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SENDETERMIN Mo, 11.1.2010 | 21:45 Uhr | Das Erste

Tierquälerei bei Wiesenhof? Wie Hühner in dem Vorzeigeunternehmen leiden

Wenn man gerne Geflügel isst, kommt man an Wiesenhof kaum vorbei. Jedes dritte bei uns verspeiste Hähnchen kommt aus diesem Unternehmen. In Firmenprospekten wie diesem hier verspricht uns Wiesenhof, dass bei der Hühnermast streng auf Tierschutz geachtet werde.

Vollmundig heißt es hier: "Mit der Wahrheit machen wir die besten Geschäfte." Monika Anthes und Edgar Verheyen haben herausgefunden: Die Wahrheit hinter den guten Geschäften ist leider manchmal schmutzig und ekelhaft.

Idyllische Bauernhöfe und glückliche Hühner für jede Menge leckere Hähnchenprodukte.

O-Ton:

"Also ich stehe auf gut gebräunt und knackig!"

So präsentiert sich Wiesenhof gerne selbst. Hauptverkaufsargument ist dabei die sogenannte „Herkunftsgarantie“. Alles vom Ei bis zum Endprodukt stamme aus Deutschland und werde von Wiesenhof streng kontrolliert.

Die Eier, aus denen später die Wiesenhof-Hähnchen schlüpfen, werden auf eigenen sogenannten Elterntierfarmen gelegt.

O-Ton, Wiesenhof Firmenvideo:

"Mit gesunden Elterntieren fängt bei Wiesenhof die Herstellungsstufe an. Bis zum späteren Hähnchenprodukt gehen die Kontrollen weit über die gesetzlichen Vorgaben hinaus."

Große Versprechen – doch werden sie auch eingehalten?

Das ist eine solche Elterntierfarm des Wiesenhof-Konzerns. Sie liegt ganz in der Nähe der Hauptzentrale im niedersächsischen Rechterfeld. Diese Bilder sprechen eine andere Sprache: 25.000 Hühner und Hähne leben hier eingepfercht, ohne Tageslicht auf ihrem eigenen Kot. Täglich verenden Etliche.

Gedreht wurden die Aufnahmen von Kerstin Wessels und Steffen Pohl. Heimlich. Zehn Monate haben Sie für den Wiesenhof-Konzern auf dieser Farm gearbeitet. Schnell war ihnen klar, dass die Tiere hier leiden, erzählen sie uns.


O-Ton, Kerstin Wessels:

"Wir haben auf so viele Missstände aufmerksam gemacht, und es ist nie irgendetwas passiert, wir sind immer hingehalten worden, das macht einfach böse, das macht schlicht und ergreifend böse."

Deshalb kündigen sie nach kurzer Zeit. Dokumentieren aber, bis sie die Farm entgültig verlassen, die Zustände mit versteckten Kameras.
Mehrfach filmen Sie diese Gruppe von Wiesenhof-Mitarbeitern. Der sogenannte „Impftrupp“ arbeitet auf vielen der rund 70 Elterntierfarmen des Unternehmens. Sein Job: Tiere impfen, aber auch auszusortieren.

O-Ton, Kerstin Wessels:

"Ich habe diesen Haufen eher als sehr brutal empfunden. Da werden Tiere getreten, geschlagen, gegen die Wand geworfen, auf das Nest geworfen, oder, oder. Sinnlos getötet, meiner Meinung nach."

Aufnahmen aus dem Sommer 2009. Ein Teil der Hähne wird vom Impftrupp aussortiert. Für den Abtransport in Kisten verladen. Außerdem zeichnen sie auf, wie Wiesenhofmitarbeiter, die von Farm zu Farm ziehen, kranken Tieren das Genick brechen.

O-Ton, Kerstin Wessels:

"Die haben massenhaft unnötig Tiere getötet, es ist so gewesen, dass alles, was nach deren Meinung nicht taugt, wurde quasi getötet."

Und auch beim Abtransport zum Schlachthof im Oktober 2009 werden die Tiere weiter malträtiert. In Kisten verpackt, über Transportbänder gelangen die Hühner auf einen LKW, werden brutal verladen.

Sind alle diese Vorgänge mit dem Tierschutz vereinbar? Diese Frage stellen wir Dr. Rupert Ebner. Er ist ein renommierter Tierarzt und Nutztierexperte.


O-Ton, Dr. Rupert Ebner Nutztierexperte:

"Da wird den Tieren ja massiv Schaden zugefügt. Sie brechen sich die Knochen, werden dann in diesen Käfigen mit gebrochenen Knochen transportiert. Also was wir hier gesehen haben, ist auch ein massiver Verstoß gegen das Tierschutzgesetz."

Und dürfen Hühner so getötet werden?

O-Ton, Dr. Rupert Ebner Nutztierexperte:

"Das ist absolut illegal und eindeutig ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz."

Frage: Wie müsste es denn sein?

O-Ton, Dr. Rupert Ebner Nutztierexperte:

"Erst nachdem das Huhn mit einem wirklich gezielten Schlag betäubt ist, darf er durch den Genickbruch den Tod herbeiführen."

Auch Stefan Bröckling von der Tierrechtsvereinigung PETA kritisiert die Vorkommnisse bei Wiesenhof massiv.


O-Ton, Stefan Bröckling, PETA Deutschland:

"Wir reden ja hier von einem Unternehmen, dass sich Tier- und Verbraucherschutz, Transparenz und Ehrlichkeit auf die Fahne schreibt. Das Gegenteil von allem ist aber der Fall. Es werden Tiere unter schlimmsten Bedingungen gehalten, die Haltung allein bringt schon Krankheit und Tod der Tiere mit sich."

Schwere Vorwürfe. Wir fahren nach Niedersachsen, zu Wiesenhof, dass zum Lebensmittelriesen PHW gehört. Konfrontieren das Unternehmen mit unseren Recherchen. Die Geschäftsleitung schaut sich die Aufnahmen an, ein Interview vor der Kamera lehnt sie jedoch ab.

Statt dessen bekommen wir eine schriftliche Stellungnahme.
Darin erklärt die Konzernspitze:

Zitat:

"Die in dieser Farm dokumentierten Verstöße gegen Tierschutznormen sind absolut inakzeptabel. Das Unternehmen hat (…) personelle Konsequenzen bei den Hauptverantwortlichen gezogen."Und weiter heiß es:

Zitat:

"Das Unternehmen wird neben eigenen Kontrollen der Elterntierfarmen und Kontrollen durch unabhängige Zertifizierungsfirmen umgehend zusätzliche unangemeldete Kontrollen durch den Tierschutzbeauftragten der PHW-Gruppe veranlassen."

Ein Schuldeingeständnis. Das Kontrollsystem von Wiesenhof hat offensichtlich versagt. Und weil der Impftrupp von Farm zu Farm zieht, wohl nicht nur in dieser einen Farm.

Doch damit ist die Angelegenheit noch lange nicht erledigt. Wir informieren das zuständige Veterinäramt.

O-Ton, Dr. Anja Eisenack, Amtstierärztin:

"Wir haben auf jeden Fall verschiedene Ordnungswidrigkeitentatbestände, vielleicht sogar Straftatbestände. So dass wir das nach einer intensiven Prüfung dann wahrscheinlich auch an die Staatsanwaltschaft abgeben. Und es wird auf jeden Fall verfolgt."

Anspruch und Wirklichkeit bei Europas größtem Geflügelproduzenten. Statt höchster Qualitätsansprüche – massive Tierschutzverletzungen.