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SENDETERMIN Mo, 25.6.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Terror in Deutschland Die Spur führt nach Ulm

Der deutsche Verteidigungsminister Jung im Visier der Taliban? Selbstmordattentäter möglicherweise auf dem Weg nach Deutschland? Die Verhaftung dreier Extremisten in Pakistan, zwei davon deutschen Behörden gut bekannt. Nein, beruhigend sind diese Meldungen allesamt nicht.

Auch wenn sich das ferne Pakistan nach Auffassung von Geheimdienstlern immer mehr zur Drehscheibe des internationalen Terrors entwickelt, eine Frage ist damit nicht beantwortet: Wie groß ist die Bedrohung für uns hier in Deutschland? Und welche Rolle spielen dabei die verhafteten beiden Männer mit deutscher Staatsbürgerschaft? Ulrich Neumann und Fritz Schmaldienst mit einer Spurensuche, die nach Ulm führt.

Bericht:

Rund um das Ulmer Münster, ein beschaulicher Ort. Dennoch, im Schatten des höchsten deutschen Kirchturmes hat sich laut Verfassungsschutz eine islamistische Szene gebildet. Sie wird als besonders radikal und gefährlich eingestuft, wie neueste Informationen belegen:

Denn hier in Pakistan trainieren Islamisten, auch aus Deutschland, für den heiligen Krieg. Einer von ihnen wurde vor wenigen Tagen festgenommen. Im Gepäck: ein falscher Pass, Sattelitentelefone und Funkgeräte. Seine Spur führt nach Ulm. In das islamische Informationszentrum.

Das Islamische Informationszentrum, kurz IIZ, gilt Ermittlern als Hort radikaler Muslime. Doch nach außen propagiert der Verein demonstrativ: Islam ist Frieden.

In diesen Vereinsregisterakten des IIZ entdecken wir jetzt aber etwas ganz anderes: Der im pakistanischen Terrorcamp festgenommene Tolga D. steht auf der Mitgliederliste des Vereins. Und er ist nicht der einzige Gotteskrieger aus Ulm.

Mehrere Mitglieder des IIZ sind bereits 2002 in den Tschetschenienkrieg gezogen und dort umgekommen. Einer von ihnen: Thomas, alias Hamza, Fischer, Mitbegründer des IIZ, wird in der Vereinspostille „Denk mal islamisch“ sogar als Märtyrer gefeiert.

Glaubenskrieger aus dem Islamischen Informationszentrum Ulm in Tschetschenien und Pakistan, nur Teile eines unvollständigen Bildes: Denn nach Recherchen von REPORT MAINZ waren Aktivisten aus dem Ulmer IIZ in jüngster Vergangenheit unterwegs, um Anschlagsziele in Deutschland auszuspionieren.

Das amerikanische Kasernengelände im hessischen Hanau. Es ist der 31.12.2006. Den US-Soldaten fällt auf, wie unbekannte Personen das riesige Gelände mehrmals umfahren und wie Einzelheiten gefilmt werden. Wir haben jetzt herausgefunden, das Auto kam aus dem Raum Ulm. Und darin saßen mehrere Mitglieder des dortigen Islamischen Informationszentrums.

Gegen das Spähkommando ermittelt die Generalbundesanwaltschaft. Bei anschließenden Durchsuchungen stoßen die Ermittler unter anderem auf dieses Terrorhandbuch, mit detaillierten Anleitungen zum Bombenbau.

Außerdem wird im Tatfahrzeug ein Wanzenaufspürgerät entdeckt. Trotzdem, für Haftbefehle hat es nicht gereicht.

Bislang haben die deutschen Behörden zu diesem Vorfall geschwiegen. Vergangenen Freitag aber: Der BKA-Präsident bestätigt erstmals: Die Kaserne in Hanau stand im Zielspektrum Ulmer Islamisten.

O-Ton, Jörg Ziercke, Präsident Bundeskriminalamt:

»Es laufen Ermittlungsverfahren, auch der Generalbundesanwaltschaft, auch andere Landeskriminalämter ermitteln, und ich kann jetzt öffentlich dazu nicht Stellung nehmen.«

In den amtlichen Registerakten des Islamischen Informationszentrums in Ulm finden wir drei der Beschuldigten. Einige sogar an führender Stelle im Verein.
Fritz G.,
Peter B.,
Attila S..

Spurensuche am Wochenende in Ulm. Wir beginnen beim IIZ, wollen mit den Vereinsverantwortlichen sprechen.

O-Ton Muslima IIZ:

»Ja, die Leute die wollen nicht mit Ihnen, keine Auskunft geben, wo die Leute sind. Und auch nicht Ihnen Interviews geben.«

Wir suchen weiter - nach dem Tatverdächtigen Fritz G., deutscher Staatsangehöriger und Konvertit, ebenfalls Mitglied im IIZ.

O-Ton:

»Fritz G. will Ihnen keine Auskunft geben.«

Nächste Adresse - der Besitzer des Autos mit dem in Hanau spioniert wurde. Peter B., ebenfalls Konvertit und Deutscher. Eine Nachbarin sagt er ist verschwunden.

Frage: Entschuldigung, wir kommen vom Fernsehen. Sagen Sie uns nur, wohnt er nicht mehr da?

O-Ton Nachbarin:

»Nein, Gott sei Dank nicht.«

Frage: Wieso Gott sei Dank?

O-Ton Nachbarin:

»Es war furchtbar mit dem!«

Frage: Warum?

O-Ton Nachbarin:

»Ja, mit den Gebetsmühlen und so...«

Auffällig: Ulm ist ein Sammelbecken besonders radikalisierter Deutscher, die im Islam ihr Heil suchen. Der Terrorismusexperte Bernd Georg Thamm sieht darin ein bisher unbekanntes Bedrohungspotenzial.

O-Ton, Bernd Georg Thamm, Terrorismusexperte:

»Neu bei der Zusammensetzung dieser Gruppe ist, dass Deutsche, und zwar deutsche Konvertiten, also junge Männer, die zum Islam konvertiert sind, mit dazugehören, die sich radikalisiert haben. Bis zur Bereitschaft Anschläge zu begehen. Und weiter neu ist, dass diese Anschläge hier in Deutschland begangen werden sollen - und nicht im Ausland.«

Und das zeigt auch jetzt das aufgetauchte Video der Taliban. Darin wird Deutschland ausdrücklich als Anschlagsziel genannt. Nach Erkenntnissen hiesiger Ermittler werden gegenwärtig in Terroristencamps von Al Qaida und Taliban zehn Deutsche zum Gotteskrieger ausgebildet. Und es werden immer mehr.

Wenn solche Fanatiker zurückkehren steigt die Terrorgefahr in Deutschland. Es stellt sich dann nicht mehr die Frage ob etwas passiert, sondern nur noch wann.

Fazit.

O-Ton, Bernd Georg Thamm, Terrorismusexperte:

»Wir sind zumindest so gefährdet, wie die USA, wenn nicht gefährdeter mittlerweile und nicht nur Deutschland, sondern Europa.«