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Text des Beitrags Tiere im Todeskampf

Massive Tierschutzverstöße in der Milchproduktion

Tierquälerei auf einem Bauernhof in Bayern

Tierquälerei auf einem Bauernhof in Bayern

Moderation Birgitta Weber:

REPORT-MAINZ-Zuschauer wissen, dass uns der Tierschutz am Herzen liegt. Viele Skandale haben wir in den letzten Jahren schon aufgedeckt – sei es bei der Massentierhaltung von Schweinen oder von Hühnern.

Heute geht es um Kühe. Uns wurden bedrückende Aufnahmen aus einem der größten Milchviehbetriebe in Bayern zugespielt. REPORT MAINZ, das ARD-Politikmagazin Fakt und die Süddeutsche Zeitung haben dazu gemeinsam recherchiert. Edgar Verheyen und Knud Vetten über ausgenutzte Nutztiere.


Bericht:

Wir sind unterwegs im Unterallgäu. Bei Memmingen treffen wir einen Informanten. Ein ehemaliger Landwirt, der Teile seines früheren Betriebes an einen Großbauern verpachtet hat: Walter Honold.

Er will uns Unterlagen übergeben, Fotos. Sie zeigen schlimme Verletzungen an den Tieren des Großbauern, etwa offene Knochenbrüche:


Walter Honold, ehem. Landwirt

Walter Honold, ehem. Landwirt

O-Ton, Walter Honold, ehem. Landwirt:

"Aber auf jeden Fall sehen Sie selber, das hat mit Landwirtschaft nichts mehr zu tun."


Frage: Sondern?


O-Ton, Walter Honold, ehem. Landwirt:

"Das ist für mich Tierquälerei, so was."


Immer wieder hat Walter Honold verdreckte Stallungen und verwahrloste Tiere fotografiert.


O-Ton, Walter Honold, ehem. Landwirt:

"Und das auf meinem Betrieb, wo ich im guten Glauben an den Betrieb Endres verpachtet habe. Und er hat mir gesagt, er schafft nachhaltig, ordnungsgemäß und nach fachlicher Praxis. Und das findet hier in keinster Weise statt."


Und wegen der Zustände hat Walter Honold den Betrieb Endres bereist vor einem Jahr beim Veterinäramt angezeigt. Doch die Rechtverstöße gingen weiter, so sagt er.

Bei dem Großbauern handelt es sich um einen der größten Milchviehbetriebe Deutschlands, der Hof von Franz Endres in Bad Grönenbach bei Memmingen. Nach eigener Aussage besitzt er derzeit 1.800 Milchkühe. Über Wochen haben Tierschützer den Betrieb mit Kameras observiert. Dabei konnte dokumentiert werden, wie grob und brutal Mitarbeiter mit den Tieren umgehen. Mit einem Schlepper werden Kühe kreuz und quer durch die Halle transportiert oder aus dem Stall gezogen.

Die Tierrechtsgruppe SOKO Tierschutz hat uns die Bilder übergeben. Nach ihrer Auffassung zeigen sie eine systematische Tierquälerei. Aktivist Friedrich Mülln, sieht hier eine bislang nicht gekannte Dimension der Milchviehhaltung.


Friedrich Mülln, SOKO Tierschutz

Friedrich Mülln, SOKO Tierschutz

O-Ton, Friedrich Mülln, SOKO Tierschutz:

"Also so langsam beschleicht mich der Verdacht, dass der Tierschutz die Milchproduktion gnadenlos unterschätzt hat, was an die Brutalität und den Umgang mit den Tieren angeht. Und dieses Material zeigt eben, wie eine Mischung aus Verrohung, Ignoranz und absoluter Gesetzlosigkeit, anders kann man es nicht ausdrücken, zu schlimmsten Tierquälereien für das Produkt Milch führt."


Auch er hat Mitte Juni eine anonyme Strafanzeige erstattet. Das Besondere an den Bildern: Über Tage lassen sich Misshandlungen von Kühen nachvollziehen.

Zum Beispiel diese Kuh mit der Ohrmarke 38540: Am 26. Mai liegt sie vor dem Stall des früheren Bauern Walter Honold. Männer versuchen sie mit Gewalt in einen Transporter zu verfrachten. Mit einem Gegenstand sticht einer auf die Kuh ein. Es ist der Juniorchef, Martin Endres.

Tierquälerei auf einem Bauernhof in Bayern

Tierquälerei auf einem Bauernhof in Bayern

Doch es wird noch schlimmer: Diese Kuh landet im Krankenabteil des Stalls. Hier liegt sie jetzt für eine Dauer von mehr als einer Woche im Sterben.

Wir zeigen die Aufnahmen des neuen Tierschutzskandals dem Experten für Wiederkäuer, Holger Martens. Er sieht, wie das Tier mit einem Bolzenschuss betäubt wird.


O-Ton, Prof. Holger Martens, Rinderexperte:

"Oh! Das hat offensichtlich nicht gewirkt. Die liegt ja unverändert da. Während dieser Betäubung ist unmittelbar danach die Entblutung angezeigt. Es muss sofort erfolgen. Das Tier ist nicht richtig betäubt, und wenn es getötet werden sollte, ist das alles nicht fachgerecht. Das verstößt eindeutig gegen die bestehenden Gesetzte. Es ist bedrückend."


Die Vorgänge sind seiner Meinung nach eindeutig illegal. Wir wollen deshalb die Verantwortlichen mit den Bildern konfrontieren.

Wir treffen auf den Eigentümer Franz Endres und seinen Sohn Martin, der das Stallmanagement übernommen hat. Vor der Kamera wollen die beiden kein Interview geben. Eine Stellungnahme erhalten wir trotz mehrfacher Nachfrage nicht.

Wir kontaktieren deshalb das zuständige Veterinäramt. Was wurde aus den Anzeigen, wie werden die neu dokumentierten Verstöße bewertet? Und wir erfahren, es wurden bereits Auflagen erteilt, Bußgelder verhängt.

Schriftlich heißt es zur letzten Kontrolle:


Zitat, Quelle: Veterinäramt Mindelheim:

"Wir waren nach der Anzeige so schnell wie möglich vor Ort, um dem anonymen Hinweis nachzugehen. Wir haben den Landwirt dazu angehalten, die festgestellten Mängel sofort zu beheben."


Die Milch aus dem Betrieb wird vollständig an die Käserei Champignon geliefert. Auch hier fragen wir nach. Die Sprecherin ist bereit sich die Aufnahmen anzuschauen. Sie reagiert betroffen, sagt eine lückenlose Aufklärung zu.

Heute dann die Entscheidung: Die Käserei Champignon wird aus ethischen und moralischen Gründen ab sofort keine Milch mehr von diesem Hof annehmen und verarbeiten.

Eine andere Kuh ist bereits seit drei Tagen im Krankenabteil des Stalls. Aufstehen kann sie nicht mehr. Auch sie wird mit dem Schlepper in einen Anhänger verfrachtet und zu einem Schlachthof in der Nähe gebracht. Zu diesem Zeitpunkt lebt das Tier noch.

Der Schlachthof gehört zum Konzern Vion. Als die Kuh ankommt, soll sie bereits tot gewesen sein, sagt der Schlachthof. Jedenfalls muss sie aus dem Hänger herausgezogen werden.

Vor Ort fragen wir nach: Wie kann es sein, dass ein krankes Tier noch dem Schlachtprozess zugeführt wird? Die Sprecherin sagt zu, den Sachverhalt prüfen zu wollen. Die Antwort erhalten wir schriftlich:


Zitat, Quelle: Vion:

"Bei dem (…) angelieferten Rind handelte es sich um ein außerhalb eines Schlachthofes notgeschlachtetes Tier. (…) Bei dem betroffenen Rind wurden Teile für den menschlichen Verzehr freigegeben."


Das Fleisch dieser Kuh landete also trotz einer Erkrankung noch in der Nahrungskette.


Prof. Holger Martens, Rinderexperte

Prof. Holger Martens, Rinderexperte

O-Ton, Prof. Holger Martens, Rinderexperte:

"Das ist nicht akzeptabel. Und das ist illegal. Und die Veterinärbehörden sind aufgefordert, aktiv zu werden. Aber nicht nur die Veterinärbehörden, sondern endlich und wiederum endlich einmal die Justiz."


Nachdem wir die Behörden über die Vorgänge informiert hatten, zeichnet eine Kamera am Wochenende diese Bilder auf. Tiertransporter fahren vor und bringen Tiere weg.

Wir haben auch das zuständige Bayerische Umweltministerium über die Vorgänge in Kenntnis gesetzt. Die Reaktion des Ministers Thorsten Glauber ist deutlich:


Zitat, Verbraucherschutzminister Thorsten Glauber, Freie Wähler:

"Zum ersten Mal in meiner Amtszeit werde ich mit derartig schweren Vorwürfen gegen einen konkreten Betrieb konfrontiert. Der Sachverhalt muss sofort umfassend aufgeklärt werden. (…) Mir war besonders wichtig, unverzüglich auch die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Hier steht kriminelles Verhalten im Raum"


Abmoderation Birgitta Weber:

Uns stellt sich eine Frage: Sind solche Massentierhaltungsbetriebe überhaupt noch zu kontrollieren? Ich glaube, die Politik fürchtet die Antwort, denn dann müsste sie sich mit der Fleischmafia und den Hühnerbaronen anlegen.

Am Donnerstag gibt es spannende Recherchen von unseren Kollegen von Panorama. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Tschüs.