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SENDETERMIN Mo, 7.4.2008 | 21:45 Uhr | Das Erste

Von der Volksaktie zum Zockerpapier Telekom-Aktionäre hinters Licht geführt

Sie haben es in den Nachrichten gehört: In Frankfurt hat heute ein spektakulärer Gerichtsprozess begonnen. Rund 16.000, meist Kleinanleger, verlangen Schadenersatz von der Deutschen Telekom, dem ehemaligen Staatskonzern.

Dessen Prozessstrategie haben die REPORT-Kollegen Ulrich Neumann und Gottlob Schober analysiert, und siehe da, von der Volksaktie, wie sie uns damals von Liebling Telekom, Manfred Krug, angepriesen wurde, ist keine Rede mehr. Vielmehr sollen jetzt die Anleger als risikobereite Spekulanten gebrandmarkt werden. Frei nach dem Motto: Mit Aktien kann man Geld gewinnen, aber eben auch verlieren. Also selbst schuld. Begonnen hatte damals aber alles, wir erinnern uns, ganz anders:

Bericht:

Es war ein gigantischer Werbefeldzug – fünf Jahre lang. Geschätzte 300 Millionen Euro teuer. Das Staatsunternehmen Telekom ging an die Börse. Aus einem Volk von Aktienmuffeln sollte ein Volk von Kleinaktionären werden. Fast niemand konnte sich diesem Werbefeldzug entziehen.

O-Ton, Werbespot:

»Ich wäre gern Aktionär!«

Werbespot Telekom:

Charles Brauer:»Was würdest Du dem jungen Vater empfehlen, der sich Sorgen um die Zukunft macht?«

Manfred Krug:»Mitgehen!«

Charles Brauer:»Mit wem?«

Manfred Krug:»Na, mit der Telekom, wenn die wieder an die Börse geht.«

O-Ton, Joachim Kröske, Telekom-Finanzvorstand, 1996:

»Wir zielen ganz eindeutig auf den Privatanleger.«









Werbespot Telekom:

Manfred Krug:»Ist eine Investition in die Zukunft!«

O-Ton, Ron Sommer, Telekom-Chef, 1996:

»Ich wüsste heute keine bessere Anlage für Geld als die T-Aktie!«









Werbespot Telekom:

Manfred Krug:»Ja, ja, wer zu spät kommt, den – Sie wissen schon...«

Charles Brauer:»Also laufen Sie rechtzeitig los!«

Und er war der kreative Kopf des Telekom-Werbefeldzuges. Ewald Spiess aus Düsseldorf. Ein wichtiges Ziel dieser Kampagne für die Telekom – Sicherheit mit der Aktie zu suggerieren.

O-Ton, Ewald Spiess, Werbefachmann:

»Es handelt sich um ein Papier, das eher in die Kategorie dieser, ich will jetzt nicht sagen Witwen- und Waisenpapiere, aber dieser stabilen Werte liegen wird. Das war natürlich intendiert.«





Also: Die T-Aktie wurde hochgejubelt zur Volksaktie, zu einer risikolosen und sicheren Anlage, sicher eben wie eine vererbbare Zusatz-Rente. So haben Minister und Telekom-Manager damals immer wieder argumentiert, und so erinnern sich Börsenexperten und Anleger-Anwälte heute.

O-Ton, Prof. Wolfgang Gerke, Börsenexperte:

»Die Telekom ist vertrieben worden durch die ganze Werbung, als ein Papier für die Vermögensanlage, für die langfristige Vermögensanlage und nicht als Zockerpapier. Sie ist vertrieben worden wie eine Volksaktie.«




O-Ton, Gerhart R. Baum, Ex-Bundesinnenminister, Anleger-Anwalt:

»Ich kenne keine Fälle, keine vergleichbaren Fälle, in denen der Staat für eine Aktie wirbt. Das ist hier geschehen. Der Staat hat gesagt: Wir geben Dir ein Stück unseres Volksvermögens und da bist Du sicher aufgehoben!«





O-Ton, Andreas W. Tilp, Anleger-Anwalt:

»Millionen von Anlegern, die bisher keine Aktienerfahrung hatten, sollte durch den Begriff der Volksaktie vorgegaukelt werden, dass es hier um Altersvorsorge geht, um ein Investment in die Zukunft, auch für die Generationen. Ein sicheres Investment zum Vererben. Letztendlich ging es ums Verkaufen.«


Werbespot Telekom

Manfred Krug:»Ist eine Investition in die Zukunft.«

O-Ton, Christa Gruhler-Steier, Telekom-Geschädigte:

»An diesen Spott kann ich mich noch sehr gut erinnern. Das Vertrauen war groß. Wenn man so viel Werbung betreibt, dann wird man das Risiko ja sicherlich nicht in Kauf nehmen, die Menschen zu betrügen, die solche Aktien kaufen.«




So wie sie dachten damals viele! So wie Christa Gruhler-Steier aus Hessen sind circa zwei Millionen Menschen auf den Schwindel „Volksaktie Telekom“ herein gefallen.

O-Ton, Christa Gruhler-Steier, Telekom-Geschädigte:

»Auch in meinem Bekanntenkreis war die T-Aktie in aller Munde. Man stand schon in einem gewissen Zwang, T-Aktien zu kaufen!«

Frage: Wie viel Geld haben Sie eingesetzt und was ist es heute wert?

O-Ton, Christa Gruhler-Steier, Telekom-Geschädigte:

»Damals waren es knapp 7.000 Mark, heute wären das 3.500 Euro. Und heute ist es also nur noch 900 Euro wert.«

Frage: Also ein Verlust von rund 75 Prozent?

O-Ton, Christa Gruhler-Steier, Telekom-Geschädigte:

»So ist es!«

Und hier in diesem Saal begann heute der größte Schadenersatzprozess der bundesdeutschen Geschichte. 16.000 Kleinanleger gegen den Monopolisten Telekom. Allein über 900 Anwälte vertreten die geschädigten Aktionäre. Ob mit einem Urteil in zwei oder erst in zwanzig Jahren zu rechnen ist, niemand weiß das.

Und das sind die Schriftsätze der Telekom für den Prozess. Darin ist nicht mehr die Rede von der ach – angeblich so sicheren Volksaktie. Hier wird jetzt ganz anders argumentiert: Die Kleinanleger hätten im Umfeld der New Economy, des Neuen Marktes, gehandelt. Und der sei mit euphorischen, also auch unsicheren Wachstumserwartungen verbunden gewesen. Und das hätten die Privatanleger selbstverständlich gewusst.

O-Ton, Gerhart R. Baum, Ex-Bundesinnenminister, Anleger-Anwalt:

»Hätte man ihnen damals gesagt, dass sie Zocker sind, hätten sie nicht gekauft. So einfach ist das. Und wenn man ihnen das jetzt entgegenhält, ist das zynisch.«

O-Ton, Andreas W. Tilp, Anleger-Anwalt:

»Es ist eigentlich ein Schlag in das Gesicht der ehrlichen, kleinen Anleger. Und das war die Masse derer, die Telekom Aktien gekauft haben, die damals an die Versprechungen geglaubt haben, der Politik, eines Herrn Krug und der Verantwortlichen bei der Telekom, die damals gesagt haben: Das ist ein sicheres ‚Langfristinvestment’. Und heute sagen sie: Also sorry, Ihr habt doch damals nur gezockt.«

O-Ton, Prof. Wolfgang Gerke, Börsensachverständiger:

»Die verständliche Enttäuschung der Tausenden von deutschen Anlegern, die Riesenverluste mit der T-Aktie gemacht hat, ist zurückzuführen auf eine Täuschung durch den Vorstand der Telekom über den wahren Risikogehalt der T-Aktie.«

Täuschung der Kleinaktionäre durch die Telekom? Bislang weist der Konzern alle Ansprüche zurück. Zu einem Interview mit REPORT MAINZ waren die Verantwortlichen nicht bereit.

Vor Gericht hat die Telekom heute einen Vergleich abgelehnt. Eine erneute Enttäuschung für Tausende Kleinanleger. Sie fühlen sich wie Christa Gruhler-Steier seit Jahren ohnmächtig, hilflos und getäuscht.

Abmoderation Fritz Frey:

Im Internet unter www.reportmainz.de finden Sie auch ein Gespräch das ich mit einem unserer Autoren geführt habe. Unter anderem zur Frage warum die Bundesregierung verhindert hat, dass deutschen Anlegeranwälten Einsicht in Akten gewährt wird, die in amerikanischen Verfahren gegen die Telekom eine wichtige Rolle gespielt haben.

aus der Sendung vom

Mo, 7.4.2008 | 21:45 Uhr

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