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Text des Beitrags Tod eines Paketfahrers

Die dunkle Seite des Logistikbooms

Moderation Fritz Frey:

Wenn man Glück hat, ist man zu Hause, wenn sie klingeln - Paketlieferanten. Schnell drücken sie einem das Päckchen in die Hand. Auf ihrem Job lastet enormer Zeitdruck.

Man ahnt es, die Arbeit ist kein Zuckerschlecken, schon gar nicht in der Vorweihnachtszeit. Und wer als Journalist in der Welt der Paketlieferanten recherchiert, der muss sich auf Einiges gefasst machen.

Tja, unserem Kamerakollegen geht es wieder gut und unser Reporter, Edgar Verheyen, ist bei seinen Recherchen auf einen Fall gestoßen, der zeigt, wie kriminell es in der Branche inzwischen zugeht. Sein Beitrag beginnt mit einem Toten in der Ukraine.

Bericht:

Ein Friedhof in Lutsk westlich von Kiew. Täglich besucht Viktor Ovcharenko das Grab seines Vaters. Er kann nicht verstehen, was da in Deutschland geschah. Sein Vater Vitalic arbeitete für ein Logistikunternehmen und starb nach einem Überfall.

Victor Ovcharenko

Victor Ovcharenko

O-Ton, Victor Ovcharenko, Sohn des Opfers:

"Das letzte Mal arbeitete er in Polen. Dann rief er an und sagte, er ginge jetzt nach Deutschland, da würde er für die gleiche Arbeit mehr Geld bekommen."

Viktor und seine Mutter denken gerne an die Zeiten zurück, als der Vater noch in Lutsk lebte.

Valentina Ovcharenko

Valentina Ovcharenko

O-Ton, Valentina Ovcharenko:

"Wir brauchten Geld für meine Operation. Zunächst war es eine Chemotherapie, dann noch ein Eingriff. Die Krebsbehandlung ist teuer. Er ging nach Deutschland, um uns allen zu helfen."

In Deutschland begann bei einem Subunternehmer des Logistikriesen GLS, der sich gerne als Hochglanzunternehmen verkauft. Doch wie konnte Vitalic Ovcharenko als Ukrainer, als Nicht-EU-Bürger hier überhaupt arbeiten?

Der Redaktion liegen die umfangreichen Ermittlungsunterlagen zu dem Fall vor. Sie belegen, wie der Subunternehmer die Mitarbeiter ausgebeutet hat. Zeugen erzählen, der Boss habe ihnen für 350 Euro gefälschte rumänische Pässe ausgehändigt.

Zudem habe er ihnen einen Lohn von nur sechs Euro die Stunde versprochen, deutlich unter Mindestlohn. Bekommen hätten sie 380 Euro, nach acht Wochen Arbeit, so erzählen sie.

Als Vitalic und zwei seiner Kollegen ihr Geld einforderten, seien sie auf diesen Platz in Erding bei München bestellt worden. Hier hätten sie ihr Geld bekommen sollen.

Zu dritt saßen sie im Auto. Ein Fahrer hatte sie gebracht. Doch dann sei statt eines Geldboten ein Schlägertrupp vorgefahren, habe zunächst einen der drei Fahrer aus dem Auto gezerrt und auf ihn eingeprügelt.

Eines der Opfer: Dilovar Ashurov. Gemeinsam mit seinem Freund Abdukadir Mehroegzini saß er in dem Auto.

Abdukadir Mehroegzini

Abdukadir Mehroegzini

O-Ton, Abdukadir Mehroegzini:

"Ich habe die Tür aufgemacht, wollte aussteigen und bekam gleich einen Schlag gegen den Kopf. Ich wurde ohnmächtig. Konnte nichts machen."

O-Ton, Dilovar Ashurov:

"Und ich habe ihn dann so ins Auto reingezogen und die Tür zugemacht."

O-Ton, Abdukadir Mehroegzini:

"Und dann habe ich gefragt: ‚Wo ist Vitalic?‘"

Vitalic Ovcharenko ist der dritte, versucht zu fliehen. Die Schläger folgen ihm und traktieren ihn so schwer, dass er wenige Wochen später im Münchner Klinikum Schwabing verstirbt.

Seit einer Woche wird den Schlägern vor dem Landgericht Landshut der Prozess gemacht. Männer aus Lettland und Litauen. Seit einem Jahr sitzen sie in Untersuchungshaft, jetzt sollen die Todesumstände aufgeklärt werden. Ist die Sache nur aus dem Ruder gelaufen oder steckt mehr dahinter?

In München treffen wir Claudia Neher. Die Rechtsanwältin vertritt die Tochter des Toten. Sie glaubt, der Subunternehmer habe das Vorgehen der Schläger angeordnet.

Frage: Welche Anhaltspunkte sind das?

Claudia Neher

Claudia Neher

O-Ton, Claudia Neher, Rechtsanwältin:

"Das sind Anhaltspunkte, dass die Schläger immer wieder telefonisch Rücksprache gehalten haben mit dem Geschäftsführer der EVB, dass es immer wieder Kontakte gab, dass unter anderem ein Kickboxer angereist kam, der sich an dem Totschlag beteiligt hat."

Handelt es sich also um eine geplante Tat? Anhaltspunkte dafür sehen auch die überlebenden Opfer:

O-Ton, Abdukadir Mehroegzini, Opfer:

"Der Chef hat zum Fahrer gesagt: ‚Fahr sie zum Bahnhof, schmeiß sie da raus und komm zu mir.‘ Wir haben dieses Gespräch mitgehört, man konnte alles gut übers Telefon hören. Wir haben zum Chef gesagt, dass wir nicht wegfahren werden, bevor er uns das Geld nicht gegeben hat. Er hat gesagt: Nein, ich gebe euch nichts.
Für ihn waren wir Untermenschen, er hat uns wie Sklaven behandelt."

Der Subunternehmer von GLS ist die Firma EVB. Sie hat in Heidenheim bei Ulm ihren Sitz.

Wir wollen die Verantwortlichen hier mit den Vorwürfen konfrontieren. Von einem Mitarbeiter erfahren wir, die Schläger waren bei der EVB beschäftigt.

Frage: Diese Leute sind aber von Ihnen gewesen, Mitarbeiter Ihrer Firma?

O-Ton:

"Es waren Mitarbeiter von uns, ja."

Mehr will er dazu nicht sagen, auch der Firmenchef schweigt auf schriftliche Nachfrage.

Und die GLS? Wie sieht sie die Vorgänge beim Subunternehmer EVB? Schriftlich heißt es:

Zitat:

"GLS ist über diesen Vorfall äußerst schockiert (…). Dabei handelt es sich bei der betreffenden Firma (…) um ein Leiharbeitsunternehmen (…). Die Zusammenarbeit mit dieser Leiharbeitsfirma wurde bereits im vergangenen Jahr beendet, nachdem die Polizei GLS gegenüber den Verdacht äußerte, dass diese Leiharbeitsfirma Arbeiter mit falschen Papieren vermitteln würde."

Außerdem verpflichte GLS die Partner zur Beschäftigung von Fahrern in rechtskonformen Anstellungsverhältnissen.

Sigurd Holler ist Logistikexperte bei ver.di. Er lässt dies dem Konzern nicht durchgehen.

Sigurd Holler

Sigurd Holler

O-Ton, Sigurd Holler, ver.di:

"Die ziehen immer nur dann die Reißleine, wenn etwas öffentlich wird, weil man als Paketdienst ja eine saubere Weste haben will. Vorher schaut man aber nicht dahinter. Das ist zumindest mein Eindruck, dass man froh ist, einen Subunternehmer zu haben, der ein paar Fahrer hat und der dann die Zustellung macht und dass die Zustellung funktioniert. Mit welchen Arbeitsbedingungen diese Zustellung funktioniert, wie es den Fahrern dabei geht, da haben wir den Eindruck, das interessiert die nicht."

O-Ton, Abdukadir Mehroegzini, Opfer:

"Uns wurde immer gesagt, in Deutschland sind alle ehrlich. Du arbeitest ohne Vermittler nach Gesetz. Es ist ein demokratischer Rechtsstaat. Wir wussten nicht, dass es solche Betrüger auch in Deutschland gibt."

Die Familie von Vitalic Ovcharenko bleibt verzweifelt zurück. Dabei hatte sie von einem etwas besseren Leben durch das Einkommen des Vaters geträumt.

Abmoderation Fritz Frey:

Unglaublich.