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22.06.2020 | Sicherheitskreise bestätigen Konspirative Zellen der Muslimbruderschaft in Deutschland

Von Eric Beres (SWR), Sabina Wolf und Joseph Röhmel (BR)

Die islamistische Muslimbruderschaft wächst und agiert im Verborgenen. Sicherheitskreise bestätigen dem SWR und dem BR-Politikmagazin "Kontrovers" die Existenz konspirativer Muslimbruder-Zellen in Deutschland.

Bruderschaft

Ausschnitt aus dem Verfassungsschutzberichts Nordrhein-Westfalen

Sie agiert gewaltfrei, im Verborgenen und betreibt in Deutschland nach Ansicht von Sicherheitskreisen konspirative Zellen: Die islamistische Muslimbruderschaft möchte westliche Gesellschaften unterwandern und strebt weltweit islamische Regierungen an, warnen Verfassungsschützer. Muslimbrüder könnten sogar gefährlicher sein als Terroristen des sogenannten Islamischen Staates, weil sie sich langfristig unter dem Deckmantel der Demokratie in das öffentliche Leben einmischten.

Mehr als 1.000 Anhänger der Muslimbruderschaft in Deutschland


Das Bundesamt für Verfassungsschutz teilte dem SWR und dem BR-Politikmagazin "Kontrovers" schriftlich mit, dass man inzwischen von mehr als 1.000 Anhängern im Spektrum der Muslimbruderschaft ausgehe - "mit deutlich wachsender Tendenz". Eine "dreistellige Anzahl von Organisationen/Moscheen" sei dem Netzwerk zuzurechnen. Aufgrund der "klandestinen Vorgehensweise" sei es schwierig, das genaue Personenpotential der Muslimbruderschaft zu beziffern.

Geheime Zellen in Deutschland

Ein Beispiel dafür sind die sogenannten "Usra"-Zellen. Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen bestätigt SWR und BR die Existenz dieser Zellen in Westeuropa. Dies seien regionale Zusammenschlüsse einiger Mitglieder der Muslimbruderschaft, um den Zusammenhalt der Organisation zu sichern. Sicherheitskreisen zufolge werden diese Usra-Zellen in Deutschland dafür genutzt, um Mitglieder im Verborgenen zu schulen und die islamische Ideologie der Muslimbruderschaft zu verbreiten.

"Usra" ist das arabische Wort für Familie. Die Ursprünge dieser Zellen liegen in Ägypten, wo die Muslimbruderschaft 1928 als Geheimbund gegründet wurde. Von diesen Familien ausgehend strebte die Muslimbruderschaft in der Vergangenheit die Schaffung einer islamischen Gesellschaft und einer islamischen Regierung an. Die Organisation gilt in Ägypten seit 2013 als Terrororganisation.

Kaderschmiede "Usra-Zelle"


Eine offizielle Aufnahme in Usra-Zellen und ein Aufstieg innerhalb dieser von der Öffentlichkeit verborgenen Struktur sei nur nach mehrjährigen Probe- und Bewährungszeiten möglich, heißt es. Zudem sei davon auszugehen, dass die religiöse Bildung, der Charakter, die Einstellung und der Lebenswandel der neuen Mitglieder beobachtet und geprüft wird.

Muslimbrüder auf Dialogkurs mit Kirche und Politik?


Die Muslimbruderschaft ist also offenbar streng hierarchisch orientiert und setzt laut Bundesamt für Verfassungsschutz auf Eliten: "Als besonders problematisch erweist sich dabei die Tatsache, dass die Muslimbruderschaft gezielt akademisch ausgebildete Personen akquiriert, die über einen entsprechenden Intellekt und oftmals über überdurchschnittliche rhetorische Fähigkeiten verfügen."


In diesen Fähigkeiten erkennen Verfassungsschützer eine große Gefahr. Obwohl dies in Deutschland gewaltlos agierten, warnt das Bundesamt ausdrücklich vor Anhängern der Muslimbruderschaft, die "in den Augen von Politikern, der öffentlichen Verwaltung und von Sozialpartnern wie zum Beispiel Kirchen oftmals als seriöse, vertrauenswürdige Gesprächspartner erscheinen, insbesondere dann, wenn die Bezüge der agierenden Personen zur Muslimbruderschaft nicht bekannt sind".

DMG weist Muslimbruder-Vorwürfe zurück


Als eine wichtige Anlaufstelle der Muslimbruderschaft in Deutschland sehen Verfassungsschützer die deutschlandweit aktive Deutsche Muslimische Gemeinschaft (DMG). Laut Bundesamt für Verfassungsschutz gibt es "enge strukturelle und ideologische Verbindungen der DMG zur Muslimbruderschaft". Die DMG weist dies auf Anfrage von SWR und BR zurück. Man rufe Menschen zu "Gottesbewusstsein, Freiheit und Gerechtigkeit" auf und motiviere sie dazu, sich für das Wohl unserer Gesellschaft einzusetzen. Zwar habe ihre Vorgänger-Organisation IGD ("Islamische Gemeinschaft Deutschlands") eine historische Nähe zu den Muslimbrüdern gehabt. Zur ideologischen Ausrichtung heute teilt die DMG schriftlich mit: "Sie ist ausdrücklich kein Teil der Muslimbruderschaft und weist jeden Versuch einer Zuordnung zu dieser Organisation zurück."


Hinsichtlich der möglichen Existenz von "Usra"-Zellen" bei der DMG teilte diese mit, man biete Mitgliedern wöchentliche Studienzirkel an, in denen sich diese mit dem Koran, den Lehren des Islam und auch tagesaktuellen Themen beschäftigten. Die gemeinsame Arbeit in Kleingruppen sei "ein Schlüssel zur erfolgreichen Persönlichkeitsentfaltung" und "mit in Kirchengemeinden bekannten Bibelzirkeln vergleichbar." Ein solches Konzept werde im Arabischen unter anderem "Usra" genannt. Weiter heißt es in der Stellungnahme: "Diese übliche pädagogische Methodik als Zellen zu beschreiben, verleiht ihr eine paramilitärische Assoziation, die wir entschieden ablehnen (…)."


Organisation geht juristisch gegen Erwähnung im Verfassungsschutzbericht vor


Aktuell geht die DMG juristisch gegen das Bundesinnenministerium vor. Sie möchte verhindern, dass der Verein in den jährlichen Verfassungsschutzberichten des Bundes erwähnt wird. Das Bundesamt für Verfassungsschutz teilt dazu mit, das öffentliche Bestreiten der DMG hinsichtlich einer Verbindung zur Muslimbruderschaft gehöre "zu ihrem konspirativen Vorgehen" und verdeutliche "die Janusköpfigkeit der Organisation".