützenvereine dürfen Gäste auf ihren Schießständen schießen lassen: ohne Waffenerlaubnis, ohne behördliche Überprüfung.

Nach Recherchen von REPORT MAINZ konnte so 2017 eine Gruppe Linksextremer in Berlin an Waffen üben, obwohl die Männer zuvor Ermittlern bekannt waren. Und auch Stephan Ernst, der wegen Mordes an Walter Lübcke vom Oberlandesgericht Frankfurt zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, trainierte vor der Tat auf einem Schießstand als Gastschütze - trotz Vorstrafen und Einbindung in die rechtsextreme Szene. Der Verfassungsschutz bestätigt, auch ihm seien Fälle von Extremisten als Gastschützen bekannt.


Michael Mertens, Stellv. Vorsitzender Gewerkschaft der Polizei:
"Es kann nicht sein, dass Straftäter, Extremisten oder andere Menschen, die charakterlich nicht geeignet sind, eindeutig nicht geeignet, an den Waffen schlau gemacht werden, um sie am Ende des Tages gegen Menschen einzusetzen, die dann ihr Leben verlieren."


Änderung des Waffengesetzes gefordert


Das sieht auch Linken-Politikerin Martina Renner so, die sich seit Jahren mit Extremismus, Schießtrainings und Waffen beschäftigt. Sie fordert: Wer mit scharfen Waffen schießen will, muss überprüft werden und eine Erlaubnis haben, so, wie für den Kauf und Besitz einer Waffe.


Martina Renner

Martina Renner

Martina Renner, Die Linke, Mitglied des Bundestages:
"Es muss geändert werden im Waffenrecht, dass jeder einfach auf einem Schießstand schießen kann. Wenn hieraus eine Gefahr erwächst, und ich sage, hier erwächst eine Gefahr, muss die Politik auch akut reagieren und das Waffengesetz präzisieren."


Also: Kein Schießtraining mehr für jedermann? Wir fragen das Bundesinnenministerium: Ist eine solche Gesetzesänderung geplant, also mehr Regulierung für Gastschützen?

Per Mail verweist man uns auf allerlei bestehende Regeln im Waffengesetz. In Bezug auf unsere Frage heißt es:


Bundesinnenministerium, per E-Mail:
"Das Schießen auf Schießanlagen als Gast ist nicht vergleichbar mit Erlaubnissen zum Kauf, Besitz oder Führen von Waffen."


Heißt: Keine Änderung in Sicht. Und so wird es auch weiterhin für jedermann möglich sein, auf Schießständen mit solchen Waffen zu üben.