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SENDETERMIN Di, 15.11.2022 | 21:53 Uhr | Das Erste

Tiertransporte Qualvoller Tod deutscher Rinder im Libanon

REPORT MAINZ wurde von Animals International Bildmaterial aus dem Libanon zugespielt. Die Aufnahmen zeigen, wie deutsche Jungbullen ohne Betäubung geschlachtet werden. Report-Recherchen belegen, dass die Tiere über Spanien per Schiff in den Nahen Osten transportiert wurden. Die Rinder waren als junge Kälber an einen Viehhändler verkauft worden, der sie zur Mast nach Spanien transportiert hat. Einer der Ursprungsbauernhöfe liegt in Nordrhein-Westfalen.


Aufnahmen aus einem Schlachthof im Libanon, zugespielt von der Tierrechtsgruppe Animals International. Sie zeigen, wie brutal die Mitarbeiter hier mit den Rindern umgehen. Wir haben die Aufnahmen daher teilweise verfremdet. Deutsche Jungbullen werden mit Gewalt fixiert, bei vollem Bewusstsein wird ihnen mit einem Messer die Halsschlagader aufgeschnitten. Ein minutenlanges, qualvolles Sterben.

Wir nehmen die Spur auf. Wie kamen die Tiere in den Libanon? Die deutschen Rinder waren ausgehend von Tarragona in Spanien in diesem Sommer über das Mittelmeer nach Beirut und in den Schlachthof transportiert worden. Katalonien war der Ausgangspunkt der tagelangen Überfahrt und ist Zentrum der Kälber- und Rindermast in Spanien.

Aktuelle Aufnahmen zeigen das Ausmaß der Kälbermast dort. Tausende Tiere aus der ganzen EU werden hier vor allem für den Export gemästet. Männliche Tiere, die in Deutschland etwa als Abfallprodukt der Milchwirtschaft gelten, werden profitabel vermarktet. Aktivistin Iris Baumgärtner von der Animal Welfare Foundation sieht hier auch zunehmend deutsche Tiere.

Iris Baumgärtner

Iris Baumgärtner

Iris Baumgärtner, Animal Welfare Foundation: "Also wir sehen in den Häfen und auch auf den Betrieben immer wieder Tiere mit deutschen Ohrmarken. Das sind die Kälber aus der Milchproduktion, die eigentlich in Deutschland kaum einen Wert haben. Die werden dann über direkte Wege und viele Umwege nach Spanien transportiert und dort, nach einer Mast von acht bis zehn Monaten, als junge Bullen oder als Schlachtbullen nach Libyen, Libanon oder Ägypten transportiert.


Herkunft der Rinder lässt sich nach Deutschland zurückverfolgen

Die Aktivisten von Animals international haben auch die Ohrmarken der deutschen Rinder gefilmt. Für uns Anhaltspunkt für weitere Recherchen. Die Spur führt nach Nordrhein-Westfalen, nach Xanten, zu einem Milchviehbetrieb mit rund 200 Rindern. Landwirt Ludger Quernhorst ist bereit, uns seinen Betrieb zu zeigen. Er habe die Tiere im Alter von zwei Wochen an einen Viehhändler in der Region verkauft, sagt er. Und: Er schaut sich die Aufnahmen an:

Edgar Verheyen, Autor: "Wie finden Sie das?"

Ludger Quernhorst

Ludger Quernhorst

Ludger Quernhorst, Landwirt aus Xanten: "Ich finde das nicht gut. Wir versuchen eigentlich regional hier zu produzieren und wenn das dann ins Ausland und so weite Wege hinter sich, vor allem im lebenden Bereich, in den Libanon verschifft wird, finde ich das überhaupt nicht okay. Und normalerweise gehen unsere Kälber zu diesem Händler, dann mästet er die Tiere teilweise selber oder verkauft die nach Holland. Dass die jetzt einen so weiten Weg zurücklegen im lebenden Zustand, kann ich nicht nachvollziehen."

Edgar Verheyen, Autor: "Dass die Tiere hier ohne Betäubung…" 

Ludger Quernhorst, Landwirt aus Xanten: "Ja, das geht überhaupt nicht."

Bis zu 60 Stunden auf der Straße


Der Landwirt verkauft ausschließlich männliche Kälber, denn die kann er für die Nachzucht nicht gebrauchen. Für männliche Tiere bekommt er derzeit rund 50 Euro, damit macht er Verlust. Seine Kälber wurden über Sammelstellen in Belgien und Frankreich nach Spanien gebracht. Bis zu 60 Stunden waren sie bis dahin unterwegs. Sammelstellenhopping nennt dies Iris Baumgärtner:

Iris Baumgärtner, Animal Welfare Foundation: "Die Kälber leiden eigentlich doppelt. Die werden schon beim Transport nicht geschützt. Die werden in Fahrzeugen transportiert, in denen sie nicht versorgt werden können, in denen sie nicht trinken können. Man kann ihnen keine Nahrung anbieten und später, wenn sie auf die Schiffe gehen, auch dort ist ein systematisches Versagen bei der Umsetzung der EU-Verordnung."

Wenn Tiere also an Bord der LKW nicht versorgt werden können, warum finden die Transporte dennoch statt, fragen wir uns?

Barbara Felde

Barbara Felde

Barbara Felde, Verwaltungsrichterin und Expertin für Tierschutzrecht, hat sich intensiv mit dem Thema befasst. Nach ihrer Auffassung sind die Transporte schlichtweg rechtswidrig.

Barbara Felde, Dt. jur. Gesellschaft für Tierschutzrecht: "Erst bei über acht Stunden wird so ein Transport genehmigungspflichtig. Der geplante Tiertransport muss einem plausiblen Fahrtenbuch folgen und da muss eben plausibel angegeben werden: Wo ist mein Endbestimmungsort, wo mache ich Ruhepausen und so weiter? Und das ist schon sehr offensichtlich, dass natürlich eine Sammelstelle in Frankreich oder Belgien und verschiedenen anderen Orten nicht der Endbestimmungsort sind, sondern am Ende eben Spanien."


Gesetzeslage nicht klar genug


Das heißt also, deutsche Tiere hätten weder nach Spanien gebracht noch auf solche Schiffe verladen werden dürfen. Denn dabei handelt es sich meist um umgebaute Fähren. Die sind für Tiertransporte vollkommen ungeeignet. Viele Tiere überleben die Überfahrt erst gar nicht. Die Tierschutzrechtsexpertin sieht das Bundeslandwirtschaftsministerium in der Pflicht.

Barbara Felde, Dt. Jur. Gesellschaft f. Tierschutzrecht: "Im Prinzip könnte das BMEL [Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft; Anm. d. Red.] in einer Rechtsverordnung oder einem Gesetz, was das am Ende ist, ist egal, ein bundesdeutsches Verbot der Ausfuhr von lebenden Tieren in gewisse Tierschutz-Hochrisikostaaten anordnen. Das ginge, das ist rechtlich möglich."

Und was unternehmen die EU-Kommission und der grüne Landwirtschaftsminister Cem Özdemir, um illegale Tiertransporte zu verhindern? Die EU teilt uns mit, man wolle das EU-Tierschutzrecht im kommenden Jahr überarbeiten.

Der Bundeslandwirtschaftsminister sagt:

Bundeslandwirtschaftsministerium: "Deutsche Veterinärbescheinigungen für Exporte lebender Rinder (…) zur Zucht werden mit Wirkung vom 1. Juli 2023 zurückgezogen."

Klingt gut. Doch was ist mit dem Schlachtvieh, wie etwa den Kälbern? Und wenn deutsche Rinder nur noch innerhalb der EU ausgeführt werden dürfen, wer kontrolliert, dass sie dann nicht beispielsweise aus Spanien weiter transportiert werden? Das Risiko, dass der Tierschutz weiterhin auf der Strecke bleibt, ist groß.