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SENDETERMIN Mo, 5.10.2009 | 22:00 Uhr | Das Erste

Terrorangst nach der Bundestagswahl Wie Al Kaida in Deutschland Attentäter rekrutiert

Die Propaganda-Abteilungen des Terrors nehmen seit einigen Wochen verstärkt Deutschland ins Visier. Pünktlich zum Tag der Einheit diese Bilder. Erstmals tauchen bislang unbekannte Dschihadisten aus Deutschland auf. Sie nennen sich „Abu Askar“ und „Abu Safiyaa“ und werben für den Kampf gegen Ungläubige.

Ob auch sie zu denen gehören, die in Pakistan eine Terrorausbildung absolviert haben, ist noch unklar. Fest steht, die Zahl derer, die nach einem Training nach Deutschland zurückkehren, steigt.
Einer von ihnen, so der Verdacht, ist Rami M., ein Deutscher syrischer Abstammung. Eric Beres, Sebastian Bösel und Fritz Schmaldienst über den Versuch, Rami M. aufzuspüren.
Bericht:

Wir sind auf der Suche nach einem Mann. Er soll Anführer einer Gruppe von Islamisten sein, die möglicherweise Anschläge in Deutschland vorbereiten könnten. Hier in dieser Moschee haben sie sich oft getroffen. Unsere Fragen sind hier unerwünscht.

O-Ton:

»Machen Sie aus. Mach Sie das Ding aus. Was soll das?«

Der Anlass für unsere Recherchen: Terrordrohungen im Internet. Ein Talibankämpfer, der offenbar in Deutschland gelebt hat, droht mit Anschlägen.

O-Ton:

»Es ist nur eine Frage der Zeit.«

Als mögliche Anschlagsziele werden Fotos eingeblendet: Das Brandenburger Tor, das Münchner Oktoberfest, der Hamburger Hauptbahnhof. Die Drohungen werden ernst genommen. Überall dieser Tage massive Sicherheitsvorkehrungen. Denn die Terror-Botschaften häufen sich und sie werden immer konkreter.

Ein weiteres Droh-Video. Dieser Al-Kaida-Kämpfer ist Bekkay Harrach, ein Deutscher. Ganz offen nennt er kurz vor der Bundestagswahl einen Zeitraum für einen möglichen Anschlag, indem er seine Glaubensbrüder in Deutschland vorwarnt.

O-Ton, Propagandavideo Al-Kaida:

»Meine lieben Geschwister im Islam, Al-Kaida bittet Euch, sofern das deutsche Volk sich nicht für den Abzug seiner Soldaten aus Afghanistan entscheidet, in den zwei Wochen nach den Wahlen von allem, was nicht lebensnotwendig ist, fernzubleiben.«

Harrach hat direkten Kontakt zur Al Kaida-Spitze. Er kommt aus Bonn, vor zwei Jahren verließ er Deutschland. Ziel: Ausbildung in einem Al-Kaida-Terrorcamp. Das findet Nachahmer, sagt Guido Steinberg. Er ist Gutachter in Terror-Prozessen und einer der besten Kenner der Szene.

O-Ton, Guido Steinberg, Stiftung Wissenschaft und Politik:

»Es zeigt sich in den letzten Jahren immer wieder, dass es hier in Deutschland ein gewisses Potential gibt für die Reise in terroristische Ausbildungslager. Nun gibt es eben zumindest in der dschihadistischen Szene erste Erfahrungen mit der Reise nach Pakistan. Und nun merken wir eben, dass diese Ausbildungscamps sehr sehr attraktiv sind für eine erschreckend große Zahl von jungen Leuten.«

REPORT-MAINZ-Recherchen belegen nun: Eine Gruppe aus Hamburg hält zur Zeit die deutschen Sicherheitsbehörden in Atem. Anführer soll dieser Mann sein: Rami M.. Ein Deutscher syrischer Abstammung.

Das steht in einem internen Bericht des Hamburger Verfassungsschutzes, der uns exklusiv vorliegt. Rami M. wird als „Gefährder“ eingestuft. Im März dieses Jahres sind Rami M. und ein Kreis von neun weiteren Islamisten ausgereist. Mutmaßliches Ziel: Ein Terrorcamp in Pakistan. Konspirativ wählte die Gruppe verschiedene Reiserouten.

Zurück zur Hamburger Moschee, wo die Gruppe regelmäßig gebetet hat. Wir wollen wissen: Wo sind Rami M. und seine Glaubensbrüder?

O-Ton:

»Machen Sie erst mal aus. Machen Sie aus!«

Hier will also keiner etwas sagen. Von Rami M., dem Anführer, keine Spur. Wir suchen weiter. Zur Gruppe gehören auch zwei Deutsche, die zum Islam übergetreten sind. Michael W. und Alexander J. Ein halbes Jahr nach ihrer Ausreise könnten die beiden Konvertiten wieder zurück sein. Wir haben ihre Adressen. Michael W. treffen wir nicht an. Wir sprechen eine Nachbarin.

O-Ton, Nachbarin von Michael W.:

»So einen weißen langen Rock hat er mitunter an, nicht immer. Er hat so einen Kinnbart. Heute habe ich ihn noch nicht gesehen. Gestern oder vorgestern, da war er auf Balkon.«


Offenbar also ist Michael W. wieder in Deutschland. Die nächste Adresse: Wir fahren zur Wohnung von Alexander J., wir drehen mit versteckter Kamera.

Frage: Guten Tag, sind Sie Alexander J.?

O-Ton:

»Ja.«

Frage: Es geht um Reisen nach Pakistan. Man hat uns gesagt, Sie können uns da vielleicht weiterhelfen.

O-Ton:

»Ich will darüber nicht sprechen. Erst mal nicht. Ich kann keine Informationen geben.«

Frage: Waren Sie in Pakistan?

O-Ton:

»Nein, ich war nicht in Pakistan.«

Frage: Auch nicht in einem Ausbildungslager?

O-Ton:

»Nein.«

Alexander J. – ein friedvoller Bürger oder ein ausgebildeter Terrorist, zu allem bereit? Die Ermittler jedenfalls gehen davon aus, dass Alexander J. im März über Wien nach Pakistan gereist ist – zeitgleich mit den anderen der Gruppe und unter konspirativen Umständen.

In seinem geheimen Bericht sieht der Verfassungsschutz in der Hamburger Gruppe eine potentielle Gefahr. Zitat:

Zitat:

»Je nach individuellem Radikalisierungsgrad ist davon auszugehen, dass diese Personen grundsätzlich bereit sind, im In- oder Ausland (Selbstmord-)Anschläge zu begehen.«

Ist die Hamburger Islamisten-Gruppe also mit ein Grund für die massiven Sicherheitsvorkehrungen der vergangenen Tage? Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann Ende vergangener Woche. Er dankt der Polizei für tagelanges Patrouillieren auf dem Oktoberfest. Der Minister lässt uns gegenüber erstmals durchblicken, dass die Sicherheitsvorkehrungen auch auf die Reisen der Islamisten zurückzuführen sind.

O-Ton, Joachim Herrmann, CSU, Innenminister Bayern:

»Diese Gefahr ist ganz real. Wir wissen, dass immer wieder Leute an solchen Ausbildungslagern teilnehmen. Diese Reiseaktivitäten sind natürlich ein Teil der Gesamtgefährdungseinschätzung, die die Sicherheitsbehörden des Bundes und der Länder insgesamt vornehmen.«


Nach Recherchen von REPORT MAINZ geht das Bundeskriminalamt inzwischen von „rund 180 Personen mit Deutschlandbezug“ aus, die eine Terrorausbildung absolviert haben oder planen. Und knapp die Hälfte von ihnen hält sich wieder in Deutschland auf.

O-Ton, Guido Steinberg, Stiftung Wissenschaft und Politik:

»Wenn wir hier eben Hunderte von jungen Leuten haben, die nach Pakistan gehen oder auch in andere Gebiete und sich dort ausbilden lassen, dann muss man zumindest überwachen, die sind verdächtig. Und das führt natürlich unsere Sicherheitsbehörden an die Grenzen ihrer Kapazitäten.«

aus der Sendung vom

Mo, 5.10.2009 | 22:00 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:
Eric Beres
Sebastian Bösel
Fritz Schmaldienst
Kamera:
Dennis Heinemann
Jens Köppelmann
Schnitt:
Alexander Jung
Sprecher:
Sebastian Bösel